Die un­sicht­ba­re Kö­ni­gin des Pop

Kon­zert Das ist die Krö­nung im Zeit­al­ter von Fo­tof­lut und mul­ti­me­dia­ler All­ge­gen­wart: Ri­han­na, die er­folg­reichs­te Sän­ge­rin der Ge­gen­wart, ist auf Welt­tour­nee – und ver­schwin­det da­bei vor al­ler Au­gen. Ein er­hel­len­des Kunst­stück

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

Mün­chen Es ist ein klei­nes Wun­der, das sich nun, wie auf vie­len Sta­tio­nen ih­rer Welt­tour­nee zu­vor, auch in­mit­ten des Münch­ner Olym­pia­sta­di­ons voll­zo­gen hat – und das dann auch viel über un­se­re Zeit er­zählt.

Zu be­stau­nen soll an die­sem Som­mer­sonn­tag­abend sein: die neue Kö­ni­gin des Pop. Die Fak­ten sind ein­deu­tig: Mag Ade­le die Ohr­wür­mer des Jah­res lan­den, Beyon­cé mit ih­ren Ins­ze­nie­run­gen die größ­te Auf­merk­sam­keit ern­ten – Ri­han­na ver­kauft sich welt­weit seit Jah­ren am bes­ten. Mit 14 Num­mer-1-Hits in den USA hat die 28-Jäh­ri­ge schon Micha­el Jack­son über­flü­gelt; über 210 Mil­lio­nen im Netz her­un­ter­ge­la­de­ne Songs sind ge­nau­so ein­ma­lig wie ih­re Klick­ra­ten auf den dor­ti­gen Vi­deo­ka­nä­len; und als Sti­li­ko­ne hat sie nicht nur die längst üb­li­che ei­ge­ne Par­füm­kol­lek­ti­on – sie ist zu­dem das ers­te dun­kel­häu­ti­ge Ge­sicht der Pre­mium­mar­ke Di­or, für die sie dann auch selbst schon ent­wirft.

Was muss das al­so für ein Spek­ta­kel ge­ben, wenn die­se Ri­han­na nun li­ve und in Per­son zu er­le­ben ist. Pom­pö­ser als Ky­lie Mi­no­gue, ar­tis­ti­scher als Pink, an­züg­li­cher als My­lie Cy­rus, ge­sang­lich in­ten­si­ver als Ade­le, tän­ze­risch ein­drucks­vol­ler als Jen­ni­fer Lopez… – al­so wie die Queen Mum des Pop, Ma­don­na, einst? Oder min­des­tens Ma­riah Ca­rey, ihr Vor­bild? Er­staun­lich ei­gent­lich, dass sol­che Aus­sich­ten in Mün­chen nur 41 500 Zu­schau­er an­ge­lockt ha­ben, 30000 we­ni­ger, als vor ei­ner Wo­che zum kul­tu­rel­len Ge­gen­pro­gramm des Andre­as Ga­ba­lier ka­men. Oder hat­te sich un­ter Ri­han­nas mehr als 80 Mil­lio­nen Face­book-Freun­den nach den ers­ten Shows schon rum­ge­spro­chen, dass sie sich dar­in gar nicht zeigt? Das näm­lich ist das klei­ne Wun­der, das hier tat­säch­lich zu be­stau­nen ist.

Ri­han­na lässt so lan­ge auf sich war­ten, bis nur noch die Min­dest­dau­er ei­nes sol­chen Kon­zer­tes vor die üb­li­che Sperr­stun­de um 23 Uhr passt. Und in den 90 Mi­nu­ten, be­vor dann mit der film­ty­pisch her­un­ter­lau­fen­den Be­set­zungs­lis­te auf der Büh­nen­lein­wand al­les en­det, löst sich der Star per­fekt und per­sön­lich rück­stands­los im Pro­gramm auf. So bleibt die Ah­nung: Ha­ben hier all die Fans nicht ei­gent­lich ein Mu­sik­vi­deo vor­ge­führt be­kom­men, mit des­sen Ab­fil­men per Smart­pho­ne sie ja oh­ne­hin in gro­ßer Mehr­heit die meis­te Zeit be­schäf­tigt sind?

Sie ha­ben je­den­falls bes­tes Fo­to­fut­ter be­kom­men, das sie nun in Lai­en-Auf­zeich­nun­gen als Be­weis des Da­bei-ge­we­sen-Seins spei­chern und ver­sen­den kön­nen: ei­ne pas­send zu Ri­han­nas Image nicht auf Su­per­la­ti­ve, auf Kon­fet­ti und Feu­er­fon­tä­nen set­zen­de Show. Sie spart sich auch die sonst üb­li­che Dau­er­wer­be­be­schal­lung vor Be­ginn. Hier do­mi­niert die vi­su­ell an­spre­chen­de Ver­pa­ckung ih­rer mit wuch­ti­gem Bass wir­kungs­vol­len Hit-Re­zep­te. So wer­den ih­re vier mo­di­schen Ko­s­tü­me und die drei schi­cken Büh­nen­de­signs in all den Smart­pho­nes ver­tau­send­facht – pro­fes­sio­nel­le Fo­to­gra­fen wie von Zei­tun­gen aber sind auf der Tour nicht zu­ge­las­sen: In der hoch­auf­lö­sen­den Do­ku­men­ta­ti­on die­ser Hoch­glanz-Ober­flä­chen be­hält das Un­ter­neh­men Ri­han­na die al­lei­ni­ge Kon­trol­le.

Durch sol­che Kon­trol­le aber wird auch die Sän­ge­rin selbst un­sicht­bar. Zwar be­ginnt sie mit ei­ner Bal­la­de, „Stay“, zu der sie durch die Fans geht; und erst beim zwei­ten Lied, „Lo­ve The Way You Lie (II)“, er­reicht sie über ei­nen glä­ser­nen Steg hin­weg die Büh­ne, den Fans fast zum Grei­fen nah. Aber es könn­te eben­so sehr ein Ho­lo­gramm sein, das da auf­tritt, stimm­lich über­zeu­gend, äu­ßer­lich ma­kel­los. Im fol­gen­den Par­force­ritt durch Hits wie „Um­brel­la“und „Work“erst recht. Es gibt we­der Rüh­rung noch Be­rüh­rung. Weil der Platz für Mensch und Be­geg­nung fehlt, wo Pop kei­nen Hauch über sich selbst hin­aus­weist. Al­les blan­ke, glatt spie­geln­de Ober­flä­che. Im bes­ten Fall tanz­bar.

Al­lein zu „Dia­monds“bricht Ri­han­na aus dem lü­cken­lo­sen Show­de­sign aus. Sie drückt Mün­chen ihr Mit­ge­fühl we­gen des Amok­laufs aus und ruft die Zu­schau­er, die zu­vor durch stren­ge Si­cher­heits­kon­trol­len muss­ten, zur Lie­be auf. Aber selbst die­ser Mo­ment wird zum Film. Al­le schwen­ken ih­re Smart­pho­ne-Lich­ter, die Büh­nen­mo­ni­to­re wer­den schwarz-rot-gold un­ter­legt – und am En­de sind, ganz zu­fäl­lig, Fans mit Schil­dern in Hän­den zu se­hen: „Pray for Pe­ace“. Hier stimmt ein­fach al­les – für die Bild­schir­me.

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