Be­ben in Mün­chen, Schock­wel­le bis Ber­lin?

Bay­ern vor der Schick­sals­wahl: Die Par­tei­en­land­schaft än­dert sich

Ems-Zeitung - - EINBLICKE - Von To­bi­as Schmidt

In den letz­ten Ta­gen vor der Schick­sals­wahl in Bay­ern ließ die CSU neue Pla­ka­te kle­ben. Das kan­ti­ge Kon­ter­fei von Franz Jo­sef Strauß, das blau-wei­ße Wap­pen des Frei­staa­tes und der Slo­gan: „Strauß wür­de die AfD be­kämp­fen!“In der größ­ten Not soll der Par­teiÜber­va­ter die Rich­tung wei­sen. BER­LIN

Mar­kus Sö­der reich­te ver­dutz­ten Bür­gern vor UBahn-Sta­tio­nen Brezn und Kaf­fee – ein Mi­nis­ter­prä­si­dent, der Früh­stück ver­teilt. Letz­te Ver­su­che, noch Punk­te zu sam­meln, das auf­zie­hen­de De­sas­ter ein­zu­däm­men, sich ge­gen den Ab­sturz zu stem­men. Ges­tern Abend noch ein ge­mein­sa­mer Auf­tritt zum Wahl­kampf-Ab­schluss von Sö­der und Par­tei­chef Horst See­ho­fer. Die bei­den er­bit­ter­ten Geg­ner tun noch ein­mal so, als zö­gen sie an ei­nem Strang. Sö­der wirbt um „die Chan­ce, das Land wei­ter­füh­ren zu kön­nen“.

Mor­gen ist es so weit. Die Bay­ern wäh­len ei­nen neu­en Land­tag. Mehr als 40 Pro­zent wa­ren bis zu­letzt un­ent­schie­den, des­we­gen sind Pro­gno­sen mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen. Aber be­stä­ti­gen sich Um­fra­ge-Trends, dann kommt es zu ei­nem ge­wal­ti­gen po­li­ti­schen Be­ben im Frei­staat mit har­ten Schock­wel­len bis nach Ber­lin.

Vie­le in der CSU, die seit 1957 mit ech­ter oder ge­fühl­ter ab­so­lu­ter Mehr­heit in Mün­chen re­giert, „hof­fen“noch auf 35 Pro­zent – knapp 13 Punk­te we­ni­ger als vor fünf Jah­ren! Es ist vor­bei mit der He­ge­mo­nie, mit der Ein­heit von Land, Leu­ten und Par­tei. Die Bas­ti­on wird ge­schlif­fen.

Der Ein­zug der AfD ins Ma­xi­mi­lia­ne­um ist aus­ge­macht. In zwei Wo­chen folgt Hes­sen, dann sit­zen die Rechts­po­pu­lis­ten in je­dem Land­tag. Auch das ei­ne Zä­sur. Die Grü­nen werden zweit­stärks­te Kraft, krat­zen an der 20-Pro­zent-Mar­ke. Der Bay­ern-SPD droht ein bit­te­res ein­stel­li­ges Er­geb­nis. Den Frei­en Wäh­lern werden gut zehn Pro­zent zu­ge­traut, FDP und Link­s­par­tei müs­sen um den Sprung über die Fünf-Pro­zent-Hür­de ban­gen.

Klar ist: Das bür­ger­li­che La­ger zer­split­tert. Der Zu­sam­men­halt der Mit­te steht auf dem Spiel. Wie konn­te es so weit kom­men? Sind See­ho­fers Ta­ge ge­zählt? Wie stark werden die Bun­des­po­li­tik und die Ord­nung im deut­schen Par­tei­en­sys­tem durch­ge­rüt­telt? „Ich weiß, dass wir in nicht ganz ein­fa­chen Zei­ten le­ben“, sagt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ges­tern. Ei­ne waid­wun­de CSU – das wird das Re­gie­ren für die Kanz­le­rin noch schwie­ri­ger ma­chen.

