Nächt­li­che Neu­bür­ger

Kai Deutsch­mann ist fas­zi­niert von den heim­li­chen Flug­a­kro­ba­ten. Die ein­ge­wan­der­te Weiß­rand­fle­der­maus hat es ihm be­son­ders an­ge­tan. Es gibt sie fast nur in Augs­burg

Friedberger Allgemeine - - Augsburg - VON HE­LE­NA SCHACHT­SCHA­BEL

Lang­sam wird es dun­kel über den Dä­chern und Tür­men der Alt­stadt, die La­ter­nen vor dem Ki­no Li­liom be­gin­nen ihr oran­ge­far­be­nes Licht zu ver­brei­ten und man könn­te mei­nen, es kehrt nun Ru­he ein in der Stadt. Doch auf ein­mal kom­men sie, flie­gen auf­ge­regt über den Ka­nal. Laut­los be­we­gen sie sich in der Däm­me­rung – wie Schat­ten­bil­der. Am Li­liom wir­beln sie dann schnell und ge­konnt durch die Luft – wie Akro­ba­ten. Die Re­de ist von Fle­der­mäu­sen.

Nur der klei­ne Bat De­tek­tor, den Kai Deutsch­mann an sei­nen Ta­ble­tCom­pu­ter ge­steckt hat, macht die Fle­der­mäu­se für das mensch­li­che Ohr hör­bar. Zu­min­dest fast. Denn wäh­rend die Ul­tra­schall­lau­te ih­res Echo­or­tungs­sys­tems tat­säch­lich weit über der Hör­schwel­le des Men­schen lie­gen, kann man ih­re So­zi­al­lau­te auch mit blo­ßen Oh­ren hö­ren. Ein klei­ner schril­ler Schrei er­tönt dann in der Dun­kel­heit. „Mit die­sen So­zi­al­ru­fen kom­mu­ni­zie­ren die Fle­der­mäu­se un­ter­ein­an­der“, er­klärt Fle­der­maus­ex­per­te Kai Deutsch­mann. „Das kann jetzt al­so ein ,Mach Platz!‘, ,Komm her!‘ oder ,Mein Re­vier!‘ ge­we­sen sein.“

Seit 1988 ha­ben es ihm die Fle­der­mäu­se an­ge­tan und er be­schäf­tig­te sich mit den un­ter­schied­lichs­ten Ar­ten. Er war Bio­lo­gie­stu­dent in Tü­bin­gen, als ei­ne Ar­beits­grup­pe „Fle­der­mäu­se“ins Le­ben ge­ru­fen wur­de. „Ich war so­fort fas­zi­niert von die­sen Tie­ren, zu­mal die Be­schäf­ti­gung mit ih­nen da­mals noch sehr exo­tisch war“, er­in­nert er sich. Als Kai Deutsch­mann dann vor zwei Jah­ren von Bran­den­burg nach Augs­burg zog, trat ei­ne neue Fle­der­maus­art in sein Le­ben, die ihm bis­her völ­lig un­be­kannt war – die Weiß­rand­fle­der­maus.

„Man kann fast sa­gen, die Weiß­rand­fle­der­maus be­grüß­te mich in Augs­burg“, sagt er. „Als ich wäh­rend mei­ner ers­ten Wo­che hier von ei­nem öf­fent­li­chen Fle­der­m­aus­fang hör­te, ließ ich na­tür­lich gleich al­le Um­zugs­kar­tons ste­hen und lie­gen und nahm an der Ak­ti­on teil. Das ers­te im Netz ge­fan­ge­ne Tier war ei­ne Weiß­rand­fle­der­maus“, er­zählt der Bio­lo­ge.

Die­se Art war ihm bis da­hin noch nie be­geg­net. Wie auch, denn die Fle­der­maus­art kommt in Deutsch­land nur an den Süd­rän­dern von Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg vor. Hier ist sie aber weit ver­brei­tet – in Augs­burg so­gar die häu­figs­te Fle­der­maus­art. „Es ist schwer zu sa­gen, wie vie­le Tie­re es ge­nau in der Stadt gibt, da man nicht al­le Quar­tie­re kennt“, sagt Deutsch­mann. Er schätzt den Be­stand auf et­wa 2000.

