Au­ßer Mer­kel hau­en al­le drauf

Die Tur­bu­len­zen seit der Bun­des­tags­wahl, das Füh­rung­s­cha­os bei der SPD, die Hän­ge­par­tie auf dem Weg zu ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on – all das be­herrscht den dies­jäh­ri­gen po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch. Kanz­le­rin ver­kneift sich Sei­ten­hie­be auf SPD – Sö­der-Show in Pa

Ems-Zeitung - - EINBLICKE - Von Tho­mas Volg­mann

Es ist ein be­son­de­rer po­li­ti­scher Ascher­mitt­woch: Nie zu­vor stand Deutsch­land um die­se Zeit nach ei­ner Wahl oh­ne neue Re­gie­rung da. Das be­ein­flusst die Stim­mung. Nur bei der CSU hat ei­ner Grund zum Fei­ern.

DEMMIN/SCHWER­TE/ PAS­SAU. Der Saal in Demmin ist schon ei­ne St­un­de vor Be­ginn prop­pen­voll. Es ist der ers­te öf­fent­li­che Auf­tritt von An­ge­la Mer­kel nach den zä­hen Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen in Berlin. 1200 Gäs­te sind zum po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch der CDU nach Vor­pom­mern ge­kom­men, der un­ter dem Mot­to „Zeit für deut­li­che Wor­te“steht. Was für die bay­ri­sche CSU tra­di­tio­nell die Drei­län­der­hal­le in Pas­sau, ist für die grö­ße­re Schwes­ter­par­tei CDU in­zwi­schen die Ten­nis­hal­le in Demmin.

Deut­li­che Wor­te wer­den vor al­lem von der CDU-Che­fin und Bun­des­kanz­le­rin er­war­tet. Hat sich die Uni­on bei den Ver­hand­lun­gen über die Ka­bi­netts­pos­ten über den Tisch zie­hen las­sen? Da reimt Dem­m­ins Bür­ger­meis­ter Micha­el Koch bei sei­ner Be­grü­ßung: „Die CDU ist in Nö­ten, denn die Mi­nis­ter gin­gen flö­ten.“Dis­kus­sio­nen gibt es an die­sem Abend so reich­lich wie Bier und Bock­wurst an den lan­gen Ti­schen.

Beim Ein­marsch be­kommt die Kanz­le­rin Bei­fall. Dann hat mit Zy­lin­der und Flie­ge Ze­re­mo­ni­en­meis­ter und Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter Wer­ner Kuhn (CDU) das Wort. Der haut auf Ma­nue­la Schwe­sig ein, Mi­nis­ter­prä­si­den­tin und SPD-Bun­des­vi­ze: „Frau Schwe­sig son­diert in Berlin und lacht, weil ihr Vi­ze Lo­renz Caf­fier hier im Land die Ar­beit macht. Dort kocht sie ih­re ei­ge­ne Sup­pe in der SPD-Chao­ten-Trup­pe.“Tär­äää. „Was ist die Moral der Ge­schicht? Trau den Ge­nos­sen nicht.“Tär­äää.

Lärm­pe­gel und Stim­mung er­rei­chen ei­nen zwi­schen­zeit­li­chen Hö­he­punkt. Der Plas­tik­be­cher Gers­ten­saft kos­tet christ­li­che 2,50 Eu­ro. Aus al­len Lan­des­tei­len sind Gäs­te ge­kom­men. End­lich kün­digt der Ze­re­mo­ni­en­meis­ter die Kanz­le­rin an. Sie trägt ei­ne dun­kel­grü­ne Ko­s­tüm­ja­cke und ver­sucht erst gar nicht, wit­zig zu sein. Ih­re

Bot­schaft: Po­li­tik muss Ver­trau­en zu­rück­ge­win­nen. „Wir dür­fen uns nicht per­ma­nent mit uns selbst be­schäf­ti­gen“, sagt sie nach mo­na­te­lan­gen Son­die­rungs- und Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen. „Wir müs­sen die Pro­ble­me der Bür­ger lö­sen, un­ser Auf­trag heißt ge­stal­ten.“

Ver­gleich­ba­re Le­bens­ver­hält­nis­se in der Stadt und auf dem Land, be­schleu­nig­te Di­gi­ta­li­sie­rung, we­ni­ger Bü­ro­kra­tie sind Mer­kels The­men.

Wirk­lich Neu­es er­fährt man an die­sem Abend von ihr nicht. Doch die CDU-Che­fin hält ei­ne kämp­fe­ri­sche Re­de. „Ja, wir schaf­fen das“, sagt sie am En­de des Tages. Der Bei­fall im Saal, so scheint es, ist al­ler­dings nicht mehr ganz so eu­pho­risch wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren.

