Gold in der Keh­le

Der Te­nor Ger­hard Sie­gel aus Augs­burg wird welt­weit ge­schätzt, ak­tu­ell in Salz­burg. Dass er es als Sän­ger so weit brin­gen wür­de, hat­te er nicht ge­dacht

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton - VON RÜ­DI­GER HEIN­ZE

Zwi­schen Nörd­lin­gen und Oberst­dorf, zwi­schen Ulm und In­gol­stadt lebt man­che Künst­le­rin, man­cher Künst­ler, der hier ent­schei­den­de Ent­wick­lungs­schrit­te zu na­tio­na­ler oder gar in­ter­na­tio­na­ler Re­pu­ta­ti­on voll­zog – Künst­ler(in­nen) aus den Spar­ten Mu­sik und Film, Bil­den­der Kunst und Li­te­ra­tur, Thea­ter und Un­der­ground. In un­se­rer neu­en, spo­ra­disch er­schei­nen­den Se­rie „Künst­ler­kar­rie­ren“wol­len wir sie vor­stel­len. Den An­fang macht der in­ter­na­tio­nal ge­frag­te Te­nor Ger­hard Sie­gel aus Augs­burg: Er tritt zur­zeit in ei­ner Opern­pro­duk­ti­on der Salz­bur­ger Fest­spie­le auf.

Wie er da so sitzt im To­sca­ni­ni-Hof Salz­burgs, gleich ne­ben den Fest­spiel­häu­sern, wie ihm der Sem­mel­knö­del mit den Eier­schwam­merln schmeckt und die Rad­ler-Hal­be da­zu, wie er tro­cken-bei­läu­fig ein paar voll­kom­men un­er­war­te­te Wen­dun­gen sei­nes Le­bens be­rich­tet, da spannt auch der, der we­nig Men­schen­kennt­nis be­sitzt: ein ge­müt­li­cher, hu­mo­ri­ger, bo­den­stän­di­ger Mensch, sei­nen Freun­den ein Kum­pel.

Dass er heu­te Abend im Gro­ßen Fest­spiel­haus in­mit­ten ei­ner Lu­xusBe­set­zung die zwei­te Haupt­rol­le, den Kö­nig Mi­das in Strauss’ Oper „Die Lie­be der Da­nae“zu sin­gen hat – was ei­ne ex­trem ho­he Par­tie vor an­spruchs­vol­lem Pu­bli­kum und noch an­spruchs­vol­le­rem Di­ri­gen­ten dar­stellt –, das hin­dert ihn nicht, ver­gnügt zu sein. Und auch hin­dert ihn nicht, dass er qua Rol­le die Ver­pflich­tung zu Edel­me­tall­ten­ortö­nen hat. Die möch­te man hö­ren – und die hört man auch in Salz­burg. Denn Mi­das, der war ja je­ner ly­di­sche Kö­nig der An­ti­ke, dem al­les, was er an­fass­te – und mit den Lip­pen be­rühr­te –, zu Gold ward.

Ers­te, ein we­nig kes­se Fra­ge an Ger­hard Sie­gel, den welt­weit ge­frag­ten Te­nor aus Augs­burg: „Wird Ih­nen zu Gold, was Sie an­stim­men?“Sei­ne Ant­wort ist nicht klein­mü­tig: „In der Re­gel schon.“Und dann er­zählt er mit ver­schmitz­ten Au­gen auch schon Punkt für Punkt, was für ein „Su­per­glück“er im Le­ben ge­habt hat – und wie das da­mals war, als er 1988 am Augs­bur­ger Kon­ser­va­to­ri­um Trom­pe­te stu­die­ren woll­te, aber die Auf­nah­me­prü­fung ab­brach, weil er merk­te, das wird wohl nichts. Und wie er dann zwei Ta­ge spä­ter wie­der auf der Mat­te stand, um nun für das Fach Ge­sang vor­zu­sin­gen: ein paar Sa­chen, die er vom Gym­na­si­um her kann­te.

Das muss­te – sei­ner­zeit – ein we­nig na­iv, ha­sar­deur­haft, par­si­fal­esk wir­ken. Tat­sa­che aber ist, dass Ger­hard Sie­gel, 1963 im ober­baye­ri­schen Trost­berg ge­bo­ren, heu­te von zwei der be­deu­tends­ten Di­ri­gen­ten der „Jetzt­zeit“, wie Al­ban Berg sa­gen wür­de, ein­ge­la­den wird. Von Franz Wel­ser-Möst und An­d­ris Nel­sons. Un­ter ih­nen und mit Spit­zen­or­ches­tern der USA mu­si­ziert er, mit je­nen aus Cleve­land und Bos­ton. Und ak­tu­ell eben singt er in Salz­burg un­ter Wel­ser-Möst den Mi­das.

