Ei­ne Fle­der­maus mit Pa­pa

Knut Kob­be ist fas­zi­niert von Gro­ßen Abend­seg­lern. Wenn Ba­bys ver­un­glü­cken, päp­pelt er sie mit der Pi­pet­te auf. War­um sich die­se Tie­re in Augs­burg be­son­ders wohl­füh­len

Friedberger Allgemeine - - Augsburg - VON EVA MA­RIA KNAB

Neu­lich stand Knut Kob­be abends auf ei­ner Wie­se am Lech. Plötz­lich flat­ter­ten in der Däm­me­rung Fle­der­mäu­se von hin­ten an ihn her­an. „Sechs, sie­ben oder acht Gro­ße Abend­seg­ler ha­ben mich um­kreist, als woll­ten sie mich är­gern“, er­zählt er. An­de­re wür­den sich gru­seln bei die­ser Be­geg­nung. Kob­be war glück­lich. Für ihn war es ei­nes sei­ner schöns­ten Er­leb­nis­se. Kob­be ist Fle­der­maus-Fan. Wenn sei­ne Lieb­lin­ge in Not sind, steht er be­reit. Not­falls auch als Pa­pa.

Abend­seg­ler ge­hö­ren wie an­de­re Fle­der­mäu­se zu den streng ge­schütz­ten Ar­ten. Men­schen, die sie schüt­zen wol­len, ha­ben es aber nicht leicht. Kob­be war in die­sem Jahr schon zwei­mal un­ter­wegs, um zu­sam­men mit an­de­ren Frei­wil­li­gen die Gro­ßen Abend­seg­ler in Augs­burg zu zäh­len. Da­bei muss­te er sich in der Däm­me­rung mit ei­nem Fern­glas auf die Lau­er le­gen und war­ten, bis die nächt­li­chen Jä­ger aus ih­ren Quar­tie­ren aus­schwär­men. Kob­be such­te dies­mal die Wän­de zwei­er Hoch­häu­ser in Lech­hau­sen ab. Dort woh­nen sie nor­ma­ler­wei­se. Aber er hat­te kein Glück. Die Abend­seg­ler wa­ren um­ge­zo­gen. Grund­sätz­lich sind sie sehr an­ge­passt an das Le­ben in der Stadt und ver­tra­gen auch In Baum­höh­len schla­fen sie ge­nau­so wie in den Wand­spal­ten von Alt­bau­ten oder mo­der­nen Hoch­häu­sern. Abends kann man sie beim Kli­ni­kum flie­gen se­hen, selbst wenn der Ret­tungs­hub­schrau­ber noch un­ter­wegs ist. In Kel­ler­räu­men des Augs­bur­ger Thea­ters fin­den es die Abend­seg­ler so ge­müt­lich, dass sie dort ih­ren Win­ter­schlaf hal­ten.

Kob­be ist nur ei­ner der vie­len Frei­wil­li­gen, die bei re­gel­mä­ßi­gen Fle­der­maus­zäh­lun­gen mit­hel­fen. Die Eh­ren­amt­li­chen ar­bei­ten mit der staat­li­chen Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für Fle­der­mäu­se in Bay­ern zu­sam­men. Des­halb ha­ben die Fach­leu­te im­mer ei­nen ak­tu­el­len Über­blick über das Fle­der­maus­vor­kom­men im Frei­staat. „In Augs­burg wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr fast 160 Abend­seg­ler in 20 Quar­tie­ren ge­zählt“, sagt Kob­be. Die neu­es­ten Er­geb­nis­se hat er noch nicht vor­lie­gen.

Abend­seg­ler se­hen nicht un­be­dingt nett oder sym­pa­thisch aus. Kob­be weiß, dass vie­le Leu­te Angst vor Fle­der­mäu­sen ha­ben, auch in sei­nem Be­kann­ten­kreis. In frü­he­ren Jahr­hun­der­ten glaub­te man, sie sei- en Vam­pi­re, was bei hei­mi­schen Ar­ten nicht stimmt. Heu­te sor­gen sich Haus­be­sit­zer, dass sie Dach­bö­den ver­schmut­zen und Krank­hei­ten über­tra­gen könn­ten.