In Pas­sau in­des gibt es an die­sem Ascher­mitt­woch ei­ne Mar­kus-Sö­der-Show. Der künf­ti­ge baye­ri­sche Re­gie­rungs­chef ver­sucht vor al­lem,

die kon­ser­va­ti­ve CSUSee­le zu strei­cheln, um der AfD das Was­ser ab­zu­gra­ben. Sö­der will die christ­li­che Prä­gung in der Lan­des­ver­fas­sung ver­an­kern und in al­len staat­li­chen Ge­bäu­den Kreu­ze auf­hän­gen. Be­son­ders groß ist der Ap­plaus, als er ruft: „Wer glaubt, dass der Is­lam oder so­gar die Scha­ria zu un­se­rem Land ge­hö­ren, dem kann ich nur sa­gen: Die­se ha­ben kul­tur­ge­schicht­lich nichts mit Bay­ern zu tun.“

Die SPD hat ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter or­dent­lich zu kämp­fen: Dort muss Olaf Scholz ran, der Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter und frisch er­nann­te kom­mis­sa­ri­sche SPD-Vor­sit­zen­de. Welch un­glei­ches Re­de­du­ell: baye­ri­scher Bier­zelt-Pro­fi ge­gen küh­len Han­sea­ten. Vor ei­nem Jahr gab es noch Eu­pho­rie bei der SPD im nie­der­baye­ri­schen Vils­hofen, nicht en­den wol­len­den Ju­bel für Kanz­ler­kan­di­dat Schulz.

Jetzt be­kommt auch Scholz sei­nen Bei­fall. Aber rich­tig in Wal­lung ver­set­zen kann der eher nüch­tern auf­tre­ten­de Ju­rist das vol­le Bier­zelt nicht. Scholz wirbt vor dem SPD-Mit­glie­der­ent­scheid um Zu­stim­mung, spricht von Zeit­fens­tern der Mit­ge­stal­tung, von der Ver­ant­wor­tung, in der die SPD ste­he, von der deut­li­chen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Hand­schrift im Ko­ali­ti­ons­ver­trag. Den jun­gen Leu­ten, die mit „No Groko“-Pla­ka­ten pro­tes­tie­ren, ruft er zu: „Man muss sich ja nur die Dis­kus­si­on in der Uni­on an­schau­en, dass wir es rich­tig hin­be­kom­men ha­ben.“

Im tiefs­ten West­fa­len macht sich Andrea Nah­les fast zur glei­chen Zeit wie Mer­kel dar­an, beim ers­ten Auf­tritt nach der No­mi­nie­rung für den Par­tei­vor­sitz die „Herz­kam­mer“der So­zi­al­de­mo­kra­tie für sich zu ge­win­nen. Im „Frei­schütz“in Schwer­te, wo nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Neu­grün­dung des SPDBe­zirks West­li­ches West­fa­len statt­fand, be­ginnt für sie der Neu­start ei­ner tief ver­un­si­cher­ten Par­tei.

Nah­les hat nach den ver­gan­ge­nen Wo­chen kaum noch ei­ne Stim­me. Vor klas­si­schem SPD-Pu­bli­kum – vie­le Ge­nos­sen über 60, Met­ti­gel, Fri­ka­del­len auf dem Tisch, da­zu Pils – heizt sie die Stim­mung mit Sei­ten­hie­ben auf die Kanz­le­rin an. Mer­kel sei in ih­rer ei­ge­nen Par­tei „an­ge­zählt“, ruft die SPD-Frak­ti­ons­che­fin in den Saal. Wenn die SPD ih­re Er­neue­rung schaf­fe, ha­be sie wie­der die Na­se vor­ne. Nach den par­tei­in­ter­nen Que­re­len wirbt Nah­les um Zu­sam­men­halt in der SPD für ei­ne Er­neue­rung: „Ich kann das nicht al­lei­ne schaf­fen, wir müs­sen uns un­ter­ha­ken.“

Die SPD wer­de ge­braucht – und sie wer­de selbst­be­wusst Mer­kel die Stirn bie­ten. Mal se­hen, wie das aus­sieht, wenn der Ascher­mitt­woch­sKa­ter ver­flo­gen ist. Nah­les will ab so­fort eins: ei­ne Fas­ten­zeit für den Per­so­nal­streit, neu­es Selbst­be­wusst­sein. Ei­ne Ku­schel­ko­ali­ti­on wird es mit ihr nicht ge­ben: „Die Göt­te­rin­nen­däm­me­rung hat längst be­gon­nen.“In ih­rer Abi-Zei­tung nann­te Nah­les üb­ri­gens als Be­rufs­wunsch: „Haus­frau oder Bun­des­kanz­le­rin.“

Mehr zum Groko-Streit le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/po­li­tik

Fo­to: dpa

Gönn­te sich nach all dem Stress der ver­gan­ge­nen Ta­ge ein Bier: Bun­des­kanz­le­rin und CDU-Che­fin An­ge­la Mer­kel beim po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch in Demmin mit Vin­cent Ko­kert, CDU-Lan­des­chef in Meck­len­burg-Vor­pom­mern.

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