Frau­en­power in Bö­bin­gen

Der Frau­en­an­teil in den frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren in Deutsch­land be­trägt et­wa 8,5 Pro­zent. In Bö­bin­gen (BW) sind es fast dop­pelt so vie­le. Feu­er­wehr-ma­ga­zin Au­tor Hei­no Schüt­te woll­te wis­sen, wie die Bö­bin­ger das ge­schafft ha­ben.

Feuerwehr-Magazin - - Reportage -

Wenn in den Me­di­en über frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren be­rich­tet wird, lau­te­te bis­lang oft die klas­si­sche Fra­ge­stel­lung: „Oje, die ar­men Ehe­frau­en und Freun­din­nen der Feu­er­wehr­män­ner, was müs­sen die im­mer mit­ma­chen, wenn ih­re Män­ner zum Alarm ab­rü­cken oder Übun­gen und Fort­bil­dun­gen ab­sol­vie­ren?“Doch die Zei­ten än­dern sich: In der Ge­mein­de Bö­bin­gen im Ost­alb­kreis, am Fu­ße der Schwä­bi­schen Alb ge­le­gen, fühlt sich in­zwi­schen man­cher „Typ“ein­sam und ver­las­sen, wenn’s bei sei­ner „An­ge­trau­ten“piept und die Feu­er­wehr zum Ein­satz ge­ru­fen wird.

Es kann durch­aus pas­sie­ren, dass bei ei­nem Ein­satz ein kom­plet­tes Frau­en­team aus­rückt oder die Fahr­zeu­ge über­wie­gend vom weib­li­chen Ge­schlecht be­setzt wer­den. „Das kommt vor, aber nur sel­ten“, mei­nen die Ak­ti­ven der FF Bö­bin­gen. Und es spie­le auch kei­ne Rol­le. Das Ge­mein­sa­me ste­he im Mit­tel­punkt. „Vie­le un­se­rer Mä­dels und die da­zu­ge­hö­ri­gen Jungs tei­len die Feu­er­wehrLei­den­schaft“, be­schreibt Kom­man­dant Do- mi­nik Ebert. „Feu­er­wehr-paa­re sind bei uns kei­ne Sel­ten­heit.“

Bei ei­ner Haupt­übung der schwä­bi­schen Brand- und Ka­ta­stro­phen­schüt­zer gab es ei­ne viel­be­ach­te­te Pre­mie­re: Die FF Bö­bin­gen stell­te ei­ne neun­köp­fi­ge Lösch­grup­pe, kom­plett be­ste­hend aus Frau­en. Die Frau­en­quo­te in der Wehr liegt in­zwi­schen bei fast 15 Pro­zent (ins­ge­samt 60 Ak­ti­ve). Und der Auf­wärts­trend ist un­ge­bro­chen.

Wäh­rend bei vie­len an­de­ren kom­mu­na­len Feu­er­weh­ren im­mer noch dar­über ver­han­delt wird, dass die weib­li­chen Mit­glie­der end­lich ei­nen ei­ge­nen Um­klei­de­und Du­sch­raum be­kom­men, for­dern die Bö­bin­ge­rin­nen be­reits ei­ne Ver­grö­ße­rung ih­res Be­reichs. Schon seit 2008 ha­ben die weib­li­chen Ak­ti­ven der FF se­pa­ra­te Räu­me. Die Frau­en­trup­pe ist sich ei­nig: „Es ge­hört schlicht­weg zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ei­ner

mo­der­nen Feu­er­wehr, gleich­wer­ti­ge Be­din­gun­gen und ge­trenn­te Sa­ni­tär­räu­me für Män­ner und Frau­en zu schaf­fen.“

Im Übungs- und Ein­satz­all­tag gibt es bei den An­for­de­run­gen an tech­ni­sches Kön­nen und kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit längst kei­ne Un­ter­schie­de mehr zum so ge­nann­ten „star­ken Ge­schlecht“. Dies gilt auch bei der be­son­ders har­ten Aus­bil­dung und beim re­gel­mä­ßi­gen Trai­ning der Atem schutz­ge­rät e trä­ge­rin­nen. Hier müs­sen auch die Frau­en ei­ne 25 Ki­lo­gramm schwe­re Aus­rüs­tung durch die Hin­der­nis bahn, den Brand­übungs con­tai­ner oder im Ernst­fall durch ein bren­nen­des Haus schlep­pen.

Die Bö­bin­ger Feu­er­wehr­frau­en er­war­ten kei­nes­falls ei­nen Son­der­sta­tus. „Je­der Mensch hat sei­ne Fä­hig­kei­ten und sei­ne Be­las­tungs­gren­ze, es gibt ja auch Män­ner, die schaf­fen das kör­per­lich und psy­chisch nicht“, sagt Feu­er­wehr­frau Iris Klo­nau. Feu­er­wehr­chef Ebert emp­fiehlt: „Kei­ne fal­sche Rück­sicht­nah­me, das wol­len die Frau­en wirk­lich nicht.“

Und Ebert hat noch ei­nen Tipp: Ein ab­so­lu­tes No-go sind dum­me Ma­chos­prü­che und Kli­schee­hand­lun­gen, so bei­spiels- wei­se, wenn der Ein­satz­lei­ter ei­ner neu­en Feu­er­wehr­frau ei­nen Be­sen in die Hand drü­cke. „ So ver­graulst Du mit Si­cher­heit je­de In­ter­es­sen­tin“, sagt der Kom­man­dant.

