Ruf mich an, ich bin Arzt

Im Ret­tungs­dienst der Feu­er­wehr Aa­chen kommt seit An­fang 2014 der „Te­le­not­arzt“zum Ein­satz. Für die­ses Sys­tem ist die Kai­ser­stadt Pi­lot­stand­ort. Wie funk­tio­niert das? Ist es er­folg­reich?

Feuerwehr-Magazin - - Reportage -

Kann und soll der Not­arz­t­ein­satz di­rekt am Pa­ti­en­ten kom­plett er­setzt wer­den? Nein, auf kei­nen Fall. Die Feu­er­wehr Aa­chen sorgt aber mit dem Sys­tem Te­le­not­arzt da­für, dass die No­t­ärz­te nicht an Ein­satz­stel­len ge­bun­den wer­den, wo sie even­tu­ell auch nicht un­be­dingt ge­braucht wer­den. So sind sie frei für Ein­sät­ze, wo sie un­er­setz­lich sind. Zu­dem kön­nen die No­t­ärz­te bei ih­ren Ein­sät­zen ad­mi­nis­tra­tiv ent­las­tet wer­den und sich rein auf die me­di­zi­ni­sche Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung kon­zen­trie­ren.

Wie funk­tio­niert der Te­le­not­arzt?

„Wenn wir nur als Ret­tungs­wa­gen-be­sat­zung vor Ort beim Pa­ti­en­ten sind, wä­gen wir nach der ers­ten Sich­tung der Per­son ab, ob wir ei­nen Not­arzt an­for­dern oder der Aus­tausch mit dem Te­le­not­arzt Sinn macht“, er­zählt Ret­tungs­as­sis­tent Nils Ek­berg. „Bei­spie­le hier­für sind, den Blut­druck zu sen­ken oder ei­ne Schmerz­the­ra­pie zu ver­an­las­sen.“

Die Rtw-be­sat­zung über­trägt beim An­ruf des Te­le­not­arz­tes die­sem di­gi­tal die Vi­tal­wer­te des Pa­ti­en­ten und be­rich­tet münd­lich über die Ana­mne­se (me­di­zi­nisch re­le­van­te In­for­ma­tio­nen). Die Funk­ti­on des Te­le­not­arz­tes auf der an­de­ren Sei­te über­nimmt ein aus­ge­bil­de­ter Not­arzt – mit Sitz di­rekt ne­ben der Städ­te­re­gio­na­len Leit­stel­le der Feu­er­wehr Aa­chen.

„Wäh­rend die Rtw-be­sat­zung die Da­ten und die Ana­mne­se über­trägt, ver­ar­bei­te ich al­le In­fos be­reits im Sys­tem“, er­klärt Te­le­not­arzt Chris­ti­an Fle­ge. „So läuft die Kom­mu­ni­ka­ti­on in Echt­zeit. Ich kann den Kol­le­gen die Ant­wor­ten ge­nau­so ge­ben, als wür­de ich ne­ben ih­nen ste­hen.“Er gibt Hin­wei­se für Maß­nah­men vor Ort und un­ter­stützt die Ret­tungs­kräf­te ad­mi­nis­tra­tiv, in­dem er die er­fass­ten Da­ten bei­spiels­wei­se be­reits an das Ziel­kran­ken­haus sen­det.

Kann je­der Arzt die­se Funk­ti­on aus­üben?

„Das Sys­tem be­darf ei­ner tech­ni­schen Ein­wei­sung und Ei­n­ar­bei­tung“, er­klärt Fle­ge. „In die­ser Pha­se wer­den dem an­ge­hen­den Te­le­not­arzt fik­ti­ve Ein­sät­ze ein­ge­spielt. Die­se gilt es, ab­zu­ar­bei­ten.“Wenn der Be­die­ner mit den Vor­gän­gen ver­traut ist, wer­den un­ter Be­glei­tung ei­nes er­fah­re­nen Te­le­not­arz­tes die ers­ten Re­al­ein­sät­ze be­treut. Fle­ge: „Das Sys­tem ist re­la­tiv schnell zu er­ler­nen.“

In der Ein­wei­sung und im ge­sam­ten Pro­zess i st die Fir­ma P3 in­vol­viert. „Wir sind der tech­ni­sche Be­trei­ber“, er­klärt Fre­de­rik Hirsch von P3. Die Fir­ma hat das Sys­tem von 2006 bis 2013 in zwei um­fang­rei­chen For­schungs­pro­jek­ten un­ter­sucht und er­probt. Seit April 2014 ist es bei der Feu­er­wehr Aa­chen als Pi­lot­stand­ort in Be­trieb.

