Ein­mal Hoch­feld, im­mer Hoch­feld

Der ers­te Di­ens­tag an un­se­rem mo­bi­len Schreib­tisch: Wir hö­ren Ge­schich­ten von frü­her, dis­ku­tie­ren über Bil­der von heu­te und er­fah­ren von der iden­ti­täts­stif­ten­den Kraft ei­ner Schu­le. Die Neu­gier auf den Stadt­teil ist ge­weckt

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton Regional Extra - VON RICHARD MAYR UND MICHA­EL SCHREI­NER

„Drei Milch­lä­den gab’s da­mals noch im Hoch­feld“… „Ja, wo man ge­pumpt hat“… „Da vor­ne wa­ren die Bä­cker“... „Jetzt ha­ben wir gar nix mehr hier“… „Die wer­ben mit Stadt­mit­te, wenn sie hier Woh­nun­gen ver­kau­fen“… „Wir ha­ben als Kin­der hier die Bau­ern ge­är­gert, war ja al­les grün und frei.“… „Al­so, ich woh­ne ger­ne hier“… „Die Tür­ken blei­ben doch lie­ber un­ter sich.“… „Das Ki­no? Gibt’s schon ewig nicht mehr.“Aus sol­chen Ge­sprächs­fet­zen, aus Er­zäh­lun­gen, die quer über den mo­bi­len Schreib­tisch in al­le Him­mels­rich­tun­gen aus­ge­tauscht wer­den, formt sich an die­sem Di­ens­tag­nach­mit­tag ein ers­tes Bild vom Hoch­feld. Je­nem Stadt­teil, der in nur ei­nem Jahr­hun­dert, an­ge­trie­ben von der Ei­sen­bahn, aus Grün­land und Schaf­wei­den er­wach­sen ist und heu­te knapp 10 000 Ein­woh­ner zählt.

„9680 sind es ge­nau“, sagt Wil­fried Matzke. Der Lei­ter des Geo­da­ten­am­tes der Stadt ist ei­ner von vie­len, die zur Pre­mie­re mit am Tisch sit­zen vor der Ker­schen­stei­ner Schu­le, wo wir die­sen Som­mer un­se­re Re­dak­ti­ons-Au­ßen­stel­le ein­rich­ten. Je­den Di­ens­tag, bis 6. Sep­tem­ber. „Das Hoch­feld hat lei­der kei­nen gu­ten Ruf“, sagt Ly­dia Thei­ner. Sie ken­ne Leu­te, die sag­ten, sie wohn­ten lie­ber in Gög­gin­gen. Blöd­sinn, denn es sei doch wun­der­bar im Hoch­feld. Mit Vor­ur­tei­len über das Hoch­feld kennt sich Al­bert Kaps ganz gut aus. Er hat­te sel­ber Vor­be­hal­te, als er vor 15 Jah­ren als Schul­lei­ter an die Ker­schen­stei­ner Schu­le wech­seln soll­te. „Ich weiß noch, dass ich frei­tag­mit­tags hier mal vor­bei bin und die Schu­le sah: Der Putz fiel run­ter, es sah grau­sam aus. Da moch­te ich nicht hin.“Kaps sag­te ab, ließ sich dann aber doch über­re­den, ver­lieb­te sich in den schöns­ten und größ­ten Pau­sen­hof der Stadt und lern­te die Leu­te im Hoch­feld schät­zen. Heu­te sagt er: „Es war das Bes­te, was mir hat­te pas­sie­ren kön­nen.“

Ei­ne sei­ner ers­ten Er­fah­run­gen im Hoch­feld: Zu­sam­men­halt, ge­mein­sa­mes An­pa­cken, kein Her­um­ge­druck­se, kei­ne Hoch­nä­sig­keit, kei­ne Falsch­heit, kein Dün­kel. „Wir ha­ben da­mals ein Ge­rüst auf­ge­baut. El­tern, Leh­rer und Schü­ler ha­ben ge­mein­sam die Fas­sa­de ver­putzt und an­ge­malt. Auf dem Ge­rüst ha­be ich er­fah­ren: Die Leu­te hier ha­ben das Herz am rech­ten Fleck“, so der Schul­lei­ter. Das hö­ren die Hoch­fel­der ger­ne. Auch die Ehe­ma­li­gen, die längst weg­ge­zo­gen sind, aber an dem Stadt­teil, in dem sie auf­ge­wach­sen sind, wei­ter­hin hän­gen. Und auch an die­ser 1954 er­öff­ne­ten Schu­le. So wie An­ne­lie­se Neu.

