Stram­peln für den Bru­der

Für den All­gäu­er Phil­ipp Buhl be­ginnt der La­ser-Wett­be­werb. Sei­ne Schwes­ter An­ge­la soll ihm Glück brin­gen. Ih­re An­rei­se dau­er­te ein­ein­halb Jah­re und war 25000 Ki­lo­me­ter lang

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 - VON PE­TER DEI­NIN­GER

Rio de Janeiro Am heu­ti­gen Mon­tag be­ginnt für den La­ser-Seg­ler Phil­ipp Buhl der olym­pi­sche Ernst­fall mit den ers­ten bei­den Re­gat­ten. Ei­gent­lich müss­te für den aus­sichts­rei­chen Sport­sol­da­ten aus Sont­ho­fen mit Som­mer­ar­beits­platz in Kiel al­les gut wer­den.

Denn ein Glücks­brin­ger ist nach ei­nem Ma­ra­thon-Trip über ein­ein­halb Jah­re recht­zei­tig in Rio ein­ge­trof­fen. Schwes­ter An­ge­la (34) hat die An­rei­se mit dem Fahr­rad per­fekt ge­plant, was bei ei­ner Etap­pen­tour über 25 000 Ki­lo­me­ter und 200000 Hö­hen­me­ter ge­ra­de­zu ei­ne Meis­ter­leis­tung ist.

Im De­zem­ber 2014 hat­te die Ar­chi­tek­tin aus dem All­gäu be­schlos­sen, ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung zu su­chen. Die Be­weg­grün­de ver­rät sie auf ih­rer Face­boo­ksei­te

„Ge­wohn­heit ist die Vor­zim­mer­da­me des Herrn Still­stand“, sag­te sie. „Mit Über­ra­schun­gen kann ich bes­ser le­ben.“

Und über­haupt hat sie ger­ne Zie­le, die län­ger als drei St­un­den ent­fernt lie­gen. Des­halb lag es für sie na­he, den Trip zu Olym­pia auf ih­re ganz ei­ge­ne Wei­se zu or­ga­ni­sie­ren. Die stän­di­gen Be­glei­ter wa­ren das Rad, ein Sa­xo­phon und ei­ne Kis­te für das Ge­päck.

Sie war über­zeugt, dass der Welt­klas­se­seg­ler auch sei­nen Teil da­zu bei­tra­gen wür­de, dass es in Rio zur Wie­der­be­geg­nung kom­men wird. Mit zahl­rei­chen in­ter­na­tio­na­len Me­dail­len de­ko­riert ist Phil­ipp die deut­sche Num­mer eins in sei­ner Boots­klas­se. Er war auf dem sport­li- chen Se­gel­törn, die Schwes­ter an Land auf Dau­er­tour. Manch­mal in Be­glei­tung, meis­tens aber al­lein. Vom hei­mat­li­chen All­gäu bis nach Is­ra­el. Dann folg­ten Indien und Ame­ri­ka. Was dort in Ka­na­da be­gann, en­de­te jetzt in Bra­si­li­en.

Da­zwi­schen la­gen Grenz­er­fah­run­gen wie Pass­über­que­run­gen in 4000 Me­tern Hö­he. Das In­ter­ne­tTa­ge­buch liest sich wie ein Rei­se­ro­man mit dem Hap­py-End am 4. Au­gust. An­ge­la Buhl fährt die Strand­pro­me­na­de ent­lang und denkt an ih­ren klei­nen Bru­der. „Mein Mit-Mo­ti­va­tor. Der wil­de Vo­gel, der sich hier sei­nen Kínd­heits­traum er­füllt.“

Seit ei­nem Jahr hat Phil­ipp sei­ne Schwes­ter nicht mehr per­sön­lich ge­trof­fen. En­de der ver­gan­ge­nen Wo­che konn­te er sie wie­der in die Ar­me schlie­ßen. Vater Friedl und sei­ne zwei­te Schwes­ter wa­ren auch da­bei. Den bei­den Da­men hat­te der Seg­ler Kar­ten für die Er­öff­nungs­fei­er be­sorgt, für ihn be­ginnt heu­te der Hö­he­punkt sei­ner Kar­rie­re.

Die schlech­te Was­ser­qua­li­tät in der Guana­ba­rabucht war auch am Wo­che­n­en­de noch ein­mal The­ma bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz im Deut­schen Haus. Buhl sieht das ge­las­sen („Ich bin bis­her nicht krank ge­wor­den“) und kann dem Dau­er­the­ma so­gar ei­ne po­si­ti­ve Sei­te ab­ge­win­nen. „Wenn das Was­ser sau­ber wä­re, hät­te ich wahr­schein­lich kei­ne Ein­la­dung ins Ak­tu­el­le Sport­stu­dio des er­hal­ten.“

Viel mehr als die Dis­kus­sio­nen um die Kei­me im Meer be­schäf­ti­gen den 26-Jäh­ri­gen die Her­aus­for­de­run­gen des Se­gel­re­viers. „Es ist das Schwie­rigs­te auf dem je ge­fah­ren bin“, sagt er nach ei­ni­gen Te­st­ren­nen. Mal zeigt es sich bei Flau­te spie­gel­glatt „wie der Alp­see“(Buhl). Den Ath­le­ten kön­nen aber auch vier Me­ter ho­he Wel­len ent­ge­gen­schla­gen. Be­son­ders tü­ckisch ist die Strö­mung. „Sie kann bis zum 85 Me­ter in der Mi­nu­te be­tra­gen, vier­mal mehr als ge­wöhn­lich.“

Ei­ne spe­zi­ell ent­wi­ckel­te Soft­ware von SAP soll mit ih­ren Da­ten hel­fen die Be­din­gun­gen rich­tig ein­zu­schät­zen. Je­des De­tail kann wich­tig sein. Denn Se­geln im La­ser „heißt Kampf um Zen­ti­me­ter bei je­der Wel­le“, sagt Buhl. Das schlägt sich auch in den Er­geb­nis­sen nie­der. Es gibt zahl­rei­che Spe­zia­lis­ten, die auf al­ler­höchs­tem Ni­veau se­geln.

Phil­ipp hofft, dass ihm das in Bra­si­li­en ge­lingt. Sei­ne Schwes­ter An­ge­la feu­ert ihn nach ih­rer voll­brach­ten Tat an: Phil­ipp, mach fer­tig!

Fo­to: Buhl

Un­ter­wegs ab­seits aus­ge­tre­te­ner Pfa­de: An­ge­la Buhl.

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