In­ter­view mit Ni­en­burgs Kreis­brand­meis­ter Bernd Fi­scher zum Wald­brand­ein­satz in Schwe­den

Im Ju­li un­ter­stütz­ten 52 Feu­er­wehr­leu­te aus dem Land­kreis Ni­en­burg (NI) bei der Be­kämp­fung der Wald­brän­de in Schwe­den. Ei­nen ver­gleich­ba­ren Aus­lands­ein­satz deut­scher Kräf­te hat­te es zu­vor noch nicht ge­ge­ben. Wir spra­chen mit Ni­en­burgs Kreis­brand­meis­ter Be

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt - In­ter­view: Jan-erik He­ge­mann, Chef­re­dak­teur Feu­er­wehr-ma­ga­zin [6388]

FM: Für vie­le Schwe­den sind Sie und Ih­re Mit­strei­ter Hel­den. Was ist das für ein Ge­fühl?

Fi­scher: Wir sind kei­ne Hel­den. Wir sind Feu­er­wehr­leu­te. Und als sol­che ha­ben wir un­se­ren Job ge­macht. Wir ha­ben Hil­fe ge­leis­tet, weil je­mand in Not war. Dies­mal halt nur in Schwe­den.

FM: Aber die Kreis­feu­er­wehr Ni­en­burg hat Feu­er­wehr­ge­schich­te ge­schrie­ben.

Fi­scher: Ganz ehr­lich: Das war uns über­haupt nicht be­wusst.

FM: Wie kam es ei­gent­lich, dass aus­ge­rech­net die Kreis­feu­er­wehr Ni­en­burg als ers­te und ein­zi­ge deut­sche Ein­heit nach Schwe­den ge­fah­ren ist?

Fi­scher: An­fang des Jah­res hat­te ich dem nie­der­säch­si­schen Lan­des­brand­di­rek­tor Jörg Schall­horn bei ei­ner Be­spre­chung ga­ran­tiert, dass wir bei ei­ner mög­li­chen Eu-an­fra­ge ein Kon­tin­gent von 200 Kräf­ten aus dem Kreis Ni­en­burg schi­cken kön­nen. Und dar­an hat­te er sich er­in­nert.

FM: Wie lief die Alar­mie­rung ab?

Fi­scher: Die Schwe­den hat­ten ein Hil­fe­er­su­chen an die EU ge­stellt. Brüs­sel gab die Bit­te an die Mit­glieds­staa­ten wei­ter. Über das GMLZ (Ge­mein­sa­mes Mel­de-

und La­ge­zen­trum von Bund und Län­dern) in Bonn ging es zu den In­nen­mi­nis­te­ri­en der Län­der. Frei­tag, den 20. Ju­li um 17.10 Uhr lag die An­fra­ge dann bei mir.

FM: Und am nächs­ten Abend seid Ihr schon ab­ge­rückt?

Fi­scher: Kaum zu glau­ben, was mög­lich ist, wenn al­le mit­zie­hen!

FM: Wer sind denn al­le?

Fi­scher: Ich ha­be un­ver­züg­lich den zu­stän­di­gen De­zer­nen­ten des Land­krei­ses Ni­en­burg in­for­miert. Nach Rück­spra­che mit Land­rat Kohl­mei­er er­hielt ich das grund­sätz­lich Okay. Um 18 Uhr am Frei­tag konn­te ich dem In­nen­mi­nis­te­ri­um in Han­no­ver mel­den: Ni­en­burg kann fah­ren.

FM: Und wei­ter?

Fi­scher: Am Sams­tag­vor­mit­tag ha­ben sich al­le Ge­mein­de­brand­meis­ter und Ein­heits­füh­rer bei mir auf der Ter­ras­se ge­trof­fen. Ge­mein­sam ha­ben wir über­legt, wer fah­ren könn­te. Die­sen Plan ha­ben wir dann mit den je­wei­li­gen Haupt­ver­wal­tungs­be­am­ten ab­ge­stimmt. Und auch hier ha­ben al­le ha­ben voll mit­ge­zo­gen!

FM: Und die Kos­ten des Ein­sat­zes?

Fi­scher: Die Kos­ten­über­nah­me hat Han­no­ver ge­re­gelt. An­fangs war nicht klar, ob der Bund, die EU oder Schwe­den den Ein­satz zah­len wür­den. Letzt­lich war es dann der Bund.

FM: Was ge­nau ha­ben die Schwe­den ei­gent­lich an­ge­for­dert?

