Die Ab­tei­lung Gu­ten­stein (BW)

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der FF Sigmaringen hat bei den Ak­ti­ven und in der Ju­gend­feu­er­wehr ei­nen Frau­en­und Mäd­chen­an­teil von ei­nem Drit­tel. Ten­denz stei­gend. Das ist nicht die ein­zi­ge Be­son­der­heit die­ser klei­nen Orts­wehr.

Die Ab­tei­lung Gu­ten­stein der FF Sigmaringen (BW) hat bei den Ak­ti­ven und in der Ju­gend­feu­er­wehr ei­nen Frau­en- und Mäd­chen­an­teil von ei­nem Drit­tel. Ten­denz: wei­ter wach­send. Nicht die ein­zi­ge Be­son­der­heit, wie das Feu­er­wehr-ma­ga­zin bei ei­nem Be­such bei den Brand- und Ka­ta­stro­phen­schüt­zern er­fuhr.

34Ak­ti­ve, da­von zwölf Frau­en in der Ein­satz­ab­tei­lung. 31 Mit­glie­der in der Ju­gend­feu­er­wehr, da­von 15 Mäd­chen! Das wirkt na­tür­lich au­ßer­ge­wöhn­lich, vor al­lem im eher kon­ser­va­tiv ge­präg­ten Süd­deutsch­land, wo es doch tat­säch­lich noch Feu­er­weh­ren ge­ben soll, die ei­sern am Ur­alt-prin­zip ei­ner Män­ner­do­mä­ne fest­hal­ten. Die Gu­ten­stei­ner sind ganz of­fen­sicht­lich Trend­set­ter. Da­nie­la „Da­ny“Strop­pel ist stell­ver­tre­ten­de Ab­tei­lungs­kom­man­dan­tin der Gu­ten­stei­ner Feu­er­wehr­ab­tei­lung. Sie und ih­re Ka­me­ra­din­nen sind stolz auf den ho­hen Frau­en­an­teil. Doch auch die Feu­er­wehr­män­ner von freu­en sich über die­se Ent­wick­lung. Das Feu­er­wehr-ma­ga­zin wur­de durch ei­ne Zu­schrift der Wehr neu­gie­rig und woll­te Nä­he­res wis­sen.

Un­ser ers­ter Ein­druck bei der Fahrt durch das fel­si­ge und ro­man­ti­sche Do­nau­tal west­lich von Sigmaringen: Ge­mes­sen an der Grö­ße des Or­tes mit sei­nen rund 550 Ein­woh­nern dürf­ten die Brand­schüt­zer von Gu­ten­stein deutsch­land­weit die Feu­er­wehr mit den meis­ten Stra­ßen­tun­neln in ih­rem Ein­satz­ge­biet sein. Fünf in den Fel­sen ge­haue­ne Röh­ren durch­sto­ßen bei Gu­ten­stein an der al­ten Gren­ze von Würt­tem­berg und Ba­den den Ju­ra der Schwä­bi­schen Alb. Doch: „Als Tun­nel­feu­er­wehr ha­ben wir uns noch nie ge­fühlt“, lacht der frü­he­re Kom­man­dant Wer­ner Strop­pel un­ter Hin­weis auf die je­weils über­schau­ba­re Län­ge der Stra­ßen­tun­nel (zwi­schen 20 Me­ter und 50 Me­ter lang).

Ab­tei­lungs­kom­man­dant Wer­ner Klei­ner ver­deut­licht: „Die Lan­des­stra­ße 277 gilt für Ur­lau­ber, Aus­flüg­ler und vor al­lem für Mo­tor­rad­fah­rer als ei­ne Art Pre­mi­um­rou­te. Die be­lieb­te Tou­ris­tik­stra­ße, wo die eu­ro­päi­sche Le­bens- und Han­dels­ader Do­nau noch am engs­ten ist, be­schert der Feu­er­wehr viel Ar­beit. Das reicht von Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tun­gen bei Ver­kehrs­un­fäl­len bis hin zu Ret­tungs- und Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­men bei Un­wet­ter­la­gen auf den Cam­ping- und Ju­gend­zelt­plät­zen.“Klei­ners Stell­ver­tre­te­rin Da­ny Strop­pel, Toch­ter des „Se­ni­or­chefs“, er­gänzt: „Wir ha­ben in­zwi­schen ein Ge­spür da­für ent­wi­ckelt, wenn Un­wet­ter und Ar­beit für die Feu­er­wehr an­ste­hen.“

