Ter­ror­an­schlag in Ber­lin

XXL-Ret­tung aus Sat­tel­zug

Feuerwehr-Magazin - - Erste Seite - Text: Jo­han­nes Koh­len Feu­er­wehr-ma­ga­zin-au­tor, Fotos: Ber­li­ner Feu­er­wehr [569]

Der Weih­nachts­markt auf dem Breit­scheid­platz in Ber­lin ist am 19. De­zem­ber 2016 ge­gen 20 Uhr nor­mal be­sucht. Nie­mand be­kommt mit, dass sich ein Sat­tel­schlep­per vom Bahn­hof Zoo kom­mend der Bu­den­stadt nä­hert. Un­ge­bremst rast der Lkw in die Haupt­gas­se des Weih­nachts­mark­tes ne­ben der Ge­dächt­nis­kir­che. Ein An­ru­fer mel­det der Leit­stel­le der Ber­li­ner Feu­er­wehr ei­nen Ver­kehrs­un­fall. Um 20.04 Uhr alar­miert der Di­s­po­nent die Feu­er­wehr mit dem Stich­wort „NOTF HNA“(Not­fall Hil­fe­leis­tung mit Not­arzt) ein Lösch- und Hil­fe­leis­tungs­fahr­zeug (LHF), ei­nen Ret­tungs­wa­gen (RTW) und ein Not­arzt-ein­satz­fahr­zeug (NEF).

Wei­te­re An­ru­fe be­schrei­ben die La­ge we­sent­lich de­tail­lier­ter. Von ei­nem dienst­frei­en Ret­tungs­dienst­mit­ar­bei­ter der Jo­han­ni­ter-un­fall-hil­fe ( JUH) und ei­nem Lei­ten­den Not­arzt (LNA) aus Bran­den­burg ge­hen schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten re­gel­rech­te La­ge­be­schrei­bun­gen bei der Leit­stel­le ein: „Zoo­lo­gi­scher Gar­ten. MANV (Mas­sen­an­fall von Ver­letz­ten). Meh­re­re ver­letz­te Per­so­nen. Lkw am Wal­dorf Asto­ria in Weih­nachts­markt rein­ge­rast – Bu­da­pes­ter Stra­ße, ja? – Ge­nau. Lei­der kein Spaß. Lei­der Ernst. Ein Lkw, ein gro­ßer, hat meh­re­re Men­schen mit­ge­nom­men.“Die Di­s­po­nen­ten ge­hen noch von ei­nem Ver­kehrs­un­fall aus – nicht von ei­nem An­schlag.

Um 20.07 Uhr alar­miert die Leit­stel­le mit dem Stich­wort „NOTF H + MANV“zwei LHF, fünf RTW, zwei NEF, ei­nen Ge­rä­te­wa­genSa­ni­tät (GW-SAN), ei­nen Ein­satz­leit­wa­gen Typ C mit Or­ga­ni­sa­to­ri­schem Lei­ter Ret­tungs­dienst (ELW-ORGL), ei­nen LNA und ei­nen ELW mit ei­nem Füh­rungs­dienst des hö­he­ren Di­ens­tes.

Dop­pel­te Ein­sat­z­er­öff­nung

Ge­gen 20.09 Uhr ver­än­dert der Di­s­po­nent das Ein­satz­stich­wort in „MANV Ge­fah­ren­la­ge Po­li­zei“. Jetzt ist klar, dass es sich wahr­schein­lich um ei­ne Be­dro­hungs­la­ge han­delt und die Kräfte ih­re Ein­satz­tak­tik ent­spre­chend an­pas­sen müs­sen. Von der Feu­er­wa­che in der Ran­ke­stra­ße be­nö­ti­gen die Ein­satz­kräf­te nur et­wa 2 Mi­nu­ten. Am Welt­ku­gel­brun­nen vor­bei, et­wa 150 Me­ter von der Ein­satz­stel­le ent­fernt, er­rei­chen sie den Weih­nachts­markt. Durch her­bei­lau­fen­de Men­schen wer­den sie auf das Er­eig­nis auf der an­de­ren Sei­te des Plat­zes auf­merk­sam ge­macht.

Ab 20.11 Uhr tref­fen die alar­mier­ten Ein­hei­ten an der Ein­satz­stel­le ein. Sie er­ken­nen ei­nen stark be­schä­dig­ten, auf der Stra­ße ste­hen­den Lkw.

