Reet­dach­haus in Flam­men

Feuerwehr-Magazin - - Einsatzbericht -

Es ist Sams­tag, 20. Mai 2017, kurz nach 5 Uhr, als Fa­mi­lie Lam­pe in Bre­menHucht­ing ei­nen Brand an der Bal­kon­über­da­chung ih­res Reet­dach­hau­ses ent­deckt. Es han­delt sich um ein zu ei­nem Wohn­haus um­ge­bau­tes ehe­ma­li­ges land­wirt­schaft­li­ches An­we­sen. Zu dem Zeit­punkt be­fin­den sich Olt­mann Lam­pe und sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin so­wie sein Sohn Died­rich Lam­pe mit sei­ner Freun­din im Haus. Sie lau­fen ins Freie und set­zen den No­t­ruf ab. „Als ich auf dem Hof stand, sah ich das Un­heil: Das Feu­er hat­te vom Bal­kon be­reits auf das Reet­dach über­ge­grif­fen“, be­rich­tet Olt­mann Lam­pe.

Wäh­rend Lam­pe ju­ni­or ei­nen Tre­cker mit An­hän­ger, be­la­den mit ei­nem 1.000-Li­terWas­ser­tank, holt, greift sein Va­ter nach dem Gar­ten­schlauch. Zeit­gleich piept der Di­gi­ta­le Mel­de­emp­fän­ger von Died­rich Lam­pe, selbst Mit­glied der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Bre­men-hucht­ing. „Ich dach­te ei­ne Se­kun­de: Jetzt sind mei­ne Ka­me­ra­den gleich hier, die ken­nen sich hier aus“, er­in­nert er sich. Die bei­den Män­ner star­ten ei­ge­ne Lösch­ver­su­che, müs­sen sich aber schnell ein­ge­ste­hen, dass sie die Brand­aus­brei­tung kaum auf­hal­ten kön­nen.

In der Feu­er­wehr- und Ret­tungs­leit­stel­le Bre­men geht der No­t­ruf um 5.16 Uhr ein. „Auf­grund der Mel­dung: ,Reet­dach­haus, Feu­er im Dach‘ ha­ben wir di­rekt ein Groß­auf­ge­bot alar­miert“, er­zählt Di­s­po­nent Ha-

Ein Groß­brand zer­stört ein reet­ge­deck­tes Wohn­haus in Bre­men. Über 110 Kräf­te be­kämp­fen das Feu­er. Nicht nur die enor­me Brand­aus­brei­tung und die nicht aus­rei­chen­de Was­ser­ver­sor­gung be­rei­ten der Feu­er­wehr Pro­ble­me. Der Ein­satz ist zu­dem be­las­tend, weil ein Be­woh­ner ein Feu­er­wehr­ka­me­rad ist.

rald Meyer. Die Leit­stel­le ent­sen­det den Ein­satz­leit­dienst, die FF Bre­men-hucht­ing, Dreh­lei­ter (DLAK) und Hil­fe­leis­tungs­Lösch­fahr­zeug (HLF) von der ge­biets­zu­stän­di­gen Feu­er- und Ret­tungs­wa­che (FRW) 4, DLAK und HLF von der FRW 2 so­wie die DLAK von FRW 1 zum Ein­satz­ort.

„Bit­te ret­tet un­ser Haus“

„Als ich auf dem Mel­der ge­se­hen ha­be, wo es brennt und wer der Mel­den­de ist, ha­be ich

wei­che Knie be­kom­men“, sagt Mar­co Ga­b­ri­el­li, Wehr­füh­rer der FF Bre­men-hucht­ing. „Bei Died­rich zu­hau­se.“Er rückt als Zug­füh­rer aus. „Auf dem Fahr­zeug herrsch­te ei­ne rie­si­ge An­span­nung. Ich mur­mel­te nur zu un­se­rem Ma­schi­nis­ten: Hof­fent­lich sind al­le raus.“

Died­rich Lam­pes Freun­din Chris­ti­na läuft den Ein­satz­fahr­zeu­gen ent­ge­gen, um sie ein­zu­wei­sen. Di­rekt zu dem Hof führt nur die An­lie­ger­stra­ße Lam­pe­hof. Als ers­tes er­rei­chen die Hucht­in­ger Ka­me­ra­den mit ih­rem Lösch­grup­pen­fahr­zeug (LF) 10/6 den Brand­ort. Sie stel­len Ihr Fahr­zeug so auf, dass die Dreh­lei­ter der FRW 4 aus­rei­chend Auf­stell­flä­che hat. Die DLAK trifft ei­nen Au­gen­blick spä­ter ein.

