Städ­te­fo­to­gra e

Lis­s­a­bon. Clau­dia Wör­de­hoffs Bil­der wir­ken le­ben­dig, echt und an­ders. Auf schöp­fe­ri­sche Art und Wei­se ge­lingt es ihr, die vie­len Fa­cet­ten der Stadt in fo­to­gra­fi­schen Ge­gen­sät­zen aus­zu­drü­cken. Mensch und Ar­chi­tek­tur, Leich­tig­keit und Schwer­mut, Span­nung un

fotocommunity Magazin - - Inhalt - Al­le Fo­tos: Clau­dia Wör­de­hoff

„Ge­sich­ter ei­ner Stadt“von Clau­dia Wör­de­hoff

Ir­gend­ei­ne Ka­me­ra hat Clau­dia Wör­de­hoff im­mer da­bei. Sonst wür­de sie sich nicht „kom­plett“füh­len. Und sie ist ger­ne un­ter­wegs, oft nur für ein paar Ta­ge oder für ein ver­län­ger­tes Wo­che­n­en­de. Dann reist sie am liebs­ten mit leich­tem Ge­päck und we­nig Equip­ment. Für die Rei­se nach Lis­s­a­bon im Früh­ling 2014 hat­te sie ih­re al­te Ca­non 50D aus dem Schrank ge­holt. Da­zu ein leich­tes Su­per­zoom-ob­jek­tiv, das Sig­ma 3,5-6,3/18-250 mm DC Macro HSM, dar­auf ge­schraubt. „Ich ha­be mich be­wusst ge­gen das je­weils per­fek­te Ob­jek­tiv für je­de spe­zi­el­le Auf­nah­me­si­tua­ti­on ent­schie­den, son­dern durch die­sen Kom­pro­miss ein ho­hes Maß an Fle­xi­bi­li­tät mit leich­tem Ge­päck ge­won­nen“, er­zählt sie.

Aus­rüs­tung

We­ni­ger ist mehr, das gilt für Wör­de­hoff auch für den Rest des Equip­ments. Da sie im­mer mit dem vor­han­de­nen Licht fo­to­gra­fiert, mög­lichst na­tür­lich und pur, be­nutzt sie prin­zi­pi­ell kei­nen Blitz. Auch ein Sta­tiv muss sie nicht schlep­pen, denn beim Fo­to­gra­fie­ren braucht sie das Ge­fühl, die Ka­me­ra schnell mit der Hand füh­ren zu kön­nen, stets mit dem Au­ge am Su­cher.

Ide­en ndung

Spe­zi­el­le Ide­en oder Plä­ne, wie sie ei­ne bild­ne­risch reiz­vol­le Si­tua­ti­on fo­to­gra­fisch um­setzt, hat Wör­de­hoff nicht. Sie hal­te es wie Pi­cas­so, der sag­te: ‚Ich su­che nicht, ich fin­de‘, er­zählt sie: „Die Bil­der fal­len mir auf ei­ne ge­wis­se Wei­se zu – ich las­se mich et­wa ger­ne von ei­ner in­ter­es­san­ten Licht­si­tua­ti­on di­rekt vor Ort über­ra­schen, die mich dann da­zu in­spi­riert, ein ad­äqua­tes Fo­to dar­aus zu gestal­ten.“Aber na­tür­lich sucht sie auch die Or­te auf, die gu­te Aus­sicht für das Fin­den bie­ten. Ein be­leb­ter Platz, wo et­wa „Die Blu­men­frau” ent­stand, der ge­öff­ne­te Blick für klei­ne, un­er­war­te­te De­tails, wie in „Ma­ria“, oder der Spa­zier­gang in be­son­de­ren Licht­si­tu­tio­nen, ein­ge­fan­gen im Bild „Stree­tart im Al­fa­ma“, be­loh­nen die­ses Vor­ge­hen. Und Städ­te fas­zi­nie­ren sie. „Ich emp­fin­de sie als kon­zen­trier­te Er­leb­nis­wel­ten.“Für ei­nen Städ­te­trip gibt es zu­meist vor­ab nur ei­nen sehr gro­ben Plan. Sie be­stimmt we­ni­ge Or­te, die sie un­be­dingt be­su­chen möch­te, und lässt sich sonst ger­ne spon­tan vom Wet­ter, von Lust und Lau­ne lei­ten oder auch von den Ide­en der Mi­t­rei­sen­den in­spi­rie­ren – kei­ne Rei­se folgt ei­nem vor­her kom­plett fest­ge­leg­ten Ablauf. Grund­sätz­lich in­ter­es­siert sie sich für ver­schie­de­ne fo­to­gra­fi­sche Be­rei­che, häu­fig liegt ihr Fo­kus aber auf den Aspek­ten „Licht und Struk­tur“. Mo­ti­visch bie­tet sich da­für na­tür­lich Ar­chi­tek­tur an. Ih­re Lei­den­schaft gilt et­wa un­ge­wöhn­li­chen In­nen- aber auch Au­ßen­räu­men, die von ei­ner aus­drucks­star­ken Licht­si­tua­ti­on ge­prägt sind. „Dann ste­he ich still und an­däch­tig da und stau­ne. Dann erst zü­cke ich die Ka­me­ra und ver­su­che, den Zau­ber die­ses Au­gen­blicks in ei­nem Bild zu for­mu­lie­ren.“Ein Bei­spiel für die­sen vor Ort emp­fun­de­nen Zau­ber sind das Bild „Par­kett“oder auch die Fo­tos „Stil­le“und „Wind­hauch“. In jüngs­ter Zeit wen­det sich Wör­de­hoff aber auch im­mer mehr der Men­schen- und Street­fo­to­gra­fie zu.

