Schock­star­re nach Gold-Hoff­nung

Am Eis­ka­nal im Boots­haus der Kanu Schwa­ben fie­bern Fans und Freun­de beim Fi­nal­ren­nen von Si­de­ris Ta­sia­dis mit. Doch es gibt kein Hap­py End

Friedberger Allgemeine - - Sport Regional - VON RE­NÉ LAU­ER

Si­de­ris Ta­sia­dis at­met tief durch, fo­kus­siert sei­nen Blick auf die Ka­nu­stre­cke von Rio. Dort, wo vor we­ni­gen Ta­gen noch die Pum­pen aus­ge­fal­len wa­ren und die Ka­nu­ten auf dem Tro­cke­nen sa­ßen, spru­delt heu­te das Was­ser und to­sen die Wel­len. Ta­sia­dis aber steht still in­mit­ten der Flu­ten, wirkt vor dem Start ge­las­sen, fast als hät­te er schon vor­her ge­wusst, was kommt.

Ruhe und Ge­las­sen­heit las­sen sich in der Hei­mat­stadt des Augs­bur­gers vor sei­nem Start ins Halb­fi­na­le im Kanu-Sla­lom nicht aus­ma­chen. Im Boots­haus der Ka­nu­ab­tei­lung von Schwa­ben Augs­burg ha­ben sich Fans, Trai­nings­part­ner und mit Alex­an­der Grimm so­gar ein Olym­pia­sie­ger ver­sam­melt, um den Augs­bur­ger an­zu­feu­ern. Schnell sind al­le Sitz­ge­le­gen­hei­ten, die im Ver­eins­heim zu fin­den sind, vor der Groß­bild­lein­wand auf­ge­baut und die Gäs­te kön­nen sich der Fra­ge wid­men, wie weit es für ih­ren Si­de­ris heu­te ge­hen wird.

Mer­lin Holz­ap­fel hat sich mit dem Sla­lom-Kurs ge­nau be­schäf­tigt. Stre­cke ist re­la­tiv flach, das Was­ser fließt nicht so schnell. Da kommt es auf die Tech­nik an“, sagt das Vor­stands­mit­glied von Kanu Schwa­ben Augs­burg. Das lie­ge Si­de­ris Ta­sia­dis be­son­ders. „Sei­ne Tech­nik ist phä­no­me­nal, da kann kaum je­mand mit­hal­ten.“

Mitt­ler­wei­le sind längst al­le Plät­ze im Boots­haus be­setzt, die Augs­bur­ger Kanu-Fans ste­hen so weit von der Lein­wand ent­fernt, dass die Zei­ten der Läu­fe kaum noch zu er­ken­nen sind. Bis zu sei­nem Start im Halb­fi­nal­lauf wer­den die mög­li­chen Kon­tra­hen­ten ge­nau stu­diert. Noch zehn Mi­nu­ten, bis Ta­sia­dis fährt. Im Boots­haus wird es im­mer ru­hi­ger. Den feh­ler­frei­en Lauf des Spa­ni­ers An­der Elo­se­gi neh­men die Zu­schau­er mit ei­nem Ni­cken zur Kennt­nis. Er könn­te ge­fähr­lich wer­den.

Und dann kommt end­lich Si­de­ris Ta­sia­dis. Die Zu­schau­er ju­beln, trö­ten, klat­schen, als gin­ge es jetzt schon um al­les. Die Fans ge­hen mit durch je­de Kur­ve des Augs­bur­ger Ka­nu­ten, stem­men sich mit ihm in je­de Wel­le. „Boah, wie geil“, kom­men­tiert ei­ner sei­ner Ver­eins­ka­me­ra­den, als Ta­sia­dis sich ele­gant durch ein ro­tes Tor schlän­gelt. Als die deut­sche Me­dail­len­hoff­nung über die Zi­el­li­nie fährt, schnel­len im Boots­haus die Fäus­te nach oben. Ta­sia­dis geht mit der bes­ten Zeit ins Fi­na­le.

Un­ter den Zu­schau­ern ist auch Alex­an­der Grimm. Er kann sich am ehes­ten vor­stel­len, wie sich Ta­sia­dis jetzt fühlt. Grimm hol­te bei den Som­mer­spie­len 2008 in Pe­king das ers­te Gold für Deutsch­land im Ka­nu­sla­lom. „Du ver­suchst in der Si­tua­ti­on nur, dich auf den al­les ent­schei­den­den Lauf zu fo­kus­sie­ren und den Druck in ein po­si­ti­ves Ge­fühl um­zu­wan­deln“, er­in­nert sich Grimm, der Ta­sia­dis seit sei­ner Kind­heit kennt.

Recht­zei­tig zum Be­ginn des Fi­na­les ha­ben sich al­le Zu­schau­er wie­der vor der Lein­wand ver­sam­melt. Ta­sia­dis ist wie­der am Start und blickt auf den Kurs her­ab, der sich vor ihm er­streckt. In Augs­burg hält es kei­nen mehr auf sei­nem Sitz, wäh­rend der Ca­na­di­er-Fah­rer kei­ne Mie­ne ver­zieht. „Er ist ein­fach su­per­cool. Auch un­ter Druck wird er nicht ner­vös“, sagt Ver­eins­kol­le­ge Mer­lin Holz­ap­fel. Mit die­sem Selbst­ver„Die trau­en geht der 26-Jäh­ri­ge ins Ren­nen. Die Zu­schau­er in Augs­burg be­glei­ten je­des Tor, durch das Ta­sia­dis stürmt, mit Ju­bel­schrei­en. Nach dem bä­ren­star­ken Halb­fi­nal-Lauf er­war­ten die Augs­bur­ger Fans nichts an­de­res als Gold. Doch dann der Schock. Ta­sia­dis kommt von der Li­nie ab, tou­chiert ein Tor. Die Zu­schau­er schla­gen die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men. Für ei­nen Mo­ment sagt kei­ner ein Wort. „Komm, da geht noch was“, ruft ein Mann und durch­bricht die Stil­le.

Die Augs­bur­ger stim­men mit ein, klat­schen. Das Pu­bli­kum gibt al­les, will Ta­sia­dis zu­min­dest zur Sil­ber­me­dail­le peit­schen. Der ris­kiert al­les, leis­tet sich aber noch ei­nen Feh­ler. Die Augs­bur­ger Zu­schau­er bli­cken sich fas­sungs­los an. Si­de­ris Ta­sia­dis’ Traum vom Edel­me­tall ist zer­platzt. Er lan­det auf Rang fünf. In­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten steht das Boots­haus leer. Mer­lin Holz­ap­fel und sei­ne Hel­fer be­sei­ti­gen die Res­te ei­ner Fei­er oh­ne Hap­py End. Zwei Chan­cen ha­ben die Augs­bur­ger Ka­nu­ten noch. Im Boots­haus am Eis­ka­nal wer­den wie­der zahl­rei­che Fans mit­fie­bern.

Fo­to: Sieg­fried Kerpf

Fas­sungs­lo­sig­keit bei den Gäs­ten im Boots­haus der Kanu Schwa­ben, die die Olym­pia-Läu­fe von Ver­eins­ka­me­rad Si­de­ris Ta­sia­dis in Rio de Ja­nei­ro ver­folg­ten. Auch hier war die Ent­täu­schung über Platz fünf groß.

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