In­ter­na­tio­nal be­kannt ist in Gu­ten­stein auch der Do­nau-rad­wan­der­weg, der in die­ser Ge­gend be­ginnt und am Schwar­zen Meer en­det. Über­all be­geg­nen die Bi­ker den Gu­ten­stei­nern. Ent­spre­chend aus­ge­baut und fre­quen­tiert ist die Gas­tro­no­mie im Ort. Ka­nu­tou­ren auf der Do­nau so­wie Klet­ter­par­ti­en an den Fel­sen er­freu­en sich eben­falls enor­mer Be­liebt­heit. Mi­t­hin trägt die Feu­er­wehr viel Ver­ant­wor­tung - nicht nur für die Mit­bür­ger selbst, son­dern vor al­lem im Som­mer für die vie­len Gäs­te mit ei­nem zu­neh­men­den An­teil von „Ex­trem­süch­ti­gen“, die Dis­tan­zen, Hö­hen und Ge­schwin­dig­kei­ten lie­ben.

Feu­er­wehr-un­ter­kunft er­in­nert an ein Schloss

Der Ort Gu­ten­stein ist ein Uni­kum: Auf ei­ner Art Halb­in­sel ge­le­gen, ist er nor­ma­ler­wei­se le­dig­lich über Brü­cken er­reich­bar. Die ört­li­che Feu­er­wehr hat zwei Stand­or­te, nur ei­nen St­ein­wurf von­ein­an­der ent­fernt. Das Haupt­quar­tier be­fin­det sich im Orts­zen­trum im Bür­ger­haus. Frü­her war es mal ein Schul­haus. Heu­te tei­len sich Orts­ver­wal­tung und et­li­che Ver­ei­ne das Do­mi­zil.

Wie ein Schloss wirkt das Ge­bäu­de, des­sen Teil­be­reich im rück­wär­ti­gen Un­ter­ge­schoss für die Be­lan­ge der Feu­er­wehr im Zu­ge ei­ner um­fas­sen­den Sa­nie­rung vor et­wa 25 Jah­ren maß­ge­schnei­dert wur­de. Hier wird deut­lich, wie eng die Feu­er­wehr mit Tra­di­ti­on und Dorf­ge­mein­schaft ver­wo­ben ist. Feu­er­wehr-ur­ge­stein Wer­ner Strop­pel un­ter­streicht dies: „Bei uns in Gu­ten­stein gibt es prak­tisch in je­dem Haus ei­ne oder auch meh­re­re Ver­knüp­fun­gen mit der gro­ßen Feu­er­wehr­fa­mi­lie.“e

Un­ge­lieb­te Son­der­auf­ga­be

Die 1927 ge­grün­de­te Feu­er­wehr ist in­zwi­schen seit der Kom­mu­nal­re­form An­fang der 1970er Jah­re ei­ne Ab­tei­lung der FF Sigmaringen. De­ren stell­ver­tre­ten­der Chef, Jür­gen Bos­sert, wür­digt die Ar­beit vor Ort: „Auf die Gu­ten­stei­ner ist Ver­lass. Sie sind durch Per­so­nal­stär­ke, Aus­rüs­tung, Aus­bil­dung und durch ih­re Son­der­auf­ga­ben wich­ti­ger Be­stand­teil des Brand- und Ka­ta­stro­phen­schut­zes im Stadt­ge­biet Sigmaringen und im ge­sam­ten Land­kreis.“

Bos­sert er­wähnt vor al­lem die Spe­zia­lis­ten­rol­le „Was­ser­för­de­rung über lan­ge Wegstre­cken“: Je­de Feu­er­wehr wis­se, dass die Sta­tio­nie­rung ei­nes Schlauch­wa­gens (SW) 2000 ei­nen enor­men Ar­beits- und Zeit­auf­wand be­deu­te. Und die Was­ser­för­de­rung ge­hö­re nicht ge­ra­de zu den dank­bars­ten Auf­ga­ben. Das er­for­de­re schon ei­ne ganz be­son­de­re Mo­ti­va­ti­on so­wie ein ein­ge­spiel­tes Team.