Der Staf­fel­füh­rer des LHF der Feu­er­wa­che Moabit, das als ers­tes vor Ort ist, er­kennt bei der Er­kun­dung vie­le Ver­letz­te und ver-

mut­lich auch To­te. Meh­re­re Men­schen sind un­ter dem Sat­tel­zug ein­ge­klemmt und zei­gen kei­ne Le­bens­zei­chen. Er un­ter­sucht die La­dung des Lkw und stellt fest, dass die­ser Stahl­bau­tei­le ge­la­den hat. Vie­le Men­schen wer­den zu die­sem Zeit­punkt be­reits durch Erst­hel­fer ver­sorgt.

60 Me­ter der Zer­stö­rung

Der Lkw ist an ei­nem Fuß­gän­ger­über­weg in die Gas­se zwi­schen den Bu­den ein­ge­fah­ren. Et­wa 60 Me­ter wei­ter ist er nach links wie­der auf die Bu­da­pes­ter Stra­ße zu­rück­ge­fah­ren und zum Ste­hen ge­kom­men. Die Bu­den des Weih­nachts­mark­tes sind teil­wei­se ein­ge­stürzt, aber die Gas­se ist noch er­hal­ten. An­kom­men­de Ein­satz­kräf­te tref­fen auf Schwer­ver­letz­te, Ster­ben­de und To­te. Die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Ver­letz­ten hat ab­so­lu­te Prio­ri­tät.

In der Gas­se zwi­schen den Bu­den des Weih­nachts­mark­tes ver­sor­gen jetzt Be­sat­zun­gen der RTW und Lösch­fahr­zeu­ge zu­sam­men mit Erst­hel­fern die Ver­letz­ten. Meh­re­re von der Ein­satz­lei­tung be­stimm­te Sich­tungs­trupps ka­te­go­ri­sie­ren die Be­trof­fe­nen, mar­kie­ren sie mit Pa­ti­en­ten­an­hän­ge­kar­ten und do­ku­men­tie­ren die aus­ge­ge­be­nen Kar­ten auf vor­be­rei­te­ten Bö­gen.

Un­ter dem Lkw sind drei leb­lo­se Per­so­nen ein­ge­klemmt. Zwi­schen den teil­wei­se ein­ge­stürz­ten Bu­den des Mark­tes kön­nen wei­te­re Ver­letz­te lie­gen. Beim Durch­su­chen der Trüm­mer müs­sen die Kräfte Ge­fah­ren wie aus­strö­men­des Gas an den Es­sens­stän­den oder Elek­tri­zi­tät in den ein­ge­stürz­ten Bu­den be­ach­ten. Auch die Dun­kel­heit macht ih­nen zu schaf­fen. Weil ein zwei­ter An­schlag durch wei­te­re At­ten­tä­ter mög­lich er­scheint, stim­men die Ein­satz­lei­ter von Feu­er­wehr und Po­li­zei die wei­te­ren Maß­nah­men ab.

Ge­gen 20.14 Uhr gibt die Leit­stel­le ei­nen Vor­alarm für die Schnell-ein­satz-grup­pe (SEG) Ret­tungs­dienst des DRK Kreis­ver­bands (KV) Ber­lin-ci­ty. Nur 4 Mi­nu­ten spä­ter alar­miert sie die­se Ein­heit. Um 20.23 Uhr wer­den auch der Be­treu­ungs­dienst und ein

Fach­be­ra­ter der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on alar­miert. Zehn wei­te­re RTW und zwei NEF for­dert die Ein­satz­lei­tung um 20.20 Uhr an. Durch Soft­ware-pro­ble­me der Leit­stel­le ver­zö­gert sich die­se Alar­mie­rung um meh­re­re Mi­nu­ten.

Alarm­be­reit­schaft für Ber­li­ner Kran­ken­häu­ser

Nach­dem die La­ge und ei­ne ho­he An­zahl an Pa­ti­en­ten be­stä­tigt sind, löst die Leit­stel­le von 20.25 Uhr bis 20.50 Uhr Vor­alarm für die Ber­li­ner Kran­ken­häu­ser aus. Zu­sätz­lich in­for­miert die Leit­stel­le mit ei­ner Laut­spre­cher­durch­sa­ge auf al­len Feu­er­wa­chen über den Ein­satz. Um 20.28 Uhr for­dert die Ein­satz­lei­tung wei­te­re sechs LHF, zwei ELW und kurz dar­auf die Psy­cho­so­zia­le Not­fall­ver­sor­gung (PS­NV) für die Be­trof­fe­nen, An­ge­hö­ri­gen, Erst­hel­fer und Ein­satz­kräf­te an. Die PS­NV ver­sorgt an die­sem Abend 60 Men­schen.

