Be­we­gen­der Mo­ment

Feuerwehr-Magazin - - Reportage - Text und Fo­tos: Pe­ter Jagst, frei­er Jour­na­list, Ber­lin [1468]

Sams­tag, der 6. Mai 2017. Lan­ge hat­ten sie sich vor­be­rei­tet. In ei­nem sport­li­chen Wett­kampf galt es, Plät­ze zu er­rei­chen. Knut Zei­ger­mann aus Wer­der (Kreis Potsdam-mit­tel­mark) und der Nach­wuchs nah­men teil. Nach dem Sport­er­eig­nis soll­te es zu den Groß­el­tern ge­hen. Für die Kin­der Eli­as und Mia ein High­light, da zwi­schen den Wohn­or­ten doch ei­ni­ge Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung lie­gen. Mit ei­nem klei­nen Sie­ger­po­kal in der Ta­sche wer­den Bru­der und Schwes­ter in ih­ren Kin­der­sit­zen auf der Rück­bank ge­si­chert. Dann geht es los.

Der Weg führt über die Au­to­bahn 9 Rich­tung Sü­den. Ei­ne auch am Wo­che­n­en­de viel be­fah­re­ne Stre­cke mit vie­len Bau­stel­len. Schon nach we­ni­gen Ki­lo­me­tern schla­fen die Kin­der ein. So be­kom­men die Klei­nen vom Dra­ma we­nig mit.

Plötz­lich zieht der Mo­tor nicht mehr, stot­tert. In Bruch­tei­len von Se­kun­den kommt es zu ei­ner Ab­fol­ge un­ge­wöhn­li­cher Vor­komm­nis­se. Am Rand des Blick­fel­des nimmt der Fah­rer ei­nen Licht­blitz wahr. Ei­ne Flam­me? Ei­ne klei­ne Ex­plo­si­on? Knut Zei­ger­mann weiß es bis heu­te nicht. Der Mo­tor ver­sagt. Pa­nik steigt in ihm auf, be­fin­det er sich doch mit­ten in ei­ner Bau­stel­le. Warn­blink­licht an, aus­rol­len. Sei­ne ers­te Sor­ge: Hof­fent­lich pas­siert durch das Hal­ten nicht noch mehr.

In­zwi­schen qualmt es aus dem Mo­tor­raum. Es gilt, sich und den Nach­wuchs schnell in Si­cher­heit zu brin­gen.

Ei­nen No­t­ruf ha­ben in­zwi­schen an­de­re Au­to­fah­rer ab­ge­setzt: Pkw-brand auf der A9 heißt es da. Der Leit­stel­len­dis­po­nent alar­miert die für die­sen Ab­schnitt zu­stän­di­gen Feu­er­weh­ren aus Nie­megk und Dahns­dorf. Der Ein­satz­ort liegt in ei­ner Bau­stel­le, für die Ein­satz­kräf­te nor­ma­ler­wei­se ei­ne enor­me Ein­schrän­kung. Doch das Be­fah­ren der par­al­lel ver­lau­fen­den Bau­stel­len-fahr­bahn ist an die­sem Tag noch mög­lich. Da­durch kön­nen die Ret­tungs­kräf­te fast un­ge­hin­dert zum bren­nen­den Pkw ge­lan­gen.

Ge­wis­sens­fra­ge: Wel­ches Kind zu­erst ret­ten?

Die Feu­er­wehr ist un­ter­wegs. Doch da­von weiß der Fa­mi­li­en­va­ter noch nichts. Und er hat auch ganz an­de­re Sor­gen. Er muss sei­ne Kin­der aus dem bren­nen­den Fahr­zeug ho­len. Ganz al­lei­ne, denn noch hat nie­mand ge­hal­ten. Das Au­to steht di­rekt an der Schutz­plan­ke, so kann er die Rück­bank nur von der Fah­rer­sei­te aus er­rei­chen. Die Ent­schei­dung, wie er bei zwei Kin­dern

In der Re­gel er­fah­ren Feu­er­weh­ren nicht, wie es den von ih­nen Ge­ret­te­ten spä­ter geht. Und auch ein Dan­ke­schön für die Ret­tung er­folgt sel­ten. An­ders jetzt in Nie­megk (BB). Ei­ne Fa­mi­lie woll­te ih­re „Hel­den“un­be­dingt noch ein­mal tref­fen.

vor­zu­ge­hen ha­be, wen er zu­erst aus dem Au­to zie­hen soll, bringt den jun­gen Mann auch heu­te noch zum Wei­nen.

Doch sei­ne eher in­stink­ti­ve Vor­ge­hens­wei­se ret­tet schließ­lich bei­den Kin­dern das Le­ben. Zu­erst zieht er den ihm nä­her­lie­gen­den, im­mer noch schla­fen­den Sohn aus dem Fahr­zeug. Da­bei er­fährt der Pa­pa, wie pro­ble­ma­tisch Si­cher­heits­gur­te an ei­nem Kin­der­sitz wer­den, wenn es um Se­kun­den geht. End­lich. Der Gurt öff­net sich. Ein Erst­hel­fer kommt zur Hil­fe, nimmt ihm den Jun­gen ab und bringt ihn in Si­cher­heit.

