So las­sen sich Ak­ti­ve auch ver­grau­len

Feuerwehr-Magazin - - Briefe - Al­brecht Fritsch, 81671 Mün­chen

Seit vie­len Jah­ren le­se ich Ihr Heft und bin von der Qua­li­tät und Be­richt­er­stat­tung im­mer wie­der be­geis­tert.

Seit ei­ni­gen Jah­ren grei­fen Sie das The­ma „Mit­glie­der ge­win­nen“auf. Mit ver­schie­de­nen Ak­tio­nen im letz­ten Jahr wie Frau­en­power, In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen oder dem Wett­be­werb „Gol­de­nes Sam­mel­stück: Mit­glie­der fin­den und bin­den“ha­ben Sie wie­der­holt die Wich­tig­keit die­ses The­mas un­ter­stri­chen. Ger­ne wür­de ich die­ses The­ma ein­mal un­ter ei­nem an­de­ren Aspekt be­trach­ten und da­zu mei­nen Le­bens­lauf in der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr kurz skiz­zie­ren:

Frü­her durch be­ruf­li­che Grün­de mei­ner El­tern, spä­ter durch Stu­di­um und ei­ge­nen Job bin ich bis­her mehr als fünf Mal um­ge­zo­gen. Be­glei­tet hat mich da­bei von Kin­des­jah­ren an die Be­geis­te­rung für die Feu­er­wehr. So bin ich mit 10 Jah­ren in die Ju­gend­feu­er­wehr ein­ge­tre­ten, mit 16 wech­sel­te ich in Nord­deutsch­land in die ak­ti­ve Wehr und mach­te in den fol­gen­den Jah­ren ver­schie­dens­te Lehr­gän­ge und Fort­bil­dun­gen. Ich war hier Teil ei­ner Schwer­punkt­wehr mit zwei Zü­gen und über 200 Ein­sät­zen im Jahr.

Nach dem En­de der Schul­zeit folg­te ein Wech­sel in den Sü­den Deutsch­lands. Hier woll­te ich mit Auf­nah­me des Stu­di­ums wie­der in die frei­wil­li­ge Feu­er­wehr ein­tre­ten. Man be­äug­te kri­tisch mei­ne nord­deut­schen Aus­bil­dungs­nach­wei­se, ak­zep­tier­te sie und nahm mich auf. Ei­nen Mel­de­emp­fän­ger be­kam ich nicht, da „Stu­den­ten ja eh nie da sind“. So mach­te ich die Aus­bil­dungs­aben­de mit und fuhr in den fol­gen­den 2 Jah­ren kei­ne fünf Ein­sät­ze, da ich nur alar­miert wur­de, wenn die Si­re­ne lief.

Mit En­de des Stu­di­ums und dem ers­ten Job folg­te wie­der ein Wech­sel der Feu­er­wehr. Ich blieb im Sü­den und stell­te mich bei der neu­en Wehr vor. Hier ak­zep­tier­te man mei­ne Aus­bil­dungs­un­ter­la­gen und Leis­tun­gen gar nicht mehr. Man bot mir an, ein Jahr in ei­ner Über­gangs­grup­pe ( Ju­gend­feu­er­wehr – Ein­satz­ab­tei­lung) mit­zu­ma­chen und dann zu se­hen, ob ein zeit­na­her Über­tritt in die Ein­satz­ab­tei­lung mög­lich wä­re. Auch auf Nach­fra­ge war man von die­ser Form der Ein­glie­de­rung nicht ab­zu­brin­gen und so ver­ab­schie­de­te ich mich bei die­ser Wehr.

Mit dem Job­wech­sel in­ner­halb des Un­ter­neh­mens ein paar Jah­re spä­ter muss­te ich er­neut um­zie­hen. Hier nahm ich ei­nen er­neu­ten An­lauf und such­te die frei­wil­li­ge Feu­er­wehr vor Ort auf. Wie­der konn­te man mit mei­nen Aus­bil­dungs­un­ter­la­gen nichts an­fan­gen, Ein­satz­zei­ten bei vor­he­ri­gen Weh­ren woll­te man nicht an­er­ken­nen und man bot mir an, ein „Schnup­per­jahr“zu ma­chen. Dann wür­de man se­hen, ob und wie man mich auf­neh­men könn­te.

