Die Feu­er­wehr un­se­res Stam­mes

von Frank Mehr, Di­rek­tor des In­sti­tu­tes für Brand- und Ka­ta­stro­phen­schutz Hey­roths­ber­ge (ST)

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In vie­len Tei­len un­se­rer Re­pu­blik wird es zu­neh­mend schwie­ri­ger, ge­nü­gend Per­so­nal für die Feu­er­weh­ren zu re­kru­tie­ren. Dem ge­gen­über än­dert sich das Auf­ga­ben­pro­fil der Feu­er­weh­ren in ra­san­ter Ge­schwin­dig­keit. Wie selbst­ver­ständ­lich er­grei­fen Po­li­ti­ker und Feu­er­wehr-ak­ti­ve das Wort und un­ter­brei­ten Vor­schlä­ge zur Bes­se­rung.

Ei­ni­ge Ide­en die­nen tat­säch­lich der Sa­che und loh­nen ei­ne wei­te­re Be­trach­tung. An­de­re Vor­schlä­ge er­schei­nen prag­ma­tisch, kön­nen bei ge­nau­em Hin­se­hen je­doch schnell als Po­pu­lis­mus ent­tarnt wer­den. Die Ein­füh­rung flä­chen­de­cken­der Be­rufs­feu­er­weh­ren ist für mich das klas­si­sche Bei­spiel da­für, er­scheint die­se Lö­sung doch an­fangs prag­ma­tisch und fix um­setz­bar.

Doch weit ge­fehlt. Denn Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr ist so viel mehr als nur Feu­er ab­weh­ren!

Ei­ne Sa­che hat sich bis heu­te bei den Frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren nur un­we­sent­lich ge­än­dert: Sie sind im wei­tes­ten Sinn ein Ver­bund von Nach­barn und Freun­den. Sie schlie­ßen sich zu­sam­men, um eh­ren­amt­lich das ei­ge­ne Haus oder das des Ge­gen­übers zu lö­schen, die Ge­mein­de vor Schlim­me­rem zu be­wah­ren.

Im Ge­gen­zug gibt es an­de­re Be­woh­ner der Ge­mein­de, die eh­ren­amt­lich Kin­der beim Sport be­treu­en, bei der In­te­gra­ti­on mit­wir­ken, Äl­te­ren und Kran­ken hel­fen. Das al­les ge­schieht auch eh­ren­amt­lich. So et­was nennt man Ge­sell­schaft. Je­des Mit­glied bringt das in die Ge­mein­schaft ein, was es am bes­ten kann.

Die­se Grund­sät­ze des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens fin­den ih­ren Ur­sprung weit ent­fernt in den Wur­zeln der Mensch­heit. In ei­nem Stamm hat­te je­des ein­zel­ne Mit­glied Auf­ga­ben zu über­neh­men, die dem Stamm dien­ten. Hier ging es stets um das Über­le­ben des Stam­mes. Es gab ei­nen Häupt­ling, es gab Wach­per­so­nal, Nacht­wa­chen, Spä­her und an­de­re Mit­strei­ter.

Mit der Wei­ter­ent­wick­lung der Mensch­heit und der Ge­sell­schaft ver­än­der­ten sich auch die Be­dro­hun­gen für den Stamm. Es brann­te nicht mehr das Zelt aus Büf­fel­haut oder die Lehm­hüt­te. Es ent­wi­ckel­ten sich mit der Zeit Städ­te, Bal­lungs­ge­bie­te mit un­glaub­lich ver­dich­te­ter Wohn­be­bau­ung und rie­si­gen In­dus­trie­kom­ple­xen. Dem­ent­spre­chend folg­te je­weils ei­ne An­pas­sung der Ge­fah­ren­ab­wehr auf ak­tu­el­le Be­dro­hun­gen. So ent­stand un­ser heu­ti­ges Sys­tem der Ge­fah­ren­ab­wehr.

