Spon­tan­hel­fer: Vor- und Nach­tei­le für die Feu­er­wehr

Teil 1

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt -

Als im Früh­som­mer 2013 Star­knie­der­schlä­ge und ge­sät­tig­te Bö­den da­für sor­gen, dass zahl­rei­che Flüs­se über ih­re Ufer zu schwap­pen dro­hen, be­ginnt der laut Deut­schem Feu­er­wehr­ver­band (DFV) bis da­to größ­te Feu­er­wehr­ein­satz der deut­schen Ge­schich­te. In 55 Land­krei­sen, vor­nehm­lich in Bay­ern, Sach­sen-an­halt und Sach­sen, wird der Ka­ta­stro­phen­alarm aus­ge­ru­fen. Ne­ben der Feu­er­wehr mo­bi­li­sie­ren das Tech­ni­sche Hilfs­werk (THW), Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen (Hiorgs), Bun­des­po­li­zei und Bun­des­wehr nach of­fi­zi­el­len An­ga­ben ins­ge­samt über 130.000 Kräf­te.

Doch nicht nur die Ein­satz­kräf­te kämp­fen ge­gen die Flu­ten – plötz­lich pa­cken Frei­wil­li­ge aus der gan­zen Bun­des­re­pu­blik mit an. Män­ner, Frau­en, Kin­der und Se­nio­ren tau­chen un­ver­mit­telt an Ein­satz­stel­len auf und hel­fen beim Sand­sack­fül­len und Si­chern der Dei­che. Dar­aus er­wächst für die Ein­satz­kräf­te ei­ne ganz neue Her­aus­for­de­rung: die Ko­or­di­na­ti­on zahl­rei­cher un­or­ga­ni­sier­ter Men­schen­grup­pen aus al­len Be­völ­ke­rungs­schich­ten und mit un­ter­schied­lichs­ten Fä­hig­kei­ten.

Auch in Wit­ten­ber­ge (BB, Kreis Pri­gnitz) stei­gen die Pe­gel der El­be so­wie ih­rer Ne­ben­flüs­se Ste­pe­nitz und Kart­ha­ne be­denk­lich. Nor­man Rauth, Pres­se­spre­cher der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr (FF) Wit­ten­ber­ge, er­in­nert sich: „Nach­dem in der Ta­ges­zei­tung über die Hoch­was­ser­ge­fahr be­rich­tet wor­den war, mel­de­ten sich zu­nächst ört­li­che Schul­klas­sen und Sport­ver­ei­ne. Die Leu­te fan­den sich meist di­rekt bei zu­vor ein­ge­rich­te­ten Sand­sack­füll­plät­zen ein und hal­fen uns dort. Im wei­te­ren Ver­lauf ka­men dann im­mer mehr Hel­fer auch von au­ßer­halb da- zu. Zum Teil mit schwe­rem Ge­rät, wie Rad­la­der oder Kip­plas­ter.“Durch die kom­bi­nier­te Leis­tung der Ein­satz­kräf­te und Spon­tan­hel­fer sei Wit­ten­ber­ge 2013 wei­test­ge­hend von Flut­schä­den ver­schont ge­blie­ben.

Al­tes Phä­no­men, neue Be­din­gun­gen

Es kur­sie­ren un­ter­schied­li­che Be­zeich­nun­gen für die un­ge­bun­de­nen Hel­fer. Da­bei un­ter­schei­det die Li­te­ra­tur zwi­schen Spon­tan­hel­fern und Lai­en­hel­fern. Letz­te­re ha­ben sich auf ei­ner (On­line-)platt­form vor­re­gis­triert und kön­nen dar­über vom Be­völ­ke­rungs- be­zie­hungs­wei­se Ka­ta­stro­phen­schutz kon­tak­tiert und ent­spre­chend ih­rer Fä­hig­kei­ten und ih­rem Wohn­ort ein­ge­setzt wer­den.

Zu den Platt­for­men oder Mitt­ler­or­ga­ni­sa­tio­nen ge­hö­ren bei­spiels­wei­se das un­ter der Schirm­herr­schaft des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes (DRK) eta­blier­te „Team Bay­ern“oder „Team Meck­len­burg-vor­pom­mern“so­wie das „Team Mit­tel­deutsch­land“der Pro­jekt­grup­pe des Zi­vi­len Ka­ta­stro­phen Hilfs­werks.

