Den ers­ten Va­rus auf ei­nem Vol­voFahr­ge­stell lie­fer­te Sch­ling­mann an die FF Gar­rel (NI).

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt - Text und Fo­tos: Olaf Preu­sch­off, Fach­jour­na­list und Re­dak­teur

Auf­ge­baut ist das HLF 20 auf der Bau­rei­he FMX.

Den ers­ten Va­rus-auf­bau auf ei­nem Vol­vo-all­rad­fahr­ge­stell lie­fer­te Sch­ling­mann an die FF Gar­rel (NI). Auf­ge­baut ist das neue HLF 20 auf der Bau­rei­he FMX, die nor­ma­ler­wei­se nur bei ro­bus­ten und schwe­ren Bau­stel­len­fahr­zeu­gen Ver­wen­dung fin­det. Wir ha­ben nach­ge­fragt, war­um sich die Feu­er­wehr aus­ge­rech­net für die­se 19 Ton­nen schwe­re Va­ri­an­te des schwe­di­schen Her­stel­lers ent­schie­den hat.

Ein Vol­vo als Fahr­ge­stell für ein Feu­er­wehr­fahr­zeug ist in Deutsch­land schon un­ge­wöhn­lich. Die FF Gar­rel (Kreis Clop­pen­burg) geht so­gar noch wei­ter. Fahr­ge­stell für ihr Hil­fe­leis­tungs-lösch­grup­pen­fahr­zeug (HLF) 20 ist ein Vol­vo FMX 4x4. Auf die­ses ei­gent­lich für Bau­stel­len­fahr­zeu­ge vor­ge­se­he­ne Chas­sis setz­te die Fir­ma Sch­ling­mann aus Dis­sen (NI) ei­nen Va­rusAuf­bau. Es ist da­mit auch der ers­te Va­rus auf ei­nem Vol­vo. Er­setzt hat die FF Gar­rel mit dem neu­en HLF 20 üb­ri­gens ein fast 35 Jah­re al­tes Tank­lösch­fahr­zeug (TLF) 16.

Aber war­um hat sich die Feu­er­wehr für die­ses un­ge­wöhn­li­che Fahr­ge­stell ent­schie­den? Gar­rels stell­ver­tre­ten­der Ge­mein­de­brand- meis­ter Micha­el Schaub: „Wir be­nö­ti­gen in un­se­rem Aus­rück­be­reich ein ge­län­de­gän­gi­ges Fahr­zeug. Vol­vo bie­tet mei­ner Mei­nung nach ei­ne un­schlag­ba­re Tech­nik nicht nur auf der Stra­ße, son­dern ge­ra­de auch ab­seits be­fes­tig­ter We­ge. Und das bei ein­fa­cher Hand­ha­bung für das Feu­er­wehr­per­so­nal, zum Bei­spiel durch den au­to­ma­ti­schen All­rad­an­trieb.“

Ein wei­te­rer Grund für den Schwe­den war ein Vol­vo-trucks-ver­trags­händ­ler am Ort. Denn di­rekt in Gar­rel ist A+T Nutz­fahr­zeu­ge an­säs­sig. „So­mit sind kur­ze We­ge bei War­tungs- oder Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten ga­ran­tiert“, sagt Schaub. Dort ar­bei­ten üb­ri­gens gleich neun An­ge­stell­te, die vom Un­ter­neh­men für Ein­sät­ze ih­rer Feu­er­weh­ren frei­ge­stellt wer­den. Wes­we­gen A+T ge­ra­de mit der Aus­zeich­nung „Part­ner der Feu­er­wehr“des Ol­den­bur­gi­schen Feu­er­wehr­ver­ban­des (OFV) ge­ehrt wor­den ist.

Für Sch­ling­mann und Vol­vo war es ei­ne Her­aus­for­de­rung, das Fahr­zeug­kon­zept um­zu­set­zen. Schaub: „Das HLF war das ers­te ge­mein­sa­me Pro­jekt, da­her gab es ver­mehr­ten Ab­stim­mungs­be­darf. Da­durch hat sich die Auf­bau­zeit viel­leicht et­was ver­län­gert, aber mit dem ge­lie­fer­ten Er­geb­nis sind wir rund­her­um zuf­rie­den.“

Das be­stä­tigt auch Jan Wen­den­burg, Ge­schäfts­füh­rer von Sch­ling­mann: „Die Zu­sam­men­ar­beit mit den Ka­me­ra­den der Feu­er­wehr und den Mit­ar­bei­tern von Vol­vo hat rich­tig Spaß ge­macht. Und das Er­geb­nis kann sich durch­aus se­hen las­sen.“Nach den gu­ten Er­fah­run­gen wird das Dis­se­ner Un­ter­neh­men die Zu­sam­men­ar­beit fort­set­zen. „Wir ha­ben ei­nen wei­te­ren Auf­trag über drei Lösch­fahr­zeu­ge auf Vol­vo-ba­sis. Al­ler­dings wer­den das kei­ne FMX-, son­dern Stra­ßen­fahr­ge­stel­le wer­den“, kün­digt Wen­den­burg an.

