Der höchs­te Mast der Schweiz

Auf ei­nem vier­ach­si­gen Sca­nia-fahr­ge­stell or­der­te die WF Ro­che in Ba­sel (Schweiz) ih­ren neu­en 55-Me­terTe­le­skop- Ge­lenk­mast von Bron­to Sky­lift. Die Fir­ma Bränd­le bau­te un­ter an­de­rem ei­ne Schaum­zu­mi­schung mit 1.000-Li­ter-vor­ratstank und ei­ne ei­ge­ne Feu­er­lös

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Ni­k­laus Lerch zir­kelt den vier­ach­si­gen Sca­nia P410 ge­schickt durch das Ge­wirr von Rohr­lei­tun­gen, Edel­stahl­fäs­sern, Be­ton­mi­schern und Mit­ar­bei­tern. Ob­wohl der Ober­leut­nant der Werk­feu­er­wehr Ro­che ein ge­üb­ter Fah­rer ist und auf ins­ge­samt drei lenk­ba­re Ach­sen zu­rück­grei­fen kann, geht es auf dem Werks­ge­län­de der Fir- ma Ro­che in Ba­sel – di­rekt am Rhein – über­wie­gend nur im Schritt­tem­po vor­an. „Wenn bei uns der Ein­satz­lei­ter zu­sam­men mit sei­nem Füh­rungs­as­sis­ten­ten aus­rückt, geht das üb­li­cher­wei­se mit dem Ve­lo“, so der Schwei­zer. Wer das Ge­wu­sel in den en­gen Gas­sen zwi­schen den La­bor- und For­schungs­ge­bäu­den sieht, glaubt so­fort, dass die bei­den mit dem Fahr­rad deut­lich schnel­ler als mit dem Au­to sind. Lerch weicht ei­nem Bau­ge­rüst aus. „Der­zeit wird hier an al­len Ecken ge­baut“, er­klärt er. „Des­halb kom­men zu den 8.500 Mit­ar­bei­tern auf dem Ge­län­de jetzt auch noch rund 2.000 Fremd­ar­bei­ter.“

Erst als wir das Tor pas­sie­ren und vor­bei an „Bau 1“, dem 178 Me­ter ho­hen Bü­ro­ge­bäu­de, auf der Gren­za­cher Stra­ße Rich­tung Ha­fen Birs­fel­den fah­ren, kann der 410 PS star­ke und 31 Ton­nen schwe­re Schwe­de zei­gen, was in ihm steckt. Stei­gun­gen – kein Pro­blem! Und das, ob­wohl der An­trieb le­dig­lich über die mitt­le­re der drei Hin­ter­ach­sen er­folgt. Die Au­to­ma­tik schal­tet un­merk­lich die Gän­ge hoch, auch bei kur­zen Brems­ma­nö­vern mit di­rekt nach­fol­gen­dem An­fah­ren ist kein Ab­riss der Zugleis­tung zu be­mer­ken. „Die Au­to­ma­tik ist wirk­lich spit­ze“, sagt Lerch „Aber man muss in den Kur­ven auf­pas­sen.“Kein Wun­der, durch den auf 55 Me­ter aus­fahr­ba­ren, mit ei­nem Korbarm ver­se­he­nen Mast ist der 3,75 Me­ter ho­he Bron­to ziem­lich kopf­las­tig.

Am Ha­fen wol­len wir den Mast für die Fo­tos an ei­nem La­ger­haus in Sze­ne set­zen. Dies wä­re im Werk gar nicht mög­lich ge­we­sen. Es fehlt schlicht­weg am Platz, um mit der Ka­me­ra weit ge­nug zu­rück­ge­hen zu kön­nen. „An die­sem La­ger­haus ha­ben wir auch die Aus­bil­dung mit der Neu­an­schaf­fung ge­macht“, er­zähl Lerch. „Ei­ne Wo­che lang ha­ben wir uns nur mit dem Fahr­zeug be­schäf­tigt.“Das galt auch für ihn als Di­enst­grup­pen­chef.

Blau­es Licht mar­kiert die Ab­stütz­flä­che

Am Ob­jekt legt Lerch den Ne­ben­an­trieb ein. Am Fahr­zeug leuch­ten blaue LED-LAM­pen mit stark ge­wölb­ten Lin­sen auf. „Da wir häu­fig nur mit ei­nem Mann auf dem Ge­lenk­mast aus­rü­cken, kann die­ser so­fort se­hen, wo die Stüt­zen plat­ziert wer­den. So ver­mei­den wir, dass wir den Mast noch ein­mal um­set­zen müs­sen, weil zum Bei­spiel Ka­nal­de­ckel oder un­ter­ir­di­sche In­stal­la­tio­nen ein Ab­stüt­zen un­mög­lich ma­chen.“Bei im­mer­hin ma­xi­mal 20 Ton­nen Stüt­zen­druck kann das zum Bei­spiel bei ei­nem Rohr­ka­nal auf dem Werks­ge­län­de schon wich­tig wer­den. Zu­dem kann der Ma­schi­nist auch die höl­zer­nen Un­ter­leg­plat­ten be­reits ex­akt po­si­tio­nie­ren.