Die Män­ner und Frau­en ge­hö­ren zu­meist kei­ner Be­hör­de und Or­ga­ni­sa­ti­on mit Si­cher­heits­auf­ga­ben (BOS), wie der Feu­er­wehr oder ei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on, an. Sie sind aber durch ih­re Re­gis­trie­rung or­ga­ni­siert, ha­ben ei­ne zen­tra­le An­lauf­stel­le und wis­sen nach ei­ner An­for­de­rung meis­tens, was auf sie zu­kom­men kann.

Dem­ge­gen­über ste­hen die un­ge­bun­de­nen Spon­tan- oder Ad-hoc-hel­fer. „Spon­tan­hel­fer sind in der Re­gel Men­schen, die aus den Me­di­en von Groß­scha­dens­er­eig­nis­sen er­fah­ren und se­hen, dass die staat­li­che Hil­fe noch in der Auf­bau­pha­se be­zie­hungs­wei­se noch gar nicht vor Ort ist. Die­ser Zu­stand macht sie be­trof­fen. Wenn sie dann noch in den So­ci­al Me­dia-ka­nä­len Hil­fe­ge­su­che ent­de­cken, fah­ren die Men­schen ein­fach los“, be­schreibt Andre­as Kars­ten die ty­pi­sche Hand­lungs­ket­te die­ser Grup­pe. Kars­ten war Lei­ter des Lehr­be­reichs Stabs- und Füh­rungs­leh­re im Bun­des­amt für Be­völ­ke­rungs­schutz und Ka­ta­stro­phen­hil­fe (BBK) und ar­bei­tet nun als stra­te­gi­scher Be­ra­ter bei der Abu Dha­bi Po­li­ce.

„Die­ses Phä­no­men ist nicht neu“, fügt er hin­zu. „Da­durch, dass die Men­schen heut­zu­ta­ge aber viel mo­bi­ler und bes­ser in­for­miert sind, kom­men we­sent­lich mehr Hel­fer auch zu ent­fern­te­ren Ein­satz­stel­len.“Da­bei wirk­ten ins­be­son­de­re die so­zia­len Me­di­en als zu­sätz­li­che An­triebs­kraft.

Un­ter­schied­li­che Hel­fer, glei­ches Ziel

Wie aus der Mas­ter­ar­beit von Sa­rah Geiß­ler (Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Recht Ber­lin) und ei­ner Stu­die von Ra­mi­an Fa­thi (Ber­gi­sche Uni­ver­si­tät Wup­per­tal) her­vor­geht, sind die Mo­ti­va­ti­ons­fak­to­ren al­ler Spon­tan­hel­fer sehr ähn­lich: Ent­we­der sie han­deln aus ei­ge­ner Be­trof­fen­heit oder sie ha­ben das Be­dürf­nis, vor al­lem der Be­völ­ke­rung in ih­rer Stadt be­zie­hungs­wei­se ih­res nä­he­ren Um­felds zu hel­fen. Da­bei neh­men

Ins­be­son­de­re durch so­zia­le Me­di­en kom­men bei Groß­scha­dens­la­gen im­mer mehr Frei­wil­li­ge zur Ein­satz­stel­le und wol­len hel­fen. Wir er­klä­ren, war­um Spon­tan­hel­fer so wich­tig sind und wie Feu­er­weh­ren sie ein­bin­den soll­ten.

sie ih­re Tä­tig­kei­ten über­wie­gend als er­fül­lend so­wie spaß­brin­gend wahr und emp­fin­den da­bei ein kol­lek­ti­ves „Wir“-ge­fühl.

„Psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en zei­gen auch, dass jed­we­de Hil­fe­leis­tung gut für die Trau­ma­be­wäl­ti­gung ist“, sagt Kars­ten. „Be­trof­fe­ne wol­len kei­ne Op­fer sein. Sie wol­len ihr Schick­sal selbst in die Hand neh­men.“Je­de Groß­scha­dens­la­ge ha­be das Po­ten­ti­al, psy­cho­lo­gi­sche Trau­ma­ta zu er­zeu­gen. Wenn Men­schen bei­spiels­wei­se in den Flu­ten ihr Hab und Gut ver­lie­ren und da­mit ih­re Exis­tenz auf dem Spiel steht, er­lit­ten sie nicht sel­ten psy­cho­lo­gi­sche Er­kran­kun­gen.

