Hüh­ner­jagd auf Au­to­bahn

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Der Fah­rer ei­nes mit 7.500 Hüh­nern be­la­de­nen Lkw ist am 4. Ju­li 2017, kurz vor 5 Uhr, auf der West­au­to­bahn 1 bei St. Florian (Ober­ös­ter­reich) un­ter­wegs. Der 52-jäh­ri­ge Fah­rer ver­liert kurz die Kon­trol­le über den Lkw, kommt nach rechts von der Fahr­bahn ab und tou­chiert ei­nen Brü­cken­pfei­ler. Durch die Wucht des Auf­pralls ver­liert er den Groß­teil der Käs­ten, in de­nen die Tie­re trans­por­tiert sind. Nach knapp 200 Me­tern kommt er auf dem rech­ten Stand­strei­fen zum Ste­hen. Der Fah­rer bleibt un­ver­letzt und setzt den No­t­ruf ab.

Kurz nach 5 Uhr wer­den die Feu­er­weh­ren St. Florian und Rohr­bach auf die A1 Fahrt­rich­tung Wien zu ei­ner Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tung alar­miert. Be­reits bei der Alar­mie­rung ist be­kannt, dass sich Hüh­ner auf der Au­to­bahn be­fin­den. Das Aus­maß ist zu die­sem Zeit­punkt aber noch nicht be­kannt. Ins­ge­samt 25 Kräf­te der FF St. Florian rü­cken mit Kom­man­dofahr­zeug (KDO), Klein­rüst­fahr­zeug (KRFA) 2000, Tank­lösch­fahr­zeug (TLFA) 2000, Lösch­fahr­zeug (LFA) und Trans­port­fahr­zeug (LAST) aus. Die FF Rohr­bach fährt die Ein­satz­stel­le mit elf Kräf­ten so­wie Rüst­lösch­fahr­zeug (RLFA) 2000 und Mann­schafts­trans­port­fahr­zeug (MTF) an.

Schwie­ri­ge An­fahrt we­gen feh­len­der Ret­tungs­gas­se

Be­reits die An­fahrt ge­stal­tet sich schwie­rig, da ei­ni­ge Pkw-fah­rer die Be­triebs­um­lei­tung in Ebels­berg als Ab­fahrt von der Au­to­bahn nut­zen und so­mit die An­fahrt für die Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge in die­sem Be­reich er­schwe­ren. „Die Ret­tungs­gas­se hat zu kei­ner Zeit funk­tio­niert“, sagt Haupt­brand­in­spek­tor und 1. Kom­man­dant-stell­ver­tre­ter der FF St. Florian Mar­tin Pree. „Wir sind nicht ein­mal mit dem Vor­aus­rüst­fahr­zeug durch­ge­kom­men. Wir sind dann zu Fuß nach vor­ne ge­gan­gen und ha­ben an die Pkw-fah­rer und Lkw-fah­rer ap­pel­liert, Platz zu ma­chen. Nur mit mas­si­vem Zeit­auf­wand ha­ben wir es ge­schafft, durch­zu­kom­men.“

„An der Ein­satz­stel­le hat sich uns dann ein sehr ku­rio­ses Bild ge­bo­ten“, meint Ein­satz­lei­ter Mar­tin Pree. „Übe­r­all Hüh­ner. Tau­sen­de irr­ten auf ei­nem Stück der West­au­to­bahn her­um. Un­se­re Auf­ga­be war, uns ei­nen Über­blick zu ver­schaf­fen und die frei­lau­fen­den Hüh­ner ein­zu­fan­gen, da­mit sie nicht in den Ge­gen­ver­kehr kom­men und wei­te­re Ver­kehrs­un­fäl­le ver­ur­sa­chen.“Schnell ist klar, dass die Mann­schafts­stär­ke der bei­den Feu­er­weh­ren nicht aus­reicht. „Wir ha­ben die Feu­er­weh­ren As­ten, Ebels­berg und Pich­ling so­wie die Be­rufs­feu­er­wehr Linz hin­zu­alar­mie­ren las­sen.“

