Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (18)

Friedberger Allgemeine - - Wetter | Roman -

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

Je­den­falls wird aber auch dir auf­ge­fal­len sein, daß sich Reit­ing von al­lem An­fang an so kräf­tig für Ba­si­ni ein­setz­te. Du hast ja da­mals ganz recht ge­habt; es wä­re wirk­lich das na­tür­lichs­te ge­we­sen, wenn der Kerl hin­aus­ge­flo­gen wä­re. Aber ich ha­be da­mals ab­sicht­lich nicht für dich ge­stimmt, weil ich mir dach­te: ich muß doch se­hen, was da al­les noch mit im Spie­le ist. Ich weiß zwar wirk­lich nicht ge­nau, ob er da­mals schon ganz kla­re Ab­sich­ten hat­te oder nur zu­war­ten woll­te, nach­dem er Ba­si­nis ein für al­le­mal ver­si­chert war. Je­den­falls weiß ich, wie es heu­te steht.“,,Nun?“,,War­te, das ist nicht so rasch er­zählt. Du kennst doch die Ge­schich­te, die vor vier Jah­ren im In­sti­tu­te statt­ge­fun­den hat?“,,Wel­che Ge­schich­te?“,,Nun, die ge­wis­se!“,,Nur bei­läu­fig. Ich weiß bloß, daß es da­mals we­gen ir­gend­wel­cher Schwei­ne­rei­en ei­nen gro­ßen Skan­dal ge­ge­ben hat und daß ei­ne gan­ze An­zahl

des­we­gen straf­wei­se ent­las­sen wer­den muß­te.“

,,Ja, das mei­ne ich. Ich ha­be nä­he­res dar­über ein­mal auf Ur­laub von ei­nem aus je­ner Klas­se er­fah­ren. Sie ha­ben ei­nen hüb­schen Bur­schen un­ter sich ge­habt, in den vie­le von ih­nen ver­liebt wa­ren. Das kennst du ja, denn das kommt al­le Jah­re vor. Die aber ha­ben da­mals die Sa­che zu weit ge­trie­ben.“,,Wie­so?“,,Nun, wie?! Frag doch nicht so dumm! Und das­sel­be tut Reit­ing mit Ba­si­ni!“Tör­leß ver­stand, wor­um es sich zwi­schen den bei­den han­del­te, und er fühl­te in sei­ner Keh­le ein Wür­gen, als ob Sand dar­in­nen wä­re.

,,Das hät­te ich nicht von Reit­ing ge­dacht.“

Er wuß­te nichts Bes­se­res zu sa­gen. Bein­eberg zuck­te die Ach­seln.

,,Er glaubt uns be­trü­gen zu kön­nen.“,,Ist er ver­liebt?“,,Gar kei­ne Spur. So ein Narr ist er nicht. Es un­ter­hält ihn, höchs­tens reizt es ihn sinn­lich.“ ,,Und Ba­si­ni?“,,Der? Ist dir nicht auf­ge­fal­len, wie frech er in der letz­ten Zeit ge­wor­den ist? Von mir hat er sich kaum mehr et­was sa­gen las­sen. Im­mer hieß es nur Reit­ing und wie­der Reit­ing, als ob der sein per­sön­li­cher Schutz­hei­li­ger wä­re. Es ist bes­ser, hat er sich wahr­schein­lich ge­dacht, von dem ei­nen sich al­les ge­fal­len zu las­sen als von je­dem et­was. Und Reit­ing wird ihm ver­spro­chen ha­ben, ihn zu schüt­zen, wenn er ihm in al­lem zu Wil­len ist. Aber sie sol­len sich ge­irrt ha­ben, und ich wer­de es Ba­si­ni noch aus­trei­ben!“,,Wie bist du dar­auf ge­kom­men?“,,Ich bin ih­nen ein­mal nach­ge­gan­gen.“,,Wo­hin?“,,Da ne­ben­an auf den Bo­den. Reit­ing hat­te von mir den Schlüs­sel zum an­dern Ein­gang. Ich bin dann hie­her, ha­be vor­sich­tig das Loch frei­ge­macht und mich an sie her­an­ge­schli­chen.“

In die dün­ne Zwi­schen­wand, wel­che die Kam­mer vom Dach­bo­den trenn­te, war näm­lich ein Durch­laß ge­bro­chen, ge­ra­de so breit, daß sich ein mensch­li­cher Kör­per hin­durch­zwän­gen konn­te.

Er soll­te im Fal­le ei­ner Über­ra­schung als Not­aus­gang die­nen und war für ge­wöhn­lich durch ein­ge­scho­be­ne Zie­gel ver­schlos­sen. Es war ei­ne lan­ge Pau­se ein­ge­tre­ten, in der man nur das Auf­glim­men des Ta­baks ver­nahm.