Die Gu­ten­stei­ner Ak­ti­ven er­in­nern sich an Groß­brän­de, bei de­nen sie für die „lan­gen Lei­tun­gen“und an­schlie­ßend für de­ren Ab­bau sorg­ten. Und vom ei­gent­li­chen Brand­ge­sche­hen an vor­de­rer Front be­ka­men sie so gut wie nichts mit.

Ei­ne vier­köp­fi­ge Grup­pe von Not­fall­seel­sor­gern ist der Ab­tei­lung an­ge­glie­dert. Die zwei Frau­en und zwei Män­ner le­ben im Ort und ha­ben be­ruf­lich ei­nen so­zi­al­päd­ago­gi­schen oder theo­lo­gi­schen Hin­ter­grund. Durch die Teil­nah­me an ei­ner Gr­und­aus­bil­dung sind sie mit der Feu­er­wehr­tä­tig­keit ver­traut, tra­gen auch be­son­ders ge­kenn­zeich­ne­te Feu­er­wehr-ein­satz­ja­cken. „Das hat sich im Lau­fe der Jah­re aus der Pra­xis und ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten er­ge­ben, wir sind sehr froh über die­se Er­gän­zung. Die Grup­pe or­ga­ni­siert sich selbst, ist aber bei uns or­ga­ni­sa­to­risch und ka­me­rad­schaft­lich voll da­bei“, sagt­ge­hö­ren Da­ny Strop­pel.

Die Gu­ten­stei­ner ge­hö­ren wei­ter­hin als Teil der De­kon-ein­heit zum Ge­fahr­gut- und Um­welt­schutz­zug des Land­krei­ses. Vier Ka­me­ra­den zäh­len zu­dem zur Ein­satz­füh­rungs­grup­pe der Feu­er­wehr Sigmaringen. Auch im Ver­bands- und Aus­bil­dungs­we­sen so­wie in Sa­chen Ju­gend­feu­er­wehr mi­schen Feu­er­wehr­leu­te aus Gu­ten­stein auf Land­kreis­ebe­ne mit.

LF 8/6 dient als Mehr­zweck­waf­fe

Ei­ne „Mehr­zweck­waf­fe“der Ab­tei­lung steht nach wie vor im Bür­ger­haus: das Lösch­grup­pen­fahr­zeug (LF) 8/6 bau­te Zieg­ler 2003 auf ei­nem MAN LE 8.180 auf. Es ist für ein Lösch­fahr­zeug die­ser Klas­se er­staun­lich viel­sei­tig aus­ge­rüs­tet wor­den. Ab­wei­chend von der Norm lie­fert Zieg­ler das LF mit ei­nem 1.200-Li­ter- statt mit ei­nem 600-Li­ter-tank.

Die für das LF 8/6 nor­ma­ler­wie­se vor­ge­se­he­ne Trag­krafts­prit­ze (TS) ist aus­ge­la­gert und steht im Feu­er­wehr­haus auf ei­nem hier­für ei­gens um­ge­bau­ten Schlauch­an­hän­ger. Statt­des­sen ist der Zieg­ler-man mit ei­nem kom­plet­ten Hil­fe­leis­tungs­satz be­stückt. Sche­re, Sprei­zer, Ret­tungs­zy­lin­der, Ag­gre­gat mit­samt Zu­be­hör sind in den Ge­rä­te­räu­men auf der rech­ten Fahr­zeug­sei­te kon­zen­triert. Dort be­fin­det sich auch der Schnellan­griff mit Hoch­druck­schlauch, der zwecks Brand­schutz bei Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tun­gen bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall mit we­ni­gen Hand­grif­fen von der Has­pel ab­ge­rollt und in Stel­lung ge­bracht wer­den kann. Eben­falls auf die­ser Sei­te un­ter­ge­bracht ist auch das Be­leuch­tungs­ge­rät (Schein­wer­fer und Sta­tiv).

Schwer­punkt in den Ge­rä­te­räu­men und Schub­fä­chern auf der lin­ken Fahr­zeug­sei­te ist das The­ma Brand­be­kämp­fung. Auch ein Hoch­druck­lüf­ter ge­hört zur Be­la­dung, wei­ter­hin ein mo­bi­ler Rauch­ver­schluss, Ab­sturz­si­che­rungs­satz, Ers­te Hil­fe-ruck­sack so­wie ver­schie­de­ne Pum­pen und Sau­ger zur Be­sei­ti­gung von Was­ser­schä­den nach Un­wet­tern. Auf dem Dach des Fahr­zeugs be­fin­det sich ne­ben der 4-tei­li­gen Steck­lei­ter auch ei­ne 3-tei­li­ge Schieblei­ter.