Die klei­ne Weiß­rand­fle­der­maus wiegt aus­ge­wach­sen nur et­wa sechs Gramm und sie ist ein idea­ler Stadt­be­woh­ner. Gera­de in den Ge­bäu­den der Alt­stadt fin­det sie je­de Men­ge Ris­se und Spal­ten, in de­nen sie es sich ge­müt­lich macht. Bis zu 50 Tie­re le­ben in ei­nem Fle­der­maus­quar­tier, in wel­chem die Weib­chen auch ih­re Jun­gen zur Welt brin­gen. Auf engs­tem Raum le­ben sie zu­sam­men, doch so­zi­al sei­en sie nicht wirk­lich, so Deutsch­mann. „Es ist nicht so, dass die Müt­ter ih­re Kin­der ge­gen­sei­tig be­treu­en. Aber ih­ren Jun­gen ein biss­chen was bei­brin­gen, das ma­chen sie schon.“Wie fan­ge ich In­sek­ten? Und was sind ge­eig­ne­te Win­ter­quar­tie­re? Das ler­nen die Jung­tie­re von den Äl­te­ren.

Ur­sprüng­lich stammt die Weiß­rand­fle­der­maus aus dem Mit­tel­meer­raum oder Is­ra­el. Doch mit dem Kli­ma­wan­del ver­grö­ßer­te sie ih­ren Le­bens­raum. „Vor et­wa 20 Jah­ren müs­sen sich die Fle­der­mäu­se auf den Weg über die Al­pen oder an die­sen vor­bei ge­macht ha­ben“, ver­mu­tet Deutsch­mann. Denn 1996 fand man die ers­te Weiß­rand­fle­der­maus in Mün­chen. In Augs­burg exis­tier­te nach­weis­lich 2002 die ers­te Wo­chen­stu­be.

Es sind gera­de sol­che Wanderungen von Tier­ar­ten, die den Bio­lo­gen fas­zi­nie­ren. Wie schaf­fen es die­se we­ni­ge Gramm schwe­ren Winz­lin- sol­che Stra­pa­zen zu über­ste­hen? Die Fra­ge be­schäf­tigt nicht nur Ex­per­ten. Die Weiß­rand­fle­der­maus hat es je­den­falls ge­schafft und fühlt sich pu­del­wohl in ih­rer neu­en Hei­mat. „Man könn­te sie als wohl­in­te­grier­ten Neu­bür­ger be­zeich­nen“, sagt Deutsch­mann und muss schmun­zeln. Er ist fas­zi­niert von den Tie­ren und de­ren Er­for­schung. „Nachts drau­ßen zu sein und zu ent­de­cken, dass die Nacht ge­nau­so be­lebt ist wie der Tag, das fin­de ich ein­fach toll“, schwärmt der 51-Jäh­ri­ge, der sich bei der Augs­bur­ger Kreis­grup­pe des Lan­des­bun­des für Vo­gel­schutz (LBV) für Fle­der­mäu­se en­ga­giert. Was ihn mit am meis­ge, ten fas­zi­niert: „Es sind wil­de Tie­re, auf die wir uns ein­las­sen müs­sen. Sie sind nicht vor­her­sag­bar.“

Füh­rung Am Sams­tag, 27. Au­gust, ist die eu­ro­päi­sche Fle­der­maus­nacht. Treff­punkt für die LBV-Füh­rung ist der Park­platz am Gög­gin­ger Fried­hof um 20 Uhr.

Fo­to: imago/Na­tu­re Pic­tu­re Li­bra­ry

Fle­der­mäu­se sind schnell un­ter­wegs und gera­de in der Nacht sehr schwer zu fo­to­gra­fie­ren. Un­ser Bild zeigt ei­ne Auf­nah­me, die mit ei­ner In­fra­rot­ka­me­ra ent­stand, un­ter ei­ner Brü­cke in Frank­reich.

Fo­to: He­le­na Schacht­scha­bel

Der Bio­lo­ge Kai Deutsch­mann ist fas­zi­niert von zu­ge­wan­der­ten Weiß­rand­fle­der­mäu­sen.

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