Er­fah­rung Breit­scheid­platz

Dr. Rolf Er­be spricht über die Stär­ken und Schwä­chen des Ein­sat­zes am Breit­scheid­platz. Der 56-jäh­ri­ge Brand­ober­amts­rat ist an der Ber­li­ner Feu­er­wehr- und Ret­tungs­dienst­aka­de­mie ver­ant­wort­lich für die Aus­bil­dung MANV, Son­der­la­gen und Füh­rungs­leh­re. Er gib

Feuerwehr-Magazin - - Einsatzbericht - In­ter­view: Jo­han­nes Koh­len, Feu­er­wehr-ma­ga­zin-au­tor

FM: Was war Ihr ers­ter Ein­druck von der Ein­satz­stel­le?

Dr. Er­be: Mei­ne Kol­le­gen und ich hoff­ten lan­ge, dass es sich um ei­nen Un­fall han­delt: Ein Lkw-fah­rer, der am Steu­er ein­ge­schla­fen war. Die Ein­satz­stel­le wirk­te ge­spens­tisch ru­hig. Vie­le qua­li­fi­zier­te Erst­hel­fer und un­se­re Kol­le­gen ver­sorg­ten die Men­schen dort hoch­kon­zen­triert. Über­all brann­te noch das Licht der Bu­den. Auf den ers­ten Blick konn­te ich gar nicht er­ken­nen, dass der Lkw durch den Markt ge­fah­ren war, weil er ge­nau die Gas­se zwi­schen den Stän­den ge­trof­fen hat­te.

FM: Was wa­ren Ih­re Auf­ga­ben?

Dr. Er­be: Nach Rück­spra­che mit un­se­rem La­ge­dienst wur­de ich zur Do­ku­men­ta­ti­on und Un­ter­stüt­zung un­se­res Pres­se­diens­tes zur Har­den­berg­stra­ße ge­schickt. Ein­ge­trof­fen bin ich dort et­wa 20 Mi­nu­ten nach dem Er­eig­nis. Es wa­ren noch nicht aus­rei­chend Ein­satz­kräf­te vor Ort. Ich wur­de dann vom Ein­satz­lei­ter für et­wa 30 Mi­nu­ten als „Sich­ter“ein­ge­setzt. In ei­nem ers­ten Durch­gang ha­be ich nur die Op­fer ge­zählt, um uns kla­re Zah­len zu ver­schaf­fen. Im zwei­ten Durch­gang ha­ben wir Ver­letz­te nach dem mstart-al­go­rith­mus (Check­lis­te für Sich­tung, Be­hand­lung und Trans­port bei MANV) ge­sich­tet. Vie­le wur­den be­reits von Kol­le­gen be­han­delt. An­schlie­ßend ha­be ich un­se­ren Ein­satz do­ku­men­tiert.

FM: Was sind Ih­re Er­fah­run­gen zum The­ma Sich­tung?

Dr. Er­be: Die Er­fah­run­gen von vie­len Groß­scha­dens­er­eig­nis­sen zei­gen, dass wir häu­fig dop­pelt so vie­le Pa­ti­en­ten ha­ben wie an­fangs an­ge­nom­men. Nach mei­nem ers­ten Zäh­len kam ich auf 25 Ver­letz­te – tat­säch­lich ha­ben wir über 50 Men­schen ver­sorgt. Da­her zie­he ich als per­sön­li­ches Fa­zit, dass der Ein­satz­lei­ter auch hier vor­sor­gen muss: Im­mer dop­pelt pla­nen, zum Bei­spiel durch ei­ne zu­sätz­li­che Pa­ti­en­ten­ab­la­ge und Re­ser­vekräf­te. Das ist et­was, das auch aus an­de­ren Ein­satz­be­rei­chen be­kannt ist und tak­tisch ein­fach nur be­deu­tet: Vor die La­ge kom­men und Re­ser­ven bil­den.

FM: Was kön­nen Sie dar­über hin­aus zur Sich­tung an sich emp­feh­len?

