Coo­le Ide­en von Stu­den­ten zur Mit­glie­der­wer­bung!

Ret­tet die Feu­er­wehr

Feuerwehr-Magazin - - Erste Seite -

Im Au­gust 2016 liest Alex­an­der Dö­pel ei­ne Sta­tis­tik, die sein bis­he­ri­ges Bild vom Feu­er­wehr­we­sen schlag­ar­tig ver­än­dert: Rund 96 Pro­zent der Feu­er­wehr­leu­te in Deutsch­land sind eh­ren­amt­lich tä­tig. Bis­lang ist der Uni­ver­si­täts­do­zent und preis­ge­krön­te Gestal­ter für vi­su­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on da­von aus­ge­gan­gen, dass sich die An­zahl frei­wil­li­ger und haupt­amt­li­cher be­zie­hungs­wei­se Be­rufs­feu­er­wehr­kräf­te die Waage hal­ten wür­den. An­ders konn­te er sich die per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit der Ein­satz­kräf­te nicht er­klä­ren – ein weit­ver­brei­te­ter Irr­tum.

„Mir ist plötz­lich be­wusst ge­wor­den, wel­che un­ge­heu­re Last frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren schul­tern und was dies – nicht zu­letzt auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels – für die künf­ti­ge Ein­satz­fä­hig­keit be­deu­tet“, er­klärt der 36-Jäh­ri­ge. Von Neu­gier an­ge­trie­ben, ent­schei­det er sich da­zu, mit sei­nem Freund Dr. Hol­ger Won­drac­zek über die struk­tu­rel­len Pro­ble­me frei­wil­li­ger Feu­er­weh­ren zu dis­ku­tie­ren. Der 34-jäh­ri­ge Won­drac­zek ist stell­ver­tre­ten­der Orts­brand­meis­ter der FF Bu­cha (Saa­le-holz­land-kreis).

Im Ver­lauf die­ses Ge­sprächs ent­wi­ckeln die zwei ei­ne Se­mi­na­r­idee für das Som­mer­se­mes­ter 2017: ein Pro­jekt zur Ret­tung der frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren. Dö­pel tauft den Kurs auf den Na­men „Frei­wil­lig“.

Feu­er­wehr­übun­gen ver­bin­den

Auf­merk­sam­keit zu er­zeu­gen, um die öf­fent­li­che Wert­schät­zung ge­gen­über der Feu­er­wehr zu stei­gern, so for­mu­liert der Do­zent die­se Kurs­be­schrei­bung. Zehn Stu­die­ren­de mel­den sich auf An­hieb an. Die­se Ent­schei­dung ha­ben sie nicht be­reut. „Nicht nur der

Vie­le klei­ne Weh­ren sind in ih­rer Exis­tenz be­droht. Zehn Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­tät Wei­mar (TH) ha­ben sich da­mit be­schäf­tigt, wie sich Feu­er­weh­ren ret­ten las­sen. Sie ent­wi­ckel­ten Kon­zep­te zur Mit­glie­der­­ge­win­nung und Öf­fent­lich­keits­ar­beit. Wir stel­len die span­nens­ten Ide­en vor.

Pra­xis­be­zug, son­dern auch die Übun­gen, die wir mit der Feu­er­wehr er­le­ben, ma­chen das Pro­jekt ein­zig­ar­tig“, be­rich­tet die 19-jäh­ri­ge Se­mi­nar­teil­neh­me­rin An­na Graf.

Für Won­drac­zek ist es wich­tig, dass die Stu­die­ren­den im Vor­feld der Kon­zept­pha­se am re­gu­lä­ren Übungs­be­trieb der Wehr teil­neh­men. „Ei­ner­seits sol­len die Pro­jekt­teil­neh­mer ein rea­lis­ti­sches Bild da­von be­kom­men, wo­mit sich ei­ne klei­ne Wehr, wie wir es sind, aus­ein­an­der­set­zen muss“, er­klärt der 34-Jäh­ri­ge. Rund 60 Ka­me­ra­den sind in sei­ner Wehr in Bu­cha ak­tiv. „An­der­seits sol­len sie ein Ge­fühl da­für be­kom­men, wie va­ri­an­ten­reich die Ar­beit der Feu­er­wehr ist “, er­läu­tert er wei­ter.

„Da ha­ben al­le erst ein­mal so rich­tig ge­merkt, was die Feu­er­wehr­leu­te ei­gent­lich leis­ten, denn nach den Übungs­diens­ten wa­ren sie fix und fer­tig“, sagt Pro­jekt­lei­ter Dö­pel. Am En­de der zwei­ten ge­mein­sa­men Übung sit­zen Feu­er­wehr­leu­te und Stu­die­ren­de ge­mein­sam im Feu­er­wehr­haus und es­sen Sol­jan­ka – ei­ne säu­er­lich-schar­fe Sup­pe – und Eier­ku­chen.

