Ein­satz per Lösch­kahn

Feuerwehr-Magazin - - Reportage -

Als in der Nacht vom 13. auf den 14. Au­gust 2016 der Ein­satz­ort „Kau­pen Nr. 6“über die di­gi­ta­len Mel­de­emp­fän­ger der Lüb­be­n­au­er Feu­er­wehr­leu­te kommt, ist dem dienst­ha­ben­den Ein­satz­lei­ter Stef­fen Ne­u­mann so­fort klar, was auf dem Spiel steht. „Kau­pen Nr. 6“ist ein Re­stau­rant in ei­nem fast 200 Jah­re al­ten Holz­haus mit­ten im Spree­wald. Das Grund­stück ist au­ßer auf dem Was­ser­weg nur über ei­nen schma­len Wie­sen­pfad zu er­rei­chen. „Der ers­te An­griff wur­de dann auch vom Feu­er­wehr­kahn der Lösch­grup­pe Leh­de ge­star­tet“, er­in­nert sich Neu­mann. Der stell­ver­tre­ten­de Stadt- wehr­füh­rer von Lüb­ben­au (Kreis Ober­spree­wald-lau­sitz) möch­te die Ein­heit mit dem Lösch­kahn nicht mis­sen. Eben­so nicht die Ret­tungs­käh­ne des Lösch­zugs Lüb­ben­auNeu­stadt und der Orts­wehr Lei­pe.

„Wir kön­nen dank der Trag­krafts­prit­ze auf dem 8,5 Me­ter lan­gen und 1,80 Me­ter

Um im weit­läu­fi­gen Spree­wald ab­ge­le­ge­ne Häu­ser schnell zu er­rei­chen, setzt die FF Lüb­ben­au (BB) auf Käh­ne. Ei­nen zum Lö­schen, zwei zum Ret­ten. Fast 400 Ein­satz­kräf­te ste­hen in dem Tou­ris­ten­ort in 16 Ein­hei­ten be­reit.

brei­ten Kahn di­rekt Was­ser an­sau­gen und so so­fort ei­nen Lösch­an­griff star­ten, auch in den ab­ge­le­ge­nen Ge­bie­ten, zu de­nen wir die Tech­nik un­se­rer Fahr­zeu­ge sonst erst müh­sam tra­gen müss­ten“, er­klärt Ne­u­mann. An­ge­trie­ben wird das Was­ser­fahr­zeug von ei­nem 2-Zy­lin­der-mo­tor von Ya­ma­ha (8 PS). Die Be­sat­zung be­steht aus acht Per­so­nen.

Kau­pen ist wen­disch (sla­wisch) und be­deu­tet In­sel. Und von de­nen gibt es im Spree­wald ei­ni­ge. 1.575 Ki­lo­me­ter Was­ser­ar­me (Flie­ße ge­nannt) zer­tei­len das mehr als 48.000 Hekt­ar gro­ße Ge­biet in vie­le klei­ne Ab­schnit­te. Das Was­ser stammt aus der Spree, die im Lau­sit­zer Berg­land un­weit der tsche­chi­schen Gren­ze ent­springt. „30 Pro­zent der Ge­höf­te sind nur auf dem Was­ser­weg per Kahn er­reich­bar“, be­rich­tet Mar­co Storch, Lösch­grup­pen­füh­rer in Leh­de. Und im Win­ter? „Dann müs­sen wir hof­fen, dass das Eis trag­fä­hig ist, sonst ha­ben wir es wirk­lich schwer“, sagt er. „Als das Gast­haus brann­te, bin ich mit dem Fahr­rad zur Ein­satz­stel­le und hab dort dann nach dem Zustieg auf den Kahn die Be­die­nung der Trag­krafts­prit­ze über­nom­men“, be­rich­tet Wolf­gang Gahl von der Lösch­grup­pe Leh­de. Die TS 8/8 Ul­tra­leicht von Zieg­ler steht fest ver­an­kert mit­tig auf dem Lösch­kahn. Über ei­nen Stütz­krüm­mer ist ein form­sta­bi­ler Schlauch an­ge­schlos­sen, der an der Front des Lösch­kahns ei­nen fest mon­tier­ten Wer­fer ( bis zu 500 Li­ter pro Mi­nu­te) speist. Gahl: „Wir kön­nen dank des mit­ge­führ­ten Schlauch­ma­te­ri­als aber auch an Land ei­nen Lösch­an­griff in ganz kon­ven­tio­nel­ler Art von der TS aus star­ten.“Nach Wün­schen der Feu­er­wehr wur­de das von der Kahn­fähr­ge­nos­sen­schaft ge­spon­ser­te Alub­oot 1993 ge­baut. „1997 ha­ben wir dann un­se­ren ei­ge­nen Schup­pen be­kom­men“, be­rich­tet Ha­rald Wens­ke von der Lösch­grup­pe Leh­de. In Holz­bau­wei­se mit Reet­dach und den bei­den gro­ßen ro­ten Flü­gel­tü­ren ist er ein Hin­gu­cker für die Tou­ris­ten im Spree­wald.