Hier­mit en­det mei­ne Feu­er­wehr­kar­rie­re, seit 5 Jah­ren bin ich kei­nen Ein­satz mehr ge­fah­ren. Ich ha­be ne­ben dem Job nicht mehr die Zeit, je­des Mal mei­ne Feu­er­wehr­lauf­bahn von vor­ne zu be­gin­nen und se­he dies ehr­lich ge­sagt auch nicht ein. Ich brin­ge Ein­sat­z­er­fah­rung aus hun­der­ten von Ein­sät­zen mit, eben­so fach­li­che Fort­bil­dun­gen wie Csa-trä­ger, Dreh­lei­ter­ma­schi­nist und wei­te­re. Ich war AGT und Ma­schi­nist mit Ce-füh­rer­schein und Fahr­pra­xis. Doch das Sys­tem der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr in Deutsch­land hat mich ver­lo­ren; mit die­sem Aus­bil­dungs­stand in ei­ner neu­en Wehr mit Stan­d­rohrset­zen und Kno­ten­kun­de je­des Mal wie­der von vor­ne zu be­gin­nen, bin ich nicht be­reit. Klar ist mir na­tür­lich, dass ei­ne Auf­nah­me nicht in­ner­halb von St­un­den er­folgt, son­dern man sich erst ein­mal ken­nen­ler­nen und den Aus­bil­dungs­stand ab­klä­ren muss. Doch ein Jahr ist ein völ­lig über­zo­ge­ner Zei­t­raum hier­für.

Die­ses Bei­spiel zeigt aus mei­ner Sicht, dass die Weh­ren vor Ort und der deut­sche Feu­er­wehr­ver­band sich dies­be­züg­lich ver­än­dern müs­sen. Wie in Tei­len der Wirt­schaft müs­sen wir Quer­ein­stei­gern ein Ein­glie­dern er­leich­tern be­zie­hungs­wei­se auch über die Gren­zen der Bun­des­län­der hin­weg zu­sam­men­ar­bei­ten und ein­heit­li­che Stan­dards schaf­fen, um glei­che Aus­bil­dung und die An­er­ken­nung von Leis­tun­gen zu er­mög­li­chen. Das Nicht-an­er­ken­nen von Lehr­gän­gen, ver­schie­dens­ten Aus­bil­dungs­we­gen und Lauf­bah­nen aus an­de­ren Bun­des­län­dern wer­den wir uns in Zu­kunft nicht mehr leis­ten kön­nen. Die Wirt­schaft for­dert im­mer mehr Mo­bi­li­tät, der An­teil der Stu­den­ten nimmt seit Jah­ren in Deutsch­land zu und auch Azu­bis müs­sen im­mer öf­ter fern ab der Hei­mat ih­rer Aus­bil­dung nach­ge­hen.

Und hier kom­me ich auf den Aspekt der Mit­glie­der­ge­win­nung und die seit Jah­ren sin­ken­de Zahl an Ein­satz­kräf­ten zu­rück. Wenn wir über die Ge­win­nung von neu­en Mit­glie­dern re­den, ist das si­cher­lich das ei­ne, aber auch müs­sen wir be­ste­hen­de Mit­glie­der hal­ten. Hier ha­ben wir ein „haus­ge­mach­tes“Pro­blem, das wir sel­ber lö­sen kön­nen.

Si­cher­lich ist mein Bei­spiel ein ex­tre­mes, doch je­des ver­lo­re­ne ak­ti­ve Mit­glied fehlt im Ein­satz und das wer­den wir uns in Zu­kunft nicht mehr leis­ten kön­nen. Ich freue mich, wenn mein Bei­trag zur Dis­kus­si­on im Le­ser­kreis Ih­rer Zeit­schrift an­regt.

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