Vor­ur­tei­le über­win­den

„Wir ha­ben zum Teil bis 23 Uhr dis­ku­tiert“, sagt Won­drac­zek be­geis­tert. Da­bei hat es den Feu­er­wehr­mann an­fangs reich­lich Ar­beit ge­kos­tet, sei­ne Ka­me­ra­den für das Pro­jekt zu be­geis­tern. Ei­ni­ge Feu­er­wehr­leu­te stan­den der Zu­sam­men­ar­beit mit Aka­de­mi­kern kri­tisch ge­gen­über, weil sie alt­be­kann­te Vor­ur­tei­le heg­ten – zum Bei­spiel, dass die Stu­die­ren­den sich für et­was Bes­se­res hal­ten wür­den. Auch die Pro­jekt­teil­neh­mer konn­ten durch die ge­mein­sa­me Zeit mit den Feu­er­wehr­leu­ten vor­ge­fer­tig­te Denk­mus­ter über­win­den. „Mei­ne per­sön­li­chen Vor­stel­lun­gen ha­ben sich im Lau­fe des Pro­jekts sehr stark ver­än­dert. Die meis­ten Men­schen den­ken bei der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr doch eher an ei­nen dörf­li­chen Ver­ein, des­sen Mit­glie­der am Abend nach dem Brand ger­ne auch noch den Durst lö­schen“, führt Graf aus. Wie ein Groß­teil der Ge­sell­schaft konn­ten sich die Stu­die­ren­den vor Pro­jekt­be­ginn kein Bild von der Feu­er­wehr ma­chen. „Vor­her war ich im Grun­de voll­kom­men un­in­for­miert und hat­te kei­ne rech­te Vor­stel­lung, was das Auf­ga­ben­feld der Feu­er­weh­ren al­les um­fasst. Mir

war auch nicht be­wusst, dass der al­ler­größ­te Teil der deut­schen Feu­er­weh­ren frei­wil­lig ist“, sagt der 22-jäh­ri­ge Kurs­teil­neh­mer Ro­bin Lind­ner.

Die Ge­sell­schaft auf­rüt­teln

Das er­wor­be­ne Wis­sen, die ge­sam­mel­ten Er­fah­run­gen bei den Feu­er­wehr­übun­gen und der en­ge Kon­takt zu den Feu­er­wehr­leu­ten be­flü­gelt die Pro­jekt­grup­pe bei der Ide­en­fin­dung. Al­len Be­tei­lig­ten ist schnell klar, dass sie un­kon­ven­tio­nel­le An­sät­ze be­nö­ti­gen, um Auf­merk­sam­keit zu ge­ne­rie­ren. „Wir wol­len mit den Kon­zep­ten auf­rüt­teln, po­la­ri­sie­ren, den öf­fent­li­chen Kurs be­flü­geln“, sagt Dö­pel. Da­zu knüpft der 36-Jäh­ri­ge auch Kon­takt zum Thü­rin­ger Feu­er­wehr­ver­band. Die­ser steht der Pro­jekt­grup­pe be­ra­tend zur Sei­te und ver­sorgt die Stu­die­ren­den kon­ti­nu­ier­lich mit ak­tu­el­len Fak­ten.

Ei­ne Zwi­schen­prä­sen­ta­ti­on vor den Mit­glie­dern der FF Buchau stellt si­cher, dass die Stu­die­ren­den mit ih­ren Ide­en auf dem rich­ti­gen Weg sind. Die nächs­ten Wo­chen ist Fein­ar­beit an­ge­sagt. An Mo­ti­va­ti­on man-

gelt es den Teil­neh­mern nicht. „Die Men­schen schät­zen die Feu­er­wehr zwar sehr, er­ken­nen aber kaum das Pri­vi­leg, über­haupt ei­ne in ih­rem Ort zu ha­ben. Der gra­vie­ren­de Mit­glie­der­schwund ist ih­nen erst recht nicht be­wusst“, er­klärt die 22-jäh­ri­ge Corinna Lo­bin­ger, „den Leu­ten müs­sen die Au­gen ge­öff­net wer­den, da darf man sie auch mal scho­cken.“

Am 5. Ju­li ist es dann so weit: Die zehn Stu­die­ren­den prä­sen­tie­ren ih­re fi­na­len Kon­zep­te vor ver­sam­mel­ter Mann­schaft im Feu­er­wehr­haus Bu­cha. Die Feu­er­wehr­leu­te sind be­geis­tert.

