War­um der Ge­rä­te­wa­gen Lo­gis­tik des Ein­satz­zen­trums Usel­din­gen (L) ein deut­sches Vor­bild hat

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt - Text und Fo­tos: Micha­el Rüf­fer, Fach­jour­na­list, Re­dak­teur Feu­er­wehr-ma­ga­zin [5896]

Der Ge­rä­te­wa­gen Lo­gis­tik des Ein­satz­zen­trums Usel­din­gen (Lu­xem­burg) ist mehr als nur ein Ma­te­ri­al-trans­por­ter: Vier Atem­schutz­ge­rä­te­trä­ger kön­nen sich in der Staf­fel­ka­bi­ne wäh­rend der Fahrt für den Er­stan­griff aus­rüs­ten. Als Vor­bild für den Sca­nia P 370 CB 4x4 HHZ CP31 H mit Lent­ner-auf­bau dien­te der GW-L2 ei­ner baye­ri­schen Feu­er­wehr.

Ei­ne Fu­si­on, ein Neu­bau und ei­ne län­der­über­grei­fen­de Feu­er­wehr-part­ner­schaft: Oh­ne die­se Vor­ge­schich­te gä­be es un­se­ren Ge­rä­te­wa­gen Lo­gis­tik (GWL2) nicht in die­ser Form“, sagt Clau­de Kauf­mann, Feu­er­wehr­chef in Usel­din­gen.

Vier Orts­weh­ren, aber ei­ne schwin­den­de Ta­gesalarm­stär­ke – das war im Jahr 2010 die er­nüch­tern­de Bi­lanz der Ge­mein­de im Kan­ton Re­din­gen im Wes­ten Lu­xem­burgs. „Da­her ha­ben wir mit ers­ten Ge­sprä­chen zur Fu­si­on sämt­li­cher Ein­hei­ten be­gon­nen“, er­zählt Kauf­mann.

2013 be­gan­nen die Pla­nun­gen für ein neu­es Ge­bäu­de, in dem al­le Weh­ren un­ter­kom­men soll­ten. Pro­blem da­bei: Die ent­wor­fe­ne Hal­le war nicht groß ge­nug für al­le Ein­satz­fahr­zeu­ge. Al­so prüf­te die Feu­er­wehr ihr Fahr­zeug­kon­zept und kam zu dem Schluss: lie­ber auf meh­re­re Ein­satz­mit­tel ver­zich­ten und da­für ein grö­ße­res Neu­fahr­zeug be­schaf­fen.

„Wir ha­ben uns auf die Lösch­was­ser­för­de­rung spe­zia­li­siert, da sich meh­re­re Aus­sied­ler­hö­fe auf dem Ge­mein­de­ge­biet be­fin­den“, er­klärt der Feu­er­wehr­chef. „Wenn es dort brennt, brau­chen wir 1.500 Me­ter

Schlauch.“Für den Trans­port peil­te ei­ne Ar­beits­grup­pe der Usel­din­ger zu­nächst die Be­schaf­fung ei­nes Schlauch­wa­gens (SW) 2000 an. „Dann sind wir aber schnell über ein Mehr­zweck­fahr­zeug auf ei­nen viel­sei­ti­ger ein­setz­ba­ren Ge­rä­te­wa­gen Lo­gis­tik nach DIN ge­kom­men“, so Kauf­mann. In Lu­xem­burg gibt es kei­ne Nor­men für Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge wie in Deutsch­land. Aber die Re­gel­wer­ke aus dem Nach­bar­land die­nen viel­fach als Ori­en­tie­rung.

Im Mai 2013 reis­te ei­ne lu­xem­bur­gi­sche De­le­ga­ti­on nach Ful­da (HE). Auf der Mes­se Rett­mo­bil schau­te sich die Feu­er­wehr Usel­din­gen nach ei­nem ge­eig­ne­ten Auf­bau­her­stel­ler für die Fahr­zeug­be­schaf­fung um – und wur­de bei Lent­ner fün­dig. „Als wir dann in Ho­hen­lin­den (Kreis Ebers­berg) an ei­ner Werks­be­sich­ti­gung teil­nah­men, sa­hen wir ein Fahr­zeug im Bau, das ge­nau un­se­ren Vor­stel­lun­gen ent­sprach: den GW-L2 der FF Hö­hen­kir­chen“, schil­dert der Feu­er­wehr­chef den wei­te­ren Ver­lauf des Pro­jekts.

