Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (19)

Friedberger Allgemeine - - Wetter | Roman -

Aber Bein­eberg fuhr ge­las­sen fort: ,,Mit Reit­ing je­doch steht die Sa­che ganz an­ders. Auch er hat sich durch das, was er ge­tan hat, in mei­ne Hand ge­ge­ben, aber sein Schick­sal ist mir ge­wiß nicht so gleich­gül­tig wie das Ba­si­nis. Du weißt, sei­ne Mut­ter hat kein gro­ßes Ver­mö­gen; wenn er aus dem In­sti­tu­te aus­ge­schlos­sen wird, ist es da­her für ihn mit al­len Plä­nen zu En­de. Von hier aus kann er es zu et­was brin­gen, sonst aber dürf­te sich wohl we­nig Ge­le­gen­heit da­zu fin­den. Und Reit­ing hat mich nie mö­gen, ver­stehst du? Er hat mich ge­haßt, hat mir frü­her zu scha­den ge­trach­tet, wo er nur konn­te, ich glau­be, er wür­de sich heu­te noch freu­en, wenn er mich los wer­den könn­te. Siehst du jetzt, was ich aus dem Be­sitz die­ses Ge­heim­nis­ses al­les ma­chen kann?“

Tör­leß er­schrak. Aber so son­der­bar, als ob das Schick­sal Reit­ings ihn selbst be­trä­fe. Er blick­te er­schro­cken auf Bein­eberg. Die­ser hat­te die Au­gen bis auf ei­nen klei­nen Spalt

ge­schlos­sen und er­schien ihm wie ei­ne un­heim­li­che, gro­ße, ru­hig in ih­rem Net­ze lau­ern­de Spin­ne. Sei­ne letz­ten Wor­te klan­gen kalt und deut­lich wie die Sät­ze ei­nes Dik­tats in Tör­leß’ Oh­ren.

Er hat­te das Vor­an­ge­gan­ge­ne nicht ver­folgt, hat­te nur ge­wußt: Bein­eberg spricht jetzt wie­der von sei­nen Ide­en, die doch mit dem Ge­ge­be­nen gar nichts zu tun ha­ben, und nun wuß­te er auf ein­mal nicht, wie es ge­kom­men war.

Das Ge­we­be, das doch ir­gend­wo drau­ßen im Abs­trak­ten an­ge­knüpft wor­den war, wie er sich er­in­ner­te, muß­te sich mit fa­bel­haf­ter Ge­schwin­dig­keit plötz­lich zu­sam­men­ge­zo­gen ha­ben. Denn mit ei­nem Ma­le war es nun kon­kret, wirk­lich, le­ben­dig, und ein Kopf zap­pel­te dar­in mit zu­ge­schnür­tem Hal­se.

Er lieb­te Reit­ing durch­aus nicht, aber er er­in­ner­te sich jetzt sei­ner lie­bens­wür­di­gen, fre­chen, un­be­küm­mer­ten Art, mit der er al­le In­tri­gen an­faß­te, und Bein­eberg er­schien ihm da­ge­gen schänd­lich, wie er ru- hig und grin­send sei­ne viel­ar­mi­gen, grau­en, ab­scheu­li­chen Ge­dan­ken­ge­spins­te um je­nen zu­sam­men­zog.

Un­will­kür­lich fuhr ihn Tör­leß an: ,,Du darfst es nicht ge­gen ihn aus­nüt­zen.“Es moch­te wohl auch sein ste­ter, heim­li­cher Wi­der­wil­le ge­gen Bein­eberg mit im Spie­le ge­we­sen sein.

Aber Bein­eberg sag­te von selbst, nach kur­zem Be­sin­nen: ,,Wo­zu auch?! Um ihn wä­re wirk­lich scha­de. Mir ist er von jetzt an oh­ne­dies un­ge­fähr­lich, und er ist doch zu viel wert, um ihn über ei­ne sol­che Dumm­heit stol­pern zu las­sen.“Da­mit war die­ser Teil der An­ge­le­gen­heit er­le­digt. Aber Bein­eberg sprach wei­ter und wand­te sich nun wie­der Ba­si­nis Schick­sal zu.

,,Meinst du noch im­mer, daß wir Ba­si­ni an­zei­gen sol­len?“Aber Tör­leß gab kei­ne Ant­wort. Er woll­te Bein­eberg spre­chen hö­ren, des­sen Wor­te klan­gen ihm wie das Hal­len von Schrit­ten auf hoh­lem, un­ter­gra­be­nem Erd­reich, und er woll­te die­sen Zu­stand aus­kos­ten.

Bein­eberg ver­folg­te sei­ne Ge­dan­ken wei­ter.

