Ret­tung aus Eis­was­ser

Feuerwehr-Magazin - - Einsatzbericht -

Mit ei­nem Au­di Q5 ist ein 27-Jäh­ri­ger am 20. De­zem­ber 2017 auf der Lan­des­stra­ße 1415 un­ter­wegs. Im Jo­sef­s­tal zwi­schen Trag­wein und Schwert­berg (Ober­ös­ter­reich) kommt der Q5 ge­gen 17.30 Uhr von der Fahr­bahn ab. Er stürzt ei­ne Bö­schung hin­ab und lan­det rund 6 Me­ter un­ter­halb des Stra­ßen­ni­veaus auf dem Dach lie­gend im Fluss Aist. Die Un­fall­stel­le liegt ge­nau im Be­reich ei­ner Fisch­trep­pe (St­ein­schüt­tung zur Stau­ung des Was­sers). Der Mann wird in sei­nem Wa­gen ein­ge­klemmt und kann sich nicht be­merk­bar ma­chen.

Weil die Groß­mut­ter ver­geb­lich auf ih­ren En­kel, der sie be­su­chen woll­te, war­tet, ge­ben An­ge­hö­ri­ge des 27-Jäh­ri­gen schließ­lich ei­ne Ver­miss­ten­an­zei­ge auf. Die Po­li­zei ver­an­lasst um­ge­hend ei­ne Han­dy­or­tung und star­tet ei­ne in­ten­si­ve Su­che nach dem Au­di-fah­rer. Zu­letzt wur­de sein Mo­bil­te­le­fon im Jo­sef­s­tal im Netz re­gis­triert. Dort kon­zen­trie­ren die Po­li­zis­ten ih­re Such­maß­nah­men. Ge­gen 23.20 Uhr ent­deckt ei­ne Strei­fen­wa­gen-be­sat­zung im Schein­wer­fer­licht das re­flek­tie­ren­de Kenn­zei­chen des Q5. Das Fahr­zeug liegt et­wa 3 Me­ter vom Ufer ent­fernt im Was­ser. Oh­ne Si­che­rung ist das Fahr­zeug auf­grund der Strö­mung der Aist nicht er­reich­bar. Die Po­li­zis­ten for­dern des­halb Feu­er­wehr und Ret­tungs­dienst an.

Un­ter dem Stich­wort „Ver­kehrs­un­fall, Per­son ein­ge­klemmt“alar­miert die Lan­des­warn­zen­tra­le Ober­ös­ter­reich die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr Schwert­berg. „Als wir nach dem Alarm um 23.29 Uhr aus­ge­rückt sind, war die La­ge, die uns an der Ein­satz­stel­le er­war­ten wür­de, völ­lig un­klar“, be­rich­tet Ralph Prül­ler, Zugs­kom­man­dant (Zug­füh­rer) und an die­sem Abend Ein­satz­lei­ter der FF Schwert­berg.

Feu­er­wehr­mann er­kun­det im ei­si­gen Was­ser die La­ge

Mit Vor­aus­fahr­zeug ( VF), Kom­man­dofahr­zeug (KDOF), Rüst­lösch­fahr­zeug All­rad (RLFA) 2000 und Klein­rüst­fahr­zeug Lo­gis­tik (KRFA-L) rückt die Feu­er­wehr Schwert­berg

Ein Mann kommt in Schwert­berg (Ös­ter­reich) mit sei­nem Pkw von der Stra­ße ab. Das Fahr­zeug lan­det im Fluss und bleibt kopf­über da­rin lie­gen. Erst meh­re­re St­un­den spä­ter wird es ent­deckt. Für die Feu­er­wehr be­ginnt ein Wett­lauf ge­gen die Zeit.

aus. Prül­ler: „Als wir am Ein­satz­ort ein­tra­fen, war in der Dun­kel­heit nicht viel zu er­ken­nen. Die Po­li­zei konn­te uns auch nicht viel sa­gen. Der ers­te Ka­me­rad ist gleich die Bö­schung run­ter ge­lau­fen und ins Was­ser zum Au­to ge­stie­gen, um nach­zu­se­hen, wie die La­ge ist.“Kräf­te si­chern den Feu­er­wehr­mann mit Ret­tungs­lei­nen an sei­nem Hal­te­gurt.

