Hy­per­ven­ti­la­ti­on

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Bei ei­ner Hy­per­ven­ti­la­ti­on han­delt es sich im me­di­zi­ni­schen Sin­ne um ei­ne über den Be­darf ge­stei­ger­te Lun­gen­be­lüf­tung. Die Be­trof­fe­nen at­men bei die­ser Pa­nik­stö­rung mehr, als es der Kör­per braucht. Ur­sa­chen sind Angst, Auf­re­gung, Wut oder Stress.

Im Feu­er­wehr­be­reich be­ob­ach­te ich auch seit lan­gem das Phä­no­men, dass neue tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen oder sin­gu­lä­re Er­eig­nis­se erst ein­mal zu Hy­per­ven­ti­la­ti­ons­re­ak­tio­nen füh­ren. Die­se sind da­durch ge­kenn­zeich­net, dass man aus Angst vor dem Neu­en und Un­be­kann­ten un­wäg­ba­re Ge­fah­ren für die Ein­satz­kräf­te ver­mu­tet und die­se Be­fürch­tun­gen dann in al­ler Brei­te und Tie­fe dis­ku­tiert. Im Er­geb­nis wer­den un­be­darf­te Be­ob­ach­ter, sei es in der Feu­er­wehr selbst oder auch Bür­ger und Me­di­en, zu­tiefst ver­un­si­chert. Bei­spiel­haft ge­nannt sei­en:

Pho­to­vol­ta­ik­An­la­gen. Au­tos mit E- oder Gas-an­trieb. Brie­fe mit wei­ßem Pul­ver. Ter­ro­ris­ti­sche An­schlä­ge. Neue Werk­stof­fe aus Koh­le­fa­sern. Air­bags.

An­lass der Hy­per­ven­ti­la­tio­nen ist ein feh­len­des Ri­si­ko­ma­nage­ment, das heißt, der plan­vol­le Um­gang mit Ri­si­ken. Ei­ne Ab­schät­zung des Ri­si­kos wird bei den Be­trach­tun­gen die­ser The­men nicht durch­ge­führt, ob­wohl die­se ge­ra­de bei er­fah­re­nen Ein­satz­kräf­ten in der Ge­fah­ren­ab­wehr ei­ne eta­blier­te Me­tho­de sein soll­te. Als Ri­si­ko be­zeich­net man das Pro­dukt von Ein­tritts­wahr­schein­lich­keit und Scha­dens­aus­maß. Ur­sa­che ist aber auch, dass nicht er­kannt wird, dass sich die­se The­men mit den be­reits heu­te vor­han­de­nen und be­währ­ten Werk­zeug­käs­ten von Feu­er­wehr­tak­tik und Feu­er­wehr­tech­nik si­cher be­herr­schen las­sen.

Auch die Ent­de­ckung schein­bar neu­er Ein­satz­tak­ti­ken und -tech­ni­ken führt in der Feu­er­wehr­welt oft zu Hy­per­ven­ti­la­ti­ons­re­ak­tio­nen. Ein­zel­mei­nun­gen wer­den pro­phe­ten­haft über­zeich­net, für all­ge­mein­gül­tig ge­hal­ten und als neue Lehr­mei­nung pos­tu­liert. Be­währ­te Ein­satz­me­tho­den, de­ren Eta­b­lie­rung viel Kraft und Zeit in An­spruch ge­nom­men hat, wer­den da­durch oh­ne Not in Fra­ge ge­stellt, dis­kre­di­tiert und vor­ei­lig über Bord ge­wor­fen. Da­bei wird häu­fig über­se­hen, dass al­ter Wein in neu­en Schläu­chen ver­kauft wird, es sich um Aus­nah­me­fäl­le oder Rand­be­trach­tun­gen han­delt oder um Ver­fah­ren, die der li­mi­tier­ten Leis­tungs­fä­hig­keit des Feu­er­wehr­sys­tems ei­nes an­de­ren Lan­des ge­schul­det sind.

Bei­spie­le sind und wa­ren hier: ## Ent­de­ckung der Ket­ten­zug­me­tho­de. ## Dis­kus­si­on, ob pa­ti­en­ten­scho­nen

des Ret­ten noch zeit­ge­mäß ist. ## Ein­füh­rung von Hoch­druck­pum­pen

in Lösch­fahr­zeu­gen. ## In­nen­an­griff mit Voll­strahl als neue

Me­tho­de. ## Dis­kus­si­on über ei­ne Ve­rän­de­rung der Ge­fah­ren­ma­trix AAAA C EEEE im Füh­rungs­vor­gang. De­bat­te über Hilfs­fris­ten und den an­geb­lich feh­len­den wis­sen­schaft­li­chen Zu­sam­men­hang zu Rauch­gas­ver­gif­tun­gen. Flash-over-re­ak­tio­nen. Der Er­satz von Steck­lei­tern als Ret­tungs­ge­rät durch Mul­ti­funk­ti­ons­lei­tern. Der Ein­satz des Ret­tungs­ge­rä­tes Steck­lei­ter in der Tech­ni­schen Hil­fe als He­bel.

