Grü­ne: EU-Kom­mis­si­on be­grüßt Idee zu kos­ten­lo­sem ÖPNV

Cra­mer sieht kei­ne eu­ro­pa­recht­li­chen Hür­den – Nie­der­säch­si­scher Städ­te­bund: Der nächs­te Un­fug

Ems-Zeitung - - POLITIK -

klw/tac/trim HAN­NO­VER/ BRÜS­SEL. Das eu­ro­päi­sche Städ­tenetz­werk Eu­ro­ci­ties warn­te die Bun­des­re­gie­rung da­vor, mit ei­nem kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr ein­fach die Last auf die Städ­te ab­zu­schie­ben. „Der deut­sche Vor­schlag darf nicht die Ver­ant­wor­tung und die fi­nan­zi­el­le Be­las­tung auf die städ­ti­sche Ebe­ne ver­la­gern“, sag­te die Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin von Eu­ro­ci­ties, An­na Li­sa Bo­ni, un­se­rer Re­dak­ti­on. „Na­tio­na­le Re­gie­run­gen in ganz Eu­ro­pa müs­sen den Städ­ten hel­fen, Luft­ver­schmut­zung an­zu­ge­hen.“Dem Netz­werk ge­hö­ren mehr als 140 gro­ße eu­ro­päi­sche Städ­te an.

Der ver­kehrs­po­li­ti­sche Spre­cher der Grü­nen im Eu­ro­pa­par­la­ment, Micha­el Cra­mer, sieht kei­ne eu­ro­pa­recht­li­chen Hür­den. Die EU-Kom­mis­si­on ha­be kei­ne Ein­wän­de ge­gen die Idee: „Nach­dem die deut­sche Bun­des­re­gie­rung jah­re­lang un­tä­tig war, for­dert die EU jetzt vor al­lem ei­nes: schnel­le Er­geb­nis­se für sau­be­re Luft. Wie ge­nau die Bun­des­re­gie­rung das er­reicht, ist zu­nächst ih­re Sa­che.“Ein Bei­spiel sei die est­ni­sche Haupt­stadt Tal­linn, die 2013 den ti­cket­lo­sen Nah­ver­kehr ein­ge­führt hat­te. „Tal­linn kann auch für deut­sche Städ­te ein Vor­bild sein“, sag­te Cra­mer.

Dem wi­der­spricht Bern­hard Roh­le­der, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Di­gi­tal­ver­ban­des Bit­kom: „Zie­le des Kli­ma­schut­zes las­sen sich im Ver­kehr mit in­no­va­ti­ven Tech­no­lo­gi­en und An­ge­bo­ten sehr viel bes­ser er­rei­chen als mit ei­nem steu­er­fi­nan­zier­ten öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr.“Es müs­se dar­um ge­hen, Ver­kehr zu ver­mei­den und zu op­ti­mie­ren. „Kos­ten­losan­ge­bo­te füh­ren zu­nächst ein­mal da­zu, dass es mehr Ver­kehr gibt und nicht we­ni­ger“, sag­te Roh­le­der. Statt den funk­tio­nie­ren­den An­ge­bo­ten der Wirt­schaft nun ein steu­er­fi­nan­zier­tes An­ge­bot der öf­fent­li­chen Hand ge­gen­über­zu­stel­len, soll­te man be­son­ders res­sour­cen­scho­nen­de und si­che­re Mo­bi­li­täts­an­ge­bo­te stär­ker för­dern.

Um die Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen sei es not­wen­dig, kon­se­quent auf ver­netz­te und in­tel­li­gen­te Mo­bi­li­tät zu set­zen und An­ge­bo­te so mit­ein­an­der zu ver­bin­den, dass ma­xi­ma­ler Kom­fort, größt­mög­li­che Si­cher­heit und höchs­te Ef­fi­zi­enz für Nut­zer und An­bie­ter ent­ste­hen“, sag­te der Bit­kom-Chef. „Hier sind in ers­ter Li­nie di­gi­ta­le Lö­sun­gen ge­fragt.“

Auch der nie­der­säch­si­sche Städ­te­tag (NST) hat laut sei­nem Bei­ge­ord­ne­ten Ste­fan Witt­kop „mehr Fra­gen als Ant­wor­ten“zu dem Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung. So sei noch völ­lig un­klar, ob der Weg­fall der Fahr­kar­ten­prei­se zu ei­nem star­ken An­stieg der Fahr­gast­zah­len füh­re. Wenn ja, müs­se die In­fra­struk­tur vom Bus­steig über U-Bahn-Glei­se bis hin zur Fahr­zeug­flot­te ent­spre­chend aus­ge­baut wer­den. Witt­kop mahn­te, dass ins­be­son­de­re im länd­li­chen Raum ei­ne re­gel­mä­ßi­ge Ver­bin­dung wich­ti­ger sei als der Preis: „Hier müs­sen wir zu­erst ei­nen ge­tak­te­ten öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr ha­ben, der ei­ne wirk­li­che Al­ter­na­ti­ve zum Au­to ist“, sag­te er. „Blin­der Ak­tio­nis­mus“hel­fe bei dem The­ma nicht wei­ter.

Der Prä­si­dent des Nie­der­säch­si­schen Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des (NSGB), Mar­co Trips, kri­ti­sier­te den Vor­schlag via Face­book als „der nächs­te Un­fug“. „Die Bei­trags­frei­heit in Nie­der­sach­sen kos­tet er­heb­lich mehr Geld, als die Lan­des­re­gie­rung kal­ku­liert hat. Im Hin­ter­grund droht ein Rechts­an­spruch auf Ganz­tags­be­treu­ung für Grund­schü­ler. Und jetzt Nah­ver­kehr um­sonst. Die Kom­mu­nen dür­fen das al­les be­zah­len“, kri­ti­sier­te er und flüch­te­te sich in Iro­nie: „Was kommt als Nächs­tes? Ich bin für frei­en Ur­laub für al­le zur Stär­kung der Tou­ris­mus­bran­che. Al­so min­des­tens 40 Ta­ge im Jahr. Ich bin ja be­schei­den.“

Die SPD-Frak­ti­on im Land­tag kri­ti­sier­te, dass die meis­ten an­ge­dach­ten Pi­lot­städ­te im Süd­wes­ten Deutsch­lands lie­gen. Man hal­te es für ge­bo­ten, dass auch Kom­mu­nen im Nor­den Be­rück­sich­ti­gung fin­den, er­klär­te der ver­kehrs­po­li­ti­sche Spre­cher der Frak­ti­on, Ste­fan Klein. „Als gro­ßes Flä­chen­land ist Nie­der­sach­sen prä­des­ti­niert, um im Rah­men ei­nes Mo­dell­pro­jekts die Kos­ten­frei­heit für den Nah­ver­kehr im länd­li­chen Raum zu er­pro­ben“, sag­te er.

Der Au­to­fah­rer­club ADAC be­ton­te, leich­ter um­setz­bar als kos­ten­lo­ser ÖPNV wä­ren ein­fa­che, güns­ti­ge Ta­ri­fe und zu­ver­läs­si­ge Tak­te, um Pend­lern ei­ne in­ter­es­san­te Al­ter­na­ti­ve zum Au­to zu bie­ten. „Hier muss der Bund mit­in­ves­tie­ren, das hilft auch den Städ­ten bei der Luf­t­rein­hal­tung“, sag­te Vi­ze­prä­si­dent Ul­rich Klaus Be­cker.

Fo­to: dpa

Ti­ckets sol­len nach ei­nem Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung im öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr nicht mehr ge­zo­gen wer­den.

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