Das Tref­fen der schwe­ren Jungs

In die­sem Sport sind (fast) al­le we­gen Do­pings vor­be­straft. Auch in Rio ge­ben ih­re Welt­re­kor­de An­lass zu Miss­trau­en. War­um sie über­haupt star­ten konn­ten und wie ein deut­scher Sport­ler das Pro­blem lö­sen will

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 - VON PE­TER DEININGER

Rio de Janei­ro Die Ko­los­se sind an­ge­tre­ten. Elf Mann mit dem ein­zi­gen Auf­trag, schwe­re Han­teln in die Hö­he zu stem­men. Mit­ten­drin steht Almir Velagic aus Hei­del­berg. „Ich bin mit 34 der Äl­tes­te und ich bin sau­ber.“

Das kön­nen nicht al­le Ko­loss­kol­le­gen in der Klas­se über 105 Ki­lo­gramm von sich be­haup­ten. Ei­ni­ge von ihnen muss­ten be­reits Do­ping­sper­ren ab­sit­zen. Es gibt el­len­lan­ge Lis­ten des Gewichtheber-Welt­ver­ban­des, wel­che Län­der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­son­ders ne­ga­tiv in Er­schei­nung ge­tre­ten sind.

Velagic in­ter­es­siert das an die­sem Abend nicht. Er weiß, er muss wahr­schein­lich in den Be­reich sei­ner Zwei­kampf­best­leis­tung (433 Ki­lo) kom­men, wenn er sich ge­gen­über den Olym­pi­schen Spie­len in Pe­king 2008 und Lon­don 2012 (je­weils Rang acht) ver­bes­sern will. Dem­ent­spre­chend ag­gres­siv muss er in das Hö­hen-Po­ker­spiel ein­stei­gen.

Doch beim Rei­ßen kann er nur 188 Klo meis­tern, im Sto­ßen muss er sich mit 232 Ki­lo be­gnü­gen. Als er im letz­ten Ver­such an 242 schei­tert, hebt er an­schlie­ßend ent­schul­di­gend die Ar­me. Er hat al­les ver­sucht, doch es reicht mit 420 Ki­lo in der Ad­di­ti­on nur zu Rang neun. „Aber selbst mit ei­ner neu­en Best­leis­tung wä­re ich vor­ne nicht da­bei ge­we­sen“, trös­tet er sich.

Velagic hät­te ei­ne Lö­sung, wie zu er­mit­teln wä­re, ob bei den an­de­ren al­les mit rech­ten Din­gen zu­geht. „Am bes­ten wä­re es, wenn sie uns ein hal­bes Jahr ir­gend­wo ein­sper­ren, und dann schau­en wir, wer aufs Po­di­um kommt. Ich glau­be, da wür­den wir kein schlech­tes Bild ab­ge­ben.“

So aber ist Velagic, der mit sei­ner bos­ni­schen Fa­mi­lie frü­her in Kauf­beu­ren leb­te, nur Zu­schau­er in ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Kampf um die Me­dail­len. Zu­nächst ver­bes­sern der Ge­or­gi­er La­sha Ta­lak­had­ze (215) und der Ira­ner Beh­dad Sali­mi­kor­da­sia­bi (216) in der auf­ge­heiz­ten Stim­mung des Pa­vil­lon Num­mer zwei des Rio­cen­tro je­weils den Welt­re- kord im Rei­ßen. Vor al­lem die ira­ni­schen Zu­schau­er sind voll­kom­men aus dem Häu­schen.

Die Be­geis­te­rung schlägt ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter in Wut um. Ihr Idol, der Olym­pia­sie­ger von Lon­don, bringt im Sto­ßen zwar zwei­mal 245 Ki­lo nach oben. Doch ein­mal gibt das Kampf­ge­richt den Ver­such un­gül­tig, den zwei­ten Ver­such hält die Ju­ry un­ter Lei­tung von Karl Rim­böck (Obe­r­op­fin­gen, Kreis Bi­be­rach) für re­gel­wid­rig, weil der Ira­ner nach­ge­drückt ha­be.

Völ­lig ent­nervt schei­tert Sali­mi­kor­da­sia­bi im letz­ten Durch­gang. Die Zu­schau­er to­ben, der He­ber und sei­ne Trai­ner wol­len mit der Ju­ry ins Ge­spräch kom­men. Al­les ver­geb­lich. „Wenn der, der ge­ra­de Welt­re­kord ge­ris­sen hat, drei un­gül­ti­ge Ver­su­che im Sto­ßen hat, ko­chen die Emo­tio­nen hoch – vor al­lem wenn ein Ira­ner be­tei­ligt ist“, meint Christian Baum­gart­ner aus Bad Grö­nen­bach, der Prä­si­dent des deut­schen Ge­wicht­he­ber­ver­ban­des BVDG. „Aber es ist ja al­les fried­lich ab­ge­lau­fen.“Wenn die Ju­ry ein­stim­mig ein­grei­fe, kön­ne man da­von aus­ge­hen, dass die Ent­schei­dung in Ord­nung ist.

Auf al­le Fäl­le ist der Weg frei für den Ge­or­gi­er Ta­lak­had­ze. Der 22-jäh­ri­ge Vi­ze­welt­meis­ter stößt noch kur­zer­hand 258 Ki­lo und ge­winnt mit dem Welt­re­kord von 473 Ki­lo Gold.

„Er war auch schon zwei Jah­re we­gen Do­pings ge­sperrt“, sagt Almir Velagic, der noch nicht weiß, ob er wei­ter an der Han­tel bleibt. BVDG-Prä­si­dent Baum­gart­ner ist in die­sen Ta­gen nicht gut auf das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Komitee zu spre­chen. „Das IOC hat mit den Do­ping-Nach­tests frü­he­rer Spie­le ei­ne La­wi­ne los­ge­tre­ten und sich nicht dar­um ge­küm­mert, was es für Kon­se­quen­zen für Rio hat. Das wird das nächs­te Mal nicht mehr pas­sie­ren.

Wenn man die Län­der, die nun auf­grund die­ser Nach­tests ge­sperrt wer­den, aus den Er­geb­nis­lis­ten strei­chen wür­de, hät­te man ein ganz an­de­res Bild. Man könn­te sa­gen, das Ti­ming des IOC war völ­lig un­pro­fes­sio­nell.“Wenn man die Pro­ben so kurz vor den Spie­len ana­ly­siert, sei klar, dass das Ver­fah­ren ge­gen die Sport­ler nicht recht­zei­tig ab­ge­schlos­sen wer­den kann.

Almir Velagic

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