Ko­lum­ne: Jo­chen St­ein, Vor­sit­zen­der der AGBF Bund, zu Er­run­gen­schaf­ten des Brand­schut­zes

von Jo­chen St­ein, Vor­sit­zen­der der Ar­beits­ge­mein­schaft der Lei­ter der Be­rufs­feu­er­weh­ren (AGBF Bund)

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt -

Gibt es was Neu­es im Brand­schutz? Die Fra­ge mag selt­sam an­mu­ten, denn Vor­beu­gen­der und Ab­weh­ren­der Brand­schutz sind gut ein­ge­stellt. Neu­es gibt es auf den ers­ten Blick nur bei Ein­zel­hei­ten. Die Zahl der Brand­ein­sät­ze der Feu­er­weh­ren bleibt weit­ge­hend gleich, et­wa 200.000 sind es je­des Jahr. Wenn man ge­nau­er hin­schaut, gibt es aber Ve­rän­de­run­gen. Und ge­nau­er hin­schau­en soll­ten wir aus gu­ten Grün­den. So gibt es im­mer wie­der The­men, bei de­nen wir ein ein­mal er­reich­tes Si­cher­heits­ni­veau ver­tei­di­gen müs­sen. Ge­ra­de weil so we­nig pas­siert; das Ni­veau ist ja auch gut. Wir müs­sen aber auch ge­nau hin­schau­en, weil sich Ri­si­ken ver­än­dern und ein gut ein­ge­stell­tes Si­cher­heits­ni­veau ins Wan­ken brin­gen kön­nen.

In Li­ver­pool (En­g­land) bren­nen An­fang des Jah­res in ei­nem Park­haus 1.300 Fahr­zeu­ge aus, weit­ge­hend un­be­merkt von der Brand­schutz­fach­welt. Oh­ne den klei­nen Be­richt hier im Heft in der Ru­brik Nach­rich­ten in der April-aus­ga­be hät­te ich es auch nicht wahr­ge­nom­men. Schaut man sich das Er­eig­nis an, wer­den Stirn­run­zeln und Kopf­schüt­teln die ers­ten Re­ak­tio­nen sein.

Ver­mut­lich ma­chen bei uns noch die bes­ser auf­ge­stell­ten (die An­zahl der Ein­satz­kräf­te) und aus­ge­stat­te­ten (un­mit­tel­bar mit Hu­bret­tungs­ge­rä­ten) Feu­er­weh­ren noch den Un­ter­schied aus. Das muss aber auch bei uns nicht über­all so funk­tio­nie­ren. Das Er­eig­nis pas­sier­te wäh­rend ei­ner Ver­an­stal­tung. Wenn die ers­ten Kräf­te zu­nächst durch die Men­schen­ret­tung ge­bun­den wer­den, dann kann es für die Brand­be­kämp­fung zu spät sein. Denn auch bei uns un­ter­lie­gen of­fe­ne Groß­ga­ra­gen kei­nen An­for­de­run­gen an den Feu­er­wi­der­stand der Bau­tei­le, es be­steht al­so sehr schnell Ein­sturz­ge­fahr.

Gleich­zei­tig soll sich die Brand­last ei­nes durch­schnitt­li­chen Pkw mit den Jah­ren deut­lich er­höht ha­ben. Es wird von Brän­den in ge­sprink­ler­ten Tief­ga­ra­gen be­rich­tet, bei de­nen meh­re­re Fahr­zeu­ge aus­ge­brannt sind. Ne­ben hö­he­ren Brand­las­ten und neu­en An­triebs­tech­ni­ken wird dies dem hö­he­ren An­teil von Leicht­me­tal­len zu­ge­schrie­ben. Auch mit Blick auf Bei­na­heun­fäl­le bei der Brand­be­kämp­fung in Tief­ga­ra­gen ist dies ein The­ma, bei dem wir ge­ra­de ge­nau­er hin­se­hen.

Weil es an man­chen Ge­bäu­den nur mit Auf­wand zu rea­li­sie­ren ist oder kom­pen­siert wer­den muss, wird die Sinn­fra­ge beim zwei­ten Ret­tungs­weg ge­stellt. Be­son­ders im Be­stand in der ge­schlos­se­nen Be­bau­ung und bei der Nach­ver­dich­tung in In­nen­städ­ten – und weil es vi­el­leicht ein­fa­cher und güns­ti­ger ist, es nicht zu ma­chen.