In der Mann­schafts­ka­bi­ne kann der An­griff­s­trupp wäh­rend der An­fahrt die Atem­schutz­ge­rä­te an­le­gen. Zwei wei­te­re kön­nen aus ei­nem Schub­fach auf der lin­ken Auf­bau­sei­te ent­nom­men wer­den. Das LF 8/6 be­wäl­tigt mit ei­ner Grup­pe oder auch nur ei­ner Staf­fel klei­ne­re Ein­sät­ze selbst­stän­dig be­zie­hungs­wei­se stellt bis zum Ein­tref­fen der Ver­stär­kung von der rund 10 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Stütz­punkt­feu­er­wehr Sigmaringen ei­ne wir­kungs­vol­le Über­brü­ckung dar.

Bei hö­he­ren Ein­satz­stu­fen von Brand­mel­dun­gen oder Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tun­gen fah­ren die Gu­ten­stei­ner re­gel­mä­ßig auch in die Kreis­stadt. Und selbst zur Un­ter­stüt­zung in der west­lich ge­le­ge­nen Nach­bar­ge­mein­de Beu­ron, welt­be­kannt durch ih­re Be­ne­dik­ti­ner-klos­ter­an­la­ge, wer­den sie alar­miert.

Zwei­ter Stütz­punkt in his­to­ri­schem Stall

Die Fahr­zeug­hal­le und an­de­re Räu­me im vor 25 Jah­ren be­zo­ge­nen Haupt­quar­tier reich­ten we­gen der zu­sätz­li­chen Auf­ga­ben der letz­ten Jah­re nicht mehr aus. Zur Jahr­tau­send­wen­de kam des­halb ein zwei­ter Fahr­zeug- und Ma­te­ri­al­stütz­punkt der Gu­ten­stei­ner Wehr mit drei Ga­ra­gen schräg ge­gen­über vom Bür­ger­haus (et­wa 50 Me­ter ent­fernt) hin­zu. Bei dem Ge­bäu­de han­delt es sich um ei­nen über­wie­gend in Ei­gen­ar­beit um­ge­bau­ten his­to­ri­schen Far­ren­stall. Ei­nen sol­chen Stall muss­te ehe­mals per Ge­setz je­des Dorf vor­hal­ten. Er dien­te für die

Land­wir­te aus der nä­he­ren und wei­te­ren Um­ge­bung der Va­ter­tier­hal­tung, mi­t­hin als Ort der na­tür­li­chen Fort­pflan­zung des Vieh­be­stands. Heu­te ist in dem Ge­bäu­de die Ein­satz­kom­po­nen­te Was­ser­för­de­rung un­ter­ge­stellt: der SW 2000 (Ive­co/lent­ner, Bau­jahr 1998) und der Mann­schafts­trans­port­wa­gen MTW (VW T4 Syn­cro, Bau­jahr 2001).

Da­zu kommt ei­ne auf­fäl­li­ge Um­bau- und Ei­gen­kon­struk­ti­on auf ei­nem frü­he­ren Feu­er­wehr­an­hän­ger-schlauch (FWA-S). Auf die­sem FWA ent­fern­ten die Ka­me­ra­den nach Über­nah­me des SW 2000 ei­ne der bei­den BSchlauch­has­peln und ver­las­te­ten da­für ei­ne TS 8 (Zieg­ler Ul­tra­leicht) mit Aus­stat­tung (Saug­schläu­che) für of­fe­ne Lösch­was­ser­ent­nah­me. Wer­ner Stop­pel: „In Gu­ten­stein und auch in den Nach­bar­or­ten ist die Do­nau als uner­schöpf­li­cher Lösch­was­ser­be­häl­ter im­mer in der Nä­he.“

Ei­ne mo­bi­le Pum­pe lässt sich auch für die Was­ser­för­de­rung über lan­ge Wegstre­cken op­ti­mal ein­set­zen. „Wir sind in der La­ge, mit all un­se­ren Pum­pen fünf För­der­sta­tio­nen ein­zu­rich­ten“, so Stop­pel.