Dr. Er­be: Ich ha­be die Vor­stel­lung, dass die Sich­tung bei vie­len Be­trof­fe­nen, Ver­letz­ten oder Er­krank­ten in ei­ner Art Py­ra­mi­den­pro­zess er­fol­gen muss. Ei­ne ers­te Über­sicht muss schnell vor­lie­gen und ist für den Ein­satz­lei­ter in den ers­ten Mi­nu­ten ent­schei­dend so­wie für die wei­te­re Pla­nung un­ab­ding­bar. Dann muss ein Vor­sich­tungs­sys­tem bei den Mit­ar­bei­tern eta­bliert sein und an­ge­wen­det wer­den, um in we­ni­gen Mi­nu­ten die vi­tal be­droh­ten Pa­ti­en­ten her­aus­zu­fin­den und ein­deu­tig zu kenn­zeich­nen. Die­se Pa­ti­en­ten müs­sen schnell an ei­ner Pa­ti­en­ten­ab­la­ge ge­sam­melt und ver­sorgt oder di­rekt ei­nem RTW zum Trans­port über­ge­ben wer­den. Die Sich­tung als fort­lau­fen­der Pro­zess muss dann so schnell wie mög­lich ärzt­lich er­fol­gen, spä­tes­tens an ei­ner Pa­ti­en­ten­ab­la­ge oder ei­nem Be­hand­lungs­platz. Schließ­lich wer­den Trä­ger­trupps und Trans­port­ka­pa­zi­tä­ten be­nö­tigt, denn ei­ne struk-

tu­rier­te Erst­ver­sor­gung und der schnel­le Trans­port ret­ten Men­schen­le­ben.

FM: Was be­nö­ti­gen die Ein­satz­kräf­te für sol­che Ge­fah­ren­la­gen?

Dr. Er­be: Ne­ben not­wen­di­gen Manv-plä­nen muss es Kon­zep­te für Be­dro­hungs­la­gen, Vor­sich­tungs­sys­te­me und na­tür­lich die ent­spre­chen­de Aus- und Fort­bil­dung in Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei ge­ben. Auch die Aus­rüs­tung soll­te um aus­rei­chend Ma­te­ri­al für die Ver­sor­gung von be­son­de­ren Ver­let­zungs­mus­tern er­gänzt wer­den. Da­bei müs­sen wir be­rück­sich­ti­gen, dass auch Ma­te­ri­al für Po­li­zei­kräf­te oder Erst­hel­fer vor­han­den ist.

FM: Was ist in Ber­lin gut ge­lau­fen?

Dr. Er­be: Die Mul­ti­funk­tio­na­li­tät un­se­rer Ein­satz­kräf­te hat sich ab­so­lut be­währt. Da­durch ha­ben al­le im­mer die Ein­schät­zung der Ge­fah­ren und die not­wen­di­gen me­di­zi­ni­schen Maß­nah­men im Blick be­hal­ten. Die Ver­wen­dung von Tour­ni­quets (Ab­bin­de­sys­tem) ret­tet Le­ben. Erst seit den An­schlä­gen in Paris 2015 ge­hö­ren die­se fest zu un­se­rer Aus­stat­tung. Wir ha­ben un­se­re Kon­zep­te auf den Prüf­stand ge­stellt. Die Kon­zep­te sind in Ord­nung und funk­tio­nie­ren. Das gilt na­tür­lich über­all: Ein­satz­plä­ne sind gut und wich­tig. Wir müs­sen uns aber auch dar­an hal­ten. Von ge­plan­tem Stan­dard ab­zu­wei­chen, auch wenn es gut ge­meint ist, be­rei­tet Pro­ble­me im Ein­satz. Stor­nie­run­gen oder Än­de­run­gen darf es nicht ge­ben.

FM: Was hat Ih­nen Schwie­rig­kei­ten ge­macht?