Als die Stüt­zen aus­fah­ren, he­ben sie das ge­sam­te Fahr­zeug an – an­ders als bei ei­ner Dreh­lei­ter hän­gen al­le Rä­der frei. „Mit der Ab­stüt­zung kön­nen wir so­gar noch den viel-

leicht ent­schei­den­den Me­ter gut­ma­chen, der oben fehlt“, so Lerch. Sou­ve­rän ent­fal­tet er den Mast und fährt den 500-Ki­lo­gram­mKorb zur Dach­kan­te. Das ist so­gar mit ei­nem un­be­mann­ten Korb mög­lich. Denn auf dem Haupt­be­dien­stand kann Lerch das Bild ei­ner Vi­deo­ka­me­ra ab­ru­fen, die links am Korb zu­sam­men mit ei­ner Wär­me­bild­ka­me­ra in­stal­liert ist.

Über ein Pa­na­so­nic Tough­pad kön­nen die­se Bil­der so­gar draht­los – zum Bei­spiel in ei­nen Ein­satz­leit­wa­gen – über­tra­gen wer­den. Dann könn­te die Ein­satz­lei­tung von dort aus die Ka­me­ras steu­ern, wäh­rend die Korb­be­sat­zung mit dem Lösch­ein­satz be­schäf­tigt ist. „Per Wisch­ges­te oder über Steue­rungs­but­tons kann die Ka­me­ra be­wegt wer­den, Zoom-in oder Zoom-out sind mach­bar – und das al­les in HD“, schwärmt der Ober­leut­nant. So­gar der Schei­ben­wi­scher der Vi­deo­ka­me­ra lässt sich über das Tough­pad ak­ti­vie­ren.

Licht, Strom, Atem­luft – al­le An­schlüs­se im Korb

Doch die bei­den Ka­me­ras sind nicht die ein­zi­gen An­bau­tei­le am fünf Per­so­nen fas­sen­den Ret­tungs­korb. Vor dem Korb­steu­er­stand ist ein fern­steu­er­ba­rer Was­ser­wer­fer mit zwei zu­sätz­li­chen B-ab­gän­gen mon­tiert, des­sen ma­xi­ma­le Leis­tung bei 2.000 l/min bei 10 bar liegt. Strom­an­schlüs­se für 230 und 400 Volt gibt es im Korb, Ar­beits­leuch­ten, ei­nen Led-hoch­leis­tungs­schein­wer­fer, au­ßer­dem An­schlüs­se für Atem­luft. Die­se wer­den aus vier 6,8-Li­ter-vor­rats­fla­schen am Dreh­turm ge­speist. 8.160 Li­ter Luft ste- hen so dem Per­so­nal im Ret­tungs­korb so­fort zur Ver­fü­gung. Vier An­schlüs­se sind an der rück­wär­ti­gen Re­ling mon­tiert.

Auch Hy­drau­lik­an­schlüs­se für 200 bar sind vor­han­den. „Dort kön­nen wir ei­ne Ret­tungs­win­de an­schlie­ßen, die Las­ten bis 200 Ki­lo­gramm oder Per­so­nen bis 150 Ki­lo­gramm be­we­gen kann“, er­klärt Lerch. 100 Me­ter Seil sind dar­auf auf­ge­wi­ckelt.

Ne­ben dem Wer­fer steht der Korb­be­sat­zung an der rech­ten Sei­te au­ßen noch ei­ne D-has­pel mit form­fes­tem Schlauch und DHohl­strahl­rohr zum Lö­schen zur Ver­fü­gung. Über ei­ne aus­klapp­ba­re Platt­form kön­nen Ge­ret­te­te leicht ein­stei­gen. So­gar Roll­stuhl­fah­rer lie­ßen sich so ret­ten und könn­ten am Bo­den – dank Schräg­stel­lung des Kor­bes – die­sen auch pro­blem­los wie­der ver­las­sen.

Als wir mit dem Mast auf an­nä­hernd 55 Me­ter Hö­he ge­fah­ren sind, wird deut­lich, wie sta­bil und ru­hig der Korb trotz der gro­ßen Hö­he und trotz Sei­ten­winds bleibt. Kein Schwan­ken wie bei ei­ner DLAK. „Für uns war ne­ben der Hö­he auch die Nenn­ret­tungs­wei­te von 31 Me­tern wich­tig“, er­klärt Lerch. Sie re­sul­tiert vor al­lem aus dem gro­ßen Haupt­arm. „Der war von uns in­so­fern ge­wünscht, als dass er die meis­ten Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de über­ragt und so­mit der Te­le­sko­parm in vol­ler Län­ge für die Flach­dä­cher zum Ret­ten von Per­so­nen oder Nie­der­schla­gen von Ga­sen und Dämp­fen zur Ver­fü­gung steht“, er­läu­tert Lerch. „Zu­dem kön­nen wir mit dem Arm die feh­len­den Me­ter aus­glei­chen, wenn wir auf­grund Platz­man­gels am Bo­den das Fahr­zeug mal nicht ganz op­ti­mal zum Ob­jekt plat­zie­ren kön­nen.“Durch das Au­s­te­le­sko­pie­ren des Arms, ver­bun­den mit

dem dreh­ba­ren Korb, ist auch das par­al­le­le An­fah­ren ei­ner Fas­sa­de fast über­all pro­blem­los mög­lich.