Um die Hüh­ner art­ge­recht ein­zu­fan­gen, lässt Pree ei­nen Tier­arzt ru­fen. Hy­gie­nisch ist der Ein­satz der Feu­er­wehr un­be­denk­lich. Nach Rück­spra­che mit dem Tier­arzt er­fährt der Haupt­brand­in­spek­tor: „Die Tie­re wä-

Ein Tier­trans­por­ter tou­chiert auf der Au­to­bahn 1 bei St. Florian (Ös­ter­reich) mit sei­nem Fahr­zeug ei­nen Brü­cken­pfei­ler. Der Lkw ge­rät ins Schleu­dern und ver­liert den Groß­teil der La­dung: 7.500 in Käs­ten trans­por­tier­te Hüh­ner. Zir­ka 5.000 Tie­re lau­fen auf die Fahr­bahn. Zahl­rei­che Feu­er­wehr­hän­de sind nö­tig, um al­le Tie­re ein­zu­fan­gen.

Ein­ge­setz­te Kräf­te

FF St. Florian: 25 Kräf­te mit KDO, KRFA 200, TLFA 2000, LFA und LAST. FF Rohr­bach: 11 Kräf­te mit RLFA 2000 und MTF. FF As­ten: 16 Mann mit RLFA 4000, KRFA und MTF. FF Ebels­berg: 13 Kräf­te mit TLFA 3000, LFB-A1 und MTF. FF Pich­ling: 11 Kräf­te mit TLFA 3000 und LFB-A1. BFK Linz-land: 1 Kraft mit KDO. BF Linz: 15 Kräf­te mit KDO und 2 RLFT 2400/200. Au­to­bahn­po­li­zei Ans­fel­den: 2 Kräf­te mit ei­nem Strei­fen­wa­gen. Sons­ti­ge: Stra­ßen­meis­te­rei Ans­fel­den mit 6 Mit­ar­bei­tern und 3 Fahr­zeu­gen, Fir­ma Mit­ter (Ent­sor­ger to­ter Tie­re und de­fek­ter Be­häl­ter) mit 2 Mit­ar­bei­tern und 2 Fahr­zeu­gen, Amt­s­tier­ärz­tin.

ren zur Schlach­tung vor­be­rei­tet ge­we­sen. Das heißt, es ist ei­ne Ge­sund­heits­kon­trol­le durch­ge­führt wor­den. Un­se­re Kräf­te tra­gen Ein­weg­hand­schu­he und die Ein­satz­klei­dung wird an­schlie­ßend ent­spre­chend ge­rei­nigt.“

Hand­ar­beit ist ge­fragt

Die noch le­ben­den Tie­re sit­zen teil­wei­se auf dem zer­stör­ten Lkw, den zer­bro­che­nen Kunst­stoff­kä­fi­gen und auf der Leit­plan­ke. Vie­le krie­chen auch in den et­wa ei­nen Me­ter brei­ten, mit Grün­zeug be­wach­se­nen Strei­fen zwi­schen Leit­plan­ke und Lärm­schutz­wand. Durch ei­ne mehr als ei­nen Me­ter ho­he, durch­ge­hen­de Be­ton­ab­tren­nung ge­lan­gen kei­ne Tie­re auf die Ge­gen­fahr­bahn. Der Ver­kehr kann dort des­halb wei­ter­flie­ßen.

Ins­ge­samt 120 Ein­satz­kräf­te su­chen zu­nächst die noch in­tak­ten Kä­fi­ge zu­sam­men, in wel­chen die Hüh­ner ab­trans­por­tiert wer­den kön­nen. Dann fan­gen sie die Tie­re nach und nach ein und set­zen sie in die Kör­be. Das Trans­port­un­ter­neh­men des ver­un­glück­ten Lkw schickt ei­nen wei­te­ren Tier­trans­por­ter, in den die Feu­er­weh­ren die le­ben­den Hüh­ner ein­la­den. Für den Ab­trans­port der to­ten Tie­re und der Wrack­tei­le des zer­stör­ten Lkw lässt der Ein­satz­lei­ter ei­ne wei­te­re Fir­ma mit zwei Lkw hin­zu­ho­len.

