„Mein ge­schätz­ter Freund“

Pu­tin und Er­do­gan fin­den nach mo­na­te­lan­gem Zwist neue Ge­mein­sam­kei­ten. Bei­de füh­len sich zu Un­recht kri­ti­siert

Friedberger Allgemeine - - Politik -

St. Pe­ters­burg In der Welt­po­li­tik sagt ein Lä­cheln mehr als tau­send Wor­te. Nach acht Mo­na­ten Sank­tio­nen, Be­lei­di­gun­gen und Dro­hun­gen sit­zen Wla­di­mir Pu­tin und Re­cep Tay­yip Er­do­gan im prunk­vol­len Kon­stan­tin­pa­last vor den To­ren von St. Pe­ters­burg und ma­chen gu­te Mie­ne. Es ist das mit Span­nung er­war­te­te ers­te Tref­fen der bei­den Prä­si­den­ten seit Be­ginn der schwe­ren rus­sisch-tür­ki­schen Kri­se. Trotz des Kon­flikts fällt die Be­grü­ßung freund­lich aus.

Beim Auf­takt des Ge­sprächs sit­zen die Staats­chefs läs­sig auf ge­pols­ter­ten Bie­der­mei­er­stüh­len und schau­en ih­re Schu­he an oder in den Raum – sel­ten ein­an­der in die Au­gen. Nach dem zwei­stün­di­gen Ge­spräch in klei­nem Kreis be­zeich­ne­te Pu­tin dann das Tref­fen als „kon­struk­tiv“und „of­fen“. Bei­de Sei­ten sei­en wil­lens, die Kri­se zu über­win­den. Die Rück­kehr zu ei­ner nor­ma­len Ko­ope­ra­ti­on mit An­ka­ra wer­de aber noch ei­ni­ge Zeit in An­spruch neh­men. Und Pu­tin stärk­te Er­do­gan auch de­mons­tra­tiv den Rü­cken: Russ­land ver­ur­tei­le je­den Ver­such ver­fas­sungs­wid­ri­ger Um­stür­ze.

Er­do­gan wie­der­um be­kräf­tig­te sei­nen Wil­len zu ei­ner Nor­ma­li­sie­rung des Ver­hält­nis­ses: „Wir wer­den un­se­re Be­zie­hun­gen auf die frü­he­re Ebe­ne und so­gar dar­über hin­aus he­ben. Bei­de Sei­ten sind ent­schlos­sen und ha­ben den nö­ti­gen Wil­len.“Er­do­gan nann­te Pu­tin vor lau­fen­den Ka­me­ras zwei­mal „mein ge­schätz­ter Freund“. Pu­tins So­li­da­ri­tät nach dem Putsch­ver­such ha­be „un­ser Volk glück­lich ge­macht“.

Pu­tin war in sei­ner Hei­mat­stadt gleich zu Be­ginn der Ge­sprä­che in die Of­fen­si­ve ge­gan­gen: we­nig di­plo­ma­tisch ver­packt und oh­ne die üb­li­chen Höf­lich­keits­flos­keln. Es ha­be Jah­re blü­hen­der Be­zie­hun­gen ge­ge­ben, aber dann sei die „be­kann­te Tra­gö­die“ge­sche­hen, „bei der im No­vem­ber un­ser Ar­mee­an­ge­hö­ri­ger ums Le­ben kam“, sag­te der Kreml­chef. Er spiel­te auf den tür­ki­schen Ab­schuss ei­nes rus­si­schen Kampf­jets im Grenz­ge­biet zu Sy­ri­en an. Mos­kau re­agier­te dar­auf mit um­fas­sen­den Sank­tio­nen ge­gen An­ka­ra. Nun ge­he es je­doch um die Wie­der­her­stel­lung der Be­zie­hun­gen, so Pu­tin.

Vor kur­zem hat­te das ganz an­ders ge­klun­gen. Ein „Hel­fers­hel­fer der Ter­ro­ris­ten“sei das „ver­rä­te­ri­sche Re­gime“Er­do­gans, pol­ter­te Pu­tin nach dem Ab­schuss – und brach­te Er­do­gans Glau­ben ins Spiel, bei dem der tür­ki­sche Prä­si­dent schon gar kei­nen Spaß ver­steht. „Al­lah be­schloss, die re­gie­ren­de Cli­que in der Tür­kei zu be­stra­fen, und hat sie um den Ver­stand ge­bracht“, spot­te­te Pu­tin. Er­do­gan ist nicht zu­rück­hal­tend beim Aus­tei­len, doch ge­gen sei­nen Mos­kau­er Kol­le­gen kam er nicht an.

Und nun al­les ver­ge­ben und ver­ges­sen? Aus Mos­kau­er Sicht hat sich Er­do­gan ent­schul­digt und die rus­si­schen Sank­tio­nen et­wa ge­gen die tür­ki­sche Tou­ris­mus­bran­che hat­ten den ge­wünsch­ten Ef­fekt. „Ich glau­be dar­an, dass wir mit die­sem Schritt und zu­künf­ti­gen Schrit­ten in ei­ne ganz an­de­re Pha­se ein­tre­ten“, sagt Er­do­gan im Kon­stan­tin­pa­last. Di­cke Fo­li­an­ten und präch­tig be­mal­te Fa­ber­gé-Eier zie­ren den Raum. Pu­tin und Er­do­gan: Bei­de wa­ren einst Hoff­nungs­trä­ger des Wes­tens für ei­ne Mo­der­ni­sie­rung ih­rer Län­der. Längst füh­len sie sich zu Un­recht kri­ti­siert – auch das bringt sie zu­sam­men.

Be­son­ders die Tür­kei ist auf Freun­de an­ge­wie­sen. Doch seit dem Putsch­ver­such vom 15. Ju­li fand kein Au­ßen­mi­nis­ter der EU den Weg zum Bei­tritts­kan­di­da­ten.

US-Au­ßen­mi­nis­ter John Ker­ry kün­dig­te im­mer­hin sei­nen Be­such beim Na­to-Part­ner für den 24. Au­gust an. Deutsch­land je­doch brauch­te mehr als drei Wo­chen, um we­nigs­tens ei­nen Staats­se­kre­tär zu schi­cken.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.