,,Ich den­ke, wir be­hal­ten ihn vor­der­hand für uns und stra­fen ihn selbst. Denn be­straft muß er wer­den, al­lein schon we­gen sei­ner An­ma­ßung. Die vom In­sti­tu­te wür­den ihn höchs­tens ent­las­sen und sei­nem On­kel ei­nen lan­gen Brief da­zu schrei­ben; du weißt ja bei­läu­fig, wie ge­schäfts­mä­ßig das geht. Eu­re Ex­zel­lenz, Ihr Nef­fe hat sich ver­ges­sen ... ir­re­ge­lei­tet ... ge­ben ihn Ih­nen zu­rück ... hof­fen, daß es Ih­nen ge­lin­gen wird ... Weg der Bes­se­rung ... einst­wei­len je­doch un­ter den an­de­ren un­mög­lich ... usw. Hat denn so ein Fall ein In­ter­es­se oder ei­nen Wert für sie?“

,,Und was für ei­nen Wert soll er für uns ha­ben?“,,Was für ei­nen Wert? Für dich viel­leicht kei­nen, denn du wirst ein­mal Ho­f­rat wer­den oder Ge­dich­te ma­chen; du brauchst das schließ­lich nicht, viel­leicht hast du so­gar Angst da­vor. Aber ich den­ke mir mein Le­ben an­ders!“Tör­leß horch­te dies­mal auf. ,,Für mich hat Ba­si­ni ei­nen Wert, ei­nen sehr gro­ßen so­gar. Denn sieh, du lie­ßest ihn ein­fach lau­fen und wür­dest dich ganz da­mit be­ru­hi­gen, daß er ein schlech­ter Mensch war.“Tör­leß un­ter­drück­te ein Lä­cheln. ,,Da­mit bist du fer­tig, weil du kein Ta­lent oder kein In­ter­es­se hast, dich selbst an ei­nem sol­chen Fall zu schu­len. Ich aber ha­be die­ses In­ter­es­se. Wenn man mei­nen Weg vor sich hat, muß man die Men­schen ganz an­ders auf­fas­sen. Des­we­gen will ich mir Ba­si­ni er­hal­ten, um an ihm zu ler­nen.“

,,Wie willst du ihn aber be­stra­fen?“

Bein­eberg hielt ei­nen Au­gen­blick mit der Ant­wort aus, als über­leg­te er noch die zu er­war­ten­de Wir­kung. Dann sag­te er vor­sich­tig und zö­gernd: ,,Du irrst, wenn du glaubst, daß mir so sehr um das Stra­fen zu tun ist. Frei­lich wird man es ja am En­de auch ei­ne Stra­fe für ihn nen­nen kön­nen, aber, um nicht lan­ge Wor­te zu ma­chen, ich ha­be et­was an­de­res im Sinn, ich will ihn – nun sa­gen wir ein­mal – quä­len“

Tör­leß hü­te­te sich ein Wort zu sa­gen. Er sah noch durch­aus nicht klar, aber er fühl­te, daß dies al­les so kam, wie es für ihn – in­ner­lich – kom­men muß­te. Bein­eberg, der nicht ent­neh­men konn­te, wie sei­ne Wor­te ge­wirkt hat­ten, fuhr fort: ,,Du brauchst nicht zu er­schre­cken, es ist nicht so arg. Denn zu­nächst auf Ba­si­ni ist doch, wie ich dir aus­führ­te, kei­ne Rück­sicht zu neh­men. Die Ent­schei­dung, ob wir ihn quä­len oder et­wa scho­nen sol­len, ist nur in un­se­rem Be­dürf­nis­se nach dem ei­nen oder dem an­de­ren zu su­chen. In in­ne­ren Grün­den. Hast du sol­che? Das mit Moral, Ge­sell­schaft und so wei­ter, was du da­mals vor­ge­bracht hast, kann na­tür­lich nicht zäh­len; du hast hof­fent­lich selbst nie da­ran ge­glaubt.

Du bist al­so ver­mut­lich in­dif­fe­rent. Aber im­mer­hin kannst du dich ja noch von der gan­zen Sa­che zu­rück­zie­hen, falls du nichts aufs Spiel set­zen willst. Mein Weg wird je­doch nicht zu­rück oder vor­bei, son­dern mit­ten hin­durch füh­ren. Das muß so sein. Auch Reit­ing wird nicht von der Sa­che las­sen, denn auch für ihn hat es ei­nen be­son­de­ren Wert, ei­nen Men­schen ganz in sei­ner Hand zu ha­ben und sich üben zu kön­nen, ihn wie ein Werk­zeug zu be­han­deln. Er will herr­schen und wür­de dir es gera­de so ma­chen wie Ba­si­ni, wenn die Ge­le­gen­heit zu­fäl­lig dich trä­fe. Für mich han­delt es sich je­doch noch um mehr. Fast um ei­ne Ver­pflich­tung ge­gen mich selbst; wie soll ich dir nur die­sen Un­ter­schied zwi­schen uns klar ma­chen?

Du weißt, wie sehr Reit­ing Na­po­le­on ver­ehrt: hal­te nun da­ge­gen, daß der Mensch, wel­cher mir vor al­len ge­fällt, mehr ir­gend­ei­nem Phi­lo­so­phen und in­di­schen Hei­li­gen äh­nelt. Reit­ing wür­de Ba­si­ni op­fern und nichts als In­ter­es­se da­bei emp­fin­den. Er wür­de ihn mo­ra­lisch zer­schnei­den, um zu er­fah­ren, wor­auf man sich bei sol­chen Un­ter­neh­mun­gen ge­faßt zu ma­chen hat. Und wie ge­sagt, dich oder mich ge­ra­de­so gut wie Ba­si­ni und oh­ne daß es ihm im ge­rings­ten na­he gin­ge. Ich da­ge­gen ha­be ge­ra­de­so gut wie du die­se ge­wis­se Emp­fin­dung, daß Ba­si­ni schließ­lich und end­lich doch auch ein Mensch sei. Auch in mir wird et­was durch ei­ne be­gan­ge­ne Grau­sam­keit ver­letzt. »20. Fort­set­zung folgt

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

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