Lea­had hilf! War­um Bau­ern Kü­he durch die Kir­che trie­ben

Die Wall­fahrt zu Sankt Le­on­hard in In­chen­ho­fen war im Mit­tel­al­ter die viert­größ­te in ganz Eu­ro­pa und ist bis heu­te be­deu­tend

Friedberger Allgemeine - - Fa Extra - VON GERLINDE DR­EX­LER

In­chen­ho­fen Et­wa 30 Zen­ti­me­ter groß ist die ei­ser­ne Fi­gur des hei­li­gen Le­on­hards, die in ei­ner Ni­sche in der Wall­fahrts­kir­che in In­chen­ho­fen (Kreis Aichach-Friedberg) steht. Sein Ge­wicht un­ter­schät­zen manch­mal die Men­schen, die Trost und Hil­fe su­chen und die Fi­gur des­halb in die Hand neh­men. Die Wall­fahrt zum hei­li­gen Le­on­hard nach In­chen­ho­fen gilt als die äl­tes­te und wich­tigs­te Le­on­hards­wall­fahrt in Deutsch­land. Sie ist seit dem 13. Jahr­hun­dert nach­weis­bar. Vor al­lem zur Pfingst­wall­fahrt kom­men noch heu­te zahl­rei­che Pil­ger­grup­pen in die Kir­che, die von ih­rem er­höh­ten Stand­ort im Wit­tels­ba­cher Land aus schon von Wei­tem zu se­hen ist.

Rund ei­ne hal­be Mil­li­on Wall­fah­rer ström­ten im 14. Jahr­hun­dert nach In­chen­ho­fen, um den hei­li­gen Le­on­hard zu ver­eh­ren. Er gilt als Hel­fer in al­len Not­la­gen und ist be­son­de­rer Schutz­pa­tron der un­schul­dig Ge­fan­ge­nen, der Geis­tes­kran­ken und der Müt­ter. Spä­ter wur­de der „Ket­ten­hei­li­ge“auch zum Pa­tron des Viehs. An die 4000 Wun­der sei­en in den Mira­kel­bü­chern auf­ge­zeich­net, er­zählt De­kan Ste­fan Gast, der seit 2007 Wall­fahrts­pfar­rer in In­chen­ho­fen ist.

Das ers­te Mira­kel­buch der Wall­fahrt zum Hei­li­gen Le­on­hard leg­te 1343 Pa­ter Eber­hard an. Das ers­te der da­rin be­schrie­be­nen Wun­der er­zählt von drei durch­zie­hen­den Of­fi- zie­ren, die im 13. Jahr­hun­dert im Pfarr­hof in Lea­had, wie In­chen­ho­fen in Mun­d­art heißt, Hüh­ner stah­len. Ein Of­fi­zier wur­de nach dem Dieb­stahl so­fort wahn­sin­nig und starb. Dar­über wa­ren die an­de­ren bei­den so er­schro­cken, dass sie die ge­stoh­le­nen Hüh­ner wie­der zu­rück­brach­ten. Ein an­de­res „Wun­der“hat der De­kan selbst er­lebt. Ei­ne Frau, die ein Jahr vor­her mit ei­ner Grup­pe die Wall­fahrts­kir­che be­sucht hat­te, er­zähl­te ihm, dass da­nach ihr sehn­lichs­ter Wunsch in Er­fül­lung ge­gan­gen war: die Tau­fe ih­res En­kels. Am Tag nach dem Be­such hät­ten die El­tern, die bis da­hin ge­gen ei­ne Tau­fe wa­ren, sie über die ge­än­der­ten Plä­ne in­for­miert, hat­te die Frau Pfar­rer Gast er­zählt.

Man­che An­ek­do­te lässt ei­nen aus heu­ti­ger Sicht eher schmun­zeln. „Da­mit ih­re Tie­re auch be­stimmt den Se­gen vom Schutz­pa­tron der Tie­re be­kom­men, hät­ten Bau­ern die Kü­he so­gar di­rekt durch die Kir­che ge­trie­ben“, er­zählt Kir­chen­füh­rer Rai­ner Roos. Um das zu un­ter­bin­den, wa­ren vor den Ein­gangs­to­ren so­ge­nann­te Knö­chel­bre­cher, al­so Git­ter, über die sich die Tie­re nicht trau­ten, an­ge­bracht wor­den. Über­haupt sei die Wall­fahrt bei Vieh­seu­chen im­mer sehr viel stär­ker ge­we­sen, weiß Roos. Auch im Jahr 2000, als der Rin­der­wahn (BSE) die Men­schen in Angst und Schre­cken ver­setz­te, war die Kir­che voll mit Land­wir­ten, die zum hei­li­gen Le­on­hard dar­um be­te­ten, dass ih­re Tie­re von der Krank­heit ver­schont blei­ben.

Die Wun­der sind nicht nur in den Mira­kel­bü­chern der Pfar­rei fest­ge­hal­ten. Vie­le Vo­tiv­ta­feln, Ket­ten oder Huf­ei­sen an den Wän­den wei­sen dar­auf hin. Auch die De­cken­ge­mäl­de in den Sei­ten­schif­fen der Kir­che er­zäh­len von Er­eig­nis­sen, bei de­nen Le­on­hard half. Da ist zum Bei­spiel der Bau­er aus Da­sing, der bei ei­nem Brand ver­schont wur­de. Oder der Ar­bei­ter, der vom Ge­rüst „30 Schuah hoch in die­ser Kir­chen her­un­terg’fal­len ist, oh­ne sich zu scha­den“. An­geb­lich soll sich Ignaz Bald­auf, der Ma­ler der De­cken­ge­mäl­de, als den­je­ni­gen, der den Fal­len­den noch zu hal­ten ver­sucht, ver­ewigt ha­ben.

