Un­fair wie nie

Die Zu­schau­er an den Wett­kampf­stät­ten in Rio fal­len im­mer wie­der durch un­sport­li­ches Ver­hal­ten auf. Über­all wird ge­buht und ge­pfif­fen. Das hat jetzt selbst den IOC-Boss ver­är­gert

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 - VON LARS MÜL­LER-AP­PEN­ZEL­LER

Rio de Janeiro Die bra­si­lia­ni­sche Zu­schau­er­kul­tur ist ge­prägt von „Rei Fu­te­bol“, von Kö­nig Fuß­ball. Des­halb feu­ern die bra­si­lia­ni­schen Fans bei Olympia an, als wä­ren es al­les Fuß­ball-Spie­le. Da wird der Geg­ner schon mal mas­siv aus­ge­buht. So wie am spä­ten Mitt­woch­abend beim Beach­vol­ley­ball-Län­der­spiel Bra­si­li­en ge­gen Deutsch­land – Aga­tha und Bar­ba­ra so­wie Lau­ra Lud­wig und Ki­ra Wal­ken­horst spiel­ten in der Are­na von Rio an der Co­paca­ba­na um olym­pi­sches Gold. Im­mer wie­der ging ein „Buuuuh“-Sturm über die Deut­schen nie­der, wenn sie beim Auf­schlag wa­ren. „Zum Glück konn­ten wir das aus­blen­den“, sag­te Lau­ra Lud­wig. Al­les noch im Rah­men (sie­he ei­ge­nen Bericht zu dem Spiel auf der ers­ten Sport­sei­te).

Aber schon mehr­fach sind bra­si­lia­ni­sche Zu­schau­er mit ih­rem Ver­hal­ten völ­lig aus dem Rah­men ge­fal­len: un­ter­bra­chen im­mer wie­der mit Pfif­fen und Ru­fen die Start­vor­be­rei­tun­gen wie et­wa beim Schwim­men und bra­chen den fran­zö­si­schen St­ab­hoch­sprin­ger Ren­aud La­vil­le­nie. Erst beim Wett­be­werb, den sen­sa­tio­nell der Bra­si­lia­ner Thia­go Braz da Sil­va ge­wann. Dann ei­nen Tag spä­ter bei der Sie­ger­eh­rung. Mit Pfif­fen und Buh­ru­fen. Schwer vor­stell­bar, dass es je­mals ein noch un­fai­re­res Pu­bli­kum in ei­nem olym­pi­schen Gast­ge­ber­land ge­ge­ben hat.

Ma­rio And­ra­da, Spre­cher des bra­si­lia­ni­schen Olympia-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees, hat­te vor ein paar Ta­gen noch la­pi­dar ge­sagt: „Buh­ru­fe sind ei­ne Form, die Lei­den­schaft aus­zu­drü­cken, wenn auch nicht die al­le­r­ele­gan­tes­te. Und Lei­den­schaft ist das, was wir von den Olympia-Fans wol­len.“Ein paar be­schä­men­de Buh-Fäl­le spä­ter teil­te er aber mit: „Pfif­fe und Buh­ru­fe sind kein kor­rek­tes Ver­hal­ten, selbst nicht in Eins-ge­gen-eins-Wett­kämp­fen und mit ei­nem Bra­si­lia­ner, der Chan­cen auf den Olym­pia­sieg hat.“

Zu­min­dest And­ra­da gab sich al­so reu­mü­tig. Frei­lich nicht oh­ne Druck von oben. Denn der in sei­ner Wort­wahl sonst so be­däch­ti­ge Tho­mas Bach hat­te doch auch ein­mal Kl­ar­text ge­re­det. Der Prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees teil­te näm­lich mit, dass es ein „scho­ckie­ren­des Ver­hal­ten des Pu­bli­kums“ge­we­sen sei, Ren­aud La­vil­le­nie aus­zu­bu­hen. „In­ak­zep­ta­bel bei Olympia.“

Das se­hen die bra­si­lia­ni­schen Ath­le­ten nicht an­ders. Schwim­me­rin Jo­a­na Ma­r­an­hão sag­te nach dem frü­hen Aus über 200 Me­ter Schmetterling un­ter Trä­nen dem Sen­der

„Bra­si­li­en ist ein sehr ras­sis­ti­sches, sehr ma­chis­ti­sches und sehr ho­mo­pho­bes Land. Es kommt aus ei­ner Fuß­ball-Kul­tur und die Leu­te den­ken, sie ha­ben bei ei­ner olym­pi­schen Sport­art das Recht, uns zu be­han­deln wie ei­nen Fuß­bal­ler. Das ha­ben Fuß­bal­ler nicht ver­dient und wir auch nicht.“Ein Pro­blem da­bei ist, dass die Bra­si­lia­ner et­li­che Sport­ar­ten nicht rich­tig ken­nen, nicht wis­sen, was sich dort ge­hört. Und was sich eben nicht ge­hört.

Auch Mi­chel Ve­sper, Chef de Mis­si­on der deut­schen Olym­pia­mann­schaft, hat so sei­ne Er­fah­run­gen mit dem Pu­bli­kum der Gast­ge­ber ge­macht: „Die Bra­si­lia­ner feu­ern in be­son­de­rer Wei­se bra­si­lia­ni­sche Sport­ler an“, sag­te er auf An­fra­ge die­ser Zei­tung. Die Fra­ge sei, wie man sich Ath­le­ten aus an­de­ren Län­dern ge­gen­über ver­hal­te. „Und da gab es sol­che und sol­che Mo­men­te. Auch deut­sche Sport­ler wur­den aus­ge­pfif­fen. Aber ich ha­be auch er­lebt, dass deut­sche Ath­le­ten be­son­ders fair be­han­delt wur­den.“Er merk­te noch mit ei­nem Schmun­zeln an: Ob das mit der 1:7-Nie­der­la­ge der bra­si­lia­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft bei der Fuß­ball-WM vor zwei Jah­ren zu­sam­men­hän­ge, wis­se er nicht.

Die bra­si­lia­nisch-deut­schen Fi­nal­ta­ge in Rio ge­hen je­den­falls wei­ter. Mor­gen (22.30 Uhr) geht es im Ma­ra­canã bei den Fuß­bal­lern um Gold. Und dar­um, wie sich das bra­si­lia­ni­sche Pu­bli­kum ver­hält.

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