Sie tei­len die Früch­te ih­rer Ar­beit

In der So­li­da­ri­schen Land­wirt­schaft kom­men Le­bens­mit­tel di­rekt vom Er­zeu­ger zum Ab­neh­mer. Es ist ei­ne Be­we­gung ge­gen Preis­druck und De­sign-Ge­mü­se. Teil­neh­mer be­rich­ten, was sie dar­an gut fin­den und wie es funk­tio­niert

Friedberger Allgemeine - - Region Augsburg - VON UTE KROGULL Mehr zum The­ma

Augs­burg Fast 40 Pro­zent sei­nes Ge­mü­ses müss­te der Bio-Gärt­ner Ar­min Salz­mann weg­wer­fen. Es ent­spricht nicht der Norm, wohl­ge­merkt: der Bi­o­norm. To­ma­ten sind zu groß, Gur­ken zu krumm, Sa­la­te zu rund. Su­per­märk­te und selbst Bio-Ket­ten neh­men sie ihm nicht ab. Jetzt hat er Ab­neh­mer ge­fun­den, die sei­ne pracht­vol­len To­ma­ten, sei­ne zehn Sa­lats­or­ten, Kohl, Sel­le­rie und Kohl­ra­bi zu schät­zen wis­sen, auch wenn die­se nicht den De­si­gnAn­spruch er­fül­len. Er ist Teil des Pro­jekts So­li­da­ri­sche Land­wirt­schaft in Augs­burg und Um­ge­bung. Die Ab­neh­mer ga­ran­tie­ren ihm den Kauf ei­ner Min­dest­men­ge zu ei­nem Preis, von dem er le­ben kann und mit dem sie le­ben kön­nen. Ak­tu­ell sind das zehn Eu­ro pro Ein­heit. Das Ge­mü­se wird je­de Wo­che in Kis­ten an Ver­teil­stel­len in Augs­burg ge­bracht, wo es die Kun­den ab­ho­len. Der Markt mit sei­nem Preis­druck, der klei­ne Land­wir­te und Gärt­ner ka­putt macht, wird so aus­ge­trickst. Salz­mann sagt: „So­la­wi ist für mich ein Glücks­fall.“

Au­ßer dem Gärt­ner aus dem Bä­ren­kel­ler sind die Land­wir­te Ja­na und Bern­hard Lin­zen­kirch­ner aus Öd na­he Schro­ben­hau­sen so­wie Vro­ni und Mar­tin Hesch mit ih­rer Per­ma­kul­tur in Emer­sa­cker (Kreis Augs­burg) mit von der Par­tie. Sie spre­chen ab, was sie lie­fern. Bru­no Mar­con, der mit Bet­ti­na Zoc­zek die So­la­wi in Augs­burg in­iti­iert hat, er­klärt das Kon­zept so: „Es soll kei­ne Kon­kur­renz ent­ste­hen – nicht zwi­schen den Land­wir­ten, aber auch nicht zwi­schen Land­wirt und Ab­neh­mer.“Den Aus­druck Kon­su­ment will Mar­con lie­ber ver­mei­den, in der So­la­wi-Ge­mein­schaft spricht man von Stadt­wir­ten. Und tat­säch­lich tun Stadt­wir­te auch mehr als kon­su­mie­ren: Die Mit­glie­der kön­nen bei den Er­zeu­gern mit­hel­fen, ha­cken, ern­ten. Sie or­ga­ni­sie­ren den Ver­trieb eh­ren­amt­lich, fei­ern Hof­fes­te, be­ra­ten mit, was an­ge­baut wird. Und sie tra­gen ein Ri­si­ko. Es gibt kei­ne Ga­ran­tie, was in der wö­chent­li­chen Kis­te liegt. Wä­re die Ern­te ver­ha­gelt, könn­te es theo­re­tisch ei­ne ein­zi­ge Gur­ke sein. Das kam aber noch nie vor. Im Ge­gen­teil: Es gibt ge­ra­de ei­ne Flut von To­ma­ten. Und im Win­ter sol­len Kar­tof­feln, Wur­zel­ge­mü­se, Kohl und Feld­sa­lat im An­ge­bot sein. Salz­mann freut sich: „End­lich kann ich Leu­te auf den Acker ho­len, da­mit sie se­hen, wie viel Ar­beit drin­steckt.“Fünf Hekt­ar hat er, die Heschs ha­ben drei, Ja­na Lin­zen­kirch­ner, die sich vor ei­nem Jahr selbst­stän­dig ge­macht hat, so­gar nur ei­nen drei­vier­tel Hekt­ar. Viel zu we­nig, um ge­gen die Kon­kur­renz gro­ßer Hö­fe mit 50 bis 150 Hekt­ar an­zu­klot­zen; oder die 1000-Hekt­ar-Agrar­fa­bri­ken, die nie­der­län­di­sche Fir­men in Bul­ga­ri­en aus dem Bo­den ge­stampft ha­ben. Mit Sub­ven­tio­nen und bil­li­gen Ar­bei­tern kön­nen die ei­ne Bio-Gur­ke für fünf Cent an­bie­ten. Salz­mann muss ei­nen Eu­ro neh­men.