Au­to­ma­ti­scher All­rad­an­trieb

Be­reits kurz nach der In­dienst­stel­lung er­hiel­ten die ers­ten 22 Ma­schi­nis­ten in ei­ner Sand­kuh­le ein je­weils 3,5-stün­di­ges Ge­län­de­fahr­trai­ning. Aus­bil­der war Björn Hor­nig von der In­struk­to­ren-bör­se. Die­ses Un­ter-

neh­men bie­tet mit zer­ti­fi­zier­ten Trai­nern und In­struk­to­ren Fahr­trai­nings­pro­gram­me und Schu­lungs­maß­nah­men an und ist un­ter an­de­rem für Vol­vo-trucks Deutsch­land tä­tig. Bei ihm lern­ten die Teil­neh­mer vor al­lem die Fahr­ei­gen­schaf­ten mit der au­to­ma­ti­schen Trak­ti­ons­kon­trol­le (ATC, Au­to­ma­tic Trac­tion Con­trol), der Dif­fe­ren­ti­al­sper­re und dem All­rad­an­trieb ken­nen. Auch er­hiel­ten die Feu­er­wehr­män­ner wert­vol­le Tipps, wie man an ei­ner Stei­gung rich­tig an­fährt oder ein fest­ge­fah­re­nes Fahr­zeug wie­der frei­be­kom­men kann.

ATC misst über Sen­so­ren an den Rä­dern der Hin­ter­ach­se die Trak­ti­on. Wird die­se ge­rin­ger – das Rad dreht durch –, rückt in­ner­halb ei­ner hal­ben Se­kun­de ei­ne Klau­en­kupp­lung für die Vor­der­ach­se ein und es geht mit All­rad wei­ter. Stel­len die Sen­so­ren fest, dass wie­der Trak­ti­on vor­han­den ist und der An­triebs­strang ein­mal ent­las­tet wird, gibt die Klau­en­kupp­lung die Vor­der­ach­se wie­der frei. Für be­son­ders schwie­ri­ge Si­tua­tio­nen kön­nen über ei­nen Schal­ter am Ar­ma­tu­ren­brett die Vor­der­ach­se oder – falls not­wen­dig – al­le Dif­fe­ren­zi­al­sper­ren ma­nu­ell zu­ge­schal­tet wer­den.

Vor­teil ge­gen­über dem per­ma­nen­ten All­rad­an­trieb: bei zu­ge­schal­te­tem Vor­der­rad­an­trieb er­hält der Fah­rer so­viel Trak­ti­on wie not­wen­dig. Bei ab­ge­schal­te­ter Ach­se kann der Grip der Vor­der­rei­fen für das Len­ken ver­wen­det wer­den, wo­durch sich die Ma­nö­vrier­bar­keit des Fahr­zeugs ver­bes­sert. Ne­ben­bei lässt sich durch das Sys­tem auch noch der Kraft­stoff­ver­brauch bis zu 2 Pro­zent sen­ken.

Hin­ter dem au­to­ma­ti­sier­ten Ge­trie­be IShift – ei­ne wei­te­re Be­son­der­heit – ver­birgt sich ein nicht syn­chro­ni­sier­tes Schalt­ge­trie­be. Es kann da­her kom­pak­ter ge­baut wer­den und ver­ur­sacht nur ge­rin­ge in­ter­ne Rei­bungs­ver­lus­te. Über die elek­tro­ni­sche Steue­rung wer­den al­le Fahr­pa­ra­me­ter er­fasst und je­der Schalt­vor­gang wird ge­nau be­rech­net und ge­steu­ert.

„Ich war wäh­rend des Fahr­trai­nings in der Sand­kuh­le wirk­lich über­rascht, was al­les mit dem Fahr­zeug mög­lich ist“, sagt Rolf Ne­u­meis­ter. Er ist nicht nur Mit­glied der Feu­er­wehr Gar­rel, son­dern auch In­ha­ber der Fir­ma Feu­er­wehr­ser­vice Nord-west. Mit sei­ner lang­jäh­ri­gen Er­fah­rung war er in den Be­schaf­fungs­pro­zess ein­ge­bun­den.