Ist das Sys­tem er­folg­reich?

Hirsch be­tont: „Un­se­re Zu­sam­men­ar­beit mit der Feu­er­wehr Aa­chen zeigt, dass mit dem Te­le­not­arzt das ge­sam­te Sys­tem Not­arzt ent­las­tet wird.“Die Zah­len ge­ben ihm Recht: Rund 10.000 Ein­sät­ze wur­den mit dem Te­le­not­arzt seit April 2014 ab­ge­wi­ckelt. Das sind knapp 30 Pro­zent der Ge­samt­ein­sät­ze der No­t­ärz­te. So ge­lang es, die Quo­te von Vor-ort-ein­sät­zen von 36 auf 22 Pro­zent zu sen­ken.

Wei­te­re Plus­punk­te: ## Mit dem Sys­tem kann der Te­le­not­arzt mehr als

ei­nen Rtw-ein­satz be­glei­ten. ## An­fahrts­we­ge und da­mit Zeit wer­den ge­spart. ## Der Not­arzt ist auf Knopf­druck ver­füg­bar.

„Das Pro­jekt Te­le­not­arzt ist für die Feu­er­wehr Aa­chen durch­aus ein Er­folgs­kon­zept“, be­tont Feu­er­wehr­chef Jür­gen Wolff. Hirsch be­rich­tet: „Mitt­ler­wei­le sind fünf RTW aus dem Kreis Eus­kir­chen auf den Aa­che­ner Te­le­not­arzt auf­ge­schal­tet. Und zu­sätz­lich ha­ben wir das Sys­tem in Greifs­wald (MV) für sechs RTW eta­bliert.“

auf ei­nem Fahr­ge­stell MAN TGM 18.340. Ein Warn­bal­ken Pintsch Ba­mag TOPAS LED, vier Front­blit­zer Hänsch Sput­nik na­no so­wie Led-mo­du­le Hänsch Typ RSB-BL in den Auf­bau­kan­ten am Heck sind Be­stand­tei­le der Son­der­si­gnal­an­la­ge.

Zur Aus­stat­tung des HLF ge­hö­ren un­ter an­de­rem:

Feu­er­lösch­krei­sel­pum­pe N35, Schaum­zu­misch­sys­tem DIG­I­MA­TIC, 2.000-Li­ter-was­ser­tank, 200-Li­ter-schaum­mit­tel­tank, Schnellan­griffs­has­pel, Licht­mast Fi­re­co, Ro­sen­bau­er-ver­kehrs­leit­ein­rich­tung am Heck, Ein­mann­has­pel, Rotz­ler-seil­win­de TR030/6.

Als zwei­tes Lösch­fahr­zeug der Wa­che 1 rückt eben­falls ein HLF 20 auf MAN TGM 18.340 mit Ro­sen­bau­er-auf­bau aus. Die­ses ist al­ler­dings Bau­jahr 2015. Es han­delt sich um den Vor­gän­ger des neu­en HLF 20.

Die Hu­bret­tungs­büh­ne der Haupt­wa­che, mit der wir auch den Aa­che­ner Dom er­kun­det ha­ben, stammt aus 2012. Metz (heu­te Ro­sen­bau­er) fer­tig­te den Auf­bau. Als Fahr­ge­stell dient ein Mer­ce­des Eco­nic 1833 L. Die HRB ver­fügt über ei­nen fest in­stal­lier­ten Was­ser­wer­fer (För­der­leis­tung 2.500 l/min) und Bo­den­sprüh­dü­sen als Selbst­schutz­ein­rich­tung. Der Mast ist mit ei­nem Ge­lenk ver­se­hen.

Wei­te­rer Neu­ling auf der Haupt­wa­che ist der ELW 1, Bau­jahr 2017. Es­ser Nach­rich­ten­tech­nik aus Mül­heim-kär­lich (RP) fer­tig­te den Ein­satz­leit­wa­gen auf ei­nem Mer­ce­des Vi­to 119 CDI.

