Re­gen­ding, Rö­mer­hof und an­de­re Ra­ri­tä­ten

Jetzt geht es rund im Hoch­feld: Un­ser Schreib­tisch wird zur Büh­ne für Ge­schich­ten und Er­zäh­lun­gen. Es sta­peln sich Bü­cher, al­te Fo­tos und Post­kar­ten. Auch ein Spa­zier­gang führt auf ei­ne Zei­t­rei­se durch den Stadt­teil

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton Regional Extra - VON MICHA­EL SCHREI­NER UND RICHARD MAYR

Auf dem Schreib­tisch lie­gen drei al­te Post­kar­ten, die das Hoch­feld zei­gen. Da­ne­ben Stadt­plä­ne, qua­dra­ti­sche Fo­tos, ei­ne Ju­te­ta­sche, un­se­re Ste­n­ob­lö­cke, zwei Ka­me­ras, ein Bon­bon­glas, ein ge­rahm­tes Bild aus Namibia – und ein auf­ge­schla­ge­nes di­ckes Buch mit his­to­ri­schen Ei­sen­bahn­fo­tos. Ein schö­nes Durch­ein­an­der. Da­zwi­schen wi­schen Zei­ge­fin­ger hin und her, be­we­gen sich Hän­de, ist La­chen zu hö­ren und Stim­men aus al­len Rich­tun­gen. Un­term Vor­dach der Ker­schen­stei­ner Schu­le summt und wu­selt es an die­sem Nach­mit­tag wie in ei­nem Bie­nen­stock. Es brummt der 41er-Bus vor­bei, spä­ter das Müll­au­to – doch das nimmt kaum je­mand wahr. Zu fes­selnd ist der Aus­tausch un­ter den Leu­ten, die ih­ren Stadt­teil, ihr Hoch­feld hier be­schwö­ren.

Der zwei­te Di­ens­tag mit „Kul­tur aus der Hoch­feld­stra­ße“ist, dem grau­en Him­mel zum Trotz, zu­nächst ein gro­ßer Spa­zier­gang durch ei­ne ge­mein­sam zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Fo­to­aus­stel­lung. Und au­ßer­dem führt spä­ter noch ein tat­säch­li­cher Spa­zier­gang durch den Stadt­teil. Et­wa 25 Leu­te be­glei­ten den ehe­ma­li­gen WBG-Chef Ed­gar Ma­the durchs Hoch­feld auf ei­ne lau­ni­ge und kun­di­ge Ent­de­ckungs­tour.

Zwei Lok­füh­rer sind ge­kom­men – bei­de Ex­per­ten und in­ti­me Ken­ner der Ei­sen­bahn­ge­schich­te des Hoch­felds, das mit sei­nem Bahn­be­triebs­werk (heu­te: Bahn­park) ein­mal ei­nen der größ­ten Ar­beit­ge­ber weit und breit be­her­berg­te. Ernst Er­hart weiß es ge­nau. Er war frü­her der Chef des Be­triebs­werks. Und heu­te zi­tiert er aus ei­nem di­cken Buch zur Ei­sen­bahn­ge­schich­te Augs­burgs: Auf­la­ge 10 Ex­em­pla­re. Der Ver­fas­ser: er selbst. Dort steht es: 1926 ar­bei­te­ten 572 Leu­te bei der Bahn im Hoch­feld, 1983, zur ab­so­lu­ten Hoch­zeit, wa­ren es 1209. 1209 Ei­sen­bah­ner – dar­un­ter 500 Lok­füh­rer! Ei­ner von ih­nen war Gün­ter Thiel, der sich für Er­harts Fo­li­an­ten der Er­in­ne­run­gen be­son­ders in­ter­es­siert. „Ei­sen­bah­ner war ich!“– so stellt Thiel sich vor, „1943 hab’ ich als Lehr­ling da drü­ben an­ge­fan­gen“. Doch nun sei er doch seit 37 Jah­ren im Ru­he­stand. Kein Hör­feh­ler. 37 Jah­re. Thiel sagt, sie ha­ben ihn frü­her heim­ge­schickt, „Herz­kas­perl, wis­sen Sie.“Nun ist er 87 – und frei­lich kennt er das Zi­gar­ren­ge­schäft Re­gen­ding noch.