Ak­ku-ret­tungs­ge­rä­te und ein klei­ner Strom­er­zeu­ger

Ein be­son­de­res Au­gen­merk lag auf der Be­la­dung des Fahr­zeugs. So fin­den sich in Ge­rä­te­raum (G) 2 ei­ne Ret­tungs­sche­re, ein Sprei­zer und ein Ret­tungs­zy­lin­der mit ei­ner Ener­gie­ver­sor­gung über Ak­kus. „Das hat sich für un­se­ren Be­reich hier mit Au­to­bahn und Bun­des­stra­ße ab­so­lut be­währt. Ge­ra­de wenn die Ein­satz­stel­le nicht di­rekt mit dem

Fahr­zeug zu er­rei­chen ist“, sagt Ne­u­meis­ter. Al­le Ge­rä­te la­gern mit Zu­be­hör auf zwei Schub­la­den zur bes­se­ren Ent­nah­me. Drei Re­ser­veak­kus wer­den in La­de­scha­len auf dem un­te­ren Aus­zug mit­ge­führt. Un­ter­bau­und Sta­bi­li­sie­rungs­ma­te­ri­al, Werk­zeu­ge, He­be­kis­sen und Glas­ma­nage­ment­set ver­voll­stän­di­gen die Tech­ni­sche Hil­fe­leis­tungs­Aus­stat­tung.

In G4 fin­det sich ein Strom­schnellan­griff mit Ver­tei­ler – zum Bei­spiel für den Ein­satz der Tauch­pum­pe oder des Be­leuch­tungs­sat­zes. Für Sä­bel­sä­ge, Trenn­schlei­fer und Bohr­ma­schi­ne ist er nicht not­wen­dig: Wie die hy­drau­li­schen Ret­tungs­ge­rä­te wer­den sie durch Ak­kus mit Strom ver­sorgt. „Aus die­sem Grund ha­ben wir uns auch für ei­nen Strom­er­zeu­ger mit ge­rin­ge­rer Leis­tung – näm­lich nur 6 KVA Wech­sel­strom – ent­schie­den“, er­klärt Ne­u­meis­ter. Das Ge­rät ist da­durch kom­pak­ter und im Tief­ge­rä­te­raum in G1 war noch Platz für Re­ser­veka­nis­ter und Zu­be­hör. Über ei­ne Fern­star­tein­rich­tung kann der Strom­er­zeu­ger auch vom Pum­pen­be­dien­stand aus ein­ge­schal­tet wer­den.

Im GR ar­bei­tet ei­ne Sch­ling­mann S3000 mit ei­ner Leis­tung von 3.000 l/min bei 10 bar, die aus dem 3.000 Li­ter fas­sen­den Lösch­was­ser­tank, den A-an­saug­s­tut­zen oder ei­nem Awr-sys­tem ver­sorgt wer­den kann (AWR = Au­to­ma­ti­sche Was­ser­zu­füh­rungs­re­gu­lie­rung). Schaum­mit­tel wird über ei­ne Au­to­mix 30 De-druck­zu­misch­an­la­ge bei­ge­ge­ben. Da­für ste­hen 120 Li­ter in ei­nem se­pa­ra­ten Tank zur Ver­fü­gung. Zu­sätz­lich bie­tet die Pum­pe ei­ne Pump & Roll-funk­ti­on zum Lö­schen wäh­rend lang­sa­mer Fahrt.

Saug­schläu­che la­gern zu­sam­men mit Steck- und Schieblei­ter auf dem Dach des HLF. Zur Ent­nah­me muss es aber nicht be­tre­ten wer­den. Bei­de La­ge­run­gen las­sen sich vom Bo­den aus her­un­ter­zie­hen. Da­zwi­schen be­fin­den sich die Heck­ab­si­che­rung mit vier gel­ben Led-leuch­ten so­wie ei­ne Rück­fahr­ka­me­ra und ei­ne heck­sei­ti­ge Um­feld­be­leuch­tung.

Im G4 gibt es un­ter dem Fach für den Über­druck­lüf­ter auch noch ei­ne aus­zieh­ba­re höl­zer­ne Ar­beits­plat­te. Klei­ne­re Re­pa­ra­tu­ren oder Ar­bei­ten an den Werk­zeu­gen kön­nen so im Ste­hen durch­ge­führt wer­den.

Drei Klapp­stu­fen füh­ren auf je­der Sei­te in die Mann­schafts­ka­bi­ne. Hier gibt es vier Press­luf­tat­mer – zwei in und zwei ent­ge­gen der Fahrt­rich­tung. La­de­hal­te­run­gen für Funk­ge­rä­te, Hand­leuch­ten, Wär­me­bild­ka­me­ra so­wie das Drä­ger X-am 5000-Gas­mess­ge­rät sind an den Sei­ten­wän­den mon­tiert. Acht Atem­schutz­mas­ken ste­cken in Net­zen an der De­cke. Hin­ter dem Mel­d­er­platz auf der Mit­tel­sitz­bank ist Platz für ei­nen Not­fall­ruck­sack.

Es ist der ers­te Va­rusVol­vo: Das HLF 20 der FF Gar­rel ba­siert auf ei­nem ge­län­de­gän­gi­gen Vol­vo FMX 4x4-bau­stel­len­fahr­ge­stell und wur­de von Sch­ling­mann aus Dis­sen auf­ge­baut.

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