Auf der Wa­che 2 steht als Erst­aus­rü­cker ein HLF, bau­gleich zu dem zwei­ten HLF der Haupt­wa­che. Die HRB ist eben­falls bau­gleich mit der von der Haupt­wa­che. Re­la­tiv neu ist hier das Tank­lösch­fahr­zeug (TLF) 4000. In den länd­li­chen Be­rei­chen im Aa­che­ner Sü­den und auf der Au­to­bahn kommt das TLF häu­fig als Lösch­mit­tel­lie­fe­rant zum Ein­satz. Fahr­ge­stell ist auch hier ein MAN TGM 18.340, der Auf­bau stammt von Ro­sen­bau­er.

Schlag­kräf­ti­ger Rüst­zug mit Kran und Trans­por­ter

Ei­ne wei­te­re HRB steht im Nor­den auf der Wa­che 3. Sie wur­de wie­der­um von Ro­sen­bau­er im Jahr 2011 auf ei­nem Mer­ce­des Eco­nic 1833 L ge­fer­tigt. Die HRB rückt ge­mein­sam mit ei­nem neu­en HLF 20, bau­gleich zu dem von der Haupt­wa­che, aus. Sie ste­hen vor­ne in der Fahr­zeug­hal­le. Im rück­wär­ti­gen Be­reich be­sitzt das Wach­ge­bäu­de noch ei­ne gro­ße zu­sätz­li­che Hal­le für die Son­der­fahr­zeu­ge.

Ins Au­ge fällt di­rekt der Feu­er­wehr-kran (FWK) 45 von Lieb­herr. Sei­ne ma­xi­ma­le Hub­kraft be­trägt 45 Ton­nen. Der FWK (Bau­jahr 2004) wur­de im Jahr 2011 ge­braucht be­schafft und nach­träg­lich mit ei­ner Ber­ge­seil­win­de Pwt-spul­mat am Heck aus­ge­rüs­tet. Der Ko­loss bil­det ge­mein­sam mit ei­nem HLF, ELW 1 so­wie Rüst­wa­gen (RW) und Ge­rä­te­wa­gen Tech­nik ( Gw-tech) den Rüst­zug.

Wäh­rend der RW – ein Mer­ce­des Ate­go 1629 AF mit Lent­ner-auf­bau aus dem Jahr 2014 – von der Haupt­wa­che aus­rückt, ist

Feu­er­wehr­chef Jür­gen Wolff – Zu­rück zu den Wur­zeln

Seit dem Früh­jahr 2010 steht Jür­gen Wolff (54) an der Spit­ze der Aa­che­ner Feu­er­wehr. Sein Ge­burts­ort Eschwei­ler ge­hört zur Städ­te­re­gi­on Aa­chen und liegt nur zir­ka 15 Ki­lo­me­ter von sei­nem heu­ti­gen Ar­beits­platz ent­fernt.

Wolff stu­dier­te Berg­bau an der Rhei­nisch-west­fä­li­schen Tech­ni­schen Hoch­schu­le in der Dom­stadt. Nach sei­nem an­schlie­ßen­den Brand­re­fe­ren­da­ri­at ging er zur Be­rufs­feu­er­wehr Bochum. 17 Jah­re ver­rich­te­te er sei­nen Di­enst in der Ruhr­ge­biets­stadt, war da­von 14 Jah­re stell­ver­tre­ten­der Amts­lei­ter der Feu­er­wehr.

Auf die Fra­ge der Aa­che­ner Zei­tung, war­um er sich auf den Chef­pos­ten bei der Feu­er­wehr Aa­chen be­wor­ben ha­be, ant­wor­te­te Wolff da­mals: „Ganz ein­deu­tig ,back to the roots‘. Ich ha­be nie den Kon­takt zu mei­ner Hei­mat ver­lo­ren. Ein Groß­teil mei­ner Fa­mi­lie lebt hier. Al­les, was Struk­tur aus­macht, was mit Herz­blut ver­bun­den ist, le­be und er­le­be ich hier.“

Na­tür­lich ist der Feu­er­wehr­chef auch in die Kar­ne­vals­ge­sell­schaft „Öcher Sprit­zen­män­ner“ein­ge­tre­ten. Die­se Aa­che­ner KG wur­de 1967 von Be­rufs­feu­er­wehr­leu­ten ge­grün­det, be­steht aber heu­te nicht mehr nur aus Feu­er­wehr­mit­glie­dern.