Schlauch­wa­gen mit Boot

Star im Stall ist der Schlauch­wa­gen auf ei­nem Ive­co 95 E 18. „Mit dem All­rad­ler kom­men wir not­falls über­all durch und kön­nen so­gar di­rekt ans Ufer der Do­nau fah­ren“, er­klärt der er­fah­re­ne Ein­satz­lei­ter und Ma­schi­nist Stop­pel. Es stei­gert den Ein­satz­wert nicht nur kreis­weit, son­dern auch vor Ort enorm. Bei ei­ner Übung an der Do­nau wird ei­ne De­mo des Sw-kön­nens und ei­ne Über­ra­schung ge­zeigt: Den Schlauch-lkw nutzt die klei­ne Do­nau-feu­er­wehr auch als Boots­trans­por­ter. Im La­de­raum – ne­ben und über den Schlauch­bo­xen ver­las­tet und blitz­schnell ein­satz­be­reit – ist ein Schlauch­boot mit Zu­be­hör wie Pad­del, Lei­nen und Schwimm­wes­ten vor­han­den. Die Gu­ten­stei­ner Ka­me­ra­den sind ge­üb­te Boots­fah­rer. Ob Was­ser­ret­tung, Ver­miss­ten­su­che, Hoch­was­ser­ein­satz oder Ber­gung von Treib­gut an den Brü­cken: Das Schlauch­boot leis­tet im­mer wie­der wert­vol­le Di­ens­te. „Doch da­für üben wir auch re­gel­mä­ßig“, er­klärt Stop­pel. Po­si­ti­ver Ne­ben­ef­fekt: Er­fol­ge bei Wett­be­wer­ben mit an­de­ren Schlauch­boot­crews, die an der Do­nau ger­ne aus­ge­tra­gen wer­den.

War­um es so oft kracht

Zu­rück zu den Brü­cken von Gu­ten­stein und den Tun­neln der L 277. Sie wur­den 1854 bis 1857 von St­ein­hau­er Andre­as Stöck­le aus Gu­ten­stein mit hun­der­ten Ar­bei­tern in den Fel­sen ge­schla­gen. Heu­te sind sie in Ba­denWürt­tem­berg als bau­tech­ni­sche Denk­ma­le ein­ge­stuft. Für mo­der­ne Fahr­zeu­ge sind sie aber im Prin­zip nicht aus­ge­legt. Zwei Pkw kom­men kaum an­ein­an­der vor­bei.

Be­schrän­kun­gen gibt es auch auf den Stra­ßen­brü­cken. Die Feu­er­wehr­leu­te sind da­mit ver­traut. Doch nicht je­der Durch­rei­sen­de kommt da­mit zu­recht. Es kracht oft im en­gen Obe­ren Do­nau­tal (mehr als die Hälf­te der rund 25 Ein­sät­ze pro Jahr sind Ver­kehrs­un­fäl­le). Spe­zi­ell fürs Feu­er­wehr­Ma­ga­zin zei­gen des­halb Da­ny Strop­pel und ih­re Mä­dels ei­ne Übung (im Ba­di­schen heißt‘s Pro­be) in der häu­fig ge­for­der­ten Ru- brik „Tech­ni­sche Hil­fe­leis­tung nach VU“: Ein Pkw ist ge­gen ei­nen Baum ge­prallt. Die ein­ge­klemm­te und schwer­ver­letz­te Per­son wird von Ab­tei­lungs­kom­man­dant Wer­ner Klei­ner ge­mimt. Weil der Pa­ti­ent nicht an­sprech­bar ist, muss er sich mit sei­nen An­wei­sun­gen auch ge­trost zu­rück­hal­ten. Das Kom­man­do hat Stell­ver­tre­te­rin Da­ny Strop­pel.

Alarm und Um­klei­den im Bür­ger­haus. Aus­rü­cken mit dem kom­plett be­setz­ten LF 8/6. Er­schwer­te Be­din­gun­gen: Es reg­net in Strö­men. Je­der Hand­griff sitzt schul­mä­ßig und prak­tisch, so­wohl tech­nisch als auch bei den ers­ten Ver­sor­gungs­maß­nah­men für den Ver­letz­ten. Ein ein­ge­spiel­tes Team. Das „Op­fer“wird schließ­lich nach 10 Mi­nu­ten scho­nend aus dem Wrack ge­ho­ben und dem Ret­tungs­dienst über­ge­ben.

