Oh­ne Brem­sen zum Welt­meis­ter

Tim Wun­de­rer, 15, aus Gries­becker­zell hat den Ti­tel im Mo­tor­sport Speed­way ge­holt. Wie er zu dem un­ge­wöhn­li­chen Hob­by kam und wo­von er für die Zu­kunft träumt

Friedberger Allgemeine - - K!ar.text - VON CA­RO­LI­NA MÜL­LER

Aichach-Friedberg Welt­meis­ter sein. Die­ses Ge­fühl ken­nen nur we­ni­ge. Noch sel­te­ner dürf­te es al­ler­dings sein, wenn man erst 15 Jah­re alt ist. Tim Wun­de­rer aus dem Aich­a­cher Orts­teil Gries­becker­zell kann sich stolz Welt­meis­ter im Speed­way in der 125er-Klas­se nen­nen.

Speed­way ist ein Mo­tor­port. Vier Fah­rer le­gen auf ei­nem Mo­tor­rad drei Mal ei­ne Run­de von nicht vor­ge­schrie­be­ner Län­ge zu­rück. Bei ei­nem Ren­nen gibt es meh­re­re Durch­gän­ge und je­der Fah­rer be­kommt pro Lauf Punk­te. Wer nach al­len Läu­fen die meis­ten Punk­te hat, ge­winnt. In der 125er-Klas­se fah­ren Mo­tor­rä­der mit ei­nem Hu­b­raum von 125 Ku­bik­zen­ti­me­tern. Mo­tor­rä­der die­ser Art darf man mit dem ent­spre­chen­den Füh­rer­schein ab 16 auf der Stra­ße fah­ren. Speed­way-Mo­tor­rä­der ha­ben al­ler­dings we­der Brem­sen, noch ei­ne Gang­schal­tung und sie sind auch nicht ge­fe­dert.

Tim be­rich­tet von sei­nem WMSieg: „Wenn man durch das Ziel fährt, kann man es noch gar nicht rich­tig glau­ben, aber wenn dann al­le ju­beln und die Na­tio­nal­hym­ne ge­spielt wird, ist das ein tol­les Ge­fühl“. Zu dem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Hob­by kam der Schü­ler mit sie­ben Jah­ren. Da­mals über­re­de­te ihn ein Freund sei­nes Va­ters, ein­fach mal zu­zu­schau­en. Spä­ter be­such­te Tim ein Schnup­per­trai­ning und wuss­te, dass er die­ses Hob­by be­trei­ben will.

Mit sie­ben Jah­ren sein Kind auf ein Mo­tor­rad oh­ne Brem­sen zu set­zen, scheint ziem­lich ver­rückt. Doch es gibt Trai­nings, in de­nen An­fän­ger mit Brem­sen ler­nen, wie sie rich­tig fah­ren müs­sen. Zu­dem pro­bie­ren die Fah­rer neue Tech­ni­ken aus und ver­bes­sern ih­re Be­we­gungs­ab­läu­fe. Bei dem Sport kann sehr viel pas­sie­ren. Tims Mut­ter konn­te bei den Wett­ren­nen ih­res Sohns an­fangs gar nicht zu­schau­en und ging wäh­rend­des­sen spa­zie­ren. Mitt­ler­wei­le fie­bert sie live mit. Tim hat beim Speed­way bis jetzt zum Glück noch nichts Schlim­me­res als ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung da­von­ge­tra­gen, es gibt je­doch auch schlim­me­re Vor­fäl­le. Vor Kur­zem sei erst je­mand bei dem Sport um­ge­kom­men, er­zählt Tim. „So et­was ist dann schon hart“, meint er, „vor al­lem kennt man sich auch un­ter­ein­an­der.“Meis­tens er­lei­den die Fah­rer Kno­chen­brü­che oder an­de­re eher leich­te Ver­let­zun­gen.

Oh­ne die Un­ter­stüt­zung sei­ner Fa­mi­lie wä­re die Sport­art für Tim un­mög­lich. Speed­way ist ei­ne kost­spie­li­ge Sa­che, die ir­gend­wie fi­nan­ziert wer­den muss. Das meis­te über­nimmt die Fa­mi­lie, Tim hat aber auch ei­nen Spon­sor, der ihm für je­de Sai­son ein Mo­tor­rad zur Ver­fü­gung stellt. Hin und wie­der zah­len Freun­de den Sprit für das ei­ne oder an­de­re Ren­nen. Ein wich­ti­ger Un­ter­stüt­zer ist Mar­tin Smo­lin­ski, ei­ner der bes­ten Speed­way­fah­rer Deutsch­lands. Er gibt Tim auch Tipps für die nächst­hö­he­re 250er-Klas­se.

Bei der Welt­meis­ter­schaft in Po­len war der Druck für Tim noch hö­her als sonst. Der Wett­kampf fand in ei­nem rie­si­gen Sta­di­on in der Stadt Torun statt. Tim konn­te vier von fünf Vor­läu­fen ge­win­nen und sich erst für das Halb­fi­na­le und da­nach für das Fi­na­le qua­li­fi­zie­ren. „Man macht sich dann schon Druck, wenn man weiß ‘ich kann Welt­meis­ter wer­den’. Weil der, der das Fi­na­le ge­winnt, wird auch Welt­meis­ter – egal wie gut man da­vor schon war.“Kurz vor dem Start ging Tim ei­ni­ges durch den Kopf: „Ob­wohl ich den Druck mitt­ler­wei­le ge­wöhnt bin, ha­ben sich die drei Se­kun­den vor dem Start wie ei­ne Ewig­keit an­ge­fühlt.“Ne­ben dem Speed­way geht Tim zur Schu­le: „Ich bin ei­gent­lich ein ziem­li­cher Schlam­per, aber bis jetzt be­kom­me ich al­les gut auf die Rei­he“. Zu sei­nen Hob­bys ge­hö­ren Fuß­ball und Ski fah­ren. Bei­des hat ne­ben der Lei­den­schaft für Speed­way ei­nen fes­ten Platz in sei­nem Le­ben. „Manch­mal denkt man sich schon ‘Wie soll ich den Tag jetzt schaf­fen?’, aber da hilft ei­nem im­mer die Fa­mi­lie“, sagt Tim. Für ihn wä­re es der Traum­be­ruf, Speed­way pro­fes­sio­nell zu be­trei­ben. Doch er weiß, dass er da­für kon­stant ei­ner der Bes­ten blei­ben muss. „Es ist, wie wenn je­mand Pro­fi­fuß­bal­ler wer­den will, aber der Traum ist halt da“.

In der Schu­le ist er we­gen sei­nem Welt­meis­ter­ti­tel der­sel­be und wird nicht wie ein Pop­star um­schwärmt, was ihm aber auch nicht ge­fal­len wür­de.

Fo­tos: Rein­hold Rum­mel (Ar­chiv), Ste­phan Wun­de­rer

Schon seit er sie­ben Jah­re alt ist, fährt Tim Wun­de­rer Speed­way-Mo­tor­rä­der, jetzt hat er in Po­len den Welt­meis­ter­ti­tel in der 125er-Klas­se ge­holt. Beim Speed­way fah­ren Mo­tor­rä­der oh­ne Brem­sen, ei­ne schlim­me Ver­let­zung hat­te Tim bis­her aber noch nicht.

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