Da im­mer mehr Wa­chen der Be­rufs­feu­er­wehr ver­waist sind, wer­den frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren in den Di­enst ge­ru­fen. Zu­sätz­lich be­ge­ben sich oh­ne Alar­mie­rung vie­le dienst­freie Kräfte zu ih­ren Di­enst­stel­len. Um 20.30 Uhr er­reicht der Pres­se­dienst der Feu­er­wehr die Ein­satz­stel­le. 8 Mi­nu­ten spä­ter wer­den die ers­ten Pa­ti­en­ten in Kran­ken­häu­ser ge­bracht.

20.40 Uhr: Nach Rück­spra­che mit dem Ein­satz­lei­ter gibt der Pres­se­spre­cher der Feu­er­wehr vor Ort ers­te Live-in­ter­views. Et­wa 100 Jour­na­lis­ten war­ten hin­ter den Ab­sper­run­gen der Po­li­zei auf In­for­ma­tio­nen. Um 20.45 Uhr über­nimmt Lan­des­brand­di­rek­tor Wil­fried Gräf­ling die Ein­satz­lei­tung. Als Vor­aus­fahr­zeug der SEG trifft ein NEF vor Ort ein.

Der Tech­ni­sche Di­enst der Feu­er­wa­che Char­lot­ten­burg Nord wird um 20.46 Uhr mit dem Stich­wort „TH 2“mit Rüst­wa­gen (RW) 3 und Feu­er­wehr­kran (FWK) alar­miert. Mit dem Kran wer­den im Ver­lauf des Ein­sat­zes die Zug­ma­schi­ne und der Auf­lie­ger an­ge­ho­ben. Dar­auf­hin kön­nen die Kräfte die ein­ge­klemm­ten Lei­chen ber­gen. Um 21.05 Uhr ent­sen­det die Leit­stel­le wei­te­re zehn RTW zum Breit­scheid­platz. Zwi­schen 21.10 Uhr und 21.20 Uhr tref­fen die Kräfte der SEG des DRK mit dem Ein­satz­leit­dienst, der SEG Ret­tungs­dienst, dem Be­treu­ungs­dienst und vier Ret­tungs­wa­gen ein.

Die SEG bleibt zu­nächst in Re­ser­ve, wäh­rend die Rtw-be­sat­zun­gen Pa­ti­en­ten über­neh­men. Dann ver­sor­gen und be­treu­en die Kräfte im Mann­schafts­trans­port­fahr­zeug (MTF) 3 der Feu­er­wehr Be­trof­fe­ne. Der Be­treu­ungs­dienst rich­tet im Ho­tel Wal­dorf Asto­ria ei­ne Sam­mel­stel­le für An­ge­hö­ri­ge und Au­gen­zeu­gen ein.

Bis 21.30 Uhr sind al­le Pa­ti­en­ten der Sich­tungs­ka­te­go­ri­en I und II (sie­he Kas­ten „Ge­schäfts­an­wei­sung MANV der Ber­li­ner Feu­er­wehr“) in Kli­ni­ken trans­por­tiert wor­den. Weil die RTW im­mer noch nicht aus­rei­chen, for­dert die Leit­stel­le we­ni­ge Mi­nu­ten da­nach fünf wei­te­re aus Bran­den­burg an. Die­se sam­meln sich an der Feu­er­wa­che Char­lot­ten­burg Nord und blei­ben dort in Be­reit­schaft.

Schreck­se­kun­de für die Kräfte: Kof­fer ge­sprengt

Um 21.37 alar­miert der La­ge­dienst in der Leit­stel­le das Ein­satz­nach­sor­ge-team der Ber­li­ner Feu­er­wehr. Dies rich­tet noch am Abend in der Feu­er­wa­che Moabit ei­ne An­lauf­stel­le für die Ein­satz­kräf­te ein. Um 21.55 Uhr gibt der Pres­se­spre­cher der Ber­li­ner Feu­er­wehr er­neut In­ter­views zum Ein­satz der Feu­er­wehr­kräf­te. Vor­her spricht er sich

mit der Po­li­zei ab, gleicht Zah­len über Ver­letz­te, Be­trof­fe­ne und To­te ab.