Lam­pe ju­ni­or fährt sei­nen Tre­cker zur Sei­te, um der Dreh­lei­ter Platz zu ma­chen. „Lei­der ha­ben wir es nicht mehr ge­schafft, al­le Fahr­zeu­ge vom Hof zu ent­fer­nen“, är­gert sich Lam­pe. Er trifft im nächs­ten Au­gen­blick kurz auf sei­nen Wehr­füh­rer und ruft nur: „Bit­te ret­tet un­ser Haus.“Ga­b­ri­el­li ant­wor­tet: „Wir ge­ben al­les, ver­spro­chen.“Died­rich Lam­pe fängt noch an, selbst mit die Schläu­che zu ver­le­gen, be­gibt sich dann aber auch zu ei­nem Ret­tungs­wa­gen, wo der Rest der Fa­mi­lie be­reits be­treut wird.

Kurz nach dem Ein­tref­fen des HLF der FRW 4 gibt der Zug­füh­rer 4 Frie­dolf Eg­gers die Rück­mel­dung: „15 mal 8 Me­ter gro­ßes Reet­dach­haus brennt in vol­ler Aus­deh­nung, Ver­stär­kung er­for­der­lich.“In der nächs­ten Mi­nu­te wer­den der Di­rek­ti­ons­dienst so­wie die Frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren Bre­men-neu­stadt und Bre­men-strom alar­miert. Ein­satz­leit­dienst An­dré Ka­es­ler über­nimmt kurz­fris­tig die Ein­satz­lei­tung.

Feu­er frisst sich ins Reet­dach

Ge­mein­sam bau­en die FF Bre­menHucht­ing und die Kräf­te der BF ei­nen um­fang­rei­chen Lösch­an­griff auf. Die Hucht­in­ger brin­gen ei­ne ers­te Trag­krafts­prit­ze an ei­nem Fleet nur 100 Me­ter vom Brand­ob­jekt ent­fernt in Stel­lung. Ein Trupp geht un­ter Atem­schutz in das Wohn­haus vor, zwei Trupps lö­schen mit C-roh­ren von au­ßen. Über das Wen­de­rohr der DLAK der FRW 4 wer­den die Flam­men von oben be­kämpft. Doch das Feu­er hat sich be­reits über das ge­sam­te Reet­dach aus­ge­brei­tet.

Oli­ver Iden, der als Di­rek­ti- ons­dienst die Ein­satz­lei­tung um kurz vor 6 Uhr über­nimmt, be­schreibt die pro­ble­ma­ti­sche Si­tua­ti­on: „Auf­grund der be­reits fort­ge­schrit­te­nen Brand­aus­brei­tung und der enor­men Wär­me­ent­wick­lung war ein In­nen­an­griff nur noch be­grenzt mög­lich.“Iden wei­ter: „Das Feu­er im Reet­dach selbst konn­ten wir zu­nächst kaum ein­däm­men, weil sich die Flam­men in das Reet re­gel­recht hin­ein­ge­fres­sen hat­te und das Lösch­was­ser au­ßen ab­perl­te.“

Die Ein­satz­kräf­te bau­en ei­ne Rie­gel­stel­lung auf, da­mit die Flam­men nicht auf ein an­gren­zen­des Ge­bäu­de über­schla­gen. Schnell wird klar: Nur mit ei­nem ganz mas­si­ven Lösch­was­ser­ein­satz kön­nen die Kräf­te dem Feu­er Herr wer­den. Das Was­ser aus dem Hy­dran­ten­netz und aus dem Fleet reicht da­für aber nicht aus.

So wird das Lösch­grup­pen­fahr­zeug Ka­ta­stro­phen­schutz (LF-KATS) der FF Bre­menNeu­stadt – das HLF der Wehr ist be­reits vor Ort – auf der An­fahrt an­ge­spro­chen. Die Kräf­te sol­len die Stra­ße Am So­den­matt an­fah­ren und von dort aus ei­nem Gr­a­ben Was­ser zur Ein­satz­stel­le pum­pen. Hier hel­fen auch die Orts­kennt­nis­se der Hucht­in­ger Ka­me­ra­den. Das Ge­sche­hen spielt sich nur knapp 1,5 Ki­lo­me­ter von ih­rem Feu­er­wehr­haus ent­fernt ab.

Die Neu­städ­ter Mann­schaft bringt an dem of­fe­nen Ge­wäs­ser ei­ne TS in Stel­lung

und ver­legt über zir­ka 200 Me­ter ei­ne BLei­tung, um aus­rei­chend Lösch­was­ser zur Ein­satz­stel­le zu för­dern. Hier kommt auch ei­ne wei­te­re TS zum Ein­satz. Noch wäh­rend die­se Maß­nah­me an­läuft, mel­det der Di­rek­ti­ons­dienst um kurz nach 6 Uhr „Kräf­te aus­rei­chend“. We­nig spä­ter er­reicht auch Karl­Heinz Knorr, Lei­ter der Feu­er­wehr, den Ein­satz­ort. Er macht sich ein Bild von der La­ge.

