Streit um Pa­ri­ser Zei­tungs­ki­os­ke

Die Stadt­ver­wal­tung will den 360 Ver­kaufs­stän­den ein mo­der­nes Ant­litz ver­pas­sen. Nost­al­gi­ker weh­ren sich da­ge­gen und be­zeich­nen die neu­en Mo­del­le als „rie­si­ge Müll­ei­mer“

Friedberger Allgemeine - - Panorama - VON BIR­GIT HOLZER

Pa­ris Die dun­kel­grü­ne Kup­pel ge­hört so un­ver­zicht­bar ins Stadt­bild von Pa­ris wie die be­leb­ten Stra­ßen­ca­fés und die Me­tro-Ein­gän­ge im Ju­gend­stil. Vi­el­leicht ist sie nicht mehr ganz zeit­ge­mäß und, wie Bür­ger­meis­te­rin An­ne Hi­dal­go sagt, we­nig „in­no­va­tiv“. Aber die Idee der Rat­haus­che­fin, die 360 tra­di­tio­nel­len Zei­tungs­ki­os­ke bis Ju­ni 2019 nach und nach ab­zu­schaf­fen und durch neue Ex­em­pla­re in nüch­tern­sach­li­chem De­sign zu er­set­zen, er­zürnt tau­sen­de Ein­woh­ner und Lieb­ha­ber von Pa­ris. Noch steht das End-De­sign nicht ganz fest, nach­dem es im Stadt­rat ge­misch­te Re­ak­tio­nen für ei­nen ers­ten Vor­schlag der fran­zö­si­schen De­si­gne­rin Ma­ta­li Cras­set gab. Nen­nen Be­für­wor­ter die neu­en Mo­del­le „un­ty­pisch, aber mo­dern“, so se­hen sie für ih­re Geg­ner aus wie „Con­tai­ner“oder gar wie „rie­si­ge Müll­ei­mer“.

Mehr als 56 000 Men­schen ha­ben in­zwi­schen ei­ne En­de Mai ge­star­te­te In­ter­net-Pe­ti­ti­on mit dem Ap­pell, „den Geist des Pa­ris von einst zu be­wah­ren“, un­ter­schrie­ben. Die Initia­to­ren kla­gen, die „völ­lig un­per­sön­li­chen, see­len­lo­sen“Mo­del­le wür­den die Stadt ver­schan­deln. Un­ter ei­ner Er­neue­rung dür­fe nicht die Äs­t­he­tik lei­den: „War­um kann man nicht den Charme des Vor­ma­li­gen mit Funk­tio­na­li­tät und Kom­fort der Mo­der­ne ver­bin­den?“

Das ro­man­ti­sche Stadt­bild müs­se be­wahrt wer­den, das Pa­ris auch für Tou­ris­ten so an­zie­hend ma­che – durch Kup­peln im Haus­s­mann-Stil. So hieß der Ar­chi­tekt aus dem 19. Jahr­hun­dert, der die fran­zö­si­sche Haupt­stadt wie kein an­de­rer ge­prägt hat: Auf Eu­gè­ne Haus­s­mann ge­hen die breit an­ge­leg­ten Bou­le­vards und die ty­pi­schen Häu­ser­fas­sa­den mit ih­ren ele­gan­ten Mi­ni-Bal­ko­nen zu­rück. In sei­ne Zeit fiel auch die Gestal­tung der Zei­tungs­stän­de durch den Ar­chi­tek­ten Ga­b­ri­el Da- vioud, die seit 1957 die Stra­ßen säu­men. Die Me­tall-Ki­o­s­ke mit der cha­rak­te­ris­ti­schen Kup­pel, von de­nen die ers­ten um halb fünf Uhr öff­ne­ten und die letz­ten ge­gen zwei Uhr mor­gens schlos­sen, wa­ren schnell ein Er­folg.

Doch die Nost­al­gi­ker täu­schen sich, ent­geg­net ih­nen Bür­ger­meis­te­rin Hi­dal­go: Da die Ori­gi­nal-Ki­o­s­ke be­reits in den 1980er Jah­ren er­setzt wur­den, han­delt es sich bei den heu­ti­gen Stän­den le­dig­lich um Nach­bil­dun­gen aus Plas­tik. Ihr ge­he es in ers­ter Li­nie dar­um, den Ar­beits­kom­fort der Zei­tungs­ver­käu­fer zu ver­bes­sern, die bis­lang im fins­te­ren In­ne­ren ho­cken und fast hin­ter den Ma­ga­zi­nen ver­schwin­den. Künf­tig wird ihr Platz mit ei­ner Hei­zung aus­ge­stat­tet und bes­ser iso­liert. Ei­ne ro­te oder grü­ne Be­leuch­tung zeigt bald schon von wei­tem an, ob der Stand ge­schlos­sen oder ge­öff­net ist.

Das An­ge­bot an Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten soll über­sicht­li­cher und die neu­en Stän­de mit in­ter­ak­ti­ven Bild­schir­men aus­ge­stat­tet wer­den. Auch kön­nen die­se dann Ti­ckets für kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen ver­trei­ben oder als Han­dy-Auf­la­de­sta­ti­on die­nen. „Man muss drin­gend die Wirt­schaft der Ki­o­s­ke stär­ken und ih­re Ak­ti­vi­tä­ten ver­viel­fäl­ti­gen“, sagt Je­an-Paul Abon­nenc, Ge­ne­ral­di­rek­tor des Be­trei­bers Mé­dia­ki­osk. Zwar wuchs die Zahl der Ver­kaufs­stän­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – aber eben, weil sie auch Ge­trän­ke, Sou­ve­nirs oder Re­gen­schir­me ver­kau­fen dür­fen.

Durch die zu­sätz­li­chen Di­enst­leis­tun­gen und ein „mo­der­ne­res“Ant­litz er­hofft man sich im Pa­ri­ser Rat­haus die An­zie­hung neu­en Pu­bli­kums und letzt­lich ei­ne Stär­kung der kri­seln­den Pres­se. Denn wenn auch in Um­fra­gen 88 Pro­zent der Pa­ri­ser sa­gen, die Ki­o­s­ke ge­hör­ten un­ab­ding­bar zu ih­rem Stadt­vier­tel, so kau­fen doch in Zei­ten von In­ter­net und Gra­tis­blät­tern im­mer we­ni­ger Men­schen Zei­tun­gen.

Foto: Bir­git Holzer

So sieht ein Pa­ri­ser Zei­tungs­ki­osk in sei­ner klas­si­schen Form aus. Ty­pisch für die Ver­kaufs­stän­de ist die Kup­pel im Haus­s­mann-Stil.

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