Auf der Su­che nach dem Mas­sen­grab

For­scher­team nimmt ehe­ma­li­ges NS-Straf­ge­fan­ge­nen­la­ger in Aschendorf­ermoor un­ter die Lu­pe

Ems-Zeitung - - EMSLANDSPO­RT - Von Micha Lem­me

Erst­mals fin­det seit Mitt­woch auf dem Ge­biet des ehe­ma­li­gen Straf­ge­fan­ge­nen­la­gers in Aschendorf­ermoor ei­ne geo­ar­chäo­lo­gi­sche Pro­spek­ti­on des Bo­dens statt. Ein For­scher­team der Uni­ver­si­tät Osnabrück will her­aus­fin­den, wo ge­nau die Mas­sen­grä­ber des ehe­ma­li­gen NS-La­gers zu ver­or­ten sind.

„Wir ma­chen ver­schie­de­ne Un­ter­su­chun­gen, um die Um­stän­de und die Schau­plät­ze der Mord­ak­ti­on des so­ge­nann­ten ,Haupt­manns He­rold‘ ge­nau­er zu er­for­schen und zu ver­ste­hen“, er­klärt der His­to­ri­ker Chris­toph Rass. Rass ist Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Osnabrück und ko­or­di­niert die in­ter­dis­zi­pli­nä­re Ar­beits­grup­pe Kon­flikt­land­schafts­for­schung. Die Grup­pe ist ein Ver­bund von Geo­gra­fen, His­to­ri­kern und For­schern aus an­de­ren Dis­zi­pli­nen.

Zu­sam­men mit der Ge­denk­stät­te Es­ter­we­gen ha­ben sie das Are­al in Aschendorf­ermoor in den Fo­kus ge­nom­men. In die­sem Ver­bund sei es das Ziel, die neu­en Mes­s­er­geb­nis­se zu­sam­men mit den his­to­ri­schen Do­ku­men­ten zu ana­ly­sie­ren, so Rass. „Es geht dar­um, die Schau­plät­ze von da­mals bes­ser zu ver­ste­hen“, sagt Rass. Das La­ger in Aschendorf­ermoor war solch ein Schau­platz: Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten hiel­ten hier bis zu 3000 Zwangs­ar­bei­ter ge­fan­gen, im April 1945 wur­den et­wa 170 von ih­nen auf den Be­fehl von Wil­li He­rold er­mor­det. Die Ge­schich­te vom „fal­schen Haupt­mann“He­rold ist oft er­zählt, da­durch aber kein biss­chen we­ni­ger grau­sam.

Der 19-jäh­ri­ge Sol­dat wird im Früh­jahr 1945 von sei­ner Ein­heit ge­trennt und fin­det ei­ne mit Or­den de­ko­rier­te Of­fi­ziers­uni­form. Fort­an schart er wei­te­re ver­spreng­te Sol­da­ten um sich und zieht als fal­scher Haupt­mann mor­dend vom Emsland nach Ost­fries­land. Den trau­ri­gen Tief­punkt fin­det die Ge­schich­te in Aschendorf­ermoor, wo He­rold das Kom­man­do über das Ge­fan­ge­nen­la­ger über­nimmt und ein Mas­sa­ker an­rich­tet.

Erst ein bri­ti­scher Bom­ben­an­griff stoppt die Mas­sen­hin­rich­tung. Die Grup­pe um He­rold ver­scharrt die Lei­chen am Ran­de des La­gers – so die Ge­schich­te. He­rold wird ein Jahr spä­ter von ei­nem bri­ti­schen Ge­richt zum To­de ver­ur­teilt. Noch vor sei­ner Hin­rich­tung wer­den die Lei­chen in Aschendorf­ermoor in He­rolds Bei­sein ex­hu­miert. Am En­de wer­den auf dem „He­rol­dF­ried­hof “195 To­te ge­zählt.

„Wir wis­sen we­der, wo die 170 Leu­te ver­scharrt wor­den sind, noch wo ge­nau sie nach der Ex­hu­mie­rung be­gra­ben wur­den“, er­läu­tert Rass. „Wir un­ter­su­chen, wo sich die­ses Mas­sen­grab be­fun­den hat, um es dann ge­nau zu do­ku­men­tie­ren und zu ver­mes­sen.“Die Pro­spek­ti­on lau­fe kom­plett „zer­stö­rungs­frei“ab, be­tont Andrea Kalt­o­fen, Fach­be­reichs­lei­te­rin Kul­tur beim Land­kreis Emsland. „Ärchäo­lo­gi­sche Aus­gra­bun­gen soll es hier nicht ge­ben“, er­gänzt sie.

Er­fasst wird das Are­al über Mes­sun­gen per Bo­den­ra­dar und Ma­gne­to­m­e­ter. Wäh­rend der Ra­dar elek­tro­ma­gne­ti­sche Wel­len aus­sen­det und de­ren Re­flek­ti­on im Bo­den misst, er­kennt das Ma­gne­to­m­e­ter Ab­wei­chun­gen des mess­ba­ren Erd­ma­gnet­fel­der, „ Ano­ma­li­en“ge­nannt.

Die Un­ter­su­chun­gen fin­den in sechs Fel­dern von je­weils 40 mal 40 Me­tern statt. „Aber wenn wir Ano­ma­li­en fest­stel­len, dann müs­sen wir un­se­re Fens­ter na­tür­lich wei­ter auf­ma­chen“, er­klärt der phy­si­sche Geo­graf And­re Jep­sen. Ers­te Hin­wei­se kön­nen die For­scher so­mit be­reits di­rekt nach der Pro­spek­ti­on be­wer­ten; ge­naue Er­geb­nis­se wer­den je­doch noch et­was auf sich war­ten las­sen. Am Frei­tag reist die Grup­pe nach Osnabrück, 2020 soll ein wis­sen­schaft­li­ches Pa­per pu­bli­ziert wer­den. Vi­el­leicht kann die Ge­schich­te vom „fal­schen Haupt­mann“und sei­nen Ta­ten dann noch et­was ge­nau­er er­zählt wer­den.

Ein Vi­deo über die Pro­spek­ti­on fin­den auf noz.de/vi­deo/45377

Mit dem Ma­gne­to­m­e­ter wur­de der Be­reich des ehe­ma­li­gen Ge­fan­ge­nen­la­gers in Aschendorf­ermoor Me­ter für Me­ter un­ter­sucht (Bild links). Aber auch das klei­ne Werk­zeug kam bei der Pro­spek­ti­on zum Ein­satz (Bild oben). Die bei­den Mit­glie­der des For­schungs­teams (Bild un­ten, von links) Em­ma Ha­dré und And­re Jep­sen nah­men die Bo­den­ver­hält­nis­se im Be­reich der Kriegs­grab­stät­te ge­nau un­ter die Lu­pe. Fo­tos: Lem­me/Nor­da/Wes­sels

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