Ret­tungs­dienst und Feu­er­wehr mit Mo­tor­kahn

Kei­ne 200 Me­ter Fuß­weg sind es vom zen­tra­len Park­platz un­weit des Gur­ken­mu­se­ums zum Schup­pen der Feu­er­wehr. Bei Alarm be­set­zen die er­fah­re­nen Fah­rer den Lösch­kahn und steu­ern auf kür­zes­tem Weg den ge­mel­de­ten Ein­satz­ort an. „Et­wa drei Mal im Jahr sind wir ent­spre­chend ge­for­dert“, sagt Storch. Un­ter­stüt­zung auf dem Was­ser­weg wür­de dann pri­mär durch die Orts­wehr Lei­pe kom­men. An de­ren Stütz­punkt an der Lei­per Dorf­stra­ße wur­de 2013 ein An­bau er­rich­tet, der Platz für den da­mals be­schaff­ten Ret­tungs­kahn bie­tet.

Vom Lei­per Dorf­f­ließ aus geht es im Ein­satz­fall auf die Haupt­spree, von der dann wei­te­re Flie­ße ab­zwei­gen. An­fahrts­weg bis nach Leh­de: et­wa 2 Ki­lo­me­ter. „Au­ßer­dem be­sit­zen wir, stets auf ei­nem Trai­ler ver-

las­tet, ei­nen wei­te­ren Ret­tungs­kahn, der je nach Ein­satz­stich­wort be­la­den und am ge­eig­ne­ten Ort zu Was­ser ge­las­sen wer­den könn­te“, er­klärt Stadt­wehr­füh­rer Hart­mut Was­ser­mann, der auch die Stütz­punkt­feu­er­wehr Lüb­ben­au lei­tet. Der Trai­ler ist im Feu­er­wehr­haus des Lösch­zugs Neu­stadt, der Stütz­punkt­wehr, sta­tio­niert. Der Ret­tungs­dienst be­sitzt ein wei­te­res Boot.

Zur Be­la­dung des Lösch­kahns ge­hö­ren ne­ben der TS 8/8 auch ein Strom­er­zeu­ger für die Be­leuch­tungs­ein­rich­tung (zwei 1.000-Watt-strah­ler), ei­ne Mo­tor­ket­ten­sä­ge, Ar­ma­tu­ren und Zu­be­hör. Der Ret­tungs­kahn ist per­ma­nent mit ei­ner Schleif­korb­tra­ge auf ei­ner spe­zi­el­len Hal­te­rung be­la­den. Wäh­rend der Kahn in Leh­de stän­dig im Was­ser liegt, kann der in Lei­pe auf ei­nem roll­ba­ren Ge­stell mit Hil­fe ei­ner Seil­win­de in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten die 10 Me­ter aus dem Schup­pen an die Ufer­kan­te ge­bracht und zu Was­ser ge­las­sen wer­den.

„Die Käh­ne der Feu­er­wehr und des Ret­tungs­diens­tes sind ne­ben de­nen der Jä­ger und Fi­scher die ein­zi­gen Boo­te im Spree­wald, die auch mit Mo­tor­kraft fah­ren dür­fen“, sagt Wolf­gang Loss­ack von der Orts-

| Ein­ma­li­ge Samm­lung his­to­ri­scher Fahr­zeu­ge

In der Hal­le ei­ner ehe­ma­li­gen Land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons-ge­nos­sen­schaft (LPG) bei Bo­b­litz ste­hen wah­re Schät­ze der DDRFeu­er­wehr­tech­nik ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te. Fast 40 Fahr­zeu­ge, vom Ga­rant über LO und W50 bis zum S4000, ge­hö­ren ei­nem ört­li­chen Un­ter­neh­mer. Mit Un­ter­stüt­zung der Old­ti­mer­grup­pe der Feu­er­wehr Lüb­ben­au be­wahrt er die Fahr­zeu­ge vor der Ver­schrot­tung und bringt sie wie­der auf Vor­der­mann. 25 Ol­dies sind be­reits voll­stän­dig re­stau­riert.