Die Usel­din­ger nah­men Kon­takt mit der ober­baye­ri­schen Feu­er­wehr auf. Im Jahr 2014 ka­men die Lu­xem­bur­ger zur Ein­wei­hung des Ge­rä­te­wa­gens nach Deutsch­land (sie­he Kas­ten „Vor­bild: GW-L2 der FF Hö­hen­kir­chen“). „Dort ha­ben wir ei­ne Part­ner­schaft zwi­schen un­se­ren Feu­er­weh­ren be­schlos­sen“, be­rich­tet Kauf­mann. „2015 hat un­se­re Part­ner­wehr uns dann in Usel­din­gen be­sucht – zur Ein­wei­hung un­se­res neu­en Feu­er­wehr­hau­ses.“

In Lu­xem­burg zeich­ne­te sich mitt­ler­wei­le ei­ne Re­form des Feu­er­wehr­we­sens ab, die zum 1. Ju­li 2018 um­ge­setzt wur­de (sie­he Re­por­ta­ge im Feu­er­wehr-ma­ga­zin 8/2018). „Das In­nen­mi­nis­te­ri­um konn­te uns da­mals kei­ne kla­re Zu­sa­ge ma­chen, ob wir ei­nen Zu­schuss be­kom­men, da Be­schaf­fun­gen vor­erst zu­rück­ge­stellt wer­den soll­ten“, so der Usel­din­ger Feu­er­wehr­chef. „Wir wa­ren aber in ei­ner Zwangs­la­ge, da wir durch den Ab­gang meh­re­rer Fahr­zeu­ge un­ser vor­han­de­nes Schlauch­ma­te­ri­al und die Trag­krafts­prit­ze nicht mehr trans­por­tie­ren konn­ten.“

Auf Ba­sis ei­nes Las­ten­hefts der Feu­er­wehr schrieb die Ge­mein­de im De­zem­ber 2016 ei­nen GW-L2 aus – oh­ne Lan­des­zu­schüs­se ein­zu­pla­nen. Nach En­de der Frist im März 2017 er­hielt Lent­ner den Zu­schlag. Auch Ro­sen­bau­er und Wal­ser hat­ten An­ge­bo­te ab­ge­ge­ben. Be­reits im Ju­li 2017 konn­ten die Lu­xem­bur­ger zur End­ab­nah­me des Fahr­zeugs ins Werk Ho­hen­lin­den fah­ren. Bei ei­ner Zwi­schen­ab­nah­me wur­den sie von den Hö­hen­kirch­nern ver­tre­ten.

„Wir sind für die Usel­din­ger zu Lent­ner ge­fah­ren und ha­ben per Vi­deo­kon­fe­renz die Ab­nah­me durch­ge­führt“, er­zählt Ni­ko­la Schwai­ger, Kom­man­dan­tin der FF Hö­hen­kir­chen. „Das Gan­ze ha­ben wir ge­nau pro­to­kol­liert und mit Fo­tos do­ku­men­tiert.“Schon im Vor­feld der Fahr­zeug­pla­nung hat­ten die bei­den Feu­er­weh­ren ers­te Skiz­zen aus­ge­tauscht und Ver­la­dungs­tipps be­spro­chen. Klar, dass die Hö­hen­kirch­ner dann auch zur In­dienst­stel­lung und Fahr­zeug­wei­he nach Usel­din­gen ka­men.

„Im Ver­gleich zu Hö­hen­kir­chen be­sit­zen wir ein ana­lo­ges Fahr­zeug, nur in Rot-gelb statt in Rot-weiß“, sagt Kauf­mann. Ein paar wei­te­re Un­ter­schie­de gibt es aber doch.

Der baye­ri­sche GW-L2 ist auf ei­nem 360 PS star­ken Sca­nia P 360 CB 4x4 HHZ mit ho-

her Staf­fel-mann­schafts­ka­bi­ne CP28 H auf­ge­baut. Zu­läs­si­ge Ge­samt­mas­se: 18 Ton­nen. So­mit ist das Fahr­zeug 2 Ton­nen schwe­rer als die DIN 14555-22 „Rüst­wa­gen und Ge­rä­te­wa­gen – Teil 22: Ge­rä­te­wa­gen Lo­gi­sitk GW-L2“vor­gibt.