Was für ein Na­me: Re­gen­ding. Rei­ne Poe­sie. 40 Jah­re, von 1928 bis 1968, führ­te Ger­trud Kleins Va­ter das Ge­schäft an der Ecke Hoch­feld­stra­ße/ Schert­lin­stra­ße. An­fangs nur Rauch­wa­ren, spä­ter auch Lot­toTot­to, sagt Frau Klein, ge­bo­re­ne Re­gen­ding, und zeigt drei al­te Fo­tos des La­dens. Frei­tags half sie oft mit im Ge­schäft. „Wenn mein Va­ter Län­der­spiel­kar­ten hat­te, stau­ten sich die Leu­te bis raus auf die Stra­ße“, er­zählt sie – „was mei­nen Sie, was sich da al­les ab­ge­spielt hat.“

Ja, die al­ten Zei­ten… Zu de­nen ge­hör­te auch dies: „1958 ha­ben wir im Hoch­feld ge­hei­ra­tet“, er­in­nert sich Ger­trud Klein. „Da hat der Pfar­rer mei­nem Mann, der war ja ka­tho­lisch, ei­nen bö­sen Brief ge­schrie­ben: Es ist ei­ne Tod­sün­de, ei­ne Evan­ge­li­sche zu hei­ra­ten, er sol­le sich schä­men…“Ja, das mit der Re­li­gi­on, das war da­mals noch streng, wis­sen auch an­de­re. Der ers­te Haus­meis­ter der Ker­schen­stei­ner Schu­le, der ha­be zwei Töch­ter ge­habt, evan­ge­lisch, und die hät­ten erst nicht auf die­se Schu­le hier ge­hen dür­fen, son­dern muss­ten auf die Ro­te-Tor-Schu­le, als Evan­ge­li­sche – „bis der Va­ter sie ir­gend­wie ka­tho­lisch ge­macht hat, ich weiß nicht mehr, wie.“

Die Men­schen, die zu un­se­rem mo­bi­len Schreib­tisch kom­men, ha­ben selbst er­lebt, wie ihr Stadt­teil sich ver­än­dert hat. Frü­her gab es zum Bei­spiel die­se al­ten Holz­häu­ser. In ei­nem wohn­te Hil­de­gard Ola­l­etan-Kel­ler als Kind. Die Räu­me, die Zim­mer, sie hat al­les noch vor dem in­ne­ren Au­ge. „So et­was ver­gisst man nie“, sagt sie. Das Haus ih­rer Kind­heit war we­ni­ger be­stän­dig als die Er­in­ne­rung. Es muss­te vor Jahr­zehn­ten ei­nem Neu­bau wei­chen.

Man­fred Flou­ßek ver­brach­te Kind­heit und Ju­gend im Hoch­feld, 1978 ist er weg­ge­zo­gen. „Es war ei­ne be­hü­te­te Zeit. Vom Bal­kon aus sah ich den Bau­ern, der die Kop­pel um­setz­te mit den Scha­fen. Wir ha­ben als Kin­der nichts ver­misst. Man hat sich ge­kannt im Haus und in der Nach­bar­schaft.“Was mach­te man als Ju­gend­li­cher? Was war kul­tu­rell ge­bo­ten? „Da lief viel über die Kir­chen, über die Ju­gend­ar­beit. Es gab The­men­aben­de in Paul-Ger­hardt und Pro­gramm. Am meis­ten be­sucht aber wa­ren im­mer die Par­tys, die Dis­ko im Ge­mein­de­saal.“

Auch in Afri­ka, in Namibia, gibt es ein Hoch­feld. Steht auf ei­nem Stra­ßen­schild, ir­gend­wo zwi­schen Wind­huk und ei­nem Ort, der mit O be­ginnt. „C 31 Hoch­feld“. Pe­ter Mei­de­le hat das Fo­to da­bei, das da­heim bei ihm im Haus­flur hängt. Was es mit un­se­rem Hoch­feld zu tun ha­ben könn­te, hat er nicht her­aus­ge­fun­den. Die Ne­ben­leu­te re­den ge­ra­de von den Wan­nen­bä­dern, die es noch im Ver­wal­tungs­ge­bäu­de 1 des Bahn­be­triebs­werks gab in den 1950er Jah­ren. „Mit Ba­de­meis­ter!“Da konn­ten die Leu­te für 50 Pfen­nig ein Voll­bad neh­men, vie­le Woh­nun­gen hat­ten ja kein Bad da­mals. Und kennt noch je­mand den Spar­kas­sen­mann? Pe­ter Mei­de­le wird das nie ver­ges­sen, wie die gan­ze Klas­se in der Schu­le auf­stand und ge­schlos­sen rief: „Grüß Gott Herr Spar­kas­sen­mann!“Dann trat je­der mit der Spar­do­se vor, der Spar­kas­sen­mann leer­te, zähl­te, trug so­gleich ins Spar­buch ein…

Ge­gen­über der Schu­le steht seit min­des­tens 20 Mi­nu­ten ei­ne Frau, die von der an­de­ren Stra­ßen­sei­te her­über­sieht und sich im­mer wie­der über ein auf ei­nem Strom­kas­ten lie­gen­des Buch beugt. Als sie zum Schreib­tisch kommt, klärt sich das auf: Clau­dia Hillebrand-Brem zeich­net – sie zeigt die Dop­pel­sei­te, die eben ent­stan­den ist. Ker­schen­stei­ner Schu­le, un­ser blau­er AZSchirm, Leu­te um den Schreib­tisch. Hillebrand-Brem ge­hört zur Be­we­gung des „Ur­ban Sket­ching“, die welt­weit ih­re vor Ort ent­ste­hen­den Zeich­nun­gen aus­tau­schen. Re­gel Num­mer 1: „Wir zeich­nen vor Ort, drin­nen oder drau­ßen, nach di­rek­ter Be­ob­ach­tung.“Der Be­weis liegt auf dem Tisch. Mehr gibt es ab heu­te in ei­ner Aus­stel­lung im „Druck­s­patz“in der Bar­fü­ßer­stra­ße zu se­hen.