„Das Was­ser war sau­kalt und durch die Strö­mung hat­te ich or­dent­lich zu kämp­fen, um das Fahr­zeug zu er­rei­chen“, be­rich­tet Bert­hold Wit­tib­schla­ger, der als Ers­ter am Au­di an­kommt. Durch die rei­ßen­de Flut der Aist hat er Schwie­rig­kei­ten, die Tü­ren öff­nen zu kön­nen. Im In­ne­ren des Au­tos ent­deckt Wit­tib­schla­ger den Fah­rer, der im An­schnall­gurt hängt – bei Be­wusst­sein.

„Wir woll­ten nicht lan­ge war­ten, des­halb ist der ers­te Ka­me­rad gleich in der Per­sön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung ins Was­ser ge­stie­gen“, er­klärt Prül­ler. „Erst die nach­rü­cken­den Kräf­te ha­ben sich dann mit Wa­tho­sen aus­ge­rüs­tet.“Auf­grund der be­son­de­ren La­ge des ver­un­glück­ten Fahr­zeugs for­dert er zur Un­ter­stüt­zung die FF Trag­wein mit ei­nem Kr­an­fahr­zeug (LAST) und die FF Perg mit ei­ner Te­le­skop­mast­büh­ne (HUB) an. Die Alar­mie­rung er­folgt um 23.40 Uhr.

„Mit dem Kran woll­te ich das Au­to si­chern und mit dem Hu­bret­tungs­ge­rät die Bö­schung ein­fa­cher über­win­den“, be­grün­det Prül­ler die Wahl der Mit­tel. Er lässt den di­rek­ten Be­reich auf der Stra­ße in Hö­he der Un­fall­stel­le von an­de­ren Ein­satz­wa­gen frei­hal­ten. Nur das RLFA 2000 der FF Schwert­berg steht we­gen der be­nö­tig­ten Ge­rä­te di­rekt am Un­fall­ort. Die Seil­win­de des RLFA kann zur Si­che­rung nicht op­ti­mal ein­ge­setzt wer­den, denn das Au­to liegt zu tief un­ter­halb der Stra­ße. Des­halb ver­zich­tet Prül­ler auf den Auf­bau von Um­lenk­rol­len und an­de­ren Fest­punk­ten.

In der An­fangs­pha­se des Ein­sat­zes ge­lan­gen die Feu­er­wehr­leu­te über ei­ne Schieblei­ter, die an der Bö­schung auf­ge­stellt wird, von der Stra­ße zum Ufer hin­ab. Der Ret­tungs­dienst bleibt in Be­reit­schaft. „Die Kol­le­gen hät­ten di­rekt am Pa­ti­en­ten oh­ne­hin nicht viel aus­rich­ten kön­nen“, sagt Prül­ler. Au­ßer­dem sind die Feu­er­wehr­män­ner am Q5 Sa­ni­tä­ter.

Hu­bret­tungs­fahr­zeug si­chert ab­ge­stürz­ten Pkw

„2 oder 3 Zen­ti­me­ter mehr Was­ser in der Aist und der Mann wä­re wahr­schein­lich längst er­trun­ken“, schil­dert Wit­tib­schla­ger die bri­san­te La­ge, in wel­cher der Pkw-fah­rer steckt. Wit­tib­schla­ger löst den An­schnall­gurt des Au­di, um den Mann bes­ser stüt­zen zu kön­nen. Mit dem Arm und der Hand ist der 27-Jäh­ri­ge am Lenk­rad ein­ge­klemmt – un­ter Was­ser. Ei­ne schwie­ri­ge Si­tua­ti­on für die Ein­satz­kräf­te.

