Die Uhr funk­tio­niert, aber die Zeit steht still

Glei­se um­zin­geln das Haus, das frü­her zum Bahn­be­triebs­werk ge­hör­te. Lok­füh­rer und Hei­zer, die es nicht nach Hau­se ge­schafft ha­ben, konn­ten in dem Über­nach­tungs­haus schla­fen. Jetzt regt sich dort nichts mehr

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton Regional - VON GRE­GOR NAG­LER

Über die Jahr­zehn­te blich die Far­big­keit der Haus­fron­ten aus. Auf dem hel­len Ro­sé hin­ter­lie­ßen Wind und Wet­ter ocker­far­be­ne Spu­ren. Der Putz ist teil­wei­se ab­ge­platzt und das Mau­er­werk kommt schon zum Vor­schein. Über der Tü­re des Bau­werks springt ein fla­cher Er­ker her­vor; Ver­wal­tungs­ge­bäu­de 3 steht dort. Die Uhr scheint noch zu funk­tio­nie­ren. Tag für Tag lau­fen ih­re Zei­ger, wäh­rend im Ge­bäu­de die Zeit still­zu­ste­hen scheint.

Glei­se um­zin­geln das Haus, das im Jah­re 1906 ent­stand und zum Bahn­be­triebs­werk ge­hör­te. An den Gän­gen der drei Ge­schos­se la­gen Schlaf­räu­me für Lok­füh­rer und Hei­zer, die es nicht nach Hau­se schaff­ten, so­wie Toi­let­ten und Bä­der. Die hier­ar­chi­sche Ge­sell­schafts­ord­nung des Kai­ser­rei­ches sich bis in die Plä­ne die­ses Bau­werks ein: Da la­gen die Räu­me für die Hei­zer ge­trennt von de­nen der Lok­füh­rer, weil die­se ei­nen hö­he­ren Sta­tus ge­nos­sen.

Das Über­nach­tungs­haus war der Ru­he­pol in ei­ner höchst ge­schäf­ti­gen Um­ge­bung. Augs­burg war ein Kno­ten­punkt des Bahn­net­zes in Bay­ern, im Bahn­be­triebs­werk wur­den Lo­ko­mo­ti­ven und Wag­gons re­pa­riert, es stank nach ver­brann­ter Koh­le und nach Öl. Ei­ne schwar­ze Pa­ti­na leg­te sich über die Ar­chi­tek­tur und die Ar­bei­ter; Dampf hüll­te die Um­ge­bung in ei­nen ver­wun­sche­nen Schlei­er ein und das Äch­zen, Qu­iet­schen und Knir­schen beim Ein­fah­ren der Zü­ge so­wie wäh­rend der Re­pa­ra­tur hall­te weit und un­heim­lich über die fla­che Um­ge­bung.

Ein gro­ßer Bock­kran nicht weit vom Über­nach­tungs­ge­bäu­de zeugt von die­ser Funk­ti­on als rie­si­ge Re­pa­ra­tur­werk­statt. Vom Bahn­be­triebs­werk aus nahm die Be­bau­ung des Hoch­felds ei­nen An­fang. Jen­seits der Stra­ße mit ih­ren Al­lee­bäu­men ent­stan­den Ei­sen­bah­ner­wohn­häu­ser und ei­ne Gast­stät­te – die Ar­schrieb beit in Hit­ze und Dampf mach­te schließ­lich auch durs­tig auf ei­ne „Hal­be“.

Bis zum Jahr 1990 wur­de auf dem Bahn­be­triebs­ge­län­de an Zü­gen ge­wer­kelt. Seit 2008 ging ein Groß­teil da­von in den Be­sitz der Stif­tung Bahn­park über, die ei­nen Rin­glok­schup­pen so­wie die Dampf­lok­hal­le als Mu­se­um und als Werk­statt nutzt. Auch das Über­nach­tungs­ge­bäu­de mit sei­nen Ter­raz­zo­bö­den, den ori­gi­na­len Holz­tü­ren und Trep­pen­ba­lus­tern soll sa­niert wer­den. Die Zeit kann schließ­lich nicht ewig still­ste­hen.

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Fo­to: Nag­ler

Das Haus an den Glei­sen ge­hör­te frü­her zum Bahn­be­triebs­werk.

In der Som­mer­se­rie ist das Feuille­ton re­gio­nal je­den Di­ens­tag von 14 bis 18 Uhr in der Hoch­feld­stra­ße in Augs­burg zu fin­den – vor der Ker­schen­stei­ner Schu­le. Wir la­den Gäs­te ein, spre­chen mit Pas­san­ten und be­rich­ten dar­über.

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