Fi­scher: Es gibt ei­ne re­la­tiv va­ge Eu-vor­ga­be. Dem­nach sind vier Tank­lösch­fahr­zeu­ge mit je­weils mehr als 2.000Li­ter-lösch­mit­tel­tank, min­des­tens 20 Kräf­te und die Mög­lich­keit, sich 7 Ta­ge selbst ver­sor­gen zu kön­nen, vor­ge­se­hen.

FM: Das deckt sich aber nicht mit dem Kon­tin­gent, dass letzt­lich ge­fah­ren ist.

Fi­scher: Wir woll­ten ein TLF in Re­ser­ve ha­ben und woll­ten zu­min­dest im ZweiSchicht-sys­tem arbeiten kön­nen.

FM: Wel­che Fahr­zeu­ge habt Ihr mit nach Schwe­den ge­nom­men?

Fi­scher: Fünf TLF, ein Wech­sel­la­der­fahr­zeug mit An­hän­ger so­wie den bei­den Ab­roll­be­häl­tern Lo­gis­tik und Was­ser­trans­port, den Ge­rä­te­wa­gen Kü­che, ei­nen Kühl­an­hän­ger, zwei Mann­schafts­trans­port­wa­gen, ei­nen Kom­man­do­wa­gen, un­ser De­kon­ta­mi­na­ti­ons­fahr­zeug und ei­nen Ret­tungs­wa­gen samt Be­sat­zung vom DRK Kreis­ver­band Ni­en­burg.

FM: War der Brand­schutz im Land­kreis denn noch ge­währ­leis­tet?

Fi­scher: Je­der­zeit. Wir ha­ben die TLF so aus­ge­wählt, dass die Be­rei­che von leis­tungs­star­ken Nach­bar­weh­ren mit ab­ge­deckt wer­den konn­ten.

FM: Wann ging es los?

Fi­scher: Am Sams­tag, den 21. Ju­li um 23 Uhr sind wir von der Feu­er­wehr­tech­ni­schen Zen­tra­le in Ni­en­burg ab­ge­rückt.

FM: Wel­che Rou­te habt Ihr ge­nom­men?

Fi­scher: Auf kür­zes­tem Weg nach Feh­marn, mit der Fäh­re nach Dä­ne­mark und über die Belt­brü­cke nach Schwe­den. Nach rund 36 St­un­den Fahrt und 1.400 Ki­lo­me­tern sind wir im Ein­satz­ge­biet (Re­gi­on Dalar­na) an­ge­kom­men.

FM: Gab es be­son­de­re Vor­komm­nis­se wäh­rend der Fahrt?

Fi­scher: Je­de Men­ge. Vor al­lem in Schwe­den stan­den auf vie­len Brü­cken und an den Stra­ßen Men­schen und ha­ben uns zu­ge­wun­ken oder zu­ge­ju­belt. Selbst nachts um 2 Uhr. Hier in Deutsch­land zei­gen Dir die Leu­te oft den Stin­ke­fin­ger. In Schwe­den gab es nur den Dau­men nach oben. An der Feu­er­wa­che in Mo­ra hat­ten sich fast 500 Leu­te ver­sam­melt. Sie ha­ben un­se­ren Kon­voi ge­stoppt und uns mit Spei­sen und Ge­trän­ken ver­sorgt. Das war be­we­gend.

FM: Wo­her wuss­ten die Leu­te denn von Eu­rer Durch­fahrt?

Fi­scher: Wie wir spä­ter er­fah­ren ha­ben, hat­te ein schwe­di­scher Ra­dio­sen­der sei­ne Hö­rer auf­ge­for­dert, den je­wei­li­gen Stand­ort der „Deut­schen Feu­er­wehr­leu­te“zu mel­den. Und im In­ter­net gab es wohl auch In­for­ma­tio­nen zur Rou­te.

FM: Wie war die La­ge vor Ort?

Fi­scher: In der Re­gi­on um Älv­da­len brann­te vor­nehm­lich der Bo­den­be­reich der Wäl­der, we­ni­ger die Baum­wip­fel. Wei­te Tei­le wa­ren mit bis zu 60 Zen­ti­me­ter trocke­nen Moos­schich­ten be­deckt.

FM: Und was war Eu­er Job?

Fi­scher: Wir ha­ben die ers­ten 2 Ta­ge vor al­lem die Moo­se be­wäs­sert, um das Feu­er dort zu stop­pen. Raum­schutz nann­ten die Schwe­den die Maß­nah­me.

FM: Klingt nicht ge­ra­de spek­ta­ku­lär.

Fi­scher: Hat aber her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Wir konn­ten das Feu­er stop­pen. Und es war auch nicht ganz un­ge­fähr­lich. Un­ter der Moos­schicht wa­ren oft die Wur­zeln re­gel­recht ab­ge­brannt und Bäu­me stürz­ten plötz­lich um.

FM: Wie sah die Zu­sam­men­ar­beit mit den schwe­di­schen Kräf­ten aus?

Fi­scher: Un­se­re Ein­hei­ten wur­den im­mer von ein­hei­mi­schen Feu­er­wehr­leu­ten be­glei­tet. Die ers­ten bei­den Ta­ge sind wir auch mit schwe­di­schen Ket­ten­fahr­zeu­gen zu den Ein­satz­stel­len ge­bracht wor­den. Au­ßer de­ren Hägg­lunds ist da wirk­lich nichts hin­ge­kom­men.

FM: Und Eu­re Fahr­zeu­ge?

Fi­scher: Die ka­men erst ab dem drit­ten Tag zum Ein­satz. Un­ser Auf­trag lau­te­te dann: di­rek­te Brand­be­kämp­fung und si­chern der Sei­ten­räu­me der We­ge.

FM: Wie sah es mit der Lösch­was­ser­ver­sor­gung aus?

Fi­scher: Aus­ge­zeich­net. Wir ha­ben an den Se­en Ent­nah­me­stel­len ein­ge­rich­tet und das Lösch­was­ser im­mer di­rekt in die TLF ge­pumpt. So ging es am schnells­ten.

FM: Was bleibt aus der Zu­sam­men­ar­beit in Er­in­ne­rung?

Fi­scher: Die Schwe­den le­gen ex­tre­mes Au­gen­merk auf die Si­cher­heit. Noch stär­ker als wir es tun. Sie ha­ben sich sehr über un­se­re Un­ter­stüt­zung ge­freut. Es war ei­ne Zu­sam­men­ar­beit auf Au­gen­hö­he.

FM: Und die Aus­rüs­tung im Ver­gleich?

Fi­scher: Schwe­di­sche und deut­sche Schläu­che pas­sen nicht an­ein­an­der. Da war schon ei­ni­ges an Im­pro­vi­sa­ti­ons­ta­lent ge­fragt. Ich ha­be echt ge­flucht, dass wir kei­nen Werk­statt­wa­gen da­bei­hat­ten. Ins­ge­samt kann man sa­gen: Die Aus­rüs­tung der Schwe­den ist we­sent­lich spar­ta­ni­scher, da­für aber prag­ma­ti­scher. Au­ßer ein paar Schläu­chen und Lösch­was­ser hat ein TLF nichts an Bord. Eben ein an­de­res Feu­er­wehr­sys­tem. Ei­ne Er­kennt­nis noch: Deut­sche Di­gi­tal­funk­ge­rä­te kön­nen im Aus­land nur ein­ge­schränkt ge­nutzt wer­den.

FM: Wie vie­le Kräf­te wa­ren in Eu­rem Be­reich ein­ge­setzt?

Fi­scher: 250 Schwe­den und wir. Zu­sam­men al­so 300 Mann.

FM: Wie seid Ihr von der Be­völ­ke­rung aus­ge­nom­men wor­den? Gab es Kon­tak­te?

Fi­scher: Die Be­völ­ke­rung war stän­dig da. Vie­le Frei­wil­li­ge hat­ten sich zu­sam­men­ge­schlos­sen und stan­den im­mer als An­sprech­part­ner be­reit. Sie ha­ben al­le ein­ge­setz­ten Feu­er­wehr­leu­te rund um die Uhr mit Piz­za, Brot, Ku­chen und Ge­trän­ken ver­sorgt. Es gab Mü­cken­spray und so­gar Be­klei­dung.

FM: Be­klei­dung?

Fi­scher: Nach ein paar Ta­gen frag­ten die Schwe­den, ob wir denn ei­gent­lich ge­nug Wech­sel­kla­mot­ten da­bei hät­ten. Ich ver­mu­te, sie ha­ben uns beim Wa­schen ge­se­hen. Auf dem Cam­ping­platz durf­ten wir die Wasch­ma­schi­nen kos­ten­los nut­zen. Am nächs­ten Tag brach­ten sie et­wa 100 Ho­sen, zu­meist kur­ze, und ge­schätz­te 200 T-shirts ins Camp.

FM: Gibt es von dem Ein­satz Din­ge, die Dir im­mer im Ge­dächt­nis blei­ben wer­den?