Nach 15 Mi­nu­ten sind LAST und HUB an der Ein­satz­stel­le und wer­den vor­be­rei­tet. Der Au­di wird an den Fel­gen der Hin­ter­ach­se an­ge­schla­gen und ge­gen ein mög­li­ches Ab­rut­schen ge­si­chert. „Wir muss­ten un­ter Was­ser al­les er­tas­ten. Da war nichts zu se­hen“, be­schreibt Wit­tib­schla­ger die Si­tua­ti­on. „Da, wo der Wa­gen lag, war das Was­ser we­gen des Fi­schauf­stiegs be­son­ders tief. Die Aist hat sonst nur ei­nen Was­ser­stand von et­wa 50 Zen­ti­me­tern. Mir stand das Was­ser aber bis zum Hals.“

Er be­kommt bei der Pa­ti­en­ten­ret­tung Hil­fe von Simon Brand­stät­ter, der mit ei­ner Ab­sturz­si­che­rung aus­ge­stat­tet ins Was­ser geht. „Wir hat­ten uns schon auf der An­fahrt ab­ge­spro­chen“, sagt Brand­stät­ter. „Ich ha­be mich dann erst wei­ter aus­ge­rüs­tet und bin ihm hin­ter­her­ge­gan­gen.“Da hat­te er von Wit­tib­schla­ger schon ge­hört, dass es oh­ne hy­drau­li­sches Ret­tungs­ge­rät nichts wer­den wür­de. Dar­auf­hin lei­nen Kräf­te Sprei­zer und Sche­re eben­falls an.

Brand­stät­ter: „Im ers­ten Schritt ha­be ich das Schar­nier der Fah­rer­tür ge­öff­net. Da­bei hat sich das gan­ze Au­to be­wegt, weil es sehr un­si­cher im Was­ser lag.“Das Ge­wicht des Fah­rers schätzt er auf 120 Ki­lo­gramm. Durch die ge­öff­ne­te Tür ver­keilt sich der Pkw et­was im Fi­schauf­stieg und liegt so zu­nächst sta­bi­ler. „Es war un­glaub­lich, wel­che An­stren­gun­gen es er­for­der­te, die Ret­tungs­ge­rä­te mit den nas­sen Hand­schu­hen und teil­wei­se un­ter Was­ser zu be­die­nen.“

Der Fah­rer ist an­sprech­bar und kann die Ein­klem­mung sei­ner Hand schil­dern. „Im Lau­fe der Ret­tung wur­de er dann aber zu­neh­mend schwä­cher und wir muss­ten zu­se­hen, dass wir ihn schnell da raus­be­kom­men“, meint Wit­tib­schla­ger. Er muss sich nach 30 Mi­nu­ten im ei­si­gen Was­ser ab­lö­sen las­sen. „Ich bin mit letz­ter Kraft zu­rück ans Ufer ge­kom­men“, sagt er. Drei Ka­me­ra­den hel­fen ihm an Land, zwei zie­hen ihm die nas­se Klei­dung aus. Prül­ler lässt ihn im KDOF so­fort zum Feu­er­wehr­haus brin­gen, da­mit er sich tro­cke­ne Sa­chen an­zie­hen und auf­wär­men kann.

Käl­te macht Ein­satz­kräf­ten schwer zu schaf­fen

„Das Was­ser war so ei­sig, dass die Ka­me­ra­den ih­re Fü­ße kaum noch be­we­gen konn­ten und über die Leit­plan­ke ge­ho­ben wer­den muss­ten“, be­schreibt der Ein­satz­lei­ter die Fol­gen des Ein­sat­zes im Was­ser. Die Wa­tho­sen der Kräf­te schüt­zen zwar vor di­rek­tem Was­ser­kon­takt, las­sen die Käl­te aber durch. Letzt­lich ent­schei­det sich der Ein­satz­lei­ter da­zu, den Au­di ein klei­nes Stück mit dem Kran an­zu­he­ben. Da­zu ste­hen der Ma­schi­nist und die Ret­ter am Wa­gen in di­rek­tem Kon­takt.