Der ab­so­lu­te Hin­gu­cker und welt­weit ein­zig­ar­tig ist ei­ne Dreh­lei­ter (DL) 44 h, die Ma­gi­rus 1973 auf ei­nem ge­brauch­ten Fahr­ge­stell vom Typ Ta­tra 813 8x8 auf­ge­baut hat­te. Da­vor war der Ko­loss als Trä­ger­fahr­zeug ei­ner Ra­ke­te bei der Ar­mee im Ein­satz. Die Mann­schafts­ka­bi­ne bie­tet Platz für sie­ben Feu­er­wehr­leu­te. Zu­letzt stand die DL 44 h bis 2001 in Prag im Di­enst. Nach­dem sie jah­re­lang un­ter frei­em Him­mel ab­ge­stellt war, kam sie nach Bo­b­litz und wur­de re­stau­riert. Der Lei­ter­park ist kom­plett funk­ti­ons­tüch­tig, nur die Auf­zugs­ein­rich­tung fehlt. Der V12-mo­tor leis­tet 270 PS und ver­braucht durch­schnitt­lich 60 Li­ter auf 100 Ki­lo­me­ter.

Bis vor ei­ni­gen Jah­ren wur­den die Old­ti­mer auch noch re­gel­mä­ßig bei ei­ner gro­ßen Aus­fahrt in Lüb­ben­au prä­sen­tiert, doch ge­setz­li­che Auf­la­gen, wie die For­de­rung nach gül­ti­gem TÜV, ver­hin­dern das heu­te.

Reich­lich Ddr-tech­nik und ein Opel Blitz im Fuhr­park

Die Orts­weh­ren sind ganz un­ter­schied­lich aus­ge­stat­tet, teil­wei­se noch mit der Tech­nik, die sie vor der Ge­mein­de­ge­biets­re­form oder zu Ddr-zei­ten hat­ten. In Bo­b­litz et­wa ste­hen ein erst 4 Jah­re al­tes TLF 20/40 mit Staf­fel­ka­bi­ne nach Lan­des­be­schaf­fung, in Klein Rad­den ein 45 Jah­re al­tes LF 16 auf IFA W50 und in Bi­sch­off ein Lösch­grup­pen­fahr­zeug (LF) 8 auf Ro­bur LO. Meh­re­re Fahr­zeu­ge aus Ddr-pro­duk­ti­on sind bis heu­te im Di­enst und müs­sen noch ei­ni­ge Jah­re durch­hal­ten.

Die Lösch­grup­pe Zerk­witz kann ein mo­der­nes Mitt­le­res Lösch­fahr­zeug (MLF) zum Ein­satz brin­gen, die Lösch­grup­pe Krim­nitz hat noch ein LF 8 auf Ba­sis ei­nes Opel Blitz aus dem Bau­jahr 1973. Das Fahr­zeug konn­te kurz nach der Wen­de sehr güns­tig be­schafft wer­den. „Ich wür­de mir wün­schen, dass die Stadt er­kennt, dass sie bei der ei­nen oder an­de­ren Ein­heit auch mal et­was Geld für neue Tech­nik in die Hand neh­men müss­te. Das wür­de die Ka­me­ra­den auch zu­sätz­lich mo­ti­vie­ren“, ist Schul­ze über­zeugt. Er ist seit 1984 in der Feu­er­wehr ak­tiv, nach ei­ner hand­werk­li­chen Aus­bil­dung hat er sein Hob­by bei der Ber­li­ner Be­rufs­feu­er­wehr zu sei­nem Haupt­er­werb ge­macht. „Be­ruf und Eh­ren­amt er­gän­zen sich gut“, sagt er. „Et­wa bei der Aus­bil­dung mei­ner Mann­schaft kann ich von mei­nen Kennt­nis­sen aus Ber­lin pro­fi­tie­ren.“