„Das Schlimms­te ist in so ei­ner La­ge, wenn man ge­zwun­gen ist, her­um­zu­sit­zen und ab­zu­war­ten“, macht der Ka­ta­stro­phen­schutz­ex­per­te deut­lich. „Stel­len Sie sich vor, Sie oder ein An­ge­hö­ri­ger sind in ei­ner Not­si­tua­ti­on, das Ad­re­na­lin schießt ein und Sie kön­nen nichts ma­chen. Schlimm! Da wird der Grund­re­flex un­ter­drückt, zur Tat zu schrei­ten.“Dem­nach kön­ne die Feu­er­wehr durch die Ein­bin­dung von Frei­wil­li­gen nicht nur ih­re ei­ge­nen Kräf­te ent­las­ten, son­dern gleich­zei­tig auch Be­trof­fe­ne un­ter­stüt­zen, in­dem sie die­se als Spon­tan­hel­fer ein­setzt.

„Es gibt im­mer noch ei­ne Grup­pe von Feu­er­wehr­leu­ten, die der Mei­nung sind, dass die Be­völ­ke­rung sich nicht selbst hel­fen kann und Ret­tungs­ak­tio­nen der Zi­vil­be­völ­ke­rung als stö­rend emp­fin­den. Dies ist nicht ziel­füh­rend“, ver­deut­licht Kars­ten. „Die Spon­tan­hel­fer sind da, egal ob man will oder nicht. Und sie bie­ten ei­ne gro­ße Res­sour­ce an Man­power, die ei­ne BOS nicht stel­len könn­te.“

Sel­te­ne schwar­ze Scha­fe

„Beim Kon­takt mit den Spon­tan­hel­fern muss sich die Feu­er­wehr na­tür­lich auch dar­über im Kla­ren sein, dass es über­all schwar­ze Scha­fe ge­ben kann“, weiß Kars­ten. Und auch un­nüt­ze oder kon­tra­pro­duk­ti­ve Ak­tio­nen gibt es. Wie der „Fo­cus“be­rich­te­te, hat­ten zum Bei­spiel über das In­ter­net or­ga­ni­sier­te Spon­tan­hel­fer bei Dres­den – oh­ne of­fi­zi­el­le An­wei­sung – Sä­cke auf ei­nen Deich ge­schleppt. Dies sei aber an ei­ner Stel­le ge­sche­hen, an der es kei­nen Nut­zen brach­te. Eher ha­be das Ge­wicht der Sä­cke den Deich de­sta­bi­li­siert. Die „Volks­stim­me“schrieb über ei­nen ähn­li­chen Fall: Der Auf­ruf ei­nes Face­book-users

aus Hal­le – süd­lich der Saa­le wer­de Hil­fe be­nö­tigt – hat­te zur Fol­ge, dass rund 100 Hel­fer sich dort­hin be­ga­ben und die dor­ti­gen Kräf­te mit dem An­drang über­for­dert wa­ren.

Doch schwar­ze Scha­fe sei­en sel­ten. Ge­he die Feu­er­wehr pro­fes­sio­nell mit den Spon­tan­hel­fern um, sei­en ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen die ab­so­lu­te Aus­nah­me. Die FF Wit­ten­ber­ge be­stä­tigt das: „Wir hat­ten bei der Zu­sam­men­ar­beit mit den Spon­tan­hel­fern kei­ne grö­ße­ren Pro­ble­me“, macht Nor­man Rauth deut­lich. „Es tauch­ten zwi­schen­durch wohl zwei auf­fäl­li­ge Män­ner auf, die sich als Sa­ni­tä­ter und Tau­cher aus­ga­ben. Sie wur­den aber schnell als Lüg­ner er­kannt und den Ein­satz­stel­len ver­wie­sen. Was sie da woll­ten, wis­sen wir nicht. Au­ßer­dem wur­den ver­ein­zelt Dieb­stäh­le ge­mel­det. Ge­mes­sen an den meh­re­ren tau­send Hel­fern, mit de­nen zu­sam­men wir letzt­end­lich ei­nen Deich­bruch ver­hin­dert ha­ben, ist das ver­nach­läs­sig­bar“, schließt der Pres­se­spre­cher.

