Muss ei­gent­lich im­mer erst et­was pas­sie­ren?

Feuerwehr-Magazin - - Editorial - Jan-erik He­ge­mann, Chef­re­dak­teur, he­ge­mann@feu­er­wehr­ma­ga­zin.de

In der Ja­nu­ar-aus­ga­be 2016 des Feu­er­wehr-ma­ga­zins be­rich­te­ten wir sehr aus­führ­lich, wie ge­fähr­lich Sty­ro­por-sys­te­me an Haus­fas­sa­den sind. „Wahn­sinn Wär­me­däm­mung“lau­te­te die Über­schrift un­se­rer Ti­tel­sto­ry. „Pa­nik-ma­che“war­fen uns da­nach di­ver­se Lob­by­ver­bän­de der Däm­m­in­dus­trie vor. Vom Sty­ro­por selbst ge­he kei­ne Ge­fahr aus, hieß es. Und bei al­len re­gis­trier­ten Brän­den mit dem be­lieb­ten und güns­ti­gen Dämm­ma­te­ri­al war die Brand­ur­sa­che nie im Sys­tem selbst be­grün­det. Das stimmt, än­dert aber nichts dar­an, dass Sty­ro­por ex­trem gut brennt.

Feu­er­wehr­leu­te aus ganz Deutsch­land be­rich­te­ten von ra­send schnel­len Brand aus­wei­tun­gen an mit Sty­ro­por ge­dämm­ten Fas­sa­den. „Ex­plo­si­ons­ar­tig stand die ge­sam­te Ge­bäu­de­sei­te in Brand“, er­in­ner­te sich bei­spiels­wei­se St­ein­hu­des Orts­brand­meis­ter Ralph Nel­le­sen. „So et­was hat­ten selbst alt­ge­dien­te Ka­me­ra­den noch nie ge­se­hen.“

„Be­dau­er­li­che Ein­zel­fäl­le, die an­ge­sichts von rund 200.000 Ge­bäu­de­brän­den pro Jahr in Deutsch­land nicht ins Ge­wicht fal­len“, ar­gu­men­tie­ren hin­ge­gen die Spre­cher der Lob­by­ver­bän­de. Bei der BF Frankfurt wer­den seit ei­ni­gen Jah­ren sol­che Fas­sa­den­brän­de re­gis­triert. Die Frank­fur­ter Lis­te be­legt, so sel­ten bren­nen die so ge­nann­ten Wär­me­däm­mungs ver­bund sys­te­me (WDVS) doch nicht.

Und wel­che ka­ta­stro­pha­len Fol­gen so ein Brand ha­ben kann, zeigt der Ein­satz am Gren­fell To­wer in London. Aus­ge­löst durch ei­nen de­fek­ten Kühl­schrank kam es zu ei­nem Zim­mer­brand. Über die mit Plat­ten aus Alu­mi­ni­um und Po­ly­ethy­len ge­dämm­te Fas­sa­de brei­te­ten sich die Flam­men über 16 Stock­wer­ke aus. 81 Be­woh­ner ka­men ums Le­ben.

Trau­rig, aber da­nach stand die Pro­ble­ma­tik in vie­len eu­ro­päi­schen Län­dern im Fo­kus. „Wie ge­fähr­lich sol­che Fas­sa­den sein kön­nen, ha­be ja nie­mand ge­wusst“, ga­ben be­sorg­te Po­li­ti­ker zu Pro­to­koll. Die Maß­nah­men des Vor­beu­gen­den Brand­schut­zes ge­nos­sen plötz­lich al­ler­höchs­te Prio­ri­tät. Ja, es kam so­gar zu Über­prü­fun­gen vor Ort. 600 ähn­lich ge­dämm­te Hoch­häu­ser galt es al­lei­ne in Groß­bri­tan­ni­en zu be­gut­ach­ten. 150 wa­ren zum Re­dak­ti­ons­schluss die­ser Aus­ga­be ab­ge­ar­bei­tet. Nicht eins der Ge­bäu­de be­stand den Test. Über­all wur­den gra­vie­ren­de Män­gel fest­ge­stellt.

Und auch in Deutsch­land herrscht plötz­lich Be­trieb­sam­keit. Das Wup­per­ta­ler Bau­ord­nungs­amt ord­ne­te die Über­prü­fung al­ler 70 Ge­bäu­de, die hö­her als 22 Me­ter sind, im Stadt­ge­biet an. Ein elf­stö­cki­ges Hoch­haus wur­de we­gen man­gel­haf­ter Brand­schutz­vor­rich­tun­gen um­ge­hend voll­stän­dig ge­sperrt. Die Däm­mung be­steht aus Holz­wol­le. Ei­ne Brand­mel­de­an­la­ge gibt es nicht. „Wir ha­ben die Im­mo­bi­lie seit 2010 auf dem Schirm“, sag­te die Stadt­spre­che­rin. Nach London wur­de nun „end­lich“ge­han­delt.

Man darf ge­spannt sein, wie es wei­ter­geht,

We­gen man­gel­haf­ter oder feh­len­der Brand­schutz­vor­rich­tun­gen las­sen die Be­hör­den ein Hoch­haus in Wup­per­tal räu­men. Fo­to: Erd­mann

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.