Mül­ler trom­melt für Afri­ka

Der Mi­nis­ter aus dem All­gäu will die Ju­gend för­dern, um Flücht­lings­strö­me nach Eu­ro­pa zu stop­pen. Er nimmt auch die In­dus­trie in die Pflicht. Und die Ver­brau­cher

Friedberger Allgemeine - - Politik - AUS DEM SE­NE­GAL BE­RICH­TET ANDREA KÜMPF­BECK

Da­kar Na­tür­lich wa­ren sei­ne Frau und die bei­den Kin­der nicht be­geis­tert, als er wie­der vor der Tür stand, sagt Ngal­gou Diop. Sei­ne El­tern, die Ge­schwis­ter, Tan­ten und On­kel auch nicht. Der gan­ze Fa­mi­li­en­clan hat­te zu­sam­men­ge­legt, sie al­le hat­ten ge­ge­ben, was sie ent­beh­ren konn­ten, um dem Schlep­per die 1200 Eu­ro für Ngal­gou Di­ops Über­fahrt nach Spa­ni­en zu be­zah­len. Da­mit we­nigs­tens er ein bes­se­res Le­ben ha­ben soll­te, ei­nen Job, ei­ne Per­spek­ti­ve. Und da­mit er die Fa­mi­lie un­ter­stüt­zen kann mit Über­wei­sun­gen aus Eu­ro­pa. Und dann das: Gut ei­nen Mo­nat spä­ter war der 40-Jäh­ri­ge wie­der da­heim in Ka­yar, der 24000-Ein­woh­ner-Stadt an der Küs­te, kei­ne 60 Ki­lo­me­ter nord­öst­lich der Haupt­stadt Da­kar.

Er ist ein Ver­sa­ger, sa­gen die ei­nen im Ort. Er ist ein Rück­keh­rer, sa­gen die of­fi­zi­el­len Stel­len. 504 jun­ge Män­ner sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nach Ka­yar zu­rück­ge­kom­men. Bes­ser ge­sagt: Sie wur­den zu­rück­ge­schickt. Da der Se­ne­gal als si­che­res Her­kunfts­land gilt, ha­ben sie kaum ei­ne Chan­ce auf Asyl in Eu­ro­pa. Mit 174 an­de­ren jun­gen Män­nern aus der Ge­gend war Ngal­gou Diop auf dem klei­nen Holz­boot ein­ge­klemmt, das im Sep­tem­ber 2007 di­rekt am Strand vor ih­rem Dorf auf die meh­re­re Ta­ge dau­ern­de, ge­fähr­li­chen Rei­se übers Meer star­te­te. 25 von ih­nen ha­ben die Über­fahrt nach Te­ne­rif­fa nicht über­lebt, sagt Ngal­gou Diop lei­se. Und ei­gent­lich ha­be er auch gar nicht ge­glaubt, dass es so

„Für al­le Afri­ka­ner ist Eu­ro­pa das El­do­ra­do. Was soll ich auch hier …“

Der Se­ne­ga­le­se Ngal­gou Diop

ei­ne Pi­ro­ge bis nach Ita­li­en oder Spa­ni­en schaf­fen kann.

„Doch für al­le Afri­ka­ner ist Eu­ro­pa das El­do­ra­do“, sagt Diop. Erst als ihn ein Freund aus Te­ne­rif­fa an­ge­ru­fen hat und ihm von sei­nem neu­en Le­ben vor­schwärm­te, mach­te er sich auf den Weg. „Was soll ich auch hier“, sagt er – und deu­tet auf den tro­cke­nen, san­di­gen Bo­den der Fel­der um ihn her­um, auf dem Rü­ben, Kohl, Ka­rot­ten und Kar­tof­feln wach­sen. Al­ler­dings nur, wenn die Bau­ern ihr Land be­wäs­sern. Das wird im­mer schwie­ri­ger, weil durch den Kli­ma­wan­del der Grund­was­ser­spie­gel sinkt. Und es wird im­mer teu­rer. Denn die üb­li­chen Die­sel­pum­pen, die pro Tag 8,5 Li­ter Kraft­stoff ver­brau­chen und hun­der­te Li­ter Mo­tor­öl je­des Jahr in die Er­de si­ckern las­sen, fres­sen fast den Ge­winn auf, den die Bau­ern auf dem Markt mit ih­rem Ge­mü­se er­zie­len.

„Hier müs­sen wir an­set­zen“, sagt Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU), der fünf Ta­ge lang im Se­ne­gal, in Ni­ger und Ruan­da un­ter­wegs ist, um nach Lö­sun­gen für den Flücht­lings­strom aus Afri­ka zu su­chen: bei den jun­gen Men­schen. Sie brau­chen ei­ne Schul­bil­dung, Aus­bil­dungs­plät­ze, Ar­beit. Sie brau­chen ei­ne Per­spek­ti­ve, da­mit sie in ih­rem Land blei­ben und sich nicht – wie hun­dert­tau­sen­de an­de­re – auf den ge­fähr­li­chen Weg übers Meer nach Eu­ro­pa ma­chen. Doch was ist ei­ne Per­spek­ti­ve in den Dör­fer Se­ne­gals, wo es kei­nen Strom gibt, kei­ne Jobs, kei­ne Zu­kunft? Und wo die Ar­beit in der Land­wirt­schaft hart und be­schwer­lich ist und das Geld für In­ves­ti­tio­nen in mo­der­ne Tech­nik fehlt.