In­zwi­schen küm­mert sich der Pa­pa um sei­ne Toch­ter. Auch sie muss ab­ge­gur­tet wer­den. Die Hit­ze und der ex­tre­me Qualm, über des­sen enor­me Gif­tig­keit er erst spä­ter er­fährt, er­schwe­ren das Vor­ge­hen. End­lich öff­net sich das Gurtschloss. Toch­ter ge­ret­tet. Letz­te Chan­ce, an das Ge­päck zu kom­men. Nein, zu spät. Nur die Pa­pie­re noch. Dass ihm da­bei die Flam­men sehr na­he kom­men, er­fasst er nicht. Der ho­he Ad­re­na­lin­aus­stoß hilft. Dann greift ihn ein Erst­hel­fer, zieht ihn vom Fahr­zeug weg. Mit den Kin­dern.

Als Ret­tungs­dienst und Feu­er­wehr we­nig spä­ter ein­tref­fen, steht der Re­nault in Voll­brand. So­fort be­gin­nen die Feu­er­wehr­leu­te, das bren­nen­de Au­to zu lö­schen. Die Fra­ge nach den In­sas­sen kann zu­erst nicht be­ant­wor­tet wer­den, was für die Ein­satz­kräf­te ei­nen enor­men Stress be­deu­tet. Ist wo­mög­lich noch je­mand im Fahr­zeug? Ein­satz­lei­ter Ti­no Bas­ti­an von der FF Nie­megk fin­det end­lich den Fah­rer. Der er­zählt ihm von sei­nen Kin­dern. Da­nach sackt der Pa­pa zu­sam­men.

Per­sön­li­cher Dank war der Fa­mi­lie wich­tig

Bas­ti­an küm­mer­te sich mit Erst­hel­fern um die In­sas­sen des aus­ge­brann­ten Pkw. Der er­fah­re­ne Feu­er­wehr­mann weiß, wie wich­tig die per­sön­li­che Be­treu­ung ist. Dann über­neh­men Ret­tungs­dienst und Not­arzt den Va­ter und die Kin­der. Die Feu­er­wehr löscht den Fahr­zeug­brand, Po­li­zei, Au­to­bahn­meis­te­rei und Ab­schlepp­un­ter­neh­men sor­gen für die rest­li­chen Ar­bei­ten.

„Mei­ne Sor­ge war, dass das Au­to ex­plo­diert, es war ja voll be­tankt“, er­zählt der Ge­ret­te­te nun Mo­na­te spä­ter im Ge­rä­te­haus der Nie­meg­ker Feu­er­wehr. Das Be­dürf­nis, de­nen zu dan­ken, die ka­men, um zu hel­fen, ließ ihm kei­ne Ru­he. Ma­ma Zei­ger­mann hat­te für die Feu­er­wehr­leu­te Ku­chen ge­ba­cken. „Wir er­war­ten von Be­trof­fe­nen nicht, dass sie sich uns ge­gen­über in wel­cher Art auch im­mer er­kennt­lich zei­gen. Es ist un­ser Job, zu hel­fen. Wir ha­ben das Werk­zeug, die Aus­bil­dung und das Fach­wis­sen, auch schwie­ri­ge La­gen zu meis­tern“, er­zählt Bas- tian. Aber schön sei es doch, wenn sich mal je­mand be­dankt.

Ge­ra­de den Frei­wil­li­gen zu zei­gen, dass de­ren un­ei­gen­nüt­zi­ge Art und die enor­me Hil­fe be­ach­tet wer­de, war der Fa­mi­lie ein An­lie­gen. Und es soll­te mehr als ein Dan­ke­schön sein. „Das war uns ein­fach zu we­nig“, so der Fa­mi­li­en­va­ter.

Die jun­ge Fa­mi­lie ist auf­ge­regt. Nun sind sie mit­ten un­ter de­nen, die ih­nen vor Mo­na­ten zur Sei­te stan­den. Im Ge­rä­te­haus der Feu­er­wehr Nie­megk. Sie schau­en sich die Au­tos der Feu­er­wehr an. Und auch für die Ka­me­ra­den ist der Sams­tag, an dem sich Ret­ter und Ge­ret­te­te wie­der­se­hen, ein be­son­de­rer Tag. „Nor­ma­ler­wei­se er­fährt man über das wei­te­re Schick­sal ja nichts“, so die Ka­me­ra­den der Feu­er­weh­ren aus Nie­megk und Dahns­dorf.

Emo­tio­nal be­schäf­tigt das Ge­sche­he­ne die Fa­mi­lie auch Mo­na­te spä­ter. Und sie ha­ben re­agiert. Ein Feu­er­lö­scher sei ei­ne gu­te Er­gän­zung auch für Pkw, fin­det der Fa­mi­li­en­va­ter. Aber noch wich­ti­ger sind ein Notham­mer und ein Gurttren­ner. So las­sen sich Si­cher­heits­gur­te auf al­le Fäl­le öff­nen. Recht hat er.

Fa­mi­lie Zei­ger­mann woll­te sich ger­ne per­sön­lich bei den Kräf­ten der Feu­er­weh­ren Nie­megk und Dahns­dorf für die Hil­fe und Be­treu­ung be­dan­ken. Vor­sich­tig drückt Zei­ger­mann Ju­ni­or die Hand ei­nes Feu­er­wehr­man­nes.

Als die Feu­er­wehr an der Ein­satz­stel­le auf der A9 ein­trifft, steht der Re­nault be­reits in Voll­brand. Fo­to: Feu­er­wehr

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