Sö­der hat den Schul­di­gen längst aus­ge­macht. Der „Ge­gen­wind“aus Ber­lin von „ir­gend­wel­chen Mi­nis­tern“ha­be ihm den Wahl­kampf ver­mas­selt, be­klag­te der Mi­nis­ter­prä­si­dent. Ge­meint ist na­tür­lich See­ho­fer. Dass es sich Sö­der nicht neh­men ließ, sei­ne Ana­ly­se aus­ge­rech­net bei ei­nem ge­mein­sa­men Auf­tritt mit dem Par­tei­chef im See­ho­fer-Wahl­krei­sort Neu­burg hin­aus­zu­po­sau­nen, spricht für sich.

Hans­dampf-Wahl­kampf

Na­tür­lich kos­tet See­ho­fers Selbst­de­mon­ta­ge vom Asyl­streit mit Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel bis zum Fall Maa­ßen die CSU Stim­men. Fair ist die Schuld­zu­wei­sung nicht. Sö­der selbst hat­te den Asyl­streit zum „End­spiel um die Glaub­wür­dig­keit“aus­ge­ru­fen, über „Asyl-Tou­ris­mus“ge­wet­tert, war der AfD erst hin­ter­her­ge­rannt, um dann scharf ab­zu­bie­gen und die An­ti-Asyl-Par­tei zum Geg­ner aus­zu­ru­fen. Sein an­ti­quier­ter Hans­dampf-Wahl­kampf mit 200 Auf­trit­ten vor ins­ge­samt ei­ner Vier­tel­mil­li­on Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern zün­de­te nicht, die Wahl­ge­schen­ke von di­gi­ta­len Klas­sen­zim­mern bis zum recht­lich frag­wür­di­gen Fa­mi­li­en­geld ver­puff­ten, weil Sö­der selbst die Ori­en­tie­rung fehl­te, der kraft­strot­zen­de Voll­dampf­po­li­ti­ker zwi­schen Rechts­au­ßen und bür­ger­li­chem Mi­lieu hin- und her­tau­mel­te.

Kommt es mor­gen Abend zum De­sas­ter, müss­te der Mi­nis­ter­prä­si­dent ei­gent­lich sei­nen Hut neh­men. Statt­des­sen wol­le Sö­der See­ho­fer aus dem Ring boxen und selbst nach dem Par­tei­vor­sitz grei­fen, heißt es in Ber­li­ner CSU-Zir­keln. Doch See­ho­fer denkt nicht dran zu wei­chen. „Die kön­nen ja ger­ne ver­su­chen, mich vom Hof zu ja­gen. Ich wün­sche viel Spaß da­bei“, sag­te er kürz­lich zu Ver­trau­ten. Not­wen­dig für sei­nen Sturz wä­re die Ein­be­ru­fung ei­nes Son­der­par­tei­tags – und das par­al­lel zu den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen, die bin­nen ei­nes Mo­nats ab­ge­schlos­sen sein müs­sen.

„Die Mes­ser sind ge­wetzt, aber das Blut­bad kann kei­ner wol­len“, sagt je­mand aus der CSU-Zen­tra­le in Mün­chen hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Als wahr­schein­lichs­tes Sze­na­rio gilt, dass vo­r­erst kei­ne Köp­fe rol­len. Nicht nur, um Cha­os und of­fe­nen Macht­kampf zu ver­mei­den, son­dern weil die Al­ter­na­ti­ven feh­len. Sö­der wä­re nach der Wahl­schlap­pe ge­rupft. CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt gilt als „un­ver­mit­tel­bar“für das Amt des CSUVor­sit­zen­den. See­ho­fer könn­te wo­mög­lich ein letz­tes Mal von der Schwä­che sei­ner Kon­tra­hen­ten pro­fi­tie­ren und sich als Par­tei­chef und Bun­des­in­nen­mi­nis­ter hal­ten.