Bei nor­ma­len Be­bau­ungs­ver- hält­nis­sen un­ter­halb der Hoch­haus­gren­ze und wenn es in der Pla­nung be­rück­sich­tigt wird, ver­ur­sacht der zwei­te Ret­tungs­weg aus Ge­bäu­den kei­ne Bau­kos­ten. Denn die­ser kommt mit der Lei­ter der Feu­er­wehr an den Brand­ort. Und er wird auch re­gel­mä­ßig ge­nutzt. Ge­schätzt wer­den et­wa 8.000 Men­schen bei uns je­des Jahr über Lei­tern der Feu­er­wehr ge­ret­tet.

Ne­ben der Funk­ti­on Ret­tungs­weg ist die­ser für uns aber auch häu­fig idea­ler An­griffs­weg bei Brän­den in Ge­bäu­den. Von au­ßen über ein Hu­bret­tungs­ge­rät ist der Weg zum Brand­ort über das Fens­ter oft viel schnel­ler und vor al­lem viel si­che­rer. Der zwei­te Ret­tungs­weg ist ei­ne not­wen­di­ge Er­run­gen­schaft, an der wir fest­hal­ten wol­len.

Bei Wär­me­dämm­fas­sa­den und bei Rei­se­bus­sen sind wir noch nicht zu­frie­den mit dem Brand­schutz und ver­lan­gen Ver­bes­se­run­gen. Bei den neu­en Fahr­zeug­an­trie­ben lässt sich noch nicht ge­nau sa­gen, wie es sich ent­wi­ckeln wird. Aber die ho­he Ener­gie­dich­te der Ak­kus und die sich noch ent­wi­ckeln­de Tech­no­lo­gie stel­len uns vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen.

Auch wenn die Ge­samt­zahl der Brän­de weit­ge­hend gleich bleibt: Die Groß­brän­de wer­den we­ni­ger, die Klein­ein­sät­ze wer­den mehr. Ei­nen we­sent­li­chen An­teil dar­an hat si­cher­lich die Ver­brei­tung von Rauch­mel­dern.

Die An­zahl der Brand­to­ten hat von 1995 bis 2015 von et­wa 600 auf et­wa 350 weit­ge­hend kon­ti­nu­ier­lich ab­ge­nom­men. Dies ist ver­mut­lich schon ein Ver­dienst der zu­neh­men­den Ver­brei­tung von Rauch­mel­dern auf frei­wil­li­ger Ba­sis. Mit der ge­ra­de in die­sen Jah­ren wirk­sam ge­wor­de­nen ge­setz­li­chen Ver­pflich­tun­gen zur Vor­hal­tung von Rauch­mel­dern in den meis­ten Bun­des­län­dern dürf­ten die Zah­len noch­mals deut­lich zu­rück­ge­hen. Wir er­rei­chen Brän­de heu­te frü­her, kön­nen so noch mehr Men­schen ret­ten und wer­den selbst ge­rin­ge­ren Ge­fah­ren aus­ge­setzt. Das darf uns nicht da­von ab­hal­ten, die Vor­be­rei­tung auf Groß­brän­de oder sel­te­ne Brand­sze­na­ri­en wei­ter­hin gründ­lich zu be­trei­ben. In der Or­ga­ni­sa­ti­on, der Aus­bil­dung und der Aus­stat­tung.

Es gab mal ein Ro­tes Heft mit dem Ti­tel „Be­mer­kens­wer­te Brän­de und ih­re Leh­ren“aus dem Jahr 1970. Es wur­de lei­der nicht mehr wie­der auf­ge­legt. Die Be­fas­sung mit Brand­fäl­len ist wich­tig, um dar­aus Leh­ren zu zie­hen und auch Ent­wick­lun­gen früh­zei­tig zu er­ken­nen. Das er­reich­te Schutz­ni­veau im Brand­schutz, so­wohl vor­beu­gend wie auch bei der Ge­fah­ren­ab­wehr durch die Feu­er­weh­ren, soll und kann er­hal­ten wer­den.

Es gibt im­mer wie­der The­men, bei de­nen wir ein ein­mal er­reich­tes Si­cher­heits­ni­veau ver­tei­di­gen müs­sen. Ge­ra­de weil so we­nig pas­siert.

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