Rich­ti­ge An­spra­che wäh­len

Doch wie soll mit den Spon­tan­hel­fern um­ge­gan­gen wer­den? „Als Ein­satz­lei­ter ha­be ich drei Mög­lich­kei­ten“, legt Kars­ten dar. „Mög­lich­keit Num­mer eins: ich igno­rie­re sie. Da­mit kann ich re­la­tiv si­cher sein, dass die Maß­nah­men der Kräf­te ex­akt nach mei­nen Plä­nen um­ge­setzt wer­den. Ge­nau das soll­ten die Kräf­te in je­dem Fall un­ter­las­sen! An­sons­ten kann es da­zu füh­ren, dass die Spon­tan­hel­fer ei­ge­ne Ak­tio­nen star­ten und Arbeiten dop­pelt aus­ge­führt wer­den.“

Kars­ten wei­ter: „Mög­lich­keit zwei wä­re: ich be­ob­ach­te, was die Spon­tan­hel­fer ma­chen und grei­fe, wenn nö­tig, ein. Die drit­te und wahr­schein­lich bes­te Mög­lich­keit ist der Ver­such, die Hel­fer zu len­ken be­zie­hungs­wei­se zu ko­or­di­nie­ren.“Bei der Ko­or­di­nie­rung sei zu be­ach­ten, dass sich Men­schen aus al­len Be­völ­ke­rungs­grup­pen und -schich­ten als Spon­tan­hel­fer en­ga­gie­ren. Dem­ent­spre­chend müs­se die An­spra­che am Ein­satz­ort ein­fach, un­miss­ver­ständ­lich und von Freund­lich­keit ge­prägt sein. Ein Be­fehls­ton sei eher kon­tra­pro­duk­tiv.

Wie die rich­ti­ge An­spra­che er­fol­gen soll, ist auch The­ma des For­schungs­pro­jekts „ENSURE“(Ena­ble­ment of Ur­ban Ci­ti­zen Sup­port for Cri­sis Re­s­pon­se) vom Fraun­ho­fer-in­sti­tut für Of­fe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me (FO­KUS) und der Ka­ta­stro­phen­for­schungs­stel­le (KFS) der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, in Zu­sam­men­ar­beit mit der Ber­li­ner Feu­er­wehr und dem DRK. Die Er­geb­nis­se der Stu­die deu­ten dar­auf hin, dass es ziel­füh­rend ist, die Spon­tan­hel­fer di­rekt an­zu­spre­chen, ih­re Hilfs­an­ge­bo­te ernst- und wahr­zu­neh­men und ih­nen auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen. Wenn die Feu­er­wehr bei der An­spra­che den rich­ti­gen Ton trifft, wür­den die Hel­fer im wei­te­ren Ein­satz­ver­lauf auch schrof­fer for­mu­lier­te An­wei­sun­gen ak­zep­tie­ren. Ge­lingt der ers­te Kon­takt nicht, kön­ne es pas­sie­ren, dass ein­zel­ne Per­so­nen sich nicht ak­zep­tiert füh­len und an­fan­gen, Stim­mung ge­gen die Kräf­te zu ma­chen. Da­bei han­de­le es sich aber um ei­ne sehr klei­ne Per­so­nen­grup­pe.

„Bei der An­spra­che müs­sen wir uns des­halb gut über­le­gen, wer das macht“, gibt Kars­ten zu Be­den­ken. Ein­satz­lei­ter oder Pres­se­spre­cher sei­en nicht in je­dem Fall die op­ti­ma­le Wahl. Statt­des­sen kön­ne sich mit­un­ter je­mand eig­nen, der bei­spiels­wei­se aus dem glei­chen Mi­lieu der ein­tref­fen­den Hel­fer kommt und die „glei­che Spra­che“spricht oder über her­aus­ra­gen­de so­zia­le Kom­pe­ten­zen ver­fügt. Bei be­son­ders jun­gen Hel­fern kön­ne ein jun­ges Feu­er­wehr­mit­glied eher Ver­trau­en ge­win­nen als ein äl­te­res.

Ein­bin­dung vor­her pla­nen

Grö­ße­re oder sta­tio­nä­re Ein­satz­stel­len, wie zum Bei­spiel Sand­sack­füll­plät­ze, soll­ten zu­dem über zen­tra­le An­lauf­stel­len ver­fü­gen, an

die sich die Spon­tan­hel­fer je­der­zeit wen­den kön­nen. „Im Op­ti­mal­fall rich­tet ei­ne BOS ei­nen Tisch zur Re­gis­trie­rung ein“, emp­fiehlt der Ka­ta­stro­phen­schutz-ex­per­te. „Kä­me es wäh­rend des Ein­sat­zes zu ei­nem Un­fall durch ei­nen Spon­tan­hel­fer bei dem die Ver­si­che­rung greift, könn­te die­ser An­fang und En­de sei­ner Tä­tig­keit nach­wei­sen“(sie­he auch Kas­ten „recht­li­che Fra­gen bei der Ein­bin­dung“). An die­ser Stel­le kön­ne zu­dem ei­ne Er­stein­wei­sung er­fol­gen und al­le nö­ti­gen In­for­ma­tio­nen so­wie ge­ge­be­nen­falls Schutz­klei­dung oder Werk­zeu­ge her­aus­ge­ge­ben wer­den. „Es ist sehr hilf­reich, wenn Feu­er­weh­ren sich be­reits im Vor­feld Ge­dan­ken ma­chen, wel­che Groß­scha­dens­la­gen bei ih­nen auf­tre­ten könn­ten. Ent­spre­chend kön­nen sie Hand­zet­tel an­fer­ti­gen und aus­dru­cken, die bei dem Er­eig­nis nur noch aus­ge­ge­ben wer­den müs­sen“, schlägt Kars­ten vor.