Ich möch­te hier nicht als in­no­va­ti­ons­feind­lich und rück­wärts ge­wandt er­schei­nen. Aber: Las­sen wir uns nicht all­zu leicht ins Bocks­horn ja­gen?

Vor­aus­set­zung für ei­nen fun­dier­ten Feu­er­wehr­ein­satz und ei­ne fun­dier­te Be­wer­tung ver­schie­de­ner Mög­lich­kei­ten, Ge­fah­ren und Ri­si­ken ist ei­ne fun­dier­te pra­xis­na­he Aus­bil­dung.

Vor­aus­set­zung ist aber auch ein qua­li­fi­zier­tes Fach­wis­sen un­se­rer Feu­er­wehr­an­ge­hö­ri­gen. Wie kann die­ses in Zu­kunft noch bes­ser ver­mit­telt wer­den? Ne­ben dem Le­sen von Fach­bü­chern und Fach­zeit­schrif­ten kann elek­tro­ni­sches Ler­nen ei­ne neue Me­tho­de zur Ver­mitt­lung von Feu­er­wehr­wis­sen wer­den.

Im Au­gen­blick voll­zieht sich ähn­lich ei­ner in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ein ge­sell­schaft­li­cher Wan­del hin zur Wis­sens­ge­sell­schaft. Mitt­ler­wei­le ist es bei­na­he je­dem mög­lich, über elek- tro­ni­sche Such­ma­schi­nen zu je­dem Zeit­punkt und bei­na­he an je­dem Ort Wis­sen zu re­cher­chie­ren. Wäh­rend es frü­her ein Pro­blem war, Wis­sen zu er­wer­ben, ist es heu­te mitt­ler­wei­le schwie­rig, die Viel­zahl von In­for­ma­tio­nen über­haupt noch zu ver­ar­bei­ten und ei­nen Über­blick zu be­hal­ten.

Wün­schens­wert für un­se­re Feu­er­wehr­an­ge­hö­ri­gen wä­re ei­ne elek­tro­ni­sche Wis­sens­platt­form, über die man sich für un­ter­schied­li­che The­men­be­rei­che die not­wen­di­gen Fach­in­for­ma­tio­nen be­schaf­fen kann und auch Aus­bil­dun­gen und Lehr­gän­ge wis­sens­mä­ßig vor- und nach­be­rei­ten kann. Sinn­voll ist auch die Ent­wick­lung in­ter­ak­ti­ver Lern­an­wen­dun­gen auf Ba­sis elek­tro­ni­scher Spie­le. Wich­tig ist aber auch ei­ne re­flek­tier­te Be­trach­tung und wis­sen­schaft­li­che Be­wer­tung der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von elek­tro­ni­schem Ler­nen. Hier wer­den ge­ra­de bun­des­weit wich­ti­ge For­schungs­vor­ha­ben ge­star­tet. Ei­ne Er­kennt­nis aus Mo­dell­ver­su­chen ist be­reits heu­te, dass elek­tro­ni­sches Ler­nen die prak­ti­sche und hand­werk­li­che Feu­er­wehr­aus­bil­dung nicht er­set­zen kann. Es kann aber als sinn­vol­ler Be­glei­ter ein­ge­setzt wer­den, da die Wis­sens­ver­mitt­lung nicht mehr un­be­dingt zu fi­xier­ten Zei­ten durch den Vor­trag von Aus­bil­dern und Leh­rern er­fol­gen muss, son­dern selbst or­ga­ni­siert er­fol­gen kann.

Hier­durch lässt sich die Aus­bil­dung in Zu­kunft fle­xi­bler gestal­ten und es las­sen sich Zei­ten für mehr prak­ti­sche Aus­bil­dung ge­win­nen oder auch Aus­bil­dungs- und Fahr­zei­ten ein­spa­ren. Dies wird zu ei­ner Ve­rän­de­rung der Aus­bil­dungs­me­tho­den so­wie der Rol­le und Be­deu­tung der Aus­bil­der füh­ren, weil sie nicht mehr als die Ver­mitt­ler von Fak­ten­wis­sen auf­tre­ten müs­sen. Da au­ßer­dem zu­künf­tig deut­lich mehr Wis­sen als frü­her zur Ver­fü­gung steht, könn­te in der Aus­bil­dung ein Qua­li­täts­sprung er­war­tet wer­den.

Im Feu­er­wehr­be­reich ist ei­ne Bün­de­lung der Ent­wick­lung beim elek­tro­ni­schen Ler­nen wün­schens­wert, am bes­ten bun­des­weit ab­ge­stimmt. Die Pro­jekt­grup­pe Feu­er­wehr­dienst­vor­schrif­ten (PG FWDV) hat da­her im Auf­trag der In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz ei­ne Ar­beits­grup­pe zu die­sem The­ma ein­ge­rich­tet.

Be­währ­te Ein­satz­me­tho­den wer­den oh­ne Not in Fra­ge ge­stellt, dis­kre­di­tiert und vor­ei­lig über Bord ge­wor­fen.

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