Et­was zö­ger­lich und ver­hal­ten, meint sie: „Mei­ne Vor­ge­hens­wei­se ist noch zu lang­sam, um an­ge­mes­sen spon­tan auf sich er­ge­ben­de span­nen­de Si­tua­tio­nen zu re­agie­ren. Aber das ist ei­ne der vie­len Her­aus­for­de­run­gen, die das Fo­to­gra­fie­ren für mich nie lang­wei­lig wer­den las­sen.“Für an­nä­hernd ge­lun­gen hält sie das bei den in Lis­s­a­bon ent­stan­de­nen Bil­dern „Die Blu­men­frau“und „Spot an“.

Auf­nah­me­tech­nik

So of­fen die Fo­to­gra­fin auf ih­re spon­ta­nen Ide­en re­agiert, ge­nau­so krea­tiv geht sie bei der Auf­nah­me selbst vor: Oft bleibt ihr Blick ganz spon­tan an De­tails hän­gen, die sie gra­fisch oder auch farb­lich rei­zen. Gra­fisch reiz­voll wa­ren in Lis­s­a­bon z.b. die Mo­ti­ve der Fo­tos „fi­li­gran“und „fu­tu­ris­tisch“, farb­lich in­ter­es­sant das Bild „Drei Gra­zi­en …“. „Ich bin we­ni­ger die Fo­to­gra­fin der gro­ßen Sze­ne­ri­en, son­dern ver­su­che die­se eher zu kom­pri­mie­ren“, er­klärt sie. Dies kann et­wa durch ei­ne Art räum­li­che Ver­dich­tung ge­sche­hen, die sie durch die Ver­wen­dung ei­ner lan­gen Brenn­wei­te rea­li­siert, durch die Frei­stel­lung ei­nes De­tails, et­wa durch die Wahl ei­ner of­fe­nen Blen­de oder auch ei­nes Bild­schnitts, der für ih­re ge­dach­te Kom­po­si­ti­on Un­nö­ti­ges weg­lässt.

