Be­seelt oder ent­seelt?

Friedberger Allgemeine - - Meinung & Dialog -

Zu „Es war ein­mal ein Skan­dal“(Feuille­ton) vom 16. Au­gust: Al­les, was Micha­el Schrei­ner bei der Neu­auf­füh­rung von Tho­mas Bern­hards „Der Igno­rant und der Wahn­sin­ni­ge“be­ob­ach­tet hat, er­scheint mir tref­fend. Al­lein das ab­schlie­ßen­de Mo­nie­ren ei­ner feh­len­den „Be­seelt­heit“, d. h. ei­ner be­seel­ten Darstel­lung der in ei­nem end­lo­sen Mo­no­log, im Wahn­sinn sich ver­schlie­ßen­den Haupt­fi­gur des Dok­tors will mir nicht ein­leuch­ten. Ist Be­seelt­heit bei Tho­mas Bern­hard über­haupt mög­lich? Sind die Fi­gu­ren Bern­hards nicht al­le in ei­ner be­stimm­ten Art un­heil­bar fi­xiert, ver­rannt und so „ent­seelt“?

Des Dok­tors Wahn­sinn be­steht doch dar­in, end­los vor sich hin zu do­zie­ren und me­phis­to­phe­lisch lä­chelnd ei­ne Lei­chen­sek­ti­on zu er­ör­tern. Es läuft viel­leicht dar­auf hin­aus, die ab­ge­kehr­te Bla­siert­heit des ent­seel­ten Dok­tors zu spie­len, und des­halb die Ver­zweif­lung des­sen, der als Herz­lo­ser kei­ne Ver­zweif­lung durch­lei­det, al­so sei­ne neu­ro­pa­thi­sche Selbst­in­sze­nie­rung vor­zu­spie­len. Si­cher nicht als de­kla­mie­ren­der Meis­ter­schü­ler Bern­hards, aber doch als so­lip­sis­ti­scher Mo­no­lo­gi­sie­rer, der sein Lei­den nicht be­seelt dar­stel­len, son­dern nur ent­seelt vor­spie­len kann. Klaus-Pe­ter Lehmann, Augs­burg

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