65 Ab­neh­mer, hin­ter de­nen oft ei­ne gan­ze Fa­mi­lie steht, gibt es ak­tu­ell in Augs­burg. In den nächs­ten Mo­na­ten sol­len es 90, nächs­tes Jahr fast 200 wer­den. Auch ein Aus­bau der Pro­dukt­pa­let­te ist ge­plant. Lin­zen­kirch­ner hat sich auf al­te Sor­ten spe­zia­li­siert. In ih­rem Fo­li­en­tun­nel zieht sie 25 To­ma­ten­sor­ten – gel­be, schwar­ze, pink­far­be­ne, ge­streif­te. Ei­ne Viel­falt, die die Ab­neh­mer freut, aber sonst ver­lo­ren ge­hen wür­de. Mo­men­tan baut Zoc­zek Kon­takt zu ei­ner Im­ke­rin auf, auch Obst- und Milch­bau­ern sind will­kom­men: „Das Schöns­te wä­re, wenn man sich rundum selbst ver­sor­gen kann.“Es geht aber um mehr als Er­näh­rung und den Er­halt klei­ner Be­trie­be. Die So­la­wi ist ein­ge­bet­tet in ein Netz­werk von Öko­so­zi­al­pro­jek­ten un­ter den Fit­ti­chen des Ver­eins Weit­win­kel. Vor­sit­zen­der ist Bru­no Mar­con, der 2015 be­kannt wur­de durch den er­folg­rei­chen Bür­ger­ent­scheid ge­gen die Fu­si­on der Stadt­wer­ke-Ener­gie­spar­te mit Erd­gas Schwa­ben. Ak­tiv ist er schon län­ger, war 2008 Mit­grün­der des Öko­so­zi­al­pro­jekts, das Woh­nen für Flücht­lin­ge, In­ter­kul­tu­rel­le Gär­ten und So­li­da­ri­sche Öko­no­mie un­ter­stützt. So wie So­la­wi Lin­zen­kirch­ner half, soll ein jun­ger Mann un­ter­stützt wer­den, der ei­ne klei­ne Braue­rei auf­ma­chen will. Auch ihm könn­ten fes­te Ab­nah­me­men­gen so­wie tat­kräf­ti­ge Hil­fe nut­zen. Mar­con sagt: „Er hat kein Geld. Wir auch nicht, aber wir ha­ben die Netz­wer­ke.“Die­se wer­den aus­ge­baut: Mo­men­tan gibt es nur ei­ne So­la­wiInitia­ti­ve in der Re­gi­on, doch die Ge­mein­schaft Schloss Blu­men­thal möch­te eben­falls ei­ne auf­bau­en.

War­um ei­ne Gur­ke fünf Cent kos­tet – oder ei­nen Eu­ro

Fo­to: Pe­ter Fastl

Bru­no Mar­con, Ja­na Lin­zen­kirch­ner mit Sohn Al­bert und Ar­min Salz­mann (von links) zei­gen, was die Ab­neh­mer der So­li­da­ri­schen Land­wirt­schaft ge­ra­de ge­lie­fert be­kom­men.

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