Mit Hil­fe der deut­schen Ent­wick­lungs­hil­fe wur­den die Bau­ern von Ka­yar jetzt mit Was­ser­pum­pen aus­ge­stat­tet, die mit So­lar­ener­gie an­ge­trie­ben wer­den. Son­ne gibt es ge­nug im Se­ne­gal. „Die Land­wirt­schaft ist ei­ne Zu­kunfts­bra­che“, sagt der Ent­wick­lungs­mi­nis­ter aus dem All­gäu. Und: „Der Se­ne­gal kann sich selbst er­näh­ren.“Nach­hal­ti­ge Ener­gi­en för­dern heißt das Ent­wick­lungs­ziel des deut­schen Mi­nis­ters – und schon heu­te pro­fi­tie­ren mehr als 2,7 Mil­lio­nen Men­schen im Se­ne­gal von ei­ner ef­fi­zi­en­te­ren und zu­ver­läs­si­ge­ren Strom­ver­sor­gung, die durch die Fi­nan­zie­rung von neu­en Dorf­strom­an­la­gen ent­stan­den ist.

Bei ei­nem Ge­spräch mit dem se­ne­ga­le­si­schen Prä­si­den­ten Ma­cky Sall ver­ein­bart Mül­ler dann auch, dass Deutsch­land sei­ne Zu­sam­men­ar­beit bei der Aus­bil­dung von Hand­werks­be­ru­fen im Se­ne­gal aus­bau­en wird – eben um die Per­spek­ti­ven für Rück­keh­rer zu ver­bes­sern. Zehn Mil­lio­nen Eu­ro ver­spricht er dem west­afri­ka­ni­schen Land da­für.

„Wir kön­nen nur Leucht­tür­me set­zen“, be­tont Gerd Mül­ler. Den Flücht­lings­strom nach Eu­ro­pa kann die Ent­wick­lungs­hil­fe al­lei­ne nicht stop­pen. Um die Kri­sen­län­der Afri­kas, de­nen der Mi­nis­ter ei­ne rei­che, blü­hen­de Zu­kunft pro­phe­zeit, zu för­dern, brau­che es die Pri­vat­wirt­schaft. Sie müs­se in die 54 Län­der Afri­kas in­ves­tie­ren – und da­mit nicht nur den Men­schen auf dem Kon­ti­nent, son­dern auch den Men­schen in Eu­ro­pa, dem ge­sam­ten Pla­ne­ten das Über­le­ben si­chern. „Die rei­chen In­dus­trie­län­der müs­sen er­ken­nen, dass sie ih­ren Wohl­stand nicht wei­ter auf Kos­ten der Men­schen in Afri­ka stei­gern kön­nen“, sagt Mül­ler. Denn: „In un­se­rem Kon­sum steckt je­den Tag ein Stück Afri­ka. Wenn die Men­schen in Afri­ka da­von nichts ha­ben, wer­den wir die Fol­gen teu­er be­zah­len müs­sen.“

Um deut­schen Un­ter­neh­men An­rei­ze zu bie­ten, for­dert Mül­ler Steu­er­er­leich­te­run­gen für In­ves­ti­tio­nen. Das hat es schon ein­mal ge­ge­ben. Mül­ler er­in­nert an das Ent­wick­ge­sam­ten lungs­län­der-Steu­er­ge­setz von 1963, das In­ves­ti­tio­nen deut­scher Un­ter­neh­men in Ent­wick­lungs­län­dern steu­er­lich pri­vi­le­giert und Ri­si­ken ab­ge­si­chert hat­te. Nach Auf­fas­sung des CSU-Po­li­ti­kers füh­ren In­ves­ti­tio­nen zu ei­ner Win-Win-Si­tua­ti­on. Mül­ler ver­gleicht die La­ge, vor der Afri­ka der­zeit steht, mit der Os­ter­wei­te­rung

„Wir dür­fen un­se­ren Wohl­stand nicht wei­ter auf Kos­ten der Men­schen in Afri­ka stei­gern.“

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler

der Eu­ro­päi­schen Uni­on im Jahr 2004. Da­mals ha­be es Be­fürch­tun­gen über ei­ne Mas­sen­zu­wan­de­rung ge­ge­ben. In­zwi­schen pro­fi­tier­ten bei­de Sei­ten: Ost­eu­ro­pä­er von der Frei­zü­gig­keit, deut­sche Fir­men von ih­ren In­ves­ti­tio­nen dort.

Ngal­gou Diop bit­tet den deut­schen Mi­nis­ter an die­sem Nach­mit­tag auf sei­nem Feld, auf dem ei­ne So­lar­pum­pe spru­delt, um Un­ter­stüt­zung für sein Land. Denn ei­gent­lich, sagt er, wol­le er gar nicht weg aus sei­ner Hei­mat. Das ge­he auch nicht mehr, gibt er zu: Die spa­ni­sche Ma­ri­ne über­wa­che den See­weg in Rich­tung Ka­na­ri­sche In­seln mit Hub­schrau­bern und Schif­fen. Seit Wo­chen schon hat es kein jun­ger Mann aus Ka­yar mehr ge­schafft ins „ge­lob­te Land“Eu­ro­pa.

Fo­to: photothek, Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) sitzt bei sei­ner Rei­se in den Se­ne­gal in­mit­ten ei­ner Tromm­ler­grup­pe. Im über­tra­ge­nen Sin­ne trom­melt auch er: für mehr Un­ter­stüt­zung und mehr In­ves­ti­tio­nen in Afri­ka.

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