Bild­ge­stal­tung

We­sent­lich bei der Bild­ge­stal­tung sind für Wör­de­hoff da­her der Bild­schnitt und die Wahl der Per­spek­ti­ve, et­wa um die Raum­si­tua­ti­on her­aus­zu­ar­bei­ten. Das kann ei­ne streng fron­ta­le Sicht sein bei vor­nehm­lich flä­chen­haf­ten Mo­ti­ven oder auch ei­ne ex­trem schrä­ge bei Staf­fe­lun­gen oder Tie­fen­räu­men. „Kom­po­si­to­risch reizt mich die Ba­lan­ce zwi­schen Dy­na­mik und Sta­tik, das zeigt sich dar­in, dass ich bei kom­ple­xen und be­weg­ten Bild­struk­tu­ren im­mer ver­su­che, dem Be­trach­ter­au­ge ge­wis­se An­ker­punk­te zu bie­ten, an de­nen sich der Blick fan­gen und be­ru­hi­gen kann“, er­gänzt sie. Das kön­nen par­ti­ell par­al­lel ver­lau­fen­de Li­ni­en, rech­te Win­kel, Eck­läu­fer, Ma­ß­ent­spre­chun­gen oder auch die li­nea­re Aus­rich­tung par­al­lel zu ei­ner der Bild­kan­ten sein. Durch ver­ein­zel­te An­wen­dung die­ser Mög­lich­kei­ten fin­det das Be­trach­ter­au­ge Halt in kom­ple­xen Bild­kom­po­si­tio­nen. „Wenn die­se Gestal­tungs­mit­tel zu ri­gi­de an­ge­wen­det wer­den, be­steht al­ler­dings die Ge­fahr, dass das Fo­to lang­wei­lig wird. In­so­fern mag ich per­sön­lich auch ach­sen- oder punkt­sym­me­trisch auf­ge­bau­te Bil­der in der Re­gel nicht so sehr, weil sie das Er­kun­den ih­rer grund­le­gen­den Struk­tu­ren so schnell er­mög­li­chen“, er­läu­tert sie.

Nach­be­ar­bei­tung

Ih­re nach­träg­li­che Bild­be­ar­bei­tung hält sich in Gren­zen. Sie be­schränkt sich auf mar­gi­na­le Kor­rek­tu­ren wie die Retusche klei­ner Un­sau­ber­kei­ten oder leich­te Kon­tras­t­an­he­bung. „Die be­deu­tends­te Ma­ni­pu­la­ti­on be­steht mei­nes Erach­tens nach dar­in, dass ich ca. zwei Drit­tel mei­ner Fo­tos mo­no­chrom ge­stal­te“, so Wör­de­hoff. Wenn mit Far­be, dann lässt sie die­se na­tür­lich ent­ste­hen und ver­zich­tet auf Farb­fil­ter oder Ef­fek­te. Sie er­gänzt: „Ich se­he Far­be eher als un­nö­ti­ge Ver­pa­ckung, die den Kern der Sa­che ver­schlei­ert.“

Wind­hauch Wer möch­te hier nicht ver­wei­len, sei es zum Schau­en oder auch zum Spei­sen. Die Ele­ganz al­ter Zei­ten ist deut­lich spür­bar, ob­wohl der Lack der Stüh­le sprö­de ist und hier und da ab­platzt, ob­wohl die Lüs­ter ein we­nig ver­staubt sind und die gro­ßen S

„Ich bin mal eben weg“In un­mit­tel­ba­rer Nä­he des ehe­ma­li­gen Ha­fen­vier­tels Cais do So­dré be­fin­det sich der Mer­ca­do da Ri­bei­ra, ei­ne licht­durch­flu­te­te Markt­hal­le. Die­ser ver­waist an­mu­ten­de Fisch­stand fiel mir auf. Ich mach­te ein paar Bil­der und nach mehr als

TIS­SOT Die­se Waa­ge steht am Aus­gang des Mer­ca­do da Ri­bei­ra, dort kön­nen Kun­den das vom Ver­käu­fer er­mit­tel­te Ge­wicht ih­rer Wa­ren über­prü­fen. Der Text rechts oben heiß über­setzt so in et­wa: „Ver­trau­en? Nein, dan­ke!“26 mm, Blen­de 4, 1/45 s, ISO 125

„Spot an“Die­se Da­me der städ­ti­schen Rei­ni­gung hat es ganz si­cher ver­dient, im Ram­pen­licht zu ste­hen – wenn auch nur ganz kurz, als sie die be­leuch­te­te Büh­ne auf der Stra­ße kreuz­te, die der Son­nen­ein­fall spon­tan für sie ge­formt hat­te. 30 mm, Blen­de 6,7, 1/