Sie ist aus Fried­berg West zu „Kul­tur aus der Hoch­feld­stra­ße“ge­kom­men und schwärmt von ih­rer Kind­heit. „Es war ein schö­nes Vier­tel, da un­ten war al­les Wie­se, da vor­ne der Ro­del­berg, der Sie­ben­tisch­wald nah – für uns war es toll.“Und heu­te? „Ich bin im­mer noch gern da.“Auch wenn sich so viel ver­än­dert ha­be. Das „Re­gi­na“zum Bei­spiel: Seit über 50 Jah­ren schon gibt es das Hoch­feld-Ki­no nicht mehr. „15 Pfen­nig kos­te­te die Sonn­tags­vor­stel­lung, 13 Uhr“, er­in­nert sich An­ne­lie­se Neu – und ih­re Au­gen wei­ten sich, als sä­ße sie noch ein­mal vor der Lein­wand im Re­gi­na.

„Jetzt, wo ich das al­les hö­re und nach­den­ke, fällt mir auf: Ich bin ja auch ein Hoch­fel­der, ein ge­bür­ti­ger, auch wenn ich nie hier ge­wohnt ha­be.“Der Fo­to­graf Wal­ter Käs­mair, des­sen Frei­luft­aus­stel­lung vor der Schu­le mit Fo­tos aus dem Hoch­feld viel dis­ku­tiert wird, scheint über sich selbst ver­blüfft. „Ge­bo­ren bin ich in der Frisch-Kli­nik, al­so müss­te ich ...“, meint Käs­mair. Wil­fried Matzke kann an­hand sei­ner Plä­ne amt­lich be­stä­ti­gen: ein­deu­tig Hoch­feld.

Je län­ger wir an die­sem Di­ens­tag­nach­mit­tag zu­sam­men­sit­zen, um­so ver­hei­ßungs­vol­ler klingt das: Hoch­feld. Sieg­lin­de Gind­hart, die sich die Fo­tos von Wal­ter Käs­mair aus ih- rem Stadt­teil sehr ge­nau an­schaut und – was sonst – al­les zu­ord­nen und be­nen­nen kann, fällt den Re­dak­teu­ren ins Wort, als die­se mit der Fra­ge an­he­ben: „Wie lebt es sich hier, das Hoch­feld hat ja kein so gu­tes Image ...“„Hat­te! Hat­te!“, ruft Frau Gind­hart, „hat­te!“Ver­gan­gen­heits­form. „Es ist in den letz­ten Jah­ren so viel ge­tan wor­den, so vie­le Miets­häu­ser sind toll sa­niert wor­den“, sagt sie und deu­tet in ei­ner 360-Grad Arm­be­we­gung an, was sie da­mit meint. Tat­säch­lich hat sich die Wohn­qua­li­tät im Hoch­feld ge­wal­tig ver­bes­sert. „Und sehr nah am Mit­tel­punkt der Stadt sind wir so­wie­so!“, sagt Gind­hart, die seit 46 Jah­ren im Hoch­feld lebt. Was nicht heißt, dass sie ih­ren Stadt­teil ver­klärt. „Es feh­len Lä­den. Aber die müs­sen auch über­le­ben – und wenn die Leu­te wo­an­ders ein­kau­fen, ist das halt schwer.“Und das Kul­tur­an­ge­bot? „Auch da gilt: Wenn kei­ner hin­geht, gibt’s auch nicht viel.“Die Tür­ken blie­ben eben auch lie­ber un­ter sich …

Was die Hoch­fel­der wirk­lich ver­mis­sen, das ist ihr Rö­mer­hof – das Lo­kal, das vor Jah­ren ge­schlos­sen wur­de und ei­ne In­sti­tu­ti­on im Vier­tel war, die auch Aus­flüg­ler von wei­ter her an­zog. Heu­te wer­den die Räu­me als Schul­kan­ti­ne ge­nutzt. Auch die Se­nio­ren vom Mehr­ge­ne­ra­tio­nen-Treff­punkt es­sen dort ein Mal die Wo­che. Im­mer frei­tags, er­zählt Re­na­te Ott, 84, de­ren El­tern 1926 her­ge­zo­gen sind – „in den grü­nen Block“. Sie wohnt heu­te noch dort, das un­ter Denk­mal­schutz ste­hen­de Miets­haus ist in­zwi­schen aber gelb. Sie rich­tet uns ei­nen schö­nen Gruß von der Lei­te­rin des Mehr­Ge­ne­ra­tio­nen-Treff­punkts aus, der in der Hoch­feld­stra­ße be­hei­ma­tet ist. Re­na­te Ott geht dort ein und aus. So wie Er­na Neue­der, 84, die jetzt auch vor der Schu­le Platz nimmt: „Du wollt­schd doch hoim.“Jetzt er­fah­ren wir gleich von zwei Kron­zeu­gin­nen, dass der Ro­del­berg auch ei­nen Na­men hat, der dem Geo­da­ten­amt un­be­kannt ist: „d’ Katz­abu­ckel“.