Mitt­ler­wei­le nimmt die Feu­er­wehr vier C-roh­re und ein B-rohr im Au­ßen­an­griff vor, löscht wei­ter­hin über das Wen­de­rohr der Dreh­lei­ter. Un­ter Be­ach­tung des Ei- gen­schut­zes ver­su­chen im­mer wie­der zwei Atem­schutz­trupps, auch im In­nen­an­griff, das Feu­er zu be­kämp­fen.

Feu­er nach 100 Mi­nu­ten in der Ge­walt

Die Be­mü­hun­gen der Ein­satz­kräf­te zei­gen all­mäh­lich Er­folg. Um 6.56 Uhr er­folgt die Rück­mel­dung vom Di­rek­ti­ons­dienst: „Feu­er in der Ge­walt, Dach­haut wird auf­ge­nom­men.“Kurz vor­her ist der Ver­pfle­gungs­zug der FF Neu­stadt nach­alar­miert wor­den, da ei­ne län­ge­re Ein­satz­dau­er ab­seh­bar wur­de. Ein Ka­me­rad des Ver­pfle­gungs­zu­ges fährt mit dem MTF der Wehr zu­rück und zir­ka 45 Mi­nu­ten spä­ter rückt der Ge­rä­te­wa­gen Ver­pfle­gung (GW-V) der Schwer­punkt­wehr ge­mein­sam mit ei­nem Mann­schafts­trans­port­fahr­zeug (MTF) zur Ein­satz­stel­le aus.

Zu die­sem Zeit­punkt sind auch drei Fahr­zeu­ge ei­ner an­de­ren Schwer­punkt­feu­er­wehr, der FF Bre­men-le­hes­ter­deich, auf dem Weg nach Hucht­ing. Sie sol­len die seit ge­rau­mer Zeit ein­ge­setz­ten Kräf­te des ers­ten Ab­mar­sches der BF vor Ort ab­lö­sen. Nach-

Reet­dach­brän­de füh­ren in den meis­ten Fäl­len zum To­tal­ver­lust des Ge­bäu­des. Die Feu­er­wehr muss sich fast im­mer auf den Schutz an­de­rer Ge­bäu­de be­schrän­ken. Ei­ner der Grün­de da­für liegt im Dach­auf­bau: Selbst im bren­nen­den Zu­stand er­füllt das dicht ge­pack­te Reet noch sei­nen ei­gent­li­chen Zweck und schirmt dar­un­ter lie­gen­de Schich­ten wirk­sam ge­gen Was­ser oder an­de­re Lösch­mit­tel ab. Das Was­ser läuft zum größ­ten Teil oh­ne Lösch­wir­kung am Dach ab. Gleich­zei­tig bie­ten das Ma­te­ri­al und die ver­schie­de­nen Kon­struk­tio­nen aber ge­nug Mög­lich­kei­ten zur Aus­brei­tung des Feu­ers im In­ne­ren der Dach­haut. Ein Ab­de­cken der noch nicht be­trof­fe­nen Dach­flä­che er­weist sich als kaum oder nur sehr um­ständ­lich durch­führ­bar: Bei mo­der­nen Weich­dä­chern sind die Reet­bün­del mit Stahl­dräh­ten am Dach­stuhl ver­schraubt. Frü­her wur­den die Dä­cher mit Si­sal „ge­näht“: Ein Durch­bren­nen lässt gan­ze Dach­par­ti­en ab­rut­schen, was un­ter Um­stän­den so­gar von Vor­teil ist, an­de­rer­seits kön­nen da­durch aber auch Ein­satz­kräf­te oder Ret­tungs­maß­nah­men ge­fähr­det wer­den. Des­halb im­mer auf Si­cher­heits­ab­stand ach­ten.

Hier brennt das Reet­dach­haus ei­nes Bre­mer Feu­er­wehr­ka­me­ra­den ab. Kurz nach Be­ginn der Lösch­ar­bei­ten sind kaum noch Flam­men sicht­bar. Aber das Feu­er frisst sich in das Reet hin­ein.

Von al­len Sei­ten aus lösch­ten die Ka­me­ra­den den Brand mit B- und C-roh­ren im Au­ßen­an­griff.

Über Steck­lei­tern stei­gen die Feu­er­wehr­kräf­te hoch, um das Reet­dach auf­zu­neh­men. Im Ver­lauf des Ein­sat­zes wer­den zwei Trag­krafts­prit­zen an ei­nem Gr­a­ben in Stel­lung ge­bracht, um aus­rei­chend Lösch­was­ser in die Ein­satz­stel­le zu för­dern.

Über ei­ni­ge hun­dert Me­ter füh­ren die B-lei­tun­gen bis zum Ein­satz­ort. Fo­tos: Feu­er­wehr Bre­men

Den Ein­satz lei­te­te die meis­te Zeit Di­rek­ti­ons­dienst Oli­ver Iden, hier im In­ter­view mit Non­stop­news.

edos­sier BF Bre­men Aus­führ­li­che Vor­stel­lung der BF der Han­se­stadt Bre­men. Hier gehts zum Down­load: shop.feu­er­wehr­ma­ga­zin.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.