Leit­stel­le für Städ­te­re­gi­on und dar­über hin­aus

Alar­miert wer­den die Kräf­te der Feu­er­wehr Aa­chen – Aus­nah­me Uni­k­li­nik­wa­che – über die Leit­stel­le. Sie ist seit März 2014 in die­ser Form in Be­trieb. „Hier kom­men die Notrufe aus der Stadt und der Städ­te­re­gi­on Aa­chen an“, er­zählt Schicht­füh­rer Wil­li Mey­er. „In die­sem Ein­zugs­ge­biet le­ben knapp 560.000 Men­schen. Aus­ge­nom­men sind je­doch die Notrufe aus dem Fest­netz in den Städ­ten Stol­berg und Eschwei­ler. Die­se wer­den dort aut­ark dis­po­niert. Da­für be­wäl­ti­gen wir bei­spiels­wei­se auf An­fra­ge die Rtw-ein­sät­ze im Nach­bar­kreis Dü­ren.“

Acht Be­am­te ar­bei­ten im 24-St­un­denDi­enst und zwei Mit­ar­bei­ter im Ta­ges­dienst (bis 16 Uhr). Es sit­zen im­mer vier Di­s­po­nen­ten wech­selnd an den Ti­schen. Zur Ver­fü­gung ste­hen 13 Leit­stel­len­plät­ze plus zehn wei­te­re No­t­ruf­ab­fra­ge­plät­ze in Ne­ben­räu­men. Soll­te auch das bei ei­ner Groß­scha­dens­la­ge nicht aus­rei­chen, kann die red­un­dan­te Lei­stel­le mit zehn zu­sätz­li­chen Plät­zen in der Wa­che Nord hoch­ge­fah­ren wer­den.

Die gro­ße Mas­se der Alar­mie­run­gen er­folgt im Ret­tungs­dienst. Mey­er: „Das sind pro Tag zir­ka 100 Kran­ken­trans­por­te, 60 Not­arzt- und bis zu 200 Rtw-ein­sät­ze.“An der Haupt­wa­che sind rund um die Uhr drei Re­gel-rtw, zwei Not­arz­t­Ein­satz­fahr­zeu­ge (NEF) so­wie ein Son­der-rtw ein­satz­be­reit. Letz­te­rer ist ein so­ge­nann­ter Mehr­zweck-ret­tungs­wa­gen für den Trans­port von stark in­fek­tiö­sen und adi­pö­sen Pa­ti­en­ten. Der Lösch- und Hil­fe­leis­tungs­dienst wird üb­ri­gens durch­schnitt­lich 14 Mal am Tag alar­miert.

ELW 3 als Bus

Aus dem Per­so­nal­pool der Leit­stel­le wird auch der ELW 3 be­setzt. Er rückt mit zwei Bf-be­am­ten aus. Aus den Rei­hen der frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren kommt nach Be­darf die In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons-grup­pe da­zu, um in­fra­struk­tu­rell und in der tech­ni­schen Ver­sor­gung zu un­ter­stüt­zen.

Als Fahr­ge­stell der 2012 be­schaff­ten mo­bi­le Ein­satz­lei­tung dient ein Iris­bus – Mo­dell Cross­way UL. Er wur­de, wie der ELW 1, von Es­ser Nach­rich­ten­tech­nik aus­ge­baut. In­te­griert sind vier Funk­ar­beits­plät­ze, ein Sich­ter­ar­beits­platz und zu­sätz­li­che Ti­sche für den An­schluss von Lap­tops. Im hin­te­ren Be­reich ver­fügt der ELW 3 über ei­nen Be­spre­chungs­raum, der Platz für 12 Ein­satz­kräf­te bie­tet.

Zwi­schen­durch sind die spe­zi­el­len Sprach­kennt­nis­se der Di­s­po­nen­ten ge­fragt. Re­gel­mä­ßig er­rei­chen Notrufe von Tou­ris­ten und den di­rekt an das Aa­che­ner Stadt­ge­biet gren­zen­den Nie­der­lan­den und Bel­gi­en die Leit­stel­le. „Die Mehr­spra­chig­keit spielt ei­ne gro­ße Rol­le“, be­stä­tigt Mey­er. „Prak­tisch ist, dass ei­ni­ge Kol­le­gen, die auch aus die­ser Re­gi­on kom­men, grund­sätz­lich et­was nie­der­län­disch kön­nen. Bei Bel­gi­ern wird es da schon schwie­ri­ger.“

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