Wie im „ENSURE“-PRO­JEKT be­schrie­ben, sei es wei­ter­hin wert­voll, Stra­te­gi­en zur Zu­sam­men­ar­beit mit Spon­tan­hel­fern zu er­ar­bei­ten. Je­de Feu­er­wehr kön­ne im Zu­ge des­sen die Ein­satz­mög­lich­kei­ten und -be­din­gun­gen für die Ko­ope­ra­ti­on fest­le­gen. Ein Bei­spiel: Die FF Mus­ter­stadt be­fin­det sich in ei­nem hoch­was­ser­ge­fähr­de­ten Ge­biet. Sie ent­schei­det sich da­für, dass sie Spon­tan­hel­fer bei der Deich­ver­tei­di­gung ein­set­zen möch­te. Aber nur für das Fül­len und den Trans­port von Sand­sä­cken – nicht den Ver­bau. Wei­ter­hin kom­men die Feu­er­wehr­leu­te über­ein, dass sie nur mit Men­schen zu­sam­men­ar­bei­ten wol­len, die äl­ter als 18 Jah­re sind, über fes­tes Schuh­werk ver­fü­gen und kör­per­lich ge­sund sind. Dies hält die Feu­er­wehr in ei­nem Pa­pier fest und fer­tigt dar­aus ei­nen Hand­zet­tel, ei­nen Re­gis­trie­rungs­bo­gen und ei­ne In­fo­gra­fik für die So­ci­al Me­dia-ka­nä­le an.

Kommt es nun zu ei­nem Hoch­was­se­rer­eig­nis, pos­tet die Feu­er­wehr die In­fo­gra­fik bei­spiels­wei­se auf ih­rer Face­book- oder Twit­ter­sei­te und ver­teilt sie an die lo­ka­len Me­di­en. So ver­rin­gert sie das Ri­si­ko, dass 16-jäh­ri­ge Flip-flop-trä­ger im Al­lein­gang Sand­sä­cke auf Dei­che schlep­pen wol­len und Spon­tan­hel­fer ent­täuscht der Ein­satz­stel­le ver­wie­sen wer­den müs­sen. Gleich­zei­tig kann die Feu­er­wehr we­sent­lich schnel­ler die Ko­or­di­na­ti­on der Hel­fer über­neh­men, mit der Re­gis­trie­rung ih­ren Ver­si­che­rungs­schutz ge­währ­leis­ten und selbst viel Zeit in der Auf­bau­pha­se ein­spa­ren.

Auf­ga­ben und Gren­zen

Laut „ENSURE“-STU­DIE soll­ten Spon­tan­hel­fer zu­sam­men­fas­send im­mer dann ein­ge­setzt wer­den, wenn ## noch nicht ge­nü­gend Ein­satz­kräf­te vor

Ort sind, ## die Ein­satz­kräf­te per­so­nell und/oder ma­te­ri­ell an ih­re Gren­zen kom­men, zum Bei­spiel bei ei­nem groß­flä­chi­gen, lang an­hal­ten­den Ka­ta­stro­phen­fall, ## Spe­zi­al­kennt­nis­se be­nö­tigt wer­den, wel­che von den Ein­satz­kräf­ten nicht ab­ge­deckt wer­den.