Die Frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren wer­den Be­stand ha­ben. Sie müs­sen so­gar Be­stand ha­ben, denn sie ga­ran­tie­ren den Zu­sam­men­halt in der Ge­sell­schaft. Sie sind Ge­sell­schaft. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass die­ses Ge­fühl nicht ver­lo­ren geht. Ge­sell­schaft funk­tio­niert nur, wenn al­le ih­ren Bei­trag für sie lie­fern. Das kos­tet Mü­he, bringt aber auch Spaß und bie­tet die Mög­lich­keit der Selbst­ver­wirk­li­chung. Ge­fühlt geht die­ses Be­wusst­sein ak­tu­ell ge­ra­de ver­lo­ren. Der Ein­zel­ne ist oh­ne Ge­sell­schaft hilf­los und um­ge­kehrt.

Die Aus­set­zung der Wehr­pflicht ist mei­nes Erach­tens ei­ner der si­cher­lich ganz vie­len Grün­de. Im Wehr­dienst hat­te man die Mög­lich­keit, je­dem Staats­bür­ger bei­zu­brin­gen, dass es wich­tig ist, dem Staat zu die­nen. Heut­zu­ta­ge wä­re ein sol­cher Di­enst am Staat, wie auch im­mer die­ser aus­sieht, na­tür­lich für al­le Bür­ger ver­pflich­tend. Und er wür­de uns al­len gut­tun.

In der Ge­gen­wart hört man land­läu­fig die Stamm­tisch­pa­ro­le: „Bis­her ha­ben wir noch je­des Feu­er aus­be­kom­men.“Um dies auch wei­ter­hin so sa­gen zu kön­nen, ist es wich­tig, uns wei­ter­hin an den ver­än­der­ten Be­din­gun­gen aus­zu­rich­ten.

Für die Zu­kunft wird die span­nen­de Fra­ge sein, ob wir auf die Viel­falt der Be­dro­hun­gen, auf die Di­gi­ta­li­sie­rung, auf die Dy­na­mik und die Ge­schwin­dig­keit, mit der sich die Än­de­run­gen in der Tech­nik und der Ge­sell­schaft voll­zie­hen, mit dem ak­tu­el­len Sys­tem der Ge­fah­ren­ab­wehr noch an­ge­mes­sen re­agie­ren kön­nen. Oder wie wir dies für uns nutz­brin­gend ein­set­zen kön­nen.

So­eben ist die 65. Jah­res­fach­ta­gung der Ver­ei­ni­gung zur För­de­rung des Deut­schen Brand­schut­zes (vfdb) in Duis­burg er­folg­reich ab­ge­schlos­sen wor­den. Hier gab es ei­ne Rei­he von An­re­gun­gen hin­sicht­lich neu­er Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­me, an de­nen sich die Ge­fah­ren­ab­wehr aus­rich­ten soll­te. Jetzt gilt es, den Ruck­sack der Ide­en, den die Teil­neh­mer von der­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen mit­neh­men, auf­zu­tei­len und in die Tat um­zu­set­zen.

Der Wil­le zur Ve­rän­de­rung war in Duis­burg förm­lich mit Hän­den greif­bar.

Nun steht die Auf­ga­be, die Ent­schei­der auf die Sei­te der Feu­er­weh­ren zu zie­hen. Ent­schei­der, die die Pro­ble­me an­er­ken­nen und auf al­len Ebe­nen not­wen­di­ge An­pas­sun­gen vor­an­trei­ben. Oh­ne Ent­schei­der wer­den „wir bei Feu­er­wehrs“die­se Ve­rän­de­run­gen wohl nur viel zu lang­sam voll­zie­hen.

Es ist an der Zeit, die Ge­fah­ren­ab­wehr un­se­res Stam­mes zu über­ar­bei­ten. Es ist Zeit für gro­ße Schrit­te.

Die Frei­wil­li­gen Feu­er­weh­ren wer­den Be­stand ha­ben. Sie müs­sen so­gar Be­stand ha­ben, denn sie ga­ran­tie­ren den Zu­sam­men­halt in der Ge­sell­schaft.

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