Ge­wetz­te Mes­ser bei den Christ­so­zia­len – Har­mo­nie und Eu­pho­rie bei den Grü­nen: Die Öko­par­tei wird zu den Ge­win­nern der Land­tags­wahl zäh­len, steht in Um­fra­gen un­an­ge­foch­ten auf Platz 2. Die Spit­zen­kan­di­da­ten Kat­ha­ri­na Schul­ze und Lud­wig Hart­mann sind – be­flü­gelt von Bun­des­chef Ro­bert Ha­beck – zu den Shoo­ting­stars des Wahl­kampfs ge­wor­den und rei­zen Sö­der seit Ta­gen mit Be­din­gun­gen für Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. „Wir neh­men die In­hal­te als Maß­stab“, brach­te sich Schul­ze ges­tern in Stel­lung.

Sö­der macht sei­nem Är­ger Luft, nennt das Grü­nen-Pro­gramm „nicht ko­ali­ti­ons­fä­hig“. Aber wenn es für CSU und Freie Wäh­ler nicht aus­reicht und die FDP an der Fünf-Pro­zent-Hür­de schei­tert, al­so auch ein bür­ger­li­ches Drei­er­bünd­nis kei­ne Op­ti­on wä­re, dann könn­ten die Christ­so­zia­len zum Ex­pe­ri­ment Schwarz-Grün ge­zwun­gen sein. Ein Gru­selSze­na­rio für Sö­der, der per­ma­nent um Kom­pro­mis­se rin­gen müss­te. Pa­ra­dox: Fast hun­dert Pro­zent der Grü­nen-Wäh­ler leh­nen die CSU ent­schie­den ab, doch ei­ne über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Bay­ern wünscht sich ei­ne Re­gie­rung von CSU und Öko­par­tei. Dass Grü­ne, SPD, Freie Wäh­ler und – bei ih­rem Ein­zug – die FDP ge­mein­sam ein An­ti-CSU-Bünd­nis schmie­den und Sö­der und Co. auf die Op­po­si­ti­ons­bank ver­don­nern, er­scheint nur als theo­re­ti­sche Mög­lich­keit.

Nah­les’ ers­ter Här­te­test

Die Grü­nen auf dem Weg zum Macht­fak­tor in Bay­ern: Ei­ne der tref­fends­ten Ana­ly­sen da­für lie­fer­te aus­ge­rech­net der glück­lo­se SPD-Kanz­ler­kan­di­dat und Ex-Par­tei­chef Mar­tin Schulz. „Für gut si­tu­ier­te Leu­te drü­cken sie ein Le­bens­ge­fühl aus, und wir nicht“, zollt er der Um­welt­par­tei Re­spekt und legt den Fin­ger in die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Wun­de. Bei den Grü­nen zieht das Gu­te-Lau­ne-Image, und vie­le aus dem bür­ger­li­chen La­ger, de­nen die CSU-Flücht­lings­po­li­tik zu hart ist, wol­len eher ih­nen als den So­zi­al­de­mo­kra­ten ih­re Stim­me ge­ben, weil sie sich fri­schen Wind er­hof­fen. Der wa­cke­ren SPD-Front­frau in Bay­ern, Na­ta­scha Koh­nen, ge­lang es nicht, als An­wäl­tin der klei­nen Leu­te wahr­ge­nom­men zu werden. Auch Koh­nen mach­te im Wahl­kamp­fend­spurt den Sö­der und schob die Ver­ant­wor­tung nach Ber­lin und auf SPD-Par­tei­che­fin Andrea Nah­les.

Nah­les, die Glück­lo­se: Die Ab­stim­mung in Bay­ern wird für sie der ers­te Här­te­test seit ih­rer Wahl zur SPD-Vor­sit­zen­den im April. Die Stim­mung im Wil­ly-Brandt-Haus, der Par­tei­zen­tra­le in Ber­lin, sei „un­ter­ir­disch“, räumt ein Mit­ar­bei­ter ein. Dass es mor­gen kei­nen Grund zum Fei­ern ge­ben wird, hat sich lan­ge ab­ge­zeich­net. Dass die Par­tei aber die tra­di­tio­nel­le Wahl­par­ty ganz ab­ge­sagt hat – an­geb­lich aus fi­nan­zi­el­len Grün­den –, wirkt in­des, als woll­te die Füh­rungs­rie­ge in De­ckung ge­hen.

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