Es gibt auch Stim­men, die in den Hoch­feld-Hym­nus nicht ein­stim­men. El­ke zum Bei­spiel, die mit ih­rem Mann vor 15 Jah­ren vom Bis­marck­vier­tel ins Hoch­feld ge­zo­gen ist, weil sie mehr Platz für die Fa­mi­lie ge­braucht ha­ben. Mehr als ih­ren Vor­na­men möch­te sie uns nicht preis­ge­ben, weil sie im­mer wie­der mit den Ju­gend­li­chen des Vier­tels Pro­ble­me hat. Et­wa, wenn sie ih­nen vom Fens­ter aus zu­ruft, dass es kei­ne gu­te Idee sei, die Sperr­müll-Ma­trat­zen an­zu­zün­den. Fast schon er­leich­tert sei­en sie und ihr Mann ge­we­sen, als die Fr­ei­n­acht im Hoch­feld nicht zu grö­ße­rem Van­da­lis­mus führ­te. Das bö­se Er­wa­chen kam und kommt aber all­jähr­lich an Hal­lo­ween. Denn ei­ni­ge Ju­gend­li­che nüt­zen die Nacht als Vor­wand, Eier an Haus­wän­de zu wer­fen. Und ih­re Haus­wand sei dop­pelt be­liebt, weil sie im­mer wie­der den Mund auf­ma­che, sagt El­ke.

Der­weil stellt sich her­aus, dass An­ne­lie­se Neu den Mann, der seit 30 Mi­nu­ten ne­ben ihr sitzt, lang­sam wie­der­kennt, nach­dem der so be­seelt von sei­ner Kind­heit im Zep­pe­l­in­hof er­zählt. Andre­as Berch­told, heu­te 55 Jah­re alt. „Sie sind das! Ich seh’ Sie noch heu­te vor mir. Es war ein Ro­sen­mon­tag, Sie hat­ten ei­nen Cow­boy­hut auf, lie­fen über die Stra­ße, dann hat das Au­to Sie er­wischt… Es war schreck­lich!“Berch­told war da­mals elf Jah­re alt. 1984 ist er aus dem Hoch­feld weg­ge­zo­gen – aber er hat es nie wirk­lich ver­las­sen. Zu vie­le Er­in­ne­run­gen. Und weil ihm bis heu­te so viel liegt an die­sem Hoch­feld, ist er her­ge­ra­delt, um die Zei­tungs­leu­te auf ih­ren dum­men Feh­ler auf­merk­sam zu ma­chen. In der Bild­un­ter­schrift, am Di­ens­tag, letz­te Sei­te: Wir ha­ben den ab­ge­bil­de­ten Zep­pe­l­in­hof ver­se­hent­lich zum Rö­mer­hof ge­macht. Un­ver­zeih­lich, ei­gent­lich. Doch so wie Berch­told sind auch die an­de­ren Be­su­cher, die uns die­sen gro­ben Feh­ler un­ter die Na­se rei­ben, be­reit zur Nach­sicht – auf Be­wäh­rung al­ler­dings. Wir ha­ben jetzt noch fünf Di­ens­ta­ge Zeit.

Schwarz-weiß und oh­ne Men­schen: Der Fo­to­graf Wal­ter Käs­mair (links) war für un­se­re Som­mer­se­rie im Hoch­feld un­ter­wegs. Sei­ne Bil­der zei­gen wir sechs Wo­chen lang im­mer diens­tags an un­se­rem mo­bi­len Schreib­tisch vor der Ker­schen­stei­ner Schu­le.

Fo­tos: Richard Mayr und Micha­el Schrei­ner

Fo­tos: Micha­el Schrei­ner, Richard Mayr

Wil­fried Matzke, Chef des Geo­da­ten­am­tes, (links) ver­sorg­te un­se­re Gäs­te mit Stadt­plä­nen und Ma­te­ri­al. Hier stu­diert er mit Re­na­te Ott und Richard Mayr, AZ, ei­nen äl­te­ren Plan, auf dem noch viel Grün zu se­hen ist.

Fo­to: Wal­ter Käs­mair

Lie­be Hoch­fel­der: Das ist der Zep­pe­l­in­hof, der Zep­pe­l­in­hof, der Zep­pe­l­in­hof. Und nie­mals zu ver­wech­seln mit dem Rö­mer­hof. Das darf uns nicht mehr pas­sie­ren …

Der Schul­lei­ter Al­bert Kaps (zwei­ter von rechts) er­zählt da­von, was ihn im Hoch­feld so be­ein­druckt.

„Das ist im Bahn­park“: Sieg­lin­de Gind­hart und Micha­el Schrei­ner, AZ.

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