In­zwi­schen wer­den Fle­der­mäu­se aber im­mer be­lieb­ter, sagt Kob­be. „Vie­le Haus­ei­gen­tü­mer sind so­gar rich­tig stolz, wenn sie wel­che ha­ben.“Das bes­se­re Image hängt nach sei­ner Er­fah­rung mit den Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen der Na­tur­schutz­ver­bän­de zu­sam­men. Dort kommt zur Spra­che, wel­chen Nut­zen Fle­der­mäu­se auch für den Men­schen ha­ben, et­wa als bio­lo­gi­sche Mü­cken­ver­nich­ter. Kob­be nennt ei­ne Faust­re­gel. Da­nach ver­tilgt ei­ne Fle­der­maus täg­lich das Dop­pel­te ih­res Kör­per­ge­wichts an In­sek­ten.

Dem Gro­ßen Abend­seg­ler sind Mü­cken zu klein. Wenn er am Lech, in Wald­lich­tun­gen oder Parks auf die Jagd geht, frisst er am liebs­ten grö­ße­re In­sek­ten, Kä­fer und Nacht­fal­ter. We­gen der vie­len Na­tur­flä­chen in der Stadt fin­det er im­mer Nah­rung. „Augs­burg ist mit sei­nen Grün­struk­tu­ren ei­ne idea­le Fle­der­maus­stadt“, sagt Kob­be.

Die Gro­ßen Abend­seg­ler füh­len sich hier of­fen­kun­dig so wohl, dass ei­ni­ge von ih­nen das gan­ze Jahr über blei­ben. War­um das so ist, ist wis­sen­schaft­lich noch nicht un­ter­sucht. „Es gibt nur we­ni­ge hei­mi­sche TieLärm. re, die so we­nig er­forscht sind wie Fle­der­mäu­se“, sagt Kob­be. Das hat mit pak­ti­schen Pro­ble­men zu tun. Weil die Flug­häu­te im Weg sind, kön­nen sie nicht be­ringt wer­den. Für die Aus­stat­tung mit Sen­dern sind sie meist zu klein. Si­cher weiß man al­ler­dings, dass der Gro­ße Abend­seg­ler im Som­mer nor­ma­ler­wei­se nach Norddeutschland und bis ins Bal­ti­kum zieht, im Win­ter fliegt er in Rich­tung Süd­deutsch­land, Ita­li­en oder Süd­frank­reich. Da­bei legt er bis zu 1000 Ki­lo­me­ter zu­rück.

Kob­be hat Fle­der­mäu­se schon als Kind fas­zi­nie­rend ge­fun­den. Als Jun­ge leb­te er in Hes­sen. Sein bes­ter Freund hat­te ei­nen Vater, der ein In­sti­tut für Ge­flü­gel­hy­gie­ne lei­te­te und Fle­der­mäu­se zu For­schungs­zwe­cken hielt. Spä­ter wur­de Kob­be Feu­er­wehr­mann und hat­te kei­ne Zeit mehr, sei­nem Hob­by nach­zu­ge­hen. Doch nun hat Kob­bes Toch­ter Annabell, 11, sei­ne Lei­den­schaft für Fle­der­mäu­se neu ent­facht. Der 43-jäh­ri­ge Augs­bur­ger hilft bei der Kreis­grup­pe des Lan­des­bun­des für Vo­gel­schutz (LBV) so­gar mit, Abend­seg­ler-Ba­bys auf­zu­päp­peln, wenn sie aus der Ko­lo­nie fal­len. Tags­über be­kom­men sie al­le drei St­un­den die Milch­pi­pet­te, und das bis zu vier Wo­chen. Wenn sie grö­ßer sind, kom­men sie zum Trai­ning

Tie­re in der Stadt

in ein gro­ßes Flug­zelt des LBV, be­vor sie in die Frei­heit ent­las­sen wer­den. Kob­bes Toch­ter Annabell ist auch schon ei­ne en­ga­gier­te Fle­der­maus­schüt­ze­rin. „Aber noch weiß ich mehr als sie“, sagt er schmun­zelnd.

Füh­rung Am Sams­tag, 13. Au­gust, läuft von 18 bis 22 Uhr die Fle­der­maus­nacht des LBV im Bo­ta­ni­schen Gar­ten in Augs­burg. Treff­punkt ist am In­foPa­vil­lon. Bei tro­cke­nem Wet­ter gibt es ab 21 Uhr ei­ne Füh­rung mit Bat-De­tek­tor.

Fo­to: Sil­vio Wy­szen­grad

Knut Kob­be ist in sei­ner Frei­zeit Fle­der­maus­schüt­zer.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.