Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (6)

Friedberger Allgemeine - - Wetter | Roman -

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

Ja, aber was be­rei­tet dir denn dar­an Ver­gnü­gen?“,,Eben dies. Es geht ei­nem so ein Ruck durch den Kopf, ein Schwin­del, ein Er­schre­cken.“

,,Ach hör auf, das sind Spie­le­rei­en.“

,,Ich ha­be ja nicht das Ge­gen­teil be­haup­tet. Aber je­den­falls ist mir dies in der gan­zen Schu­le noch das In­ter­es­san­tes­te.“

,,Es ist so ei­ne Art, mit dem Ge­hirn zu tur­nen; aber es hat doch kei­nen rech­ten Zweck.“

,,Nein“, sag­te Tör­leß und sah wie­der in den Gar­ten hin­aus. In sei­nem Rü­cken fer­ne, hör­te er die Gas­flam­men sum­men. Er ver­folg­te ein Ge­fühl, das me­lan­cho­lisch, wie ein Ne­bel, in ihm auf­stieg.

,,Es hat kei­nen Zweck. Du hast recht. Aber man darf sich das gar nicht sa­gen. Von all­dem, was wir den gan­zen Tag lang in der Schu­le tun, was da­von hat ei­gent­lich ei­nen Zweck? Wo­von hat man et­was? Ich mei­ne et­was für sich ha­ben, du ver­stehst? Man weiß am Abend, daß

man wie­der ei­nen Tag ge­lebt hat, daß man so und so viel ge­lernt hat, man hat dem St­un­den­plan ge­nügt, aber man ist da­bei leer ge­blie­ben, in­ner­lich mei­ne ich, man hat so­zu­sa­gen ei­nen ganz in­ner­li­chen Hun­ger.“Bein­eberg brumm­te et­was von Üben, Geist vor­be­rei­ten, noch nichts an­fan­gen kön­nen, spä­ter.

,,Vor­be­rei­ten? Üben? Wo­für denn? Weißt du et­was Be­stimm­tes? Du hoffst vi­el­leicht auf et­was, aber auch dir ist es ganz un­ge­wiß. Es ist so: Ein ewi­ges War­ten auf et­was, von dem man nichts an­de­res weiß, als daß man dar­auf war­tet. Das ist so lang­wei­lig.“

,,Lang­wei­lig“dehn­te Bein­eberg nach und wieg­te mit dem Kop­fe. Tör­leß sah noch im­mer in den Gar­ten. Er glaub­te das Ra­scheln der wel­ken Blät­ter zu hö­ren, die der Wind zu­sam­men­trug. Dann kam je­ner Au­gen­blick in­ten­sivs­ter Stil­le, der stets dem völ­li­gen Dun­kel­wer­den kurz vor­an­geht. Die For­men, wel­che sich im­mer tie­fer in die Däm­me­rung ge­bet­tet hat­ten, und die Far­ben, wel­che zer­flos­sen, schie­nen für Se­kun­den still zu ste­hen, den Atem an­zu­hal­ten.

,,Hö­re, Bein­eberg,“sprach Tör­leß, oh­ne sich zu­rück­zu­wen­den, ,,es muß wäh­rend des Däm­merns im­mer ei­ni­ge Au­gen­bli­cke ge­ben, die ganz ei­ge­ner Art sind. So oft ich es be­ob­ach­te, kehrt mir die­sel­be Er­in­ne­rung wie­der. Ich war noch sehr klein, als ich um die­se St­un­de ein­mal im Wal­de spiel­te. Das Di­enst­mäd­chen hat­te sich ent­fernt; ich wuß­te das nicht und glaub­te es noch in mei­ner Nä­he zu emp­fin­den. Plötz­lich zwang mich et­was auf­zu­se­hen. Ich fühl­te, daß ich al­lein sei. Es war plötz­lich so still. Und als ich um mich blick­te, war mir, als stün­den die Bäu­me schwei­gend im Krei­se und sä­hen mir zu. Ich wein­te; ich fühl­te mich so ver­las­sen von den Gro­ßen, den leb­lo­sen Ge­schöp­fen preis­ge­ge­ben. Was ist das? Ich füh­le es oft wie­der. Die­ses plötz­li­che Schwei­gen, das wie ei­ne Spra­che ist, die wir nicht hö­ren?“

,,Ich ken­ne das nicht, was du meinst; aber war­um soll­ten nicht die Din­ge ei­ne Spra­che ha­ben? Kön­nen wir doch nicht ein­mal mit Be­stimmt­heit be­haup­ten, daß ih­nen kei­ne See­le zu­kommt!“

Tör­leß gab kei­ne Ant­wort. Bein­ebergs spe­ku­la­ti­ve Auf­fas­sung be­hag­te ihm nicht.