Ei­ge­ne Pum­pe mit 4.000 l/min Leis­tung

Da­mit Schnellan­griff, Was­ser­wer­fer, BAb­gän­ge so­wie die eben­falls vor­han­de­nen Korb­schutz­dü­sen mit aus­rei­chend Was­ser ver­sorgt wer­den kön­nen, ist ei­ne Feu­er­lösch­krei­sel­pum­pe Go­di­va Pri­ma P1A 4010 mit ei­ner Leis­tung von 4.000 l/min bei 10 bar un­ter­flur ein­ge­baut. Sie wird über bis zu sechs B-ein­gän­ge ge­speist. Über vier BAb­gän­ge rechts und links am Heck kann Lösch­was­ser oder Was­ser-schaum­mit­tel­ge­misch ab­ge­ge­ben wer­den.

Letz­te­res wird über ei­ne Schaum­mit­tel­pum­pe mit ei­ner Leis­tung von 200 l/min aus dem 1.000 Li­ter fas­sen­den Vor­rats­be­häl­ter des Fahr­zeugs zu den vier Zu­mi­schern ge­för­dert, von de­nen je ei­ner di­rekt vor je­dem B-ab­gang mon­tiert ist. „Da­durch er­spa­ren wir uns das Spü­len der ge­sam­ten Pum­pen­an­la­ge nach dem Schau­m­ein­satz“, er­läu­tert Lerch. „Zu­dem kön­nen wir über das FOAM-ix-be­dien­feld am Heck für je­den Ab­gang ei­ne ei­ge­ne Zu­mi­schra­te ein­stel­len.“

Die Werk­feu­er­wehr Ro­che leis­tet auf dem Are­al Ba­sel rund 2.000 Ein­sät­ze im Jahr. Dar­un­ter fal­len größ­ten­teils Fehl-, Täu­schungs- und Ech­talar­me von Brand- und Gas­mel­dern so­wie Sprink­ler­an­la­gen. Aber auch Was­ser­schä­den, Per­so­nen­be­frei­un­gen aus Lif­ten, Stoff­frei­set­zun­gen, me­di­zi­ni­sche Ein­sät­ze zu­sam­men mit dem ar­beits­me­di­zi­ni­schen Di­enst, Brän­de und Rauch­ent­wick­lun­gen ge­hö­ren da­zu.

„Mit un­se­rem neu­en Fahr­zeug – dem ers­ten Hu­bret­tungs­fahr­zeug der Ro­che Ba­sel – ist es nun mög­lich, un­be­mannt und so­mit mit we­nig Per­so­nal au­ßer­halb ei­nes Ge­bäu­des und in­ner­halb ei­nes Ge­fah­ren­be­reichs zu in­ter­ve­nie­ren oder Per­so­nen scho­nend ab ei­nem Dach oder aus ei­ner Bau­gru­be zu ret­ten“, so Lerch. Eben­so kann das Fahr­zeug bei tech­ni­schen Hil­fe­leis­tun­gen ein­ge­setzt wer­den – bei­spiels­wei­se nach ei­nem Sturm.

Zum Ab­stüt­zen wird – an­ders als bei der Dreh­lei­ter – das ge­sam­te Fahr­zeug aus der Fe­de­rung ge­ho­ben. Es steht nur auf den Waa­ge­recht-senk­recht-stüt­zen.

Der Dreh­kranz des Te­le­skop­mas­tes ist hin­ter den Ach­sen an­ge­ord­net. Da­durch ent­steht ein star­ker Über­hang, der bei Kur­ven­fahr­ten die Auf­merk­sam­keit des Ma­schi­nis­ten er­for­dert. Ober­halb ist der di­cke schwar­ze Schlauch der Lösch­was­ser­lei­tung zu se­hen.

Ni­k­laus Lerch am Korb­be­dien­stand in 55 Me­ter Hö­he. Hin­ter ihm ist ein Teil von Ba­sel Ba­di­scher Bahn­hof zu er­ken­nen, rechts fließt der Rhein. Die­se Tech­nik er­spart un­nö­ti­ges Um­set­zen, zum Bei­spiel, weil ei­ne Stüt­ze über ei­nem Gul­li­de­ckel steht: Blaue Licht

Die­ses Bild – auf­ge­nom­men am Stand­ort der al­ten Feu­er­wa­che der WF Ro­che – zeigt, wie eng es in den Stra­ßen zwi­schen den ein­zel­nen Ge­bäu­den zu­geht. Den­noch las­sen sich mit dem Korb al­le Punk­te der Fas­sa­de er­rei­chen.

Son­der­heft Ein­satz von Hu­bret­tungs­fahr­zeu­gen Pro­fi-tipps für die Aus­bil­dung auch an Te­le­skop­mast­fahr­zeu­gen. Jetzt Heft on­li­ne be­stel­len: shop.feu­er­wehr­ma­ga­zin.de

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