Mit Pro­vo­ka­ti­on zum Er­folg

„Das größ­te Po­ten­zi­al ha­ben die Kon­zep­te, die am meis­ten pro­vo­zie­ren“, fin­det Won­drac­zek. Dar­un­ter die Idee von Ro­bin Lind­ner und Mar­le­ne Utz: Sie wol­len auf der Flä­che vor dem Deut­schen Bun­des­tag 6.061 schwarz la­ckier­te Feu­er­lö­scher auf­stel­len. Die Feu­er­lö­scher-in­stal­la­ti­on steht für die 6.061 Feu­er­weh­ren, die in den letz­ten 10 Jah­ren ge­schlos­sen wer­den muss­ten. „Ei­nen Teil der Feu­er­lö­scher konn­ten wir für die Ak­ti­on schon be­schaf­fen, schwie­ri­ger wird es, ei­ne Ge­neh­mi­gung für das Auf­stel­len auf dem Platz zu er­hal­ten“, sagt Dö­pel. Bei so ei­ner Ak­ti­on wä­re die Wirk- sam­keit auf­grund des Me­dien­echos groß, weiß der Ex­per­te.

An­na Graf setzt mit ih­rem Kon­zept auf den Über­ra­schungs­ef­fekt. Ge­treu dem Mot­to „Helfen kommt nie aus der Mo­de“möch­te sie Ein­satz­be­klei­dung in­mit­ten von Mo­de­ge­schäf­ten plat­zie­ren. „Ei­ne Schau­fens­ter­pup­pe mit Auf­stel­ler soll so die Men­schen an Ak­ti­ons­ta­gen auf die ver­schie­de­nen Pro­ble­ma­ti­ken der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr auf­merk­sam ma­chen“, er­läu­tert sie.

Ein drit­tes Kon­zept mit kon­kre­tem, re­gio­na­lem Um­set­zungs­po­ten­zi­al stammt von Corinna Lo­bin­ger. Die 22-Jäh­ri­ge hat ge­mein­sam mit Sa­b­ri­na Reis und Kat­ha­ri­na Kle­mann Leit­li­ni­en für deut­sche Au­to­bah­nen aus­ge­ar­bei­tet: Mit ein­deu­ti­gen Fahr­bahn­mar­kie­run­gen und pas­sen­den Ver- kehrs­schil­dern soll auf das rich­ti­ge Bil­den ei­ner Ret­tungs­gas­se hin­ge­wie­sen wer­den.

Auch wenn die Um­set­zung der ent­wi­ckel­ten Kon­zep­te noch nicht ab­seh­bar ist, steht für Dr. Won­drac­zek jetzt schon fest, dass sich das Pro­jekt ge­lohnt hat. „Der Kurs hat zwei un­ter­schied­li­che ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zu­sam­men ge­bracht, die sonst wahr­schein­lich nie mit­ein­an­der zu tun ge­habt hät­ten und auch nie ein kon­kre­tes Bild da­von be­kom­men hät­ten, was der je­weils an­de­re so tut.“Alex­an­der Dö­pel kann sich eben­falls vor­stel­len, solch ein Pro­jekt zu wie­der­ho­len.

Ein Blick­fang, der neu­gie­rig macht: Mar­le­ne Utz und Ro­bin Lind­ner, zwei 22-jäh­ri­ge Stu­die­ren­de der Vi­su­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, wol­len mit ih­rem schwarz la­ckier­ten Feu­er­lö­scher be­wusst pro­vo­zie­ren. 6.061 Feu­er­lö­scher sol­len vor dem Deut­schen Bun­des­tag sym­bol

„Zeig Re­spekt“: Stu­die­ren­de der Uni Wei­mar ha­ben sich im Som­mer­se­mes­ter 2017 Wer­be­kam­pa­gnen zur Ret­tung frei­wil­li­ger Feu­er­weh­ren aus­ge­dacht. Hier zwei Pla­kat­ent­wür­fe von An­na Graf.

Ret­tungs­gas­se rich­tig bil­den mit ein­deu­ti­gen Fahr­bahn­mar­kie­run­gen und pass­sen­den Schil­dern: Die­se Idee kann schon in die­sem Jahr auf ei­nem Teil­ab­schnitt der A4 Na­he Je­na Rea­li­tät wer­den. Die Er­fin­de­rin­nen be­fin­den sich ak­tu­ell in Ge­sprä­chen mit den Be­hörd

Feu­er­wehr-ein­satz­klei­dung in­mit­ten ei­nes Mo­de­ge­schäf­tes: Da­mit will An­na Graf Men­schen in ei­nem Um­feld ab­fan­gen, wo sie sich un­ge­zwun­gen mit dem The­ma frei­wil­li­ge Feu­er­wehr aus­ein­an­der­set­zen kön­nen. Fo­tos (3): Graf

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