„Still­ste­hen war nicht so meins“

Mit sei­nen Fa­xen bei der Sie­ger­eh­rung ver­scherz­te sich Dis­kus-Olym­pia­sie­ger Chris­toph Har­ting vie­le Sym­pa­thi­en. Er wan­delt da­mit auf den Spu­ren sei­nes Bru­ders Ro­bert

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 -

Rio de Janei­ro Nach dem größ­ten Tri­umph sei­nes Le­bens ge­riet Chris­toph Har­ting we­gen sei­nes Af­front-Auf­tritts auf dem Gold-Po­dest von Rio in gro­ße Er­klä­rungs­not. „Wie be­rei­tet man sich dar­auf vor, Olym­pia­sie­ger zu wer­den? Ich mei­ne, selbst bei al­ler Tag­träu­me­rei, die man ir­gend­wie voll­zie­hen kann – so was kannst du dir nicht vor­stel­len, so was kannst du dir nicht aus­ma­len“, sag­te der 26 Jah­re al­te Ber­li­ner in ei­nem In­ter­view der

und ver­such­te, sich zu recht­fer­ti­gen: „Still­ste­hen war nicht so meins, des­we­gen ist das vi­el­leicht falsch an­ge­kom­men.“

Es kam nicht nur falsch an, Chris­toph Har­tings Ver­hal­ten nach sei­nem sen­sa­tio­nel­len Olym­pia­sieg im Dis­kus­wer­fen sorg­te für ei­nen Shits­torm aus der Hei­mat und Ent­rüs­tung im deut­schen La­ger. „Sei­ne sport­li­che Leis­tung war groß­ar­tig, aber sein Ver­hal­ten bei der Sie­ger­eh­rung ist un­wür­dig ge­we­sen“, ta­del­te der deut­sche Leicht­ath­le­ti­kPrä­si­dent Cle­mens Prokop den jün­ge­ren Bru­der von Welt­meis­ter Ro­bert Har­ting nach des­sen Gol­dCoup. Har­ting hat­te wäh­rend der Me­dail­len­ze­re­mo­nie am Sams­tag ge­macht, die Ar­me ver­schränkt, Gri­mas­sen ge­schnit­ten und beim Ab­spie­len der Na­tio­nal­hym­ne ge­schun­kelt. „Ich bin ein Mensch, der Rhyth­mus braucht, der Rhyth­mus liebt“, mein­te er bei ei­ner nicht min­der skur­ri­len Pres­se­kon­fe­renz: „Es ist schwer, zur Na­tio­nal­hym­ne zu tan­zen, ha­be ich fest­ge­stellt.“La­chen konn­te Micha­el Ve­sper über die­sen Auf­tritt gar nicht. „Was Chris­toph Har­ting bei der Sie­ger­eh­rung ge­zeigt hat, war nicht gut“, kri­ti­sier­te der Chef de Mis­si­on. „Er ist Teil un­se­rer Mann­schaft und Bot­schaf­ter un­se­res Lan­des.“ Har­ting mein­te in der ARD, dass er auf dem Po­di­um noch halb im Wett­kampf­mo­dus ge­we­sen sei. „Du bist im Kopf ei­gent­lich völ­lig wo­an­ders, du bist hor­mon­tech­nisch völ­lig über­steu­ert“, sag­te er. Al­ler­dings hat­te er auch nach der Sie­ger­kür sein be­fremd­li­ches Ver­hal­ten fort­ge­setzt. „Schö­nen gu­ten Tag, ich freue mich, Sie zur Pres­se­kon­fe­renz, die re­la­tiv schwei­gend ver­lau­fen wird, be­grü­ßen zu dür­fen“, sag­te er. „Ich bin Sport­ler und kein PR-Mensch, ich be­ant­wor­te echt un­gern Fra­gen.“Mit Blick auf den nicht ge­ra­de ge­lieb­ten Bru­der Ro­bert, ei­nen der Wort­füh­rer der deut­schen Ath­le­ten, der nach gro­ßen Tri­um­phen tra­di­tio­nell me­di­en­wirk­sam sein Tri­kot zer­reißt, füg­te er an: „Ex­tro­ver­tier­te Men­schen wol­len wahr­ge­nom­men wer­den. Ich bin ein in­tro­ver­tier­ter Mensch und füh­le mich völ­lig un­wohl hier.“

Selbst Har­tings Trai­ner Tors­ten Lönn­fors war ein­fach nur ent­setzt. „Kei­ne Ah­nung, was das soll­te, ich ver­ste­he es nicht. Chris­toph muss auf­pas­sen, dass er jetzt nicht frei dreht“, sag­te der Coach der

Em­pör­te Re­ak­tio­nen gab es auch aus der Hei­mat. „Gold im Dis­kus ist echt su­per geil!!! Aber für die­ses Ver­hal­ten schä­me ich mich in Deutsch­land vor dem TV!“, schrieb der frü­he­re Weit­sprung-Eu­ro­paFa­xen meis­ter Se­bas­ti­an Bay­er auf sei­ner Face­book-Sei­te. Der ehe­ma­li­ge Hand­ball-Na­tio­nal­spie­ler Pas­cal Hens ätz­te: „Das Ver­hal­ten bei der Na­tio­nal­hym­ne ist ein­fach nur pein­lich und re­spekt­los!“In Schutz ge­nom­men wur­de Chris­toph Har­ting von sei­nem Va­ter. „Wir ha­ben die Sie­ger­eh­rung auf der Groß­lein­wand mit­ver­folgt. Das ist Chris­toph und sei­ne Art, Er­fol­ge zu fei­ern“, sag­te Gerd Har­ting. „Chris­toph will sei­nen Spaß ha­ben.“Nur, kaum je­mand fand den Auf­tritt lus­tig.

Be­zeich­nend war auch Chris­toph Har­tings Ei­n­ord­nung sei­nes Er­folgs mit et­was Ab­stand. „Ich bin zur Le­gen­de ge­wor­den. Ich den­ke, ich bin in je­dem Sport­ge­schichts­buch. In al­len sport­po­li­ti­schen Ma­ga­zi­nen kann man nach­le­sen, wer wann Olym­pia­sie­ger war“, sag­te der 2,07 Me­ter gro­ße Ath­let. Erst im letz­ten Ver­such hat­te Har­ting mit 68,37 Me­ter sen­sa­tio­nell den Po­len Piotr Ma­la­chow­ski vom Gold-Rang ver­drängt und sich da­mit zum Nach­fol­ger sei­nes Bru­ders Ro­bert ge­kürt. Har­ting-Coach Lönn­fors hat nun die welt­bes­ten Dis­kus­wer­fer in sei­ner Trai­nings­grup­pe, die aber die kom­pli­zier­tes­te sein dürf­te.

„Sei­ne sport­li­che Leis­tung war groß­ar­tig, aber sein Ver­hal­ten bei der Sie­ger­eh­rung ist un­wür­dig ge­we­sen.“Leicht­ath­le­tik-Prä­si­dent Cle­mens Prokop

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