Wäh­rend­des­sen er­zählt Ed­gar Ma­the, wie das im Hoch­feld al­les mit­ein­an­der zu­sam­men­hängt. Weil die Ulm-Stre­cke von Ober­hau­sen bis zum Augs­bur­ger Bahn­hof ge­führt wur­de, muss­te das Bahn­be­triebs­werk ins Hoch­feld wei­chen. Und die vie­len Ar­bei­ter dort be­nö­tig­ten Woh­nun­gen. Ma­the ge­lingt es im­mer wie­der, al­le zu über­ra­schen. Denn er kennt nicht nur die Ge­schich­te der Häu­ser, für die er als Ex-Chef der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Augs­burg zu­stän­dig war, er weiß auch, wie es sich frü­her dort ge­lebt hat – in di­rek­ter Nach­bar­schaft zu den Gleisen. Die Men­schen ar­bei­te­ten für die Ei­sen­bahn, die Men­schen ar­ran­gier­ten sich mit der Ei­sen­bahn. Au­gen­zwin­kernd be­schreibt Ma­the, wie das Augs­bur­ger Grau er­fun­den wor­den sei: „Beim Wä­sche­trock­nen, wenn der Ruß in gro­ßen Flo­cken vom Be­triebs­werk her­über­weh­te.“

In Ma­thes WBG-Zeit fiel der po­li­tisch um­strit­te­ne Ab­riss und Neu­bau des Rö­mer­hofs. Da wa­ren die Ge­mü­ter un­glaub­lich emo­tio­na­li­siert. Bis heu­te steht er voll und ganz hin­ter der da­ma­li­gen Ent­schei­dung. „Der Zu­stand des Baus hat kei­ne an­de­re Mög­lich­keit ge­las­sen.“Der al­te Rö­mer­hof wur­de ab­ge­ris­sen, ein neu­er Rö­mer­hof wur­de von der WBG ge­baut. Drei Ju­gend­li­che im Hof nut­zen die Si­tua­ti­on mit den vie­len Zu­hö­rern für ein State­ment der an­de­ren Art: „Scheiß Hoch­feld“– „Äh, wie bit­te?“– „War nur Spaß.“Klingt rau, der Um­gangs­ton heu­te. Passt aber auch zum Hoch­feld, die­sem Ar­bei­ter­vier­tel, in dem die Leu­te so gern le­ben.

Fo­tos: Richard Mayr, Micha­el Schrei­ner

So war das frü­her im Bahn­be­triebs­werk: Ernst Er­hart, Lok­füh­rer, ehe­ma­li­ger Chef des Be­triebs­werks und Au­tor, er­zählt plas­tisch mit­hil­fe sei­nes selbst ge­schrie­be­nen Bu­ches.

Ed­gar Ma­the, der Ex-WBG-Chef, müss­te ein Augs­burg Le­xi­kon der an­de­ren Art schrei­ben. Die Be­su­cher un­se­res mo­bi­len Schreib­tischs (rechts un­ter an­de­rem die SPD-Stadt­rä­tin Ga­b­rie­le Tho­ma) nahm er auf ei­nen Rund­gang durch das Hoch­feld mit.

Wenn sich die Leu­te er­zäh­len, wie sie ge­lebt ha­ben und wie es heu­te ist im Hoch­feld, geht nichts ver­lo­ren.

Der Zi­gar­ren­la­den Re­gen­ding war ei­ne In­sti­tu­ti­on im Hoch­feld. Ver­schwun­den ist er, wie so vie­les, was lan­ge ver­traut war.

Pe­ter Mei­de­le hat die­ses Stra­ßen­schild in Namibia fo­to­gra­fiert. So klein ist die Welt…

Frü­her hieß er ein­fach der „grü­ne Block“, seit sei­ner Sa­nie­rung ist er gelb ge­stri­chen.

Auf al­ten Post­kar­ten sieht das Hoch­feld mit sei­nen Häu­ser­rie­geln ganz an­ders aus. Aber na­tür­lich kennt man das wie­der.

Vor Ort im Hoch­feld ent­stan­den: Ei­ne Zeich­nung der Ker­schen­stei­ner Schu­le mit un­se­rem Stand da­vor.

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