„Das Spek­trum an Tä­tig­kei­ten für Spon­tan­hel­fer ist theo­re­tisch un­end­lich groß“, sagt Kars­ten. „Denn mit Krea­ti­vi­tät kann die Feu­er­wehr je­den – wirk­lich je­den – ein­bin­den. Im Kleins­ten kön­nen die Hel­fer Infu­si­ons­fla­schen hal­ten, Schnee schip­pen, Tie­re be­treu­en, sich als Ge­sprächs­part­ner für Be­trof­fe­ne zur Ver­fü­gung stel­len, Men­schen bei sich un­ter­brin­gen, Dei­che be­wa­chen oder bei der Es­sens­aus­ga­be hel­fen. Es hat sich aber auch ge­zeigt, dass die Be­völ­ke­rung über äu­ßerst nütz­li­che Kennt­nis­se und Fä­hig­kei­ten ver­fügt. Hier­zu zähl­ten das Wis­sen um lo­ka­le Res­sour­cen wie Was­ser­stel­len zum Lö­schen von Wald­brän­den oder auch Sprach­kennt­nis­se.“Die Gren­zen nach oben sei­en hin­ge-

gen da, wo Spe­zi­al­wis­sen be­zie­hungs­wei­se ei­ne ent­spre­chen­de Aus­bil­dung er­for­der­lich ist. Zum Bei­spiel fun­ken, hand­werk­li­che Arbeiten so­wie psy­cho­lo­gi­sche oder me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung.

„Wenn ein Spon­tan­hel­fer sich mit sei­nem Spe­zi­al­wis­sen oder sei­ner be­ruf­li­chen Aus­bil­dung ein­brin­gen möch­te, müs­sen die Ein­satz­kräf­te auf ent­spre­chen­de Nach­wei­se po­chen“, meint Kars-

Vor­tei­le: Gro­ße Man­power, Ent­las­tung der Ein­satz­kräf­te. Ein­brin­gen von Spe­zi­al­kennt­nis­sen (z.b. Orts­kennt­nis­se, hand­werk­li­che oder me­di­zi­ni­sche Aus­bil­dung). Po­ten­zi­el­le Mit­glie­der­ge­win­nung. Ver­mei­dung von kon­tra­pro­duk­ti­ven Ein­zel­ak­tio­nen be­zie­hungs­wei­se der Kon­kur­renz zwi­schen Ein­satz­kräf­ten und Spon­tan­hel­fern und so­mit Dop­pel­ar­beit. Be­völ­ke­rung er­langt Kon­trol­le über Ka­ta­stro­phen­si­tua­ti­on und wird in ih­rer Fä­hig­keit, Kri­sen und/oder Trau­ma­ta selbst zu be­wäl­ti­gen, ge­stärkt (Resi­li­enz).

Nach­tei­le: Spon­tan­hel­fer tre­ten un­ver­mit­telt und zum Teil in gro­ßer Zahl auf, so­dass ih­re Ein­bin­dung zu­nächst Res­sour­cen bin­det. Es gibt kei­ne Ga­ran­tie, dass Spon­tan­hel­fer über­haupt auf­tre­ten. Kon­flikt­po­ten­ti­al (sie­he Ab­schnitt „Sel­te­ne schwar­ze Scha­fe“). Gu­te und struk­tu­rier­te Ein­bin­dung er­for­dert zum Teil ar­beits­in­ten­si­ve Vor­be­rei­tun­gen sei­tens der Feu­er­wehr.

Hand in Hand: In Wit­ten­ber­ge un­ter­stütz­ten 2013 zahl­rei­che Spon­tan­hel­fer die Feu­er­wehr bei der Deich­ver­tei­di­gung. Fo­to: FF Wit­ten­ber­ge

Andre­as Kars­ten ist stra­te­gi­scher Be­ra­ter für Kri­sen­ma­nage­ment bei der Po­li­zei in Abu Dha­bi (Ver­ei­nig­te Ara­bi­sche Emi­ra­te) und war zu­vor Lei­ter des Lehr­be­reichs Stabs- und Füh­rungs­leh­re beim BBK.

Durch den ge­mein­sa­men Ein­satz hiel­ten die Dei­che in Wit­ten­ber­ge und die Stadt blieb wei­test­ge­hend vom Hoch­was­ser ver­schont.Fo­to: THW

Wer­den Spon­tan­hel­fer von den Ein­satz­kräf­ten igno­riert, führt das nicht zwans­läu­fig da­zu, dass sie dann ih­re Tä­tig­keit ab­bre­chen. Eher könn­te es zu Dop­pel­ar­beit kom­men. Fo­to: Hett­ler

Spon­tan­hel­fer (rechts) kön­nen nicht nur für die Deich­ver­tei­di­gung ein­ge­setzt wer­den. Auch bei Auf­räum­ar­bei­ten ist ih­re Un­ter­stüt­zung denk­bar. Fo­to: Mach­mül­ler

Nicht un­pro­ble­ma­tisch: Vie­le Hel­fen­de kom­men oh­ne fes­tes Schuh­werk. Fo­to: THW

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