Um 22.30 Uhr er­folgt die Mel­dung: „Die Ein­satz­stel­le ist un­ter Kon­trol­le.“Al­le Pa­ti­en­ten der Sich­tungs­ka­te­go­rie III wer­den jetzt in Kli­ni­ken ver­sorgt. Nach und nach kön­nen die Kräfte die Un­fall­stel­le ver­las­sen. Kurz vor Ein­satz­en­de der Feu­er­wehr gibt es noch ein­mal ei­ne Schreck­se­kun­de. Oh­ne Vor­an­kün­di­gung sprengt die Po­li­zei an ei­ner an­gren­zen­den Kreu­zung ei­nen her­ren­lo­sen Kof­fer.

Bei dem Ter­ror­an­schlag auf dem Breit­scheid­platz kom­men ins­ge­samt 12 Men­schen ums Le­ben. 67 wei­te­re wer­den zum Teil schwer ver­letzt. Die meis­ten Pa­ti­en­ten hat­ten stump­fe Ver­let­zungs­mus­ter durch Über­rol­lung und An­prall durch den Lkw. Laut Ge­richts­me­di­zin konn­ten die To­des­fäl­le nicht durch den Ein­satz des Ret­tungs­diens­tes ver­hin­dert wer­den. Al­le ver­stor­be­nen Pa­ti­en­ten wa­ren so schwer ver­letzt, dass sie kei­ne Über­le­bens­chan­cen hat­ten.

Be­reits am 21. De­zem­ber fin­det in Ber­lin ei­ne Nach­be­spre­chung mit ins­ge­samt 66 be­tei­lig­ten Ein­satz­kräf­ten so­wie 23 Mit­ar­bei­tern der Ein­satz­nach­sor­ge aus dem ge­sam­ten Bun­des­ge­biet statt, da­mit sie das Er­leb­te ver­ar­bei­ten kön­nen. Am 22. De­zem­ber hat­ten be­reits 30 Pa­ti­en­ten die Kran­ken­häu­ser wie­der ver­las­sen.

Der von ei­nem At­ten­tä­ter ge­steu­er­te Sat­tel­zug hin­ter­lässt auf dem Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che in Ber­lin ei­ne 60 Me­ter lan­ge Schnei­se der Ver­wüs­tung. Ein Groß­auf­ge­bot von Feu­er­wehr und Ret­tungs­dienst kämpft um das Le­ben von zahl­rei­chen Op­fern.

Die Feu­er­wehr­kräf­te ver­sor­gen die Op­fer und prio­ri­sie­ren nach Schwe­re der Ver­let­zung. Hier hat ein Feu­er­wehr­mann die Be­treu­ung ei­ner ver­letz­ten Per­son über­nom­men und sie bei den win­ter­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren in ei­ne De­cke ge­wi­ckelt.

Schreck­li­ches Sze­na­rio für die Hel­fer: Zwi­schen den Weih­nachts­markt­bu­den auf dem Breit­scheid­platz lie­gen die Pa­ti­en­ten und ei­ni­ge Ver­stor­be­ne.

Auf der Bu­da­pes­ter Stra­ße, di­rekt ne­ben dem Weih­nachts­markt, ste­hen zahl­rei­che RTW, NEF und Lösch­fahr­zeu­ge – mit­ten­drin der Sat­tel­schlep­per.

Das Me­di­en­in­ter­es­se vor Ort ist groß. Feu­er­wehr-pres­se­spre­cher Sven Ger­ling ver­sorgt schät­zungs­wei­se 100 Jour­na­lis­ten mit ak­tu­el­len In­for­ma­tio­nen.

In Gelb ist die zir­ka 60 Me­ter lan­ge Schnei­se der Ver­wüs­tung des Sat­tel­schlep­pers mar­kiert. Bei die­sem Ein­satz spielt die rich­ti­ge Auf­tei­lung des Rau­mes mit den Be­hand­lungs­plät­zen, der La­de­zo­ne und Be­reit­stel­lungs­räu­men ei­ne be­son­ders wich­ti­ge Rol­le.

Dicht an dicht rei­hen sich die be­reit­ste­hen­den RTW von Feu­er­wehr und DRK ne­ben­ein­an­der auf.

Ein Bild der Ver­wüs­tung: Hin­ter dem Auf­lie­ger des Sat­tel­zu­ges liegt ein Weih­nachts­markt-stand in Trüm­mern am Bo­den.

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