Es dau­ert meh­re­re St­un­den, bis al­le Tie­re ver­la­den und die zer­bro­che­nen Kä­fi­ge von der Stra­ße ge­räumt sind. Wäh­rend die­ser Zeit bil­det sich ein et­wa 15 Ki­lo­me­ter lan­ger Rück­stau auf der ge­sperr­ten Spur. Zahl­rei­che Schau­lus­ti­ge sam­meln sich hin­ter der Ab­sper­rung, um den Feu­er­wehr­leu­ten bei der Ar­beit zu­zu­se­hen. Auch in Fahrt­rich­tung Salzburg kommt es auf­grund der vie­len Gaf­fer zu ei­nem ki­lo­me­ter­lan­gen Rück­stau. Es kommt zu meh­re­ren klei­ne­ren Auf­fahr­un­fäl­len.

Als sechs Mit­ar­bei­ter der Stra­ßen­meis­te­rei Ans­fel­den mit drei Fahr­zeu­gen die

Huhn als blin­der Pas­sa­gier in Ein­satz­fahr­zeug

Meh­re­re Hüh­ner ent­rin­nen dem Tod im Schlacht­hof. Ein Vo­gel hat es ir­gend­wie ge­schafft, un­er­kannt in ei­nes der Ein­satz­fahr­zeu­ge der Feu­er­wehr St. Florian zu kom­men. Als blin­der Pas­sa­gier ver­lässt das Tier beim Ein­rü­cken der Frei­wil­li­gen die Un­fall­stel­le. Am Feu­er­wehr­haus ent­de­cken es die Kräf­te. In ei­ner Kis­te brin­gen sie das Huhn zu ei­nem Hof mit ei­ner Klein­tier­zucht in St. Florian. Der Ei­gen­tü­mer er­klärt sich ger­ne be­reit, das Huhn auf­zu­neh­men. Ei­nen Tag nach dem Un­fall mel­det je­mand der Po­li­zei, ei­ne Hen­ne ne­ben der A 1 ge­fun­den und ge­ret­tet zu ha­ben. Am Frei­tag fin­det die Au­to­bahn­po­li­zei Haid drei wei­te­re Hüh­ner im Be­reich der Aus­fahrt As­ten/st. Florian. Die­se kom­men eben­falls im Hof des Klein­tier­züch­ters un­ter.

Nach­dem ein Tier­trans­por­ter auf der Au­to­bahn bei St. Florian (A) ver­un­glückt ist, muss die Feu­er­wehr tau­sen­de Hüh­ner von der Fahr­bahn ret­ten und ber­gen. 120 Kräf­te sind 4 St­un­den mit die­ser un­ge­wöhn­li­chen Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tung be­schäf­tigt.

Da ist Hand­ar­beit ge­fragt. Ein­satz­kräf­te su­chen die in­tak­ten Kä­fi­ge für die le­ben­den Tie­re zu­sam­men. Vie­le Hüh­ner ver­krie­chen sich zwi­schen Leit­plan­ke und Schall­schutz­wand – ei­ne schwer zu er­rei­chen­de Stel­le.

Die­se Vo­gel­bo­xen wer­den zum Ab­trans­port in ei­nen Trans­por­ter ge­la­den. Ein Fuhr­un­ter­neh­men sam­melt mit ei­nem Kran die zer­bro­che­nen Kä­fi­ge und Wrack­tei­le des Un­fall-lkw ein.

Hin­ter der Ab­sper­rung der Feu­er­wehr sam­meln sich zahl­rei­che Schau­lus­ti­ge, um die Ar­beit der Kräf­te zu be­ob­ach­ten.

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