Der ge­bür­ti­ge In­chen­ho­fe­ner Bald­auf wur­de 1755 zum Hof­ma­ler des Fürst­bi­schofs von Augs­burg er­nannt. Sei­ne Fres­ken ent­stan­den über­wie­gend im al­ten Land­ge­richts­be­zirk Aichach. Die De­cken­ge­mäl­de in der Wall­fahrts­kir­che in In­chen­ho­fen, die Sze­nen aus dem Le­ben des hei­li­gen Le­on­hard zei­gen, gel­ten als größ­tes und be­deu­tends­tes Werk des Ma­lers Bald­auf.

Ur­sprüng­lich stand an Stel­le der heu­ti­gen Kir­che ei­ne Le­on­hards­ka­pel­le. Die Wall­fahrt rich­tig in Gang brach­ten die Zis­ter­zi­en­ser aus Fürs­ten­feld (Land­kreis Fürs­ten­feld­bruck), die 1283 das Klos­ter und die klei­ne Ka­pel­le in In­chen­ho­fen über­nah­men. Sie ver­hal­fen der Wall­fahrt bin­nen we­ni­ger Jahr­zehn­te zu höchs­ter Blü­te. Wes­halb die Ka­pel­le auch bald schon durch ei­ne Kir­che er­setzt wor­den war. In­chen­ho­fen zähl­te bald zu den be­deu­tends­ten Wall­fahrts­or­ten in Eu­ro­pa, zeit­wei­se galt die Le­on­har­di­wall­fahrt so­gar als die viert­größ­te welt­weit. We­gen sei­ner Be­deu­tung als Wall­fahrts­ort wur­de In­chen­ho­fen 1400 zum Markt er­ho­ben. Noch heu­te führt aus je­der Him­mels­rich­tung ei­ne Stra­ße auf die Kir­che zu, die am höchs­ten Punkt des Or­tes steht.

Der Hö­he­punkt des Wall­fahrts­jah­res ist der äl­tes­te alt­baye­ri­sche Le­on­har­di­ritt An­fang No­vem­ber, der von zahl­rei­chen Schau­lus­ti­gen be­ob­ach­tet wird. Auf den Um­zugs­wa­gen stel­len le­ben­de Men­schen Sze­nen aus dem Le­ben des Hei­li­gen nach. Wall­fahrts­pfar­rer Gast führt den Zug auf dem Pferd sit­zend an.

Im­mer da­bei bei die­sem Um­zug ist die et­wa 30 Zen­ti­me­ter gro­ße ei­ser­ne Fi­gur des Hei­li­gen Le­on­hard. Fest­lich ge­schmückt wird sie von den Teil­neh­mern bei der drei­ma­li­gen Um­run­dung der Wall­fahrts­kir­che mit­ge­tra­gen. Die Fi­gur stammt aus dem Jah­re 1420 und steht in der Wall­fahrts­kir­che in ei­ner Ni­sche, wo sie von den Be­su­chern auch an­ge­fasst und raus­ge­nom­men wer­den kann. Frü­her sei­en die Wall­fah­rer mit der Fi­gur so­gar „auf Schmu­se­kurs“ge­gan­gen und hät­ten sie sich an die Ba­cken ge­hal­ten, er­zählt De­kan Gast. Man­che ha­ben bei die­sem Schmu­se­kurs je­doch das Ge­wicht des ei­ser­nen Le­on­hard falsch ein­ge­schätzt. Von sei­nem ver­stor­be­nen Vor­gän­ger, Mon­si­gno­re Ger­man Fi­scher, hat der De­kan ei­ne Ge­schich­te ge­hört, nach der der Mon­si­gno­re die Fi­gur ei­ner äl­te­ren Frau in die Hand ge­drückt hat­te. Die hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass sie so schwer ist und sich da­bei ei­nen Zahn aus­ge­schla­gen.

Le­on­hard ist auch Pa­tron der Ge­fan­ge­nen und Müt­ter Fres­ken gel­ten als größ­tes Werk des Ma­lers Bald­auf

Fo­tos: Gerlinde Dr­ex­ler (6), Erich Ech­ter

Die Wall­fahrts­kir­che als Mo­dell beim tra­di­tio­nel­len Le­on­har­di­um­zug im No­vem­ber und re­al in der Dorf­mit­te von In­chen­ho­fen. St. Le­on­hard ist ein Wahr­zei­chen und im Wit­tels­ba­cher Land weit­hin zu se­hen (Bild rechts oben). Die Ker­ze hat Papst Jo­han­nes Paul II. der Wall­fahrts­kir­che 1982 ver­lie­hen. De­kan und Wall­fahrts­pfar­rer Ste­fan Gast hält ei­ne ei­ser­ne Fi­gur des hei­li­gen St. Le­on­hard, die in ei­ner Ni­sche der Kir­che steht.

Vo­tiv­ta­feln in der Kir­che, die oft aus Me­tall sind, er­in­nern an Fäl­le, in de­nen der Hei­li­ge Le­on­hard ge­hol­fen hat. Meis­ter­wer­ke des Ro­ko­ko sind ne­ben der Sei­ten­al­tä­re auch der Or­gel­pro­spekt. Er gilt als ei­ner der schöns­ten in Schwa­ben. In Fres­kos wer­den De­tails aus dem Le­ben des Hei­li­gen ge­zeigt.

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