Der „ge­ret­te­te“Ab­tei­lungs­kom­man­dant zeigt sich zu­frie­den mit dem Ablauf der Pro­be. Zu­rück im tro­cke­nen Bür­ger- und Feu­er­wehr­haus spen­diert er Piz­za. Ge­le­gen­heit zum Ge­dan­ken­aus­tausch über die Be­son­der­hei­ten der Ab­tei­lung Gu­ten­stein. Im Vor­der­grund steht na­tür­lich die Fra­ge: Wie ha­ben es die Gu­ten­stei­ner zu die­sem au­ßer­ge­wöhn­lich ho­hen Frau­en­an­teil von gut ei­nem Drit­tel ge­bracht? Was kann die­se Feu­er­wehr an­de­ren in Deutsch­land als Tipp mit auf den zu­künf­ti­gen Weg ge­ben, um die Frau­en­quo­te deut­lich hoch­zu­schrau­ben?

Es braucht weib­li­che Weg­be­rei­ter

Der stell­ver­tre­ten­de Kom­man­dant der Ge­samt­feu­er­wehr Sigmaringen, Jür­gen Bos­sert, freut sich über das star­ke En­ga­ge­ment der Frau­en in Gu­ten­stein. Ge­ra­de weil es an­ders­wo noch nicht so vie­le weib­li­che Ak­ti­ve gibt. Die Frau­en­trup­pe selbst grü­belt dar­über nach, wie es da­mals, so et­wa ab der Jahr­tau­send­wen­de, in Gu­ten­stein zu die­sem „weib­li­chen Schub“ge­kom­men war. Der Ein­tritt vie­ler Mäd­chen in die Ju­gend­feu­er­wehr ha­be zu den ers­ten, ganz wich­ti­gen Schrit­ten ge­hört.

Die Zeit sei ein­fach reif da­zu ge­we­sen, dass die „al­te Män­ner­po­li­tik“in der Feu­er­wehr ver­stan­den ha­be, dass das Zeit­al­ter mit „War­te­lis­ten von jun­gen Bur­schen“end­gül­tig vor­bei war. Frü­her ha­ben sich die

männ­li­chen Be­woh­ner re­gel­recht dar­um ge­ris­sen, Mit­glied der Feu­er­wehr zu wer­den, so dass nicht je­der gleich auf­ge­nom­men wer­den konn­te, heißt es. Weib­li­che Ak­ti­ve wa­ren des­halb „nicht er­for­der­lich“. Land­flucht, Mo­bi­li­tät bei Aus­bil­dung und im Be­ruf, zu­neh­men­de Pro­ble­me bei der Ta­ges­ver­füg­bar­keit. „Ir­gend­wann ging es oh­ne Frau­en ein­fach nicht mehr, soll­te die Feu­er­wehr wei­ter be­ste­hen“, sagt der Ab­tei­lungs­kom­man­dant. Doch die al­ten Zei­ten sind über­wun­den. Für die Gu­ten­stei­ner, so wird im Ge­spräch wei­ter deut­lich, ist es heu­te kein The­ma mehr, wel­ches Ge­schlecht die Ak­ti­ven ha­ben.

Frau­en wie Män­ner hät­ten ganz un­ter­schied­li­che per­sön­li­che Stär­ken und Schwä­chen. Das sei doch auch im Be­rufs­le­ben völ­lig nor­mal, und wer­de dort ent­spre­chend be­rück­sich­tigt. Wie­so al­so nicht auch in der Feu­er­wehr? Leo­nie Amann spricht dann aber auch ei­nen Satz aus, den ih­re Ka­me­ra­din­nen so­fort als Tipp für al­le an­de­ren Feu­er­weh­ren un­ter­stri­chen ha­ben wol­len: „Es braucht aber ei­ne Vor­zei­ge-feu­er­wehr­frau wie un­se­re Da­ny, um so weit wie wir zu kom­men!“

Al­le stim­men in der Ein­schät­zung über­ein, dass ein sol­ches Zug­pferd und Vor­bild schon in der Ju­gend­feu­er­wehr enorm wich­tig sei, um als Mäd­chen für ei­ne spä­te­re ak- ti­ve Tä­tig­keit in der Feu­er­wehr Ver­trau­en zu schöp­fen. Und sind erst ein­mal Frau­en vor­han­den, er­hö­he dies auch die At­trak­ti­vi­tät für Quer­ein­stei­ge­rin­nen.