Wei­te­re Be­son­der­heit: Fran­zis­ka und La­ris­sa

Noch ei­ne fe­mi­ni­ne Be­son­der­heit bei der FF Bö­bin­gen: So­gar Zwil­lin­ge gibt’s im Team. Fran­zis­ka und La­ris­sa Fahr bil­den den per­fek­ten Trupp. Sie trei­ben dann und wann ih­re Mit­strei­ter in Ver­zweif­lung, denn sie wer­den stän­dig ver­wech­selt. „Macht nix“, mei­nen sie, „wir sind eh auf dem glei­chen Le­vel mit dem, was wir kön­nen.“Ge­mein­sam fan­den die Zwil­lin­ge den Weg zur Ju­gend­feu­er­wehr. Seit 10 Jah­ren sind sie voll da­bei, in­zwi­schen in der Ein­satz­ab­tei­lung. Die Fra­ge stellt sich ih­nen nicht, wer im Ein­satz­fall die Rol­le der Trupp­füh­re­rin oder der Trupp­frau ein­nimmt. „Wir ma­chen das im Team.“

Auch Grup­pen­füh­re­rin Kath­rin Gran­del hat bei der an­ge­setz­ten Übung ih­re lie­be Not, die Zwil­lin­ge aus­ein­an­der zu hal­ten: Die Ein­satz­kluft macht das Paar op­tisch noch ähn­li­cher.

Lösch­meis­te­rin Gran­del ist auch Pres­se­spre­che­rin der Bö­bin­ger Feu­er­wehr. Sie ge­hör­te mit an­de­ren Ka­me­ra­din­nen zu den ers­ten Mä­dels, die ab der Jahr­tau­send­wen­de von der Ju­gend­feu­er­wehr zu den Ak­ti­ven wech­sel­ten. Kin­der­feu­er­wehr­grup­pe und Ju­gend­feu­er­wehr sind ih­rer Mei­nung nach die bes­ten Mit­tel, um den Frau­en­an­teil lang­fris­tig zu stei­gern. In man­chen Kin­der- und Ju­gend­feu­er­weh­ren gibt es in­zwi­schen mehr Mäd­chen als Jun­gen, be­stä­tigt Cars­ten-micha­el Pix vom Deut­schen Feu­er­wehr­ver­band.

Pro­ble­me, die nur Feu­er­wehr-paa­re ha­ben

Di­enst­äl­tes­te ist Ul­ri­ke Krauß, seit 23 Jah­ren ak­tiv und un­ter an­de­rem auch er­fah­re­ne Ma­schi­nis­tin. Ihr Mann ist Vi­ze-kom­man­dant. Bei ei­ni­gen Feu­er­wehr­frau­en, die auch Müt­ter

Nach der ab­ge­schlos­se­nen Sta­tis­tik des Deut­schen Feu­er­ver­ban­des für das Jahr 2014 wa­ren un­ter den 998.682 ak­ti­ven An­ge­hö­ri­gen der frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren nur 87.511 Frau­en. Bei den Be­rufs­feu­er­weh­ren sieht der pro­zen­tua­le An­teil noch schlech­ter aus: Bei den et­wa 30.000 Mit­ar­bei­tern gibt es nur rund 350 Kol­le­gin­nen. Ver­bands­spre­cher und Fach­re­fe­rent Cars­ten- Micha­el Pix sieht an­ge­sichts der neue­ren Zah­len für 2015, die ge­ra­de für die Fort­schrei­bung aus­ge­wer­tet wer­den, ei­ne Ver­bes­se­rung, näm­lich auf knapp über 89.000 Frau­en bei den frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren. Die Frau­en sind auf dem Vor­marsch, so der op­ti­mis­ti­sche Blick des Feu­er­wehr­ver­bands. „Da ist ein Pro­zess im Rol­len, aber lei­der sehr lang­sam“, so Pix. „Und die Be­rufs­feu­er­weh­ren blei­ben vor­erst, was den Frau­en­an­teil be­trifft, im­mer noch un­ser Sor­gen­kind.“Ei­ne Be­rufs­wahl in Rich­tung Feu­er­wehr sei of­fen­bar für vie­le Mäd­chen im­mer noch kei­ne Op­ti­on. Die­se ste­he im Wi­der­spruch zum weib­li­chen Zu­spruch bei an­de­ren Aus­bil­dun­gen, die ähn­li­che Her­aus­for­de­run­gen mit sich brin­gen, so bei­spiels­wei­se bei der Po­li­zei.

Das kom­plet­te Frau­en­team der FF Bö­bin­gen. Die Ka­me­ra­din­nen ha­ben auch ganz pri­vat ein su­per freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis.

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