Als Ba­sis für das Usel­din­ger Fahr­zeug dient ein um 10 PS stär­ke­rer Sca­nia P 370 CB 4x4 HHZ auf 19-Ton­nen-fahr­ge­stell. Er trägt ei­ne lan­ge Staf­fel­ka­bi­ne CP31 H (sie­he Kas­ten „Fahr­ge­stell-kür­zel“) – die größ­te se­ri­en­mä­ßi­ge Sca­nia-cr­ewc­ab. Da­durch ist im Mann­schafts­raum auch oh­ne An­bau ei­nes „Ruck­sacks“ge­nug Platz für vier ver­setzt an­ge­ord­ne­te Ein­zel­sit­ze (zwei in, zwei ge­gen die Fahrt­rich­tung) mit in­te­grier­ten Atem­schutz­ge­rä­ten. Ei­ne Be­son­der­heit, die sich in Hö­hen- kir­chen nicht fin­det. Dort sind die vier Sit­ze oh­ne Press­luf­tat­mer (PA) in Fahrt­rich­tung an­ge­ord­net.

„Als Er­stan­griffs­fahr­zeug dient bei uns ein Tank­lösch­fahr­zeug (TLF) 2000“, er­klärt der Feu­er­wehr­chef aus Usel­din­gen. „Es be­sitzt al­ler­dings nur ei­ne Trupp­ka­bi­ne und rückt da­her mit dem GW-L2 aus. So kön­nen sich schon auf der An­fahrt zwei Trupps mit Atem­schutz aus­rüs­ten.“

„Das lu­xem­bur­gi­sche Fahr­zeug war nicht der ers­te GW-L2, den wir mit Press­luf­tat­mern im Mann­schafts­raum aus­ge­stat­tet ha­ben“, be­tont Mat­thi­as Haus­mann, Ge­schäfts­füh­rer und In­ha­ber der Jo­sef Lent­ner Gm­bh. „Wir ha­ben Ge­rä­te­wa­gen Lo­gis­tik mit die­sem Fea­tu­re zum Bei­spiel an die Feu­er­wehr Sch­nait­see im Kreis Traun­stein und die FF Win­hö­ring bei Alt­öt­ting aus­ge­lie­fert – al­ler­dings auf Man-fahr­ge­stel­len und mit ei­nem in den Auf­bau in­te­grier­ten Mann­schafts­raum.“

Län­ger und hö­her als das Vor­bild

Die Ge­samt­di­men­sio­nen des lu­xem­bur­gi­schen Ge­rät­wa­gens über­tref­fen die ei­nes GW-L2 nach deut­scher Norm wei­test­ge­hend. Die­se gibt ei­ne Län­ge von 8,3 Me­tern, ei­ne Brei­te von 2,55 Me­tern und ei­ne Hö­he von 3,3 Me­tern vor. Das Ex­em­plar in Usel­din­gen ist hin­ge­gen 8,97 Me­ter lang, 2,52 Me­ter breit und 3,53 Me­ter hoch. „Wir woll­ten mög­lichst viel auf dem Fahr­zeug un­ter­brin­gen kön­nen“, so Kauf­mann.

So bie­tet die La­de­flä­che des lu­xem­bur­gi­schen Fahr­zeugs trotz der lan­gen Staf­fel­ka­bi­ne Platz für neun Roll­con­tai­ner in Fahrt­rich­tung (sie­he Kas­ten „Roll­con­tai­ner“). Die ma­xi­ma­le Steh­hö­he be­trägt 200 Zen­ti­me­ter. Beim Hö­hen­kirch­ner Ge­rä­te­wa­gen las­sen sich eben­falls neun un­ter­brin­gen, aber die Steh­hö­he ist mit 185 Zen­ti­me­tern et­was nied­ri­ger als beim Usel­din­ger Ex­em­plar.

Am Heck ist je­weils ei­ne La­de­bord­wand mit ma­xi­ma­ler Trag­kraft von 1.500 Ki­lo­gramm mon­tiert. Bei­de Fahr­zeu­ge ver­fü­gen auch über seit­li­che her­un­ter­klapp­ba­re Bord­wän­de und Pvc-schie­be­pla­nen – ei­ne der mög­li­chen Stan­dard­lö­sun­gen, die Lent­ner an­bie­tet. „Da­durch lässt sich die La­de­flä­che mit ei­nem Ga­pel­stap­ler be- und ent­la­den, bei­spiels­wei­se bei Ver­wen­dung von Git­ter­bo­xen mit Sand­sä­cken“, sagt Usel­din­gens Feu­er­wehr­chef.