Ab­tei­lungs­kom­man­dant Wer­ner Klei­ner kann sich sei­ne Feu­er­wehr oh­ne die Frau­en heu­te schlicht­weg nicht mehr vor­stel­len. Er ist über­zeugt, dass Frau­en an­de­re Wahr­neh­mung ha­ben als Män­ner. Dies vor al­lem auch in ei­nem hek­ti­schen Ein­satz­ge­sche­hen: „Män­ner den­ken in sol­chen Si­tua­tio­nen oft viel zu tech­nisch. Frau­en be­ob­ach­ten stär­ker das Um­feld, um zu be­ur­tei­len, was ne­ben ei­ner tech­ni­schen auch für ei­ne mensch­li­che Hil­fe­leis­tung zu tun ist.“

Ge­mein­sa­mer Um­klei­de­raum

Al­le freu­en sich, dass sich die klei­ne Gu­ten­stei­ner Wehr in Sa­chen Gleich­be­rech­ti­gung schon viel wei­ter­ent­wi­ckelt ha­be als weit­aus grö­ße­re Feu­er­weh­ren. Ver­wun­dert ist der Be­su­cher al­ler­dings beim Blick in die Um­klei­de- und Sa­ni­tär­räu­me im Feu­er­wehr­haus. Bei­de Ge­schlech­ter nut­zen Sei­te an Sei­te die glei­chen Räu­me. „Es wä­re mög­lich, se­pa­ra­te Rä­um­lich­kei­ten für die Frau­en ein­zu­rich­ten“, sagt Da­ny Strop­pel, „aber wir Frau­en hal­ten das für nicht er­for­der­lich.“

An­dern­orts wird ei­ne sol­che Raum­si­tua- ti­on in Feu­er­wehr­häu­sern doch sehr häu­fig als feh­len­de Vor­aus­set­zung ge­nannt, um die Frau­en­quo­te zu stei­gern. Die Über­ra­schung zu die­ser Fra­ge in Gu­ten­stein: Die Feu­er­wehr­frau­en la­chen und mei­nen, dass ih­nen das „to­tal egal“und noch nie der Sor­ge wert ge­we­sen sei, ob sie der Feu­er­wehr an­ge­hö­ren oder nicht.

Aber dann ent­brennt doch noch ei­ne hef­ti­ge Dis­kus­si­on: Was hält ei­ne sol­che Frau­en­power-wehr von Ka­len­dern mit leicht- bis kaum noch be­klei­de­ten Feu­er­wehr­frau­en,

die zu Weih­nach­ten und Jah­res­wech­sel schein­bar tau­send­fach ver­kauft wer­den? Die Mei­nun­gen rei­chen von „to­tal doof“bis „gar nicht so schlecht, so­fern es stil­voll ge­macht ist“. Der Te­nor der To­le­ranz: Das müs­se Mann be­zie­hungs­wei­se Frau sel­ber mit sich aus­ma­chen, ob‘s ge­fällt oder nicht.

Bei die­ser Ge­le­gen­heit spricht An­ge­la Ruhnau ein viel wich­ti­ge­res Auf­re­ger-the­ma an – und fin­det so­fort Zu­stim­mung bei all ih­ren Ka­me­ra­din­nen. Es geht um die Uni­for­men. Da füh­len sich die Mäd­chen und Frau­en im­mer noch dis­kri­mi­niert, weil die Her­stel­ler und Be­schaf­fer of­fen­bar nicht wis­sen oder ak­zep­tie­ren wol­len, dass Frau­en ei­nen an­de­ren Kör­per­bau ha­ben. Die Feu­er­wehr­frau­en wer­den of­fen­sicht­lich im­mer noch in Aus­ge­h­u­ni­for­men ge­zwun­gen, die für Män­ner ge­schnei­dert sind. Dies sei doch nicht ei­ne po­li­ti­sche, son­dern ei­ne ganz prin­zi­pi­el­le und ein­fach zu lö­sen­de Fra­ge des Re­spekts zwi­schen den Ge­schlech­tern, so be­to­nen die selbst­be­wuss­ten Flo­ri­ans­jün­ge­rin­nen aus Gu­ten­stein.