Zu­rück zum Vor­sin­gen 1988. Es war ja nicht so, dass er da­mals all­seits mit Kuss­hand zum Augs­bur­ger Ge­s­angs­stu­di­um zu­ge­las­sen wor­den wä­re. Sei­ne spä­te­re Leh­re­rin, Li­se­lot­te Be­cker-Eg­ner, muss­te ihn erst ein­mal ge­gen Lehr­kör­per-Wi­der­stand durch­set­zen.

War­um sie es tat? Si­cher auch, weil sie hör­te: Da singt zu 80 Pro­zent ein Na­tur­ta­lent, der Rest müss­te doch lehr- und lern­bar sein! Be­cker-Eg­ner ist es auch, die der mit Augs­burg stark ver­bun­de­ne Sie­gel als mit Ab­stand prä­gen­de Fi­gur sei­ner Ent­wick­lungs­jah­re am Lech nennt. Will man dann noch ei­nen Ort er­fah­ren, den Sie­gel für ent­schei­dend er­ach­tet, dann sagt er: „Der Chor­saal im Thea­ter. Er war für mich Gold wert. Wenn es nach mir gin­ge, müss­te je­der Ge­s­angs­stu­dent zu­min­dest in ei­nem Opern-Ex­tra­chor sin­gen.“Das frü­he ChorEn­ga­ge­ment ver­schaff­te Sie­gel nicht nur Pra­xis und Er­fah­rung, es gab ihm auch den kost­ba­ren Vor­teil, sich auf sei­ne Stim­me kon­zen­trie­ren zu kön­nen. Weil er eben nicht ge­zwun­gen war, ne­ben­her zu job­ben, um sein Stu­di­um zu ver­die­nen.

Die Augs­bur­ger Auf­nah­me­prü­fung blieb üb­ri­gens nicht das ein­zi­ge Vor­sin­gen, aus dem Sie­gel mit ver­blüf­fen­dem Er­geb­nis her­vor­ging. Nach ers­ten so­lis­ti­schen Sta­tio­nen in Tri­er und Des­sau stell­te er sich am Staats­thea­ter Nürn­berg als Buf­fo vor. Stan­te pe­de ge­nom­men wur­de er aber als Hel­den­te­nor – wo­durch ihm auch die ganz schwe­ren Wa­gner-Par­ti­en zu­fie­len: Stolzing, Par­si­fal, Sieg­mund, Sieg­fried. Und nach­dem er sich dann 2002 in Mün­chen Ja­mes Le­vi­ne vor­ge­stellt hat­te, war er stän­di­ger Gast an der New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Ope­ra, vor al­lem als Mi­me in Wa­g­ners „Sieg­fried“. Die­se Par­tie ist und bleibt welt­weit sei­ne Pa­ra­de­rol­le, und ge­schwind rech­net Sie­gel bei sei­nen Eier­schwam­merln aus, dass er sie bis 2019, so weit ist er be­reits aus­ge­bucht, 130 Mal ge­sun­gen ha­ben wird – et­li­che Aben­de dar­un­ter in Bay­reuth, et­li­che in New York. Hin­zu kom­men gut 80 Vor­stel­lun­gen als He­ro­des in Strauss’ „Sa­lo­me“und 66 Mal der Haupt­mann aus Bergs „Wozz­eck“– al­le­samt Cha­rak­ter­te­nor-Rol­len.

Zwi­schen Hel­den- und Cha­rak­ter­te­nor al­so be­wegt sich Ger­hard Sie­gel. Im ge­lieb­ten Augs­burg, wo er mit Frau und Opern­cho­ris­tin Con­stan­ze Frie­de­rich und sei­nen bei­den Kin­dern lebt, hat er ne­ben Lo­hen­grin auch schon den Tris­tan ge­sun­gen, den er jetzt für Cleve­land und Franz Wel­ser-Möst 2018 auf­frischt und ver­bes­sert.

Dann, 2018, wird er al­ler­dings wohl wie­der bart­los sein. Die­sen hat er sich jetzt als Mi­das wach­sen las­sen – auf Wunsch des Re­gis­seurs hin. Sie­gel er­klärt: „Da­mit ich, wenn ich von Ju­pi­ter die Fä­hig­keit zur Gold­ver­wand­lung wie­der ent­zo­gen be­kom­me, tat­säch­lich aus­se­he wie ein vor­der­asia­ti­scher Eselstrei­ber.“

„Die Lie­be der Da­nae“wird bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len noch am 12. und 15. Au­gust ge­spielt.

Fo­to: Salz­bur­ger Fest­spie­le/Pöhn

Beim Bar­te des Mi­das: Ger­hard Sie­gel als sa­gen­haf­ter Kö­nig in „Die Lie­be der Da­nae“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.