Tör­leß ver­moch­te nichts zu den­ken; er sah. Er sah hin­ter sei­nen ge­schlos­se­nen Au­gen wie mit ei­nem Schla­ge ein tol­les Wir­beln von Vor­gän­gen, Men­schen; Men­schen in ei­ner grel­len Be­leuch­tung, mit hel­len Lich­tern und be­weg­li­chen, tief ein­ge­gra­be­nen Schat­ten; Ge­sich­ter, ein Ge­sicht; ein Lä­cheln, ei­nen Au­gen­auf­schlag, ein Zit­tern der Haut; er sah Men­schen in ei­ner Wei­se, wie er sie noch nie ge­se­hen, noch nie ge­fühlt hat­te. Aber er sah sie, oh­ne zu se­hen, oh­ne Vor­stel­lun­gen, oh­ne Bil­der; so als ob nur sei­ne See­le sie sä­he; sie wa­ren so deut­lich, daß er von ih­rer Ein­dring­lich­keit tau­send­fach durch­bohrt wur­de, aber, als ob sie an ei­ner Schwel­le Halt mach­ten, die sie nicht über­schrei­ten konn­ten, wi­chen sie zu­rück, so­bald er nach Wor­ten such­te, um ih­rer Herr zu wer­den. Er muß­te wei­ter fra­gen. Sei­ne Stim­me vi­brier­te. ,,Und hast du ge­se­hen?“,,Ja.“,,Und wie war Ba­si­ni?“Aber Bein­eberg schwieg, und wie­der hör­te man nur das un­ru­hi­ge Knis­tern der Zi­ga­ret­ten. Erst lan­ge nach­her be­gann Bein­eberg wie­der zu spre­chen.

,,Ich ha­be mir die Sa­che hin und her über­legt, und du weißt, daß ich dar­in ganz be­son­ders den­ke. Was zu­nächst Ba­si­ni an­langt, mei­ne ich, daß es um ihn in kei­nem Fal­le scha­de wä­re.

Sei es, daß wir ihn jetzt an­zei­gen oder schla­gen, oder ihn selbst rein des Ver­gnü­gens hal­ber zu To­de mar­tern wür­den. Denn ich kann mir nicht vor­stel­len, daß so ein Mensch in dem wun­der­vol­len Mecha­nis­mus der Welt ir­gend et­was be­deu­ten soll. Er er­scheint mir nur zu­fäl­lig, au­ßer­halb der Rei­he ge­schaf­fen zu sein. Das heißt ir­gend et­was muß ja auch der be­deu­ten, aber si­cher nur et­was so Un­be­stimm­tes wie ir­gend­ein Wurm oder ein St­ein am We­ge, von dem wir nicht wis­sen, ob wir an ihm vor­über­ge­hen oder ihn zer­tre­ten sol­len. Und das ist so gut wie nichts. Denn, wenn die Welt­see­le will, daß ei­ner ih­rer Tei­le er­hal­ten blei­be, so spricht sie sich deut­li­cher aus. Sie sagt dann nein und schafft ei­nen Wi­der­stand, sie läßt uns an dem Wurm vor­über­ge­hen und gibt dem St­ein ei­ne so gro­ße Här­te, daß wir ihn nicht oh­ne Werk­zeug zer­schla­gen kön­nen. Denn be­vor wir sol­ches ho­len, hat sie längst die Wi­der­stän­de ei­ner Men­ge klei­ner, zä­her Be­den­ken ein­ge­scho­ben, und über­win­den wir die­se, so hat­te die Sa­che eben von vor­ne­her­ein an­de­re Be­deu­tung.

Bei ei­nem Men­schen legt sie die­se Här­te in sei­nen Cha­rak­ter, in sein Be­wußt­sein als Mensch, in sein Ver­ant­wort­lich­keits­ge­fühl, ein Teil der Welt­see­le zu sein. Ver­liert nun ein Mensch die­ses Be­wußt­sein, so ver­liert er sich selbst. Hat aber ein Mensch sich selbst ver­lo­ren und sich auf­ge­ge­ben, so hat er das Be­son­de­re, das Ei­gent­li­che ver­lo­ren, wes­we­gen ihn die Na­tur als Mensch ge­schaf­fen hat. Und nie­mals kann man so si­cher sein als in die­sem Fal­le, daß man es mit et­was Un­not­wen­di­gem zu tun ha­be, mit ei­ner lee­ren Form, mit et­was, das von der Welt­see­le schon längst ver­las­sen wur­de.“

Tör­leß fühl­te kei­nen Wi­der­spruch. Er hör­te auch gar nicht mit Auf­merk­sam­keit zu. Er hat­te bis­her noch nie Ver­an­las­sung zu sol­chen me­ta­phy­si­schen Ge­dan­ken­gän­gen ge­habt, und hat­te auch nie dar­über nach­ge­dacht, wie­so ein Mensch von Bein­ebergs Ver­stan­de auf der­ar­ti­ges ver­fal­len kön­ne. Die gan­ze Fra­ge war über­haupt noch nicht in den Ho­ri­zont sei­nes Le­bens ge­tre­ten.

Dem­ge­mäß gab er sich auch gar kei­ne Mü­he, Bein­ebergs Aus­füh­run­gen auf ih­ren Sinn zu prü­fen; er hör­te nur halb auf sie hin.

Er ver­stand bloß nicht, wie man so breit und weit aus­ho­len kön­ne. In ihm zit­ter­te al­les, und die Um­sicht, mit der Bein­eberg sei­ne Ge­dan­ken weiß Gott wo her­hol­te, er­schien ihm lä­cher­lich, un­an­ge­bracht, mach­te ihn un­ge­dul­dig.

»19. Fort­set­zung folgt

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