(Un)frei­wil­lig Tschüss sa­gen

Friedberger Allgemeine - - Sport - VON JO­HAN­NES GRAF jo­ga@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de »

Wenn die St­un­de des Ab­schieds naht, un­ter­schei­det sich ei­ne Trau­er­ge­mein­de auf dem Fried­hof nicht von ei­nem Fuß­ball-Pro­fi. Stil­le um­gibt ihn, er schweigt, blockt Ge­sprächs­wün­sche ab, statt In­ne­res nach au­ßen zu keh­ren. Sei­ne Ge­dan­ken krei­sen, er schwelgt in Er­in­ne­run­gen, denkt an er­hel­len­de Mo­men­te, die nicht wie­der­keh­ren.

Ver­blasst Ver­gan­ge­nes, be­stimmt das Hier und Jetzt das Den­ken. Die Zeit des In­ne­hal­tens fällt ge­ra­de im Trans­fer­wirr­warr des Pro­fi­sports äu­ßerst knapp aus: in ei­ner Se­kun­de auf dem Trai­nings­platz in Süd­ti­rol, in der nächs­ten beim Me­di­zin­check in Stutt­gart. Ab­schie­de wie der von FCA-Spie­ler Wer­ner gestal­ten sich ent­spre­chend flüch­tig, Tren­nungs­schmerz und Trä­nen wer­den per Vi­deo nach­ge­reicht.

Der­art rüh­ri­ge Mo­men­te blei­ben ei­nem Men­schen ver­wehrt, der ur­plötz­lich das Zeit­li­che seg­net. Zum Ab­schied neh­men ge­zwun­gen wird der Er­den­bür­ger, weil Ster­ben zum Le­ben ge­hört. Wäh­len kann er nicht. Sagt der Ki­cker Tschüss, durf­te er wo­mög­lich zu­vor ab­wä­gen. Sein Wil­le kann durch­aus Ge­hör fin­den. Um in den Fuß­bal­lHim­mel zu ent­schwe­ben, ent­schei­det er sich mit­un­ter ganz be­wusst für den Ab­schied. Na­tio­nal­spie­ler Drax­ler et­wa meint, ei­ne Spiel­zeit in Wolfs­burg sei ge­nug, er strebt nach Hö­he­rem. Wolfs­burg zahl­te 35 Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se, legt der neue Klub et­was drauf, hin­ter­lässt der Spie­ler we­nigs­tens ein Ab­schieds­ge­schenk.

Nicht je­der Ki­cker schei­det frei­wil­lig, nicht je­der Ab­schied fällt leicht, geht rei­bungs­los von­stat­ten. Oft geht ihm die Er­kennt­nis vor­aus, den An­sprü­chen ei­nes Trai­ners oder Ma­na­gers nicht mehr zu ge­nü­gen. Ist die Zeit des Ent­schwin­dens ge­kom­men, zö­gern he­roi­sche Ta­ten den Ab­schieds­pro­zess le­dig­lich hin­aus. Letzt­lich durf­te DFBKa­pi­tän Bal­lack nicht mehr für Deutsch­land auf­lau­fen, muss­te Welt­meis­ter Schwein­stei­ger sei­nen Spind in Man­ches­ter räu­men.

Wenn Em­pa­thie nicht des Trai­ners Sa­che ist, wenn ein Pro­fi plötz­lich aus dem Ka­der ge­ris­sen wird, bleibt ei­ne ge­kränk­te See­le zu­rück. Mit ihr füh­len Fans, in so­zia­len Netz­wer­ken und auf Sta­di­on­ban­ner neh­men sie An­teil.

Um Kum­mer zu ver­ar­bei­ten, emp­feh­len Psy­cho­lo­gen sich zu öff­nen und sich je­man­dem an­zu­ver­trau­en. Mit ihm über die ne­ga­ti­ven Er­leb­nis­se zu spre­chen. Die­se Form der Trau­er­be­wäl­ti­gung wird im Pro­fi­sport ge­zielt ver­folgt: Spie­ler bre­chen dann ihr Schwei­gen und kla­gen Jour­na­lis­ten ihr Leid.

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