„Der Kran ist bei den meis­ten Ein­sät­zen zu kurz, so war es auch dies­mal“, be­rich­tet Da­ni­el Schüt­zen­ho­fer, Kom­man­dant der FF Trag­wein. „Wir konn­ten das Au­to zwar si­chern, aber raus­he­ben hät­ten wir es so nicht ge­konnt.“Ganz vor­sich­tig zieht der Ma­schi­nist den Kran ein Stück an. „Durch die­ses An­he­ben hat sich der Fah­rer et­was be­wegt“, sagt Brand­stät­ter. „Da­durch ist er dann mit sei­ner Hand frei­ge­kom­men.“

45 Mi­nu­ten nach dem Ein­tref­fen am Un­fall­ort kön­nen die Feu­er­wehr­leu­te, ver­stärkt durch die FF Ried/ried­mark, den Ver­letz­ten auf ein Spi­ne­board zie­hen und auf ei­ne Schleif­korb­tra­ge um­bet­ten. In die­ser geht es dann über die Schieblei­ter rauf zur Stra­ße. „Die Ret­tungs­ak­ti­on ging über die kör­per­li­chen Gren­zen hin­aus“, meint Brand­stät­ter. „Das war ex­trem. So et­was hat­te ich zu­vor noch nicht er­lebt. Aber im ers­ten Mo­ment hat man das gar nicht be­merkt. Erst, als das Ad­re­na­lin nach­ließ.“

Der 27-Jäh­ri­ge hat­te 7 St­un­den in dem Eis­was­ser zu­ge­bracht und war da­bei fast voll­stän­dig un­ter Was­ser. Mit ei­ner mas­si­ven Un­ter­küh­lung und wei­te­ren, aber nicht le­bens­be­droh­li­chen Ver­let­zun­gen, bringt ihn der Ret­tungs­dienst in den Med Cam­pus III der Uni­ver­si­täts­kli­nik ins 30 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Linz.

Die Feu­er­wehr un­ter­stützt die Po­li­zei nach der Ret­tung noch bei der Ber­gung des Au­di. Schüt­zen­ho­fer: „Wir ha­ben den Wa­gen da­zu et­was dich­ter ans Ufer ge­zo­gen, ihn an­ge­ho­ben und zu­nächst das Was­ser raus­lau­fen las­sen. Dann konn­ten wir ihn pro­blem­los hoch­he­ben.“Vor­teil des LAST, der auf ei­nem kur­zen Sca­nia-fahr­ge­stell auf­ge­baut ist: Das Kr­an­fahr­zeug kann dicht an die Leit­plan­ke ge­stellt wer­den. Den­noch muss der Aus­le­ger fast 15 Me­ter weit aus­ge­fah­ren wer­den. Spä­ter wird der Q5 auf ein Ab­schlepp­fahr­zeug ge­la­den. Ge­gen 2 Uhr rü­cken al­le Kräf­te wie­der ein.

Fah­rer über­lebt und ist auf dem Weg der Bes­se­rung

„Der Pa­ti­ent hat un­glaub­li­ches Glück ge­habt“, meint Wit­tib­schla­ger. „Das war für mich schon ei­ner mei­ner spek­ta­ku­lärs­ten

i| Ein­ge­setz­te Kräf­te

FF Schwert­berg: 20 Kräf­te mit VF, KDOF, RLFA 2000 und KRFA-L. FF Ried/ried­mark: 14 Kräf­te mit KDOF und LFBA. FF Trag­wein: 25 Kräf­te mit KDOF, LFBA, TLFA 2000 und LAST. FF Perg: 2 Kräf­te mit HUB. Ret­tungs­dienst: 6 Kräf­te mit NEF und 2 RTW. Po­li­zei: 4 Kräf­te mit zwei Strei­fen­wa­gen. Sons­ti­ge: Ab­schlepp­un­ter­neh­men.

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