Ge­brauch­te Lösch­an­la­ge

Der fes­te Alu-kof­fer­auf­bau bie­tet zwei seit­lich zu­gäng­li­che Ge­rä­te­räu­me (G) 1 und G2. Dar­über – nur von der La­de­flä­che aus zu­gäng­lich – be­fin­det sich ein wei­te­rer Ge­rä­te­raum, der von den Usel­din­gern un­ter an­de­rem für den Trans­port ei­ner Ret­tungs­platt­form ge­nutzt wird. Da­zu kommt noch Stau­raum in vier klei­nen, tief­ge­zo­ge­nen Ge­rä­te­räu­men (G3 bis G6) zwi­schen Vor­de­r­und Hin­ter­ach­se.

Un­ge­wöhn­lich ist die Be­la­dung des lu­xem­bur­gi­schen GW-L2 mit ei­ner Hoch­druck­lösch­an­la­ge Oert­zen HDL 200 (Be­triebs­druck 200 bar) in G1. Sie be­sitzt ei­nen 13-Ps-ben­zin­mo­tor und ei­nen 100-Li­terWas­ser­tank. Per Druck­schlauch (13,8 Mil­li­me­ter) und Löschlan­ze mit den Funk­tio­nen Voll­strahl, Sprüh­strahl und Schaum las­sen sich ma­xi­mal 22 Li­ter pro Mi­nu­te ab­ge­ben.

„Wir ha­ben die An­la­ge ge­braucht von der FF Schlüch­tern (Hes­sen) ge­kauft“, be­rich­tet Kauf­mann. „Die HDL be­nut­zen wir vor al­lem für die Fahr­bahn­rei­ni­gung. Aber auch bei Flä­chen­brän­den ha­ben wir sie schon er­folg­reich ver­wen­den kön­nen.“

Im Ein­satz­ge­sche­hen ha­be sich das Fahr­zeug ins­ge­samt sehr be­währt, so der Feu­er­wehr­chef. Seit der In­dienst­stel­lung sei­en nur klei­ne Än­de­run­gen nö­tig ge­we­sen. „Ur­sprüng­lich wa­ren die auf den Roll­con­tai­nern mit­ge­führ­ten Schläu­che ge­rollt“, sagt Kauf­mann. „Jetzt lie­gen sie in Buch­ten auf den Wa­gen, weil dann das Aus­le­gen im Ein­satz bes­ser funk­tio­niert. Al­ler­dings ist das Ein­pa­cken schwe­rer.“

Der Feu­er­wehr­chef – in Lu­xem­burg Chef de corps – trägt bei un­se­rem Fo­to­ter­min ein Po­lo­shirt mit der Rü­cken­be­schrif­tung „Feu­er­wehr Hö­hen­kir­chen Pom­p­jeeën Ge­meng Usel­deng“. „Un­se­rem Be­schaf­fungs­pro­jekt ha­ben wir nicht nur ein neu­es Fahr­zeug, son­dern auch die wun­der­ba­re Feu­er­wehrPart­ner­schaft mit den Hö­hen­kirch­nern zu ver­dan­ken, die wir in­ten­siv pfle­gen“, freut sich Kauf­mann.

Auf der lin­ken Fahr­zeug­sei­te be­fin­det sich in G1 un­ter an­de­rem ei­ne Hoch­druck­lösch­an­la­ge. Am Heck ist ei­ne La­de­bord­wand MBB Pal­fin­ger C 1500 S mon­tiert.

Blick in die Cr­ewc­ab CP31 H. Die vier Sit­ze ver­fü­gen über in­te­grier­te Press­luf­tat­mer. Im Heck­la­de­raum be­trägt die ma­xi­ma­le Steh­hö­he kom­for­ta­ble 200 Zen­ti­me­ter.

In G2 la­gern un­ter an­de­rem Strom­er­zeu­ger, Ak­kuElek­tro­ge­rä­te, Werk­zeu­ge so­wie Ab­si­che­rungs- und Be­leuch­tungs­ma­te­ri­al. Rechts lässt sich ein Hy­gie­ne­board her­aus­zie­hen.

Auf dem Fahr­zeug sind un­ter an­de­rem neun Roll­con­tai­ner und ei­ne Ret­tungs­platt­form stän­dig ver­la­den.

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