Nach ei­ner Wei­le be­gann aber die­ser: ,,War­um siehst du noch fort­wäh­rend zum Fens­ter hin­aus? Was fin­dest denn du dar­an?“

,,Ich den­ke noch im­mer nach, was das sein mag?“In Wahr­heit hat­te er aber be­reits an et­was Wei­te­res ge­dacht, was er nur nicht ein­ge­ste­hen woll­te. Die ho­he An­span­nung, das Lau­schen auf ein erns­tes Ge­heim­nis und die Ver­ant­wor­tung, mit­ten in noch un­be­schrie­be­ne Be­zie­hun­gen des Le­bens zu bli­cken, hat­te er nur für ei­nen Au­gen­blick aus­hal­ten kön­nen. Dann war wie­der je­nes Ge­fühl des Al­lein­und Ver­las­sen­seins über ihn ge­kom­men, das stets die­ser zu ho­hen An­for­de­rung folg­te. Er fühl­te: hier­in liegt et­was, das jetzt noch zu schwer für mich ist, und sei­ne Ge­dan­ken flüch­te­ten zu et­was an­de­rem, das auch dar­in lag, aber ge­wis­ser­ma­ßen nur im Hin­ter­grun­de und auf der Lau­er: Die Ein­sam­keit.

Aus dem ver­las­se­nen Gar­ten tanz­te hie und da ein Blatt an das er­leuch­te­te Fens­ter und riß auf sei­nem Rü­cken ei­nen hel­len Strei­fen in das Dun­kel hin­ein. Die­ses schien aus­zu­wei­chen, sich zu­rück­zu­zie­hen, um im nächs­ten Au­gen­bli­cke wie­der vor­zu­rü­cken und un­be­weg­lich wie ei­ne Mau­er vor den Fens­tern zu ste­hen. Es war ei­ne Welt für sich, die­ses Dun­kel. Wie ein Schwarm schwar­zer Fein­de war es über die Er­de ge­kom­men und hat­te die Men­schen er­schla­gen oder ver­trie­ben oder was im­mer ge­tan, das je­de Spur von ih­nen aus­lösch­te.

Und Tör­leß schien es, daß er sich dar­über freue. Er moch­te in die­sem Au­gen­blick die Men­schen nicht, die Gro­ßen und Er­wach­se­nen. Er moch­te sie nie, wenn es dun­kel war. Er war ge­wöhnt, sich dann die Men­schen weg­zu­den­ken. Die Welt er­schien ihm da­nach wie ein lee­res, fins­te­res Haus, und in sei­ner Brust war ein Schau­er, als soll­te er nun von Zim­mer zu Zim­mer su­chen, dunk­le Zim­mer, von de­nen man nicht wuß­te, was ih­re Ecken bar­gen, tas­tend über die Schwel­len schrei­ten, die kei­nes Men­schen Fuß au­ßer dem sei­nen mehr be­tre­ten soll­te, bis in ei­nem Zim­mer sich die Tü­ren plötz­lich vor und hin­ter ihm schlös­sen und er der Her­rin selbst der schwar­zen Scha­ren ge­gen­über­stün­de. Und in die­sem Au­gen­bli­cke wür­den auch die Schlös­ser al­ler an­de­ren Tü­ren zu­fal­len, durch die er ge­kom­men, und nur weit vor den Mau­ern wür­den die Schat­ten der Dun­kel­heit wie schwar­ze Eu­nu­chen auf Wa­che ste­hen und die Nä­he der Men­schen fern­hal­ten.

Das war sei­ne Art der Ein­sam­keit, seit man ihn da­mals im Sti­che ge­las­sen hat­te im Wal­de, wo er so wein­te. Sie hat­te für ihn den Reiz ei­nes Wei­bes und ei­ner Un­mensch­lich­keit. Er fühl­te sie als ei­ne Frau, aber ihr Atem war nur ein Wür­gen in sei­ner Brust, ihr Ge­sicht ein wir­beln­des Ver­ges­sen al­ler mensch­li­chen Ge­sich­ter und die Be­we­gun­gen ih­rer Hän­de Schau­er, die ihm über den Leib jag­ten. Er fürch­te­te die­se Phan­ta­sie, denn er war sich ih­rer aus­schwei­fen­den Heim­lich­keit be­wußt, und der Ge­dan­ke, daß sol­che Vor­stel­lun­gen im­mer mehr Herr­schaft über ihn ge­win­nen könn­ten, be­un­ru­hig­te ihn. Aber ge­ra­de dann, wenn er sich am erns­tes­ten und reins­ten glaub­te, über­ka­men sie ihn. Man könn­te sa­gen, als ei­ne Re­ak­ti­on auf die­se Au­gen­bli­cke, wo er emp­find­sa­me Er­kennt­nis­se ahn­te, die sich zwar in ihm schon vor­be­rei­te­ten, aber sei­nem Al­ter noch nicht ent­spra­chen. Denn in der Ent­wick­lung ei­ner je­den fei­nen mo­ra­li­schen Kraft gibt es ei­nen sol­chen frü­hen Punkt, wo sie die See­le schwächt, de­ren kühns­te Er­fah­rung sie einst vi­el­leicht sein wird, so als ob sich ih­re Wur­zeln erst su­chend sen­ken und den Bo­den zer­wüh­len müß­ten, den sie nach­her zu stüt­zen be­stimmt sind, wes­we­gen Jüng­lin­ge mit gro­ßer Zu­kunft meist ei­ne an De­mü­ti­gun­gen rei­che Ver­gan­gen­heit be­sit­zen. Tör­leß’ Vor­lie­be für ge­wis­se Stim­mun­gen war die ers­te An­deu­tung ei­ner see­lischen Ent­wick­lung, die sich spä­ter als ein Ta­lent des Stau­nens äu­ßer­te.

»7. Fort­set­zung folgt

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