Die Lü­cke, die der Br­ex­it reißt

Deutsch­land zahlt un­ter dem Strich zwar am meis­ten in die EU-Kas­se ein. Auf Platz zwei folgt aber gleich Groß­bri­tan­ni­en. Wel­che Mil­li­ar­den-Sum­men bald feh­len

Friedberger Allgemeine - - Wirtschaft - VON MICHA­EL KER­LER

Augs­burg Der ho­he Bei­trag für die Eu­ro­päi­sche Uni­on war ein Haupt­ar­gu­ment der Br­ex­it-Kam­pa­gne in Groß­bri­tan­ni­en. Der Lon­do­ner ExBür­ger­meis­ter und heu­ti­ge Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son mach­te da­mit er­folg­reich Stim­mung für den EU-Aus­tritt. Auch wenn John­sons Zah­len hoch­um­strit­ten wa­ren, ist der Br­ex­it für die En­g­län­der be­schlos­se­ne Sa­che. Wie viel Geld Groß­bri­tan­ni­en un­ter dem Strich zu­letzt aber wirk­lich in die Kas­se der Uni­on ein­ge­zahlt hat, wird jetzt deut­lich. Es ist über­ra­schend viel, wie den Eck­da­ten des Haus­halts 2015 zu ent­neh­men ist, den die EU eben erst ver­öf­fent­licht hat. Si­cher ist ei­nes: Der Br­ex­it dürf­te den rest­li­chen Mit­glied­staa­ten fi­nan­zi­ell ei­ni­ges Kopf­zer­bre­chen be­rei­ten. Denn gleich hin­ter Deutsch­land ist En­g­land der zweit­größ­te Zahl­meis­ter der Uni­on.

Der größ­te Teil des EU-Haus­halts speist sich aus Über­wei­sun­gen der Mit­glied­staa­ten nach Brüs­sel. Es geht um be­trächt­li­che Sum­men, schließ­lich hat der Haus­halt ein Vo­lu­men von rund 145,2 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die Bei­trä­ge sind da­bei von Jahr zu Jahr nicht fest, son­dern schwan­ken. Sie sind an die Wirt­schafts­leis­tung der Län­der und de­ren Ent­wick­lung ge­kop­pelt. Die Staa­ten be­kom­men zwar auch Geld von der EU zu­rück – für Land­wirt­schaft, für For­schung oder struk­tur­schwa­che Re­gio­nen. Un­ter dem Strich aber gibt es am En­de Län­der, die mehr Geld be­kom­men als sie zah­len – die Net­to­emp­fän­ger. Und sol­che, die mehr Geld zah­len als sie er­hal­ten – die Net­to­zah­ler.

Größ­ter Net­to­zah­ler 2015 war Deutsch­land, das 14,3 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr an die Ge­mein­schaft zahl­te als es zu­rück­be­kam. Dies ist et­was we­ni­ger als im Vor­jahr. Da­mals wa­ren es 15,5 Mil­li­ar­den. Gleich hin­ter Deutsch­land folgt auf Platz zwei Groß­bri­tan­ni­en mit ei­nem Net­to­bei­trag von 11,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Oh­ne den Bri­ten­ra­batt – das be­rich­tet die Neue Zürcher Zei­tung – hät­te En­g­land noch­mals sechs Mil­li­ar­den Eu­ro mehr über­wei­sen müs­sen. Erst auf den fol­gen­den Plät­zen tau­chen Frank­reich und die Nie­der­lan­de als Zahl­meis­ter auf.

Auf der Emp­fäng­er­sei­te ste­hen die ak­tu­el­len Eu­ro-Schul­den­sün­der Spa­ni­en und Por­tu­gal nicht an vor­ders­ter Stel­le, auch nicht Grie­chen­land. Am meis­ten Geld fließt un­ter dem Strich statt des­sen nach Ost­eu­ro­pa. Am meis­ten pro­fi­tiert Po­len von der Uni­on: Brüs­sel über­weist 9,5 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr in das deut­sche Nach­bar­land als War­schau selbst ein­zahlt. Zweit­größ­ter Net­to­emp­fän­ger ist Tsche­chi­en, ge­folgt von Ru­mä­ni­en. Erst dann kommt Grie­chen­land.

Ge­mes­sen am Na­tio­nal­ein­kom­men zah­len üb­ri­gens die Nie­der­län­der am meis­ten in die EU-Kas­se ein – näm­lich 0,54 Pro­zent, ge­folgt von Schwe­den. Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en kom­men bei­de auf 0,46 Pro­zent. Was all die­se Zah­len zei­gen: Auch wenn En­g­land in Zu­kunft kein Geld mehr aus Brüs­sel be­kom­men dürf­te, die noch viel hö­he­ren Bei­trä­ge aus Lon­don wer­den feh­len.

Wie die­se Lü­cke zu schlie­ßen ist und ob Groß­bri­tan­ni­en für ei­nen Zu­gang zum Bin­nen­markt nicht doch ei­nen Bei­trag zah­len muss, wird des­halb in der EU si­cher­lich noch Ge­gen­stand har­ter Ver­hand­lun­gen sein.

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