Ei­ne wei­te­re Be­son­der­heit fin­den wir in der klei­nen Ge­mein­de, das ist die Freund­schaft mit der Feu­er­wehr im gleich­na­mi­gen Gu­ten­stein/ös­ter­reich. Die­se Part­ner­schaft exis­tiert mitt­ler­wei­le seit mehr als 30 Jah­ren und wird im­mer wie­der durch ge­gen­sei­ti­ge Be­su­che und ge­mein­sa­me Ak­ti­vi­tä­ten neu auf­ge­frischt. Nicht nur die Na­mens­ge­bung ver­bin­det die bei­den Feu­er­weh­ren: Auch die Ös­ter­rei­cher be­sit­zen ei­nen star­ken Frau­en­an­teil: Im Nach­bar­land sind es in­zwi­schen zehn Frau­en (bei 60 Ak­ti­ven).

Text und Fo­tos: Hei­no Schüt­te Ba­den-würt­tem­berg-kor­re­spon­dent [5892]

Gu­te Idee: Der um­ge­bau­te Schlauch­an­hän­ger, jetzt mit nur ei­ner B-has­pel und da­für mit Pum­pe (TS 8) so­wie kom­plet­ter Aus­rüs­tung für die Was­ser­ent­nah­me aus der Do­nau.

Übung Ver­kehrs­un­fall ( VU) mit ein­ge­klemm­ter Per­son. Ab­tei­lungs­kom­man­dant Wer­ner Klei­ner mimt den Ver­letz­ten. Er hat vol­les Ver­trau­en in sein weib­lich do­mi­nier­tes Team. Alarm für die Ab­tei­lung Gu­ten­stein der FF Sigmaringen. Dank gu­ter Ta­ges­ver­füg­bar­keit der Frau­en und Män­ner ist das LF 8/6 im­mer schnell be­setzt. Schul­mä­ßig ist bei der Tech­ni­schen Hil­fe­leis­tung „VU mit ein­ge­klemm­ter Per­son“al­les per­fekt vor­be­rei­tet. Das nach­ge­rüs­te­te LF 8/6 der FF Gu­ten­stein ent­puppt sich als ei­ne Art klei­nes Hil­fe­leis­tungs­lösch­fahr­zeug (HLF). So­gar ein Licht­mast ist vor­han­den.

Beim MTW er­in­nert die sil­ber­ne Grund­la­ckie­rung noch an sei­ne frü­he­re Ver­wen­dung bei der Po­li­zei. Aus ei­nem Pool von sei­tens der Lan­des­po­li­zei zu­rück­ge­ge­be­nen Lea­singFahr­zeu­gen hat­te die Feu­er­wehr den All­rad-t4 güns­tig er­wer­ben kön­nen.

Ab­tei­lungs­kom­man­dant Wer­ner Klei­ner und sei­ne Stell­ver­tre­te­rin Da­nie­la „Da­ny“Strop­pel füh­ren die Feu­er­wehr Gu­ten­stein. Da­ny war in den letz­ten Jahr­zehn­ten ei­ne ech­te Leit­fi­gur in der Wehr und sorg­te für die Stei­ge­rung der Frau­en­quo­te.

Ne­ben den zahl­rei­chen Tun­neln prägt auch ei­ne ab­wechs­lungs­rei­che Brü­cken­land­schaft das en­ge Do­nau­tal west­lich von Sigmaringen. Das Fo­to zeigt die Fahr­zeu­ge (MTW, LF 8/6 und SW 2000) der Ab­tei­lung Gu­ten­stein bei der Fluss­über­que­rung am Kreuz­fel­sen, der Haupt­zu­fahrt zum Ort. Die­ser liegt wie auf ei­ner Halb­in­sel, von ei­ner Do­n­au­schlei­fe um­ge­ben.

Auch ge­sel­lig-pri­vat pfle­gen die Frau­en und Mäd­chen der FF Gu­ten­stein ei­nen su­per Zu­sam­men­halt, ver­bun­den mit lei­den­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen in Sa­chen Gleich­stel­lung und „Feu­er­wehr­frau­en-ka­len­der“.

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