Dr. Er­be: Der Di­gi­tal­funk hat ord­nungs­ge­mäß funk­tio­niert, den­noch hat uns ein bis da­hin noch nicht be­wuss­tes Pro­blem über­rascht. Ei­ni­ge Funk­ge­rä­te ha­ben sich im­mer wie­der in ei­ne Ge­bäu­de­funk­an­la­ge ein­ge­wählt. Dies hat zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men ge­führt. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Leit­stel­le und mit an­de­ren Be­hör­den muss im­mer ge­si­chert sein. Die in­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on an Ein­satz­stel­len ist wich­tig, wird aber häu­fig ver­nach­läs­sigt. Ge­ra­de bei ei­nem ver­meint­li­chen Ter­ror­akt muss je­de Ein­satz­kraft wis­sen: „Bin ich si­cher?“

FM: Be­trof­fe­ne müs­sen psy­cho­lo­gisch un­ter­stützt wer­den. Was ist Ih­nen in der Nach­sor­ge auf­ge­fal­len?

Dr. Er­be: Die Be­treu­ung der Be­trof­fe­nen durch die PS­NV (Psy­cho­so­zia­le Not­fall­ver­sor­gung) lief sehr gut. Wir müs­sen aber die Be­treu­ung der An­ge­hö­ri­gen ver­bes­sern. Lei­der sind die vie­len Erst­hel­fer durch un­ser Ras­ter ge­fal­len.

FM: Wie ging es den vie­len ein­ge­setz­ten Ein­satz­kräf­ten?

Dr. Er­be: Vie­le Kol­le­gen frag­ten sich, ob sie al­les Mög­li­che ge­tan ha­ben. Die Rück­mel­dung der Ge­richts­me­di­zin, dass kein Pa­ti­ent auf­grund man­geln­der Ver­sor­gung oder ver­zö­ger­tem Trans­port ge­stor­ben sei, war hier hilf­reich.

FM: Was wird sich in Ber­lin ver­än­dern?

Dr. Er­be: Wir ar­bei­ten die Er­geb­nis­se auf al­len Ebe­nen auf und wer­den uns an mög- lichst vie­len Stel­len ver­bes­sern. Ein Bei­spiel: Wir ha­ben fest­ge­stellt, dass wir kein Ma­te­ri­al für Erst­hel­fer zur Ein­satz­stel­le mit­brin­gen. Res­sour­cen sind be­son­ders am An­fang des Ein­sat­zes knapp. Aus dem Si­cher­heits­pa­ket des Lan­des Ber­lin be­kom­men Po­li­zei und wir (Feu­er­wehr) Geld für Aus­stat­tung und Fort­bil­dung. Zum Bei­spiel wol­len wir Ruck­sä­cke für un­se­re und die Fahr­zeu­ge der Po­li­zei be­schaf­fen. In je­dem Ruck­sack sol­len sich Ver­sor­gungs-kits für chir­ur­gi­sche Ver­let­zun­gen und Tra­ge­tü­cher be­fin­den. Zu­sätz­lich wer­den wir die Zu­sam­men­ar­beit und das ge­mein­sa­me Trai­ning mit den an­de­ren Be­hör­den noch mehr le­ben.

FM: Was hat Sie be­ein­druckt?

Dr. Er­be: Vie­le un­se­rer dienst­frei­en Kol­le­gen aus BF, FF und der Ver­wal­tung sind ganz selbst­ver­ständ­lich zu ih­ren Feu­er­wa­chen ge­kom­men und ha­ben Hil­fe an­ge­bo­ten. Der Rück­halt in der Be­völ­ke­rung ist sehr wich­tig für uns. Das Lob aus der Po­li­tik und der Öf­fent­lich­keit hilft den Ein­satz­kräf­ten bei der Ver­ar­bei­tung des Ein­sat­zes.

Brand­ober­amts­rat Dr. Rolf Er­be ist in Ber­lin ver­ant­wort­lich für die Aus­bil­dung MANV, Son­der­la­gen und Füh­rungs­leh­re. Fo­to: Koh­len

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