Auf dem HLF 20 und dem TLF 16/25 des Lösch­zugs Neu­stadt so­wie auf dem TLF 16/24-Tr des Lösch­zugs Alt­stadt fin­den sich die drei hy­drau­li­schen Ret­tungs­sät­ze der Feu­er­wehr Lüb­ben­au für die tech­ni­sche Hil­fe nach Ver­kehrs­un­fäl­len. „Wenn es grö­ße­re Ein­sät­ze sind, ar­bei­ten wir oft mit den bei­den nächst­ge­le­ge­nen Stütz­punkt­weh­ren Vet­schau und Ca­lau zu­sam­men. Die Zu­sam­men­ar­beit ist rich­tig klas­se, wir be­schaf­fen so­gar ge­mein­sam, da­mit un­se­re Ge­rät­schaf­ten ge­ge­be­nen­falls kom­pa­ti­bel sind“, be­rich­tet Was­ser­mann.

Auch im Lösch­zug Ge­fahr­gut des Krei­ses Ober­spree­wal­dLau­sitz un­ter Ver­ant­wor­tung des Kreis­brand­meis­ters ar­bei­ten die drei Ein­hei­ten zu­sam­men. Durch das BASF-WERK in Schwarz­hei­de ist bei Be­darf im Zu­sam­men­hang mit Ge­fahr­stof­fen schnell kom­pe­ten­te Be­ra­tung greif­bar.

Un­zu­frie­den mit Lan­des­be­schaf­fung

Un­ter­stüt­zung leis­tet man sich auch ge­gen­sei­tig, wenn es zu ei­nem der in der Re­gi­on ge­fürch­te­ten Wald­brän­de kommt. „Glück­li­cher­wei­se ist das bei uns in den

Lüb­ben­au/spree­wald

In der bran­den­bur­gi­schen Stadt Lüb­ben­au/spree­wald sind seit der letz­ten Ge­mein­de­ge­biets­re­form 2003 die Ort­schaft Lüb­ben­au so­wie 14 um­lie­gen­de ehe­mals ei­gen­stän­di­ge Ge­mein­den zu­sam­men­ge­fasst. Das Stadt­ge­biet um­fasst da­durch fast 140 Qua­drat­ki­lo­me­ter. Lüb­ben­au in der Nie­der­lau­sitz be­fin­det sich im Land­kreis Ober­spree­wald-lau­sitz, et­wa 80 Ki­lo­me­ter süd­öst­lich von Ber­lin. Zu Ddr-zei­ten hat­ten vor al­lem das Kraft­werk mit 1,3 Gi­ga­watt Leis­tung (bis zu 5.000 Mit­ar­bei­ter) und der Braun­koh­le­ta­ge­bau die Re­gi­on ge­prägt. In den 1970er Jah­ren wur­de der Stadt­teil Neu­stadt neu er­rich­tet. Nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung kam ver­stärkt der Tou­ris­mus in Schwung. Lüb­ben­au gilt mit dem Bio­sphä­ren­re­ser- vat Spree­wald als „Stadt der Kahn­fahrt“. Die 48.400 Hekt­ar gro­ße Nie­de­rung ist durch­zo­gen vom so ge­nann­ten „Fließ­netz“. Flie­ße sind die zu­sam­men 1.575 Ki­lo­me­ter lan­gen Sei­ten­ar­me der Spree. Selbst Müll­ab­fuhr und Post kom­men per Kahn in die teil­wei­se nur auf dem Was­ser­weg er­reich­ba­ren Sied­lun­gen.

Au­ßer­dem gilt Lüb­ben­au auch als „Stadt der Gur­ken“. Das Gur­ken­ein­le­gen hat ei­ne mehr als 100 Jah­re al­te Tra­di­ti­on. Im­mer am ers­ten Ju­li-wo­che­n­en­de kann der „Lüb­be­n­au­er Gur­ken­markt“er­lebt wer­den, au­ßer­dem la­den am Gro­ßen Spree­wald­ha­fen Stän­de der Gur­ken­mei­le zum Pro­bie­ren ein.

1685 und 1708 wur­den bei zwei Stadt­brän­den na­he­zu al­le his­to­ri­schen Ge­bäu­de zer­stört. Ab 1817 wur­de das Schloss er­rich­tet, das heu­te nach ei­ner auf­wen­di­gen Sa­nie­rung ein Ho­tel be­her­bergt.

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