Hän­ge­par­tie Ei­ne am Ufer des Te­jo ent­lang ver­lau­fen­de mo­der­ne Seil­bahn­stre­cke pas­siert das Ex­po-ge­län­de im Os­ten der Stadt. Durch die Su­che nach ei­nem be­son­de­ren Standpunkt er­öff­nen sich Bli­cke, die ver­schie­de­ne De­tails die­ses Or­tes in ei­nem Bild ver­dicht

„ Aus­stieg links“– Seit weit über 100 Jah­ren rat­tern ein paar al­te Stadt­seil­bah­nen die Hü­gel hin­auf und wie­der her­un­ter. Wie hier der Ele­va­dor da Bi­ca über­win­den sie zwar laut­stark aber da­für be­quem vie­le Hö­hen­me­ter. Die al­te Da­me mit ih­ren schwe­ren „Drei

MINZ mit lan­gem Z Im vor al­lem abends quir­li­gen Bair­ro Alto fin­det man in den en­gen Alt­stadt­gas­sen zahl­rei­che Wand­ma­le­rei­en und Graf­fi­tis. Die meis­ten sind kraft­voll, ex­pres­siv und zei­gen die pral­le Le­bens­lust der hei­mi­schen Ju­gend. Nur we­ni­ge sind so min

Drei Gra­zi­en in Be­trach­tung ma­nue­lini­scher Ar­chi­tek­tur In Belém, im Süd­wes­ten von Lis­s­a­bon am Te­jo ge­le­gen, reiht sich ei­ne Per­len­ket­te feins­ter ma­nue­lini­scher Ar­chi­tek­tur­schät­ze auf – dar­un­ter auch das be­rühm­te Klos­ter Mostei­ro dos Jeró­ni­mos. Die drei ju

Stree­tart im Al­fa­ma Auf dem Weg zu ei­nem klei­nen Ba­cal­hau-re­stau­rant im his­to­ri­schen Stadt­vier­tel Al­fa­ma ent­deck­te ich bei tief­ste­hen­der Son­ne die­ses be­rüh­ren­de Wand­bild, das gera­de von ei­nem Pal­men­schat­ten ge­strei­chelt zu wer­den schien. 18 mm, Blen­de 9,5

Ver­stre­bun­gen In­mit­ten des Kreuz­gangs der Ca­te­dral Sé Pa­tri­ar­cal fin­den zur Zeit Aus­gra­bun­gen statt. Den Kon­trast zwi­schen den pro­fa­nen Struk­tu­ren der Be­da­chung und den sa­kra­len Fens­ter­bö­gen fand ich in­ter­es­sant. Die durch den halb­trans­pa­ren­ten Kunst­stoff

li­gran Die Or­na­men­tik der Me­tall­kon­struk­ti­on des Ele­va­dor de San­ta Jus­ta va­ri­iert go­ti­sche For­m­ele­men­te. Trotz der Här­te des Ma­te­ri­als wirkt das fi­li­gra­ne Wahr­zei­chen Lis­s­a­bons da­durch wun­der­bar ver­spielt. 18 mm, Blen­de 6,7, 1/125 s, ISO 100

Stil­le Die ein­fa­che Mö­blie­rung des Rau­mes steht im Kon­trast zu den blei­ver­glas­ten Fens­tern und den pom­pö­sen Kron­leuch­tern. Ei­ner­seits reiz­te mich genau die­se Span­nung, aber noch mehr das ein­fal­len­de Licht. Der Vor­der­grund liegt im Dun­kel, der Hin­ter­grund

Par­kett Wenn ich sol­chen Si­tua­tio­nen be­geg­ne, hüpft mein Herz. Licht, we­sent­li­ches Gestal­tungs­mit­tel der Fo­to­gra­fie, bricht in sei­ner schöns­ten Er­schei­nung als Son­nen­licht in die­sen Raum ein. Und die­ser scheint schon dar­auf vor­be­rei­tet zu sein – das Fenst

Die Blu­men­frau Die Hän­de im Schoß ab­ge­legt, das Hüt­chen als Schutz ge­gen die hei­ße Son­ne ins Ge­sicht ge­zo­gen, die Gieß­kan­ne griff­be­reit, sitzt sie je­den Tag auf dem Ros­sio im Zen­trum der Alt­stadt und war­tet auf die Ro­sen­ka­va­lie­re, die am Fei­er­abend über d

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