Fi­scher: Die schwe­di­sche Gast­freund­schaft. In ei­nem Ge­spräch ka­men wir ein­mal auf Elch­fleisch zu spre­chen. Von uns hat­te das noch nie­mand ge­ges­sen. Die Schwe­den wa­ren am Schwär­men. Und so wa­ren wir neu­gie­rig. Per Face­book star­te­te ei­ne Schwe­din dann ei­nen Auf­ruf, dass die deut­schen Feu­er­wehr­leu­te ger­ne mal Elch­fleisch pro­bie­ren wür­den. Am nächs­ten Tag brach­te je­mand 50 Ki­lo­gramm zu un­se­rem Gw-kü­che.

FM: Wie kam denn ei­gent­lich Eu­re rol­len­de Kü­che an?

Fi­scher: Un­ge­lo­gen, ich hät­te das Fahr­zeug zehn­mal ver­kau­fen kön­nen. Der schwe­di­sche Ka­ta­stro­phen­schutz zeig­te sich in­ter­es­siert, die Feu­er­wehr, das Mi­li­tär, die Po­li­zei und die Me­di­en.

FM: Was habt Ihr über­haupt von dem Me­di­en­rum­mel mit­be­kom­men?

Fi­scher: Es wa­ren täg­lich Jour­na­lis­ten vor Ort. Von der Be­richt­er­stat­tung selbst ha­ben wir we­nig mit­be­kom­men. Wäh­rend des Ein­sat­zes hat­ten wir an­de­re Sor­gen. Aber es er­reich­ten uns re­gel­mä­ßig Nach­rich­ten, die uns viel Glück und ei­nen er­folg­rei­chen Ein­satz wünsch­ten. Erst auf der Rück­fahrt und wie­der zu­hau­se in Ni­en­burg ha­ben wir das gan­ze Aus­maß rea­li­siert.

FM: Wie­so auf der Rück­fahrt?

Fi­scher: Ich wuss­te gar nicht, wie vie­le Brü­cken die A1 hat. Auf fast je­der stan­den Feu­er­weh­ren und ha­ben uns zu­ge­wun­ken. In der FTZ Lehn­sahn wa­ren wir zum Fisch­bröt­chen-es­sen vom KFV Se­ge­berg ein­ge­la­den und die Ka­me­ra­den der FF Ver­den ha­ben uns durchs Stadt­ge­biet be­glei­tet und mit ei­nem Was­ser­bo­gen ver­ab­schie­det.

FM: Was war es für ein Ge­fühl, nach 11 Ta­gen wie­der zu­hau­se zu sein?

Fi­scher: Von mir ist ei­ne ton­nen­schwe­re Last ab­ge­fal­len. Mann­schaft und Ge­rät hei­le zu­rück. Die gan­zen An­ge­hö­ri­gen, Freun­de, Ver­ant­wort­li­chen. Wirk­lich ein sehr emo­tio­na­ler Mo­ment.

der mit­ten in war­te­ten che in Mo­ra Schwe­de n auf die Feu­er­wa and. An der hun­dert meh­re­re Deutschl Nacht Hel­fer aus n a m e g H : o kurz vor der t Ge­spräch F Ein letz­tes Land­rat Det­lef Ni­en­burgs dmeis­ter Ab­fahrt: wünscht Kreis­bran Kohl­mei­er Er­folg. (rechts) viel Bernd Fi­scher

Die Ein­satz­stel­len der ers­ten bei­den Ta­ge wa­ren nur mit die­sen schwe­di­schen Ket­ten­fahr­zeu­gen Typ vom Hägg­lund zu er­rei­chen. Fo­tos (6): Kreis­feu­erw Land­kreis ehr Ni­en­burg/ We­ser

Erst der Blick aus ei­nem Hub­schrau­ber zeig­te das gan­ze Aus­maß der Wald­brän­de um Älv­da­len.

Bei der Wald­brand­be­käm p-f ung bei bis zu 30 Grad Cel­si­us Au­ßen­temp era­tur tru­gen die Ni­en­bur­ger die al­ten oran­gen Ja­cken.

Fo­tos (5): Kreis­feu­er­wehr Land­kreis Ni­en­burg/we­ser

Aus den Tank­lösch­fahr­zeu­gen wur­den die Sei­ten­räu­me der wich­ti­gen We­ge ge­wäs­sert. Blick aus dem Hub­schrau­ber auf den Ver­sor­gungs­platz der Ni­en­bur­ger auf ei­nem Cam­ping­platz. Links ist der Gw-kü­che zu se­hen (sie­he Vor­stel­lung in FM 11/2016), da­ne­ben das Ess­zelt.Mit ei­nem schwe­di­schen Abend ver­ab­schie­de­ten die Ein­hei­mi­schen die Deut­schen. Ab dem drit­ten Ein­satz­tag in Schwe­den wa­ren dann auch die Ni